Unter dem Mantel der Nächstenliebe

 in FEATURED, Holdger Platta, Politik (Inland)

Klingelbeutel, Foto: GFreihalter. Lizenz Creative Commons

Zur Spendenkampagne einer großen Tageszeitung in diesen Weihnachtswochen. Alle Jahre wieder steigen diverse Tageszeitungen zur Adventszeit in Hilfsaktionen für Menschen in Deutschland ein. Verarmten und Verelendeten sollen Unterstützungen zuteil werden, die ihnen aus akuten Notlagen herausverhelfen sollen. Aber was ist von diesen caritativen Großaktionen zu halten, die geplant sind, für kurze Zeit einer willkürlich ausgesuchten Anzahl von Menschen Entlastung zu verschaffen? Welche Ursachen haben für diese Armut und dieses Elend gesorgt? Spricht man das völlig unerledigte Thema Hartz-IV überhaupt an? Oder kommt wenigstens – indirekt und ohne jede Kritik – dieses staatliche beschlossene Menschenverelendungswerk der rotgrünen Regierung aus den Jahren 2004 und 2005 zur Sprache, das bis zum heutigen Tag ohne jede positive Änderung in Kraft ist? Ich lege hier eine Analyse zur Pressekampagne der „Hessisch-Niedersächsischen Allgemeine“ aus dem Ippen-Konzern vor, die darauf abzielt, die eigene Mitmenschlichkeit plus Reklame für die kommerziellen Unterstützer ins hellste Licht zu rücken, ohne wirkliche Menschenhilfe darstellen zu können. Kritik mithin, die nach wie vor die Fragwürdigkeiten solcher Güte-Kampagnen aufdeckt, auch dieses Jahr wieder, obwohl diese Kritik vor längerer Zeit schon an dieser Stelle veröffentlicht worden ist, aber leider immer noch, ohne jede positive Folgewirkung, den im Kern inhumanen Charakter dieser Weihnachtsaktionen auch in diesem Jahr 2021 nachzuweisen vermag. Erbarmen ohne tatsächliche Barmherzigkeit, dies das Fazit des hiermit erneut vorgelegten HdS-Beitrags! Holdger Platta

 

Ganz großartig, könnte man sagen: In vielen Tageszeitungen  der Bundesrepublik laufen vor dem letzten Weihnachtsfest wieder einmal Hilfsaktionen für Arme und Arbeitslose, für alte und erkrankte Menschen. Weihnachtszeit, das bedeutete demzufolge wieder einmal: Deutschland hilft, auch durch ganze Artikelserien in ihren Regionalblättern. Tatsächlich nur dieses: großartig?

Ich habe mir während der letzten drei Wochen in unserer örtlichen Tageszeitung diese Berichte über hilfsbedürftige Menschen in der Bundesrepublik einmal etwas genauer angesehen, und zwar die Artikel in der Northeimer Ausgabe der „Hessisch-Niedersächsischen Allgemeine“ (HNA). Es handelte sich um Beiträge zu einer großangelegten Spendenkampagne mit dem Titel „Aktion Advent“.

 Zuallererst ist festzustellen: die betreffende Redakteurin schreibt aus spürbarem Mitleid heraus, auch Töne der Herablassung fehlen, sogar das sonst nicht selten anzutreffende Verkitschungsvokabular gibt es in diesen Berichten nicht. Nein, gegen diese Art freiwilliger Caritas ist in menschlicher Hinsicht nichts einzuwenden. Und außerdem gilt: tatsächlich ist in Deutschland zur Adventszeit die Spendenfreude sehr groß. Was da gespendet wird, an Geldbeträgen oder Gegenständen, an Kinderspielzeug und Kleidung, an Esswaren und Süßigkeiten, das kommt bei den Hilfsbedürftigen zumeist auch an – im doppelten Wortsinn. (Lassen wir mal die Frage beiseite –  nicht ganz unwichtig! -, wer den Kreis der Menschen auswählt, die Hilfe erhalten, nach welchen Kriterien das geschieht, welche Zufälligkeiten also im Spiel sind und welche Willkür da regiert!)

Mich beschäftigt bei dieser Aktion der HNA und diesen Berichten etwas ganz anderes, und um dieses erläutern zu können, muss ich einen kleinen Umweg machen.

Feststellung eins: wieder und wieder schimmert in diesen Berichten eine böse Wahrheit durch. Diese Menschen, denen da geholfen werden soll, sind hilfsbedürftig und arm, diese Menschen sind auf Mitleid und – leider einmalige oder kurzzeitige – Adventsalmosen angewiesen, weil ihnen im übrigen, übers ganze sonstige Jahr hinweg, systematisch nicht geholfen wird! Diese Weihnachtshilfen gleichen Eintagsfliegen, diese Hilfen sind erforderlich, nicht, weil diese hilfsbedürftigen Menschen versagt hätten (wer kann was für seinen Klumpfuß, für seine schwere Erkrankung, für seine Arbeitslosigkeit, in die ihn beispielsweise eine Unternehmenspleite – siehe Schlecker! – gebracht hat), nein, diese Hilfen sind erforderlich, weil der Sozialstaat ihnen gegenüber versagt. Mitleidsvolle Menschen helfen, in diesem Fall sporadisch jedenfalls, weil unser Staat diesen Bedürftigen gegenüber alltäglich Unbarmherzigkeit exekutiert. Und dieses, diese Eiseskälte eines kaputtreglementierten Sozialstaates, wird nicht beseitigt von der humanen Wärme einiger weniger Wochen vor dem Weihnachtsfest! Eine Wahrheit, ein Zusammenhang, der allerdings nirgendwo in diesen menschenfreundlichen Zeitungsberichten ausgesprochen wurde.

Und Feststellung Nummer zwei, eng im Zusammenhang mit der ersten Feststellung zu verstehen: Trotz der Tatsache, dass hin und wieder in diesen HNA-Berichten das Wort „Hartz IV“ auftaucht und damit doch eigentlich eine unverkennbar gesellschaftliche Verursachung dieses Elends und Unglücks beim Namen genannt wird, trotz dieser Tatsache wird aus diesen politischen Signalbegriffen wie „Hartz-IV“, „Rente“, „staatliche Hilfe“  ein Undeutlichkeits- und Nebelwortgewabere mit dem Aussagecharakter „Schicksalsschlag“. Was politisch verursacht ist, wird irgendwo im Jenseits der Gesellschaft plaziert; die menschengemachte Kausalität, die für diese Notsituationen verantwortlich ist, bleibt irgendwie im Dunkeln. Das Unglück der Menschen, das da geschildert wurde, ruft eher die Reaktion „Die haben halt Pech gehabt“ hervor, nicht aber Kritik an der staatlich-verursachten Verelendungspolitik, es wird umgeschrieben zu einem Lebensrisiko schlechthin, für das niemand und nichts etwas kann. Kurz: so ist es halt, derlei Elend gehört eben zum menschlichen Leben dazu!

Und wie stellen die erwähnten ehrenwert-mitleidsvollen Berichte diesen Eindruck her? Wie sorgen diese Zeitungsartikel dafür, dass all das geschilderte Elend im Begriffsnetz vorpolitischer Schicksalbegriffe hängenbleibt und nirgendwo ernsthaft-ernstnehmend die politisch verursachte Dimension dieses furchbaren Elends zur Sprache kommt?

Nach meinem Eindruck kann man zwei Varianten dieser Entpolitisierungsschreibe unterscheiden: Die eine Variante hat mit dem erzählerischen Charakter dieser Berichte zu tun, die andere mit diesem schicksalshaften Gegebenheitston – ja, oft muss man sogar sagen: mit diesem schicksalshaften Ergebenheitston. Zunächst zur Variante eins und damit zu einer kleinen Auswahl von Textbeispielen:

„Auch im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung gibt es Menschen, die unverschuldet, oft  aus Krankheitsgründen, in große existentielle Not geraten.“

So begann die Northeimer HNA-Ausgabe vor einigen Wochen ihren Bericht über „behinderte und einsame“ Menschen, und die Autorin fuhr dann fort:

„So geht es auch Klaus A. Der 45-jährige leidet unter Verfolgungswahn und einer Schizophrenie. Er ist arbeitsunfähig, erhält eine kleine Rente und ergänzende Hilfe zum Lebensunterhalt. Er würde sich von seinem wenigen Geld gern in einem Second-Hand-Laden einkleiden. Da er jedoch sehr groß und kräftig ist und zudem auch große Füße hat, bekommt er weder gebrauchte Winterkleidung noch vernünftige Schuhe.“

Wir lesen mithin: Verfolgungswahn und kleine Rente, Schizophrenie und ergänzende Hilfe, dazu Übergröße und Arbeitsunfähigkeit haben den Betreffenden in eine Notsituation gebracht. Angeborene Leiden und Übergröße sowie das Versagen des Staates – hier als „Rente und ergänzende Hilfe“ tituliert – verursachen jene Hilfsbedürftigkeit, der die HNA mit ein wenig Adventshilfe abhelfen will. Vergegenwärtigen wir uns: mehr als Kurzzeitentlastung wäre dieses natürlich nicht.

Meine Frage nun: Täuscht mein Eindruck, dass in dieser Aneinanderreihung der Fakten auch das Staatsversagen (= die „kleine Rente“, die „ergänzende Hilfe“!) gleichen Realitätscharakter zugesprochen bekommt wie die angeborenen Behinderungen? Täuscht mein Eindruck, dass dank dieser erzählerischen Reihung alles zur selben Sorte von Unglücksfaktoren wird, zur selben Art von unabwendbaren, gleichsam naturverursachten, Schicksalsverkettungen? Stehen wir nicht vor einer Einebnungstendenz allen Unglücksursachen gegenüber? Und hört sich das bei der Darstellung des „Falles“ Konrad F. nicht ganz genauso an?

„Konrad F. hat mehrere Selbstmordversuche hinter sich (…) Durch die lange Krankheit und mangelnde Anstellungsmöglichkeiten muss er mit einer kleinen Rente auskommen. Es fehlt oft am Nötigsten.“

Werden nicht auch mithilfe dieser Aufzählung von Selbstmordversuchen und langer Krankheit, von mangelnden Anstellungsmöglichkeiten und kleiner Rente die beiden letztgenannten Elendsursachen gleichsam „mitnaturalisiert“? Die Verknüpfung dieser völlig verschiedenen Faktoren macht aus allem im Grunde dieselbe Verursachungskategorie: Es ist das manchmal halt böse zuschlagende Leben schlechthin. Weil die „kleine Rente“ unkritisiert bleibt, bekommt sie denselben Status zuerkannt wie die „lange Krankheit“: Man kann halt nix dagegen machen…

Einige Tage später war es in der HNA dann ein Hausbrand und ein Klumpfuß, die in schicksalshafter Addition mit unzureichender Lebenshilfe durch den Staat die betreffenden Menschen ins Unglück gestürzt haben und im Unglück belassen. Und wiederum einige Tage danach werden auf diese Weise die „Schwerstbehinderung“ eines Kindes, die „psychische Erkrankung“ einer Hedda D. sowie posttraumatische Belastungsstörungen einer Emigrantenfamilie aus dem Kosovo mit fehlender Unterstützung seitens des Staates auf einen Nenner gebracht. Der Hinweis darauf, dass die betroffenen Hilfsbedürftigen ein dringend benötigtes Auto nicht reparieren lassen können und auch der Austausch des alten Herdes gegen einen neuen Herd nicht möglich ist, das verdankt sich halt der Kette dieser bösen Lebensumstände, die alle irgendwie gleich schicksalshaft sind. Und dies, obwohl in demselben HNA-Artikel zur Erforderlichkeit des neuen Herdes zu lesen ist:

„Ein Antrag auf ein Darlehen (…)  beim Jobcenter würde monatliche Rückzahlungen bedeuten, die die Familie derzeit absolut nicht leisten können…“

Die Schlussfolgerung der Zeitung daraus? –  Nein, nicht Kritik an staatlicher Hilfe, die wirkliche Hilfe nicht ist, sondern – wir wissen es bereits – Willkürhilfe durch die AKTION ADVENT bzw. eine dementsprechende Almosenbitte an alle LeserInnen der HNA. Der Ausweg aus diesen Notsituationen gleicht einem Lotteriegewinn und verdankt sich dem Zufall, dass die liebenswürdige Redakteurin irgendwie und irgendwann auf diese Menschen aufmerksam geworden ist. Auf andere allerdings nicht…

Das bedeutet: die Beschreibung der Hilfsbedürftigkeit mit all ihren Einzelheiten stellt sich vor die politisch-gesellschaftlichen Gründe dieser Hilfsbedürftigkeit. Diese Hilfsbedürftigkeit scheint so etwas wie ein Wetterphänomen zu sein: Man kann halt nichts dafür, man kann halt nichts dagegen machen, egal, ob es regnet oder stürmt, hagelt oder schneit. Man könnte es – in der Adventszeit war das so unpassend nicht – die „Verjenseitigung“ der Elendsursachen nennen. Auf der Welt selber hat keiner was als Urheber mit der Not dieser Menschen zu tun, keine Partei, keine Regierung, keine „Agenda 2010“.

Zwischenfazit also: Die Aneinanderreihung von Unglücksgründen, die keinen Unterschied macht zwischen naturverursachten und politikverursachten Problemen, führt zu einer Art Gleichmacherei all dieser Gründe, und dieses ist deswegen so, weil die politikverursachten Gründe als ebenso gegeben aufgezählt werden wie die naturverursachten Gründe. Erstens. Und zweitens: dieser Eindruck entsteht, weil die politikverursachten Gründe völlig unkritisiert bleiben, ganz so, als ob es ebenfalls Naturursachen wären. Es gibt insofern keinen Unterschied zwischen kleiner Rente und Klumpfuß, zwischen Schizophrenie und Hartz IV, es gibt diesen Unterschied nicht, weil diese Art der Lebensdarstellungen zwischen beiden keinen Unterschied macht. Beides wird auf dieselbe Weise widerspruchslos hingenommen.

Und die zweite Variante dieser entpolitisierenden „Verjenseitigungssprache“ bringt sogar ganz ausdrücklich diesen Sachverhalt auf den Punkt bzw. macht endgültig aus politisch-gesellschaftlich verursachtem Leid ein Irgendetwas, das sich der Einflussnahme der Menschen entzieht und mit konkretem Versagen von Politik und Gesellschaft nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Ich spreche von der Überschrift zum Adventshilfe-Artikel vom 8. Dezember. Da hieß es in großem Fettdruck: „Vom Leben gebeutelt“. Bedeutet: Es ist „das Leben“ selbst, das Ursache all der geschilderten Elendsverhältnisse ist, es ist das Leben, das sich selber beutelt. Ein klassisches Beispiel für einen Zirkelschluss. Und ich gebe zu: es hat mich an Onkel Bräsigs Ausspruch aus Fritz Reuters „Ut min Stromtid“ erinnert: „Die Armut kommt von der poverte“ (von frz. „poverté“= Armut). All das Elend ist also Schicksal – siehe oben! – oder hat sich im Grunde selber erzeugt. Mit gleichem Recht könnte man sagen (die „Logik“ wäre von derselben Art): Der Hausbrand, über den die HNA ein paar Tage später berichtet, in seinem Artikel über das Schicksal der beiden Familien Claudio U. und Ramona J., dieser Hausbrand ist vom Feuer verursacht worden, und der Schneefall, der vor etwa einen Jahr draußen vorm Fenster herniederging, der kam von den Flocken. Wiederum also:

Irgendeine politisch-gesellschaftliche Verursachung existiert bei all den geschilderten Notfällen nicht. Weshalb es dann auch am 1. Dezember in der HNA heißen konnte, dort auffindbar als Unterzeile zur Überschrift „Viertes Kind kommt“: „Geburtstage im Advent belasten das Budget“. Ergo: es sind die Geburtstage zweier Kinder in der Weihnachtszeit, die für Existenznot sorgen, nicht aber die Hartz-IV-Gesetze, in deren Regelsätze kein einziger Euro oder Cent für Geschenke eingeplant worden ist. Die Tatsache, geboren worden zu sein – eine Kausalattrappe also! –, ist Elendsursache, nicht die Tatsache, daß der sogenannte „Sozialstaat“ den Kindern aus Hartz-IV-Familien nicht mal mehr Geburtstagsgeschenke gönnt.

Kurz: Die scheinbaren Kausalangaben „Leben“ und „Geburtstage“ schicken die politisch-gesellschaftlichen Ursachen ins Nirgendwo, in die Anonymität, und diese Anonymisierung der Unglücksgründe leistet dasselbe wie der oben beschriebene Existenzialisierungstrick („ist halt naturgegebenes Schicksal!“). Irgendeine unbekannte Ursache ist Schuld an dem Unglück der betroffenen Menschen, nicht aber eine ganz bestimmte Politik, nämlich die Politik der systematischen Sozialstaatsvernichtung. In dieser Art von mitleidsvoller Berichterstattung über die Not und das Elend der betroffenen Menschen existiert nur das Verursachte noch – das erbarmungswürdige Leid –, ein Verursacher dieses Unglücks wird nicht benannt. Die politische Untat, die hinter allem steckt, kennt diesen Berichten zufolge keinen Täter. Tatsächlich, es ist, als konstatiere man ein Verbrechen, aber stellte dabei gleichzeitig fest: Es gibt keinen Verbrecher. Werde ich auf diese Weise also konfrontiert mit der Feigheit einer Zeitungsredaktion?

Weihnachten, dieses Fest der Liebe mit seiner frohgestimmten Vorbereitungszeit des Advents, deckt demzufolge in dieser Art von Berichterstattung und mithilfe dieser Hilfskampagne jedwede politische Verursachung – buchstäblich! – mit dem Mantel der Nächstenliebe zu, eine Politik, die Tag für Tag gegen die Gebote der Nächstenliebe verstößt.

Fazit:

Unsere Gesellschaft benötigt die geschilderte Almoserei und Caritas, weil die Bundesrepublik kein wirklicher Sozialstaat mehr ist. Was als Hilfe und Hilfsbereitschaft imponiert, weist zurück auf eine mittlerweile rundum verrohte Politik. Bestenfalls um Symptomlinderungen ging es bei dieser Weihnachtsaktion, nicht um Kausaltherapie. In all diesen Mitleidssätzen wird die politische Duldungsstarre gleich mitformuliert, diese caritative Hilfsbereitschaft ist gleichzeitig Ausdruck eines politischen Hilfeboykotts.

Ein Staat, der Menschen dafür büßen lässt, daß sie einen Klumpfuß haben oder Opfer eines Wohnungsbrands wurden, ist kein Sozialstaat mehr. Und eine Zeitung, die das nicht kritisiert, stellt sich nicht – wie es scheint! – auf die Seite der Opfer, sondern vor den Staat, der diese Menschen zu Opfern macht. Natürlich: Viel Hingabe, Einfühlung und Mitleid mag in diese Artikel und Hilfsaktionen mit eingegangen sein, nicht zu verkennen ist die christliche Tradition der Nächstenliebe, die solche Aktionen in Gang gebracht haben könnte. Nicht zu unterschätzen die individuelle Wohltätigkeit vieler Menschen, die bei AKTION ADVENT sich realisieren dürfte. Aber das politisch-humane Versagen dieser Art von Hilfsaktionen ist ebenso deutlich. Es handelt sich um Adventsbeschwichtigung, nicht um gelebte Solidarität.

Mich erinnerte diese fatale Zwiegesichtigkeit an den Schlussdialog in Brechts Theaterstück „Galileo Galilei“, hier leicht abgewandelt für unser ‚weihnachtliches’ Problem:

Großartig das Land, das solche Hilfsbereitschaft kennt! Schande über ein Land, das solche Hilfsbereitschaft braucht!

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  • Bartolomé de Las Casas
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    Anbei, treffend, etwas länger:

    „Der Sozialstaat ist ein buchstäbliches Armutszeugnis“
    03. Februar 2019 um 11:45 Ein Artikel von: Redaktion

    Armut ist in unserer Gesellschaft nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Das sagen Arian Schiffer-Nasserie und Renate Dillmann im Interview mit den NachDenkSeiten. Die beiden Sozialwissenschaftler durchdringen in ihrer aktuellen Studie die Oberfläche der Armutsforschung, die in der Regel Armut als Abweichung vom Normaleinkommen definiert. Schiffer-Nasserie und Dillmann nehmen sich dem Thema grundsätzlicher an und sagen: „Wenn der deutsche Sozialstaat mit mehreren Ministerien, zwölf Sozialgesetzbüchern und vielen Milliarden Euro jährlich interveniert, dann gibt es in diesem Land offenbar auch stets aufs Neue ein erhebliches Maß sozialer Bedürftigkeit.“ Und die Gründe für diese Situation führen zu tieferliegenden systemischen Ursachen. Ein Interview über den Sozialstaat, Armut und ihre systemischen Ursachen. Von Marcus Klöckner.

    Zumindest im Vergleich zu anderen Ländern gibt es in Deutschland seit langem einen relativ starken Sozialstaat. Warum gibt es dennoch dauerhaft Armut? Warum wurde die Armut im Land bis heute nicht überwunden?

    Schiffer-Nasserie: Es stimmt. Deutschland hat einen vergleichsweise gut ausgebauten Sozialstaat. Es gibt in Deutschland so gut wie keine soziale Notlage, die nicht bereits sozialrechtlich erfasst und sozialpolitisch bearbeitet wird. Dillmann: Allerdings ist es nicht so, dass man von einem starken Sozialstaat erwarten kann, dass er die Ursachen für sein Tätigwerden überwindet. Ganz im Gegenteil zeugt eine umfassende Sozialpolitik zunächst einmal davon, wie viele Notlagen es in einem kapitalistisch entwickelten und reichen Land gibt.

    Wie genau meinen Sie das? Wieso kann man von einem starken Sozialstaat nicht erwarten, dass er die Ursachen von Armut beseitigt?

    Dillmann: Die sozialpolitischen Maßnahmen vom Kindergeld über das Wohngeld bis zur Pflegeversicherung sind zunächst einmal Ausdruck davon, dass der größte Teil der Menschen in diesem Land „von der Wiege bis Bahre“ nicht dazu in der Lage ist, aus eigenen Mitteln das Leben als Familien mit Kindern, in Zeiten der Krankheit, der Arbeitslosigkeit, des Alters, der Pflegebedürftigkeit etc. selbständig zu bestreiten.

    Der Sozialstaat also als offensichtliches Zeichen dafür, dass etwas Grundlegendes in dem Land nicht stimmt?

    Dillmann: Der Sozialstaat ist in diesem Sinne – nüchtern betrachtet – ein buchstäbliches Armutszeugnis über die Lebensbedingungen der Mehrheit in diesem Land. Wenn der deutsche Sozialstaat mit mehreren Ministerien, zwölf Sozialgesetzbüchern und vielen Milliarden Euro jährlich interveniert, dann gibt es in diesem Land offenbar auch stets aufs Neue ein erhebliches Maß sozialer Bedürftigkeit.

    (…)

    Armut ist also im System angelegt?

    Schiffer-Nasserie: Armut, wie immer man sie auch näher bestimmt, bedeutet zunächst mal Ausschluss von Reichtum. Worin auch immer der Reichtum in modernen Gesellschaften bestehen mag, er existiert in jedem Fall als Eigentum, das heißt als ausschließliche (!) Verfügungsgewalt über eine Sache. Der Eigentümer dieser Sache ist berechtigt, alle anderen von ihrer Nutzung auszuschließen. Das Prinzip Eigentum beinhaltet bereits die prinzipielle Trennung zwischen Haben und Benutzen, zwischen Bedürfnis und den Mitteln der Bedürfnisbefriedigung. Die gehören in der Regel anderen. Ausschluss vom Reichtum fängt also nicht da an, wo Menschen arbeitslos werden, wo sie unter dem Hartz-IV-Regime verarmt werden oder wo man ihnen sogar lebenswichtige Nahrungsmittel, Medikamente oder Wohnraum vorenthält. Ausschluss von den Mitteln der eigenen Interessensverfolgung und Ausschluss von den Mitteln, um nützliche Dinge für die Bedürfnisbefriedigung herzustellen, konstituieren geradezu diese Gesellschaft.

    (…)

    „Lohnarbeit ist das Lebensmittel der Bevölkerungsmehrheit“, schreiben Sie in Ihrem Buch.

    Schiffer-Nasserie: Ja. Das muss unter diesen Bedingungen so sein – allerdings ist Lohnarbeit ein ausgesprochen schlechtes Lebensmittel. Nur weil die vom Lohn Abhängigen keine anderen Mittel haben, heißt das nämlich noch lange nicht, dass sie in ihrem Arbeitsplatz auch über ein geeignetes Mittel zur Finanzierung ihres Lebens verfügen. Das gilt zunächst einmal für all jene, die zwar darauf angewiesen sind, Lohn und Brot durch abhängige Beschäftigung zu verdienen, die aber gar nicht arbeitsfähig sind oder deren Beschäftigung im Hinblick auf das Gewinninteresse der Unternehmen zu unrentabel ist, weil die betreffenden Menschen zu jung, zu alt, zu schwach, zu langsam, zu schwanger oder zu behindert sind. Sie verfügen insofern nicht über die persönlichen oder sachlichen Bedingungen, um an Geld zu kommen – Geld brauchen sie allerdings natürlich trotzdem, um leben zu können. Andere treten, wie schon erklärt, am Markt an und verkaufen mangels anderer verkäuflicher Dinge ihre eigene Arbeitskraft. Weil sie einen Arbeitsplatz allerdings nur unter der Bedingung bekommen, dass dieser sich als rentabel erweist, erlösen sie im Normalfall so wenig, dass sie nicht einmal die mit Sicherheit eintretenden Notlagen ihres Daseins als abhängig Beschäftigte ausreichend finanzieren können: die nötige Qualifizierung ihrer Arbeitskraft, das Wohnen dort, wo es Arbeit gibt, Verdienstausfall bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter usw. Für die große Mehrheit derer, die am Markt auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft, sprich: auf Lohnarbeit angewiesen sind, ist insofern Armut der Ausgangs- wie der Endpunkt ihrer ökonomischen Bemühungen.

    (…)

    Inwiefern „irrt“ die moderne Armutsforschung?

    Dillmann: In Kurzform: Wer die Einkommen und Vermögen dieser Gesellschaft in ihrer quantitativen Verteilung misst, der geht erstens darüber hinweg, dass die Einkommensquellen qualitativ verschieden sind und im Gegensatz zueinander stehen. Darin verharmlost die Armutsforschung den fundamentalen Gegensatz der beiden Einkommensquellen von Kapital und Lohnarbeit zu einem quantitativen Unterschied vermeintlich gleichartiger Einkommensbezieher. Gewinn steht aber gegen Lohn und umgekehrt; das als bloß unterschiedlichen Anteil an Geldzuflüssen erfassen, ist ökonomisch nicht zutreffend, wenn auch politisch gewiss opportun – denn so wird ein ökonomischer Antagonismus in die Frage sozialer Gerechtigkeit verwandelt. Davon lebte und lebt die Politik der deutschen Sozialdemokratie. Zweitens erklärt die geltende „Armutsdefinition“ (arm ist, wer weniger als 50% des Medianeinkommens bezieht) Armut einfach per Definition zu einem Minderheitenphänomen, einer Abweichung vom „Normalen“. Bei durchschnittlichen Löhnen und Gehältern sieht die empirische Sozialforschung schlicht nichts, was sie an Armut erinnert – auch dann nicht, wenn das Einkommen dieser „Normalen“ augenfällig weder dazu reicht, die absehbaren Schadensfälle ihrer Lohnarbeitsbiografie (Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alter, Pflegebedürftigkeit) selbständig zu finanzieren, ihre Familien anständig zu unterhalten und schon gar nicht, aus der ständigen Not des Kalkulierens mit Zeit und Geld (mehr arbeiten oder mehr sparen – in der Regel beides) einmal herauszukommen. Moderne Armutsforschung geht weder den ökonomischen Gründen des Ausschlusses nach noch ist sie in der Lage logisch zu begründen, warum die Reichen im Kapitalismus notwendig immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Lob und Tadel des deutschen Sozialstaats gehen in der wissenschaftlichen Debatte gründlich an einer nüchternen Bestimmung seiner Ziele, seiner Entstehung und den Ursachen der aktuellen Notlagen von Millionen Menschen vorbei. Das wollten wir in unserem Buch anders machen.

    Lesetipp: Renate Dillmann / Arian Schiffer-Nasserie
    Der soziale Staat: Über nützliche Armut und ihre Verwaltung.
    Ökonomische Grundlagen | Politische Maßnahmen | Historische Etappen.

    https://www.nachdenkseiten.de/?p=48967

  • Freiherr
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    …das sind diese Artikel die ich vermisse und wenn darin ein Fragezeichen auftaucht, dann ist es zugleich ein Ausrufezeichen !

    Ja – die Selbstschuldigkeit der Elenden rührt das caritative Herz, nicht die Ursachen, die gezielten entmenschlichenden Verbrechen der Verantwortlichen in der Politk.

    Und so schmückt man sich allerorten mit falschem Lametta, gerade zur Weihnachtszeit, Mitleid soll ( profitabel auch ) erweckt werden, mit den Elenden die ja letztendlich selbst Schuld daran hätten, gleich Naturkatastrophen gegen die man ja letztlich machtlos ist.

    Und so sind solche Medienspektakel nichts anderes als die Verifizierung der entmenschlichenden Politik.

    Die tatsächlichen Ursachen, die ja gezielt aufdiktierte Verelendung und Ausgrenzung durch die Politik, interessieren diese Medien überhaupt nicht, es geht denen um ihre Auflagenstärke, mehr nicht und mit herzanrührenden Märchen bedienen sie das.

    Die Täter – Schröder, Steinmeier, Gabriel, Müntefering, Clement ( einige sicherlich vergessen dabei ) sonnen sich derweil in ihren Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

    Wer zurück bleibt, abgehängt durch diese Verbrechen, ist selbst schuld – eine natürliche Auslese !

    Aber – der Armutsrentner , als ein Beispiel dieser gezielt politischen Erzeugung von Armut- bekommt ja immerhin noch Unterstützung, zum Leben zu wenig zwar, aber immerhin…

    Aber, wiederum – dieses Unrecht wird ja nun beseitigt, durch ein Bürgergeld (!) –

    was aber real betrachtet eine Zwangs-Zuweisung in ein neues Kastensystem bedeuten wird, eine Verschärfung allen bisherig bekannten sozialen Unrechts in Wirklichkeit, in allen Aspekten und Auswirkungen dieses.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

  • Ulrike Spurgat
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    Brillant geschrieben und nah am Menschen. Vielen Dank dafür !

    Armut hat kein Gesicht.

    „Zun uns kommen Menschen mit eingewachsenen Socken“, so eine Kollegin vom Caritas Verband Hamburg vor zwei Jahren die bei der Hilfe für obdachlose Menschen arbeitet.

    Auch hier werde ich einen Blick zurückwerfen auf das Jahr im Februar 2020, als die Temperaturen weit unter Null sanken, große Teile in der EU unter Schnee und Frost versanken und Obdachlose auf den Straßen erfroren, meldete das Statistische Amt, dass über zwei Millionen Menschen alleine in Deutschland in ihren Wohnungen frieren, weil sie zu arm sind, um zu heizen.

    Eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung aus dem Jahr! 2017,- also Lichtjahre vor Corona- zeigt, dass vor allem von Hartz 4 betroffene große und kleine Menschen von Stromsperren betroffen sind, da der Anteil für Stromkosten, der im Regelsatz vorgesehen ist, die Stromkosten nicht ausreichend abdeckt. Die Kosten für Strom sind zwischen 2008 und 2018 um 40% nach oben geklettert, der Stromanteil aber bei Hartz 4 um lediglich 27%.

    Etwa sieben Millionen Menschen arbeiten in Deutschland als Niedriglohnarbeiter, dass sind knapp 21 Prozent der 33,4 Millionen abhängig Beschäftigter. Dazu zählt das Statistische Bundesamt : Leih- und Zeitarbeit, geringfügige Beschäftigung wie Mini Jobs, Teilzeitbeschäftigte mit Arbeitsverträgen unter 20 Wochenstunden sowie befristete Arbeitsverträge.

    Die Gewerkschaften tragen bei dieser Entwicklung eine schwere Hypothek, denn  ihr eifriges Mitwirken an den elenden Hartz 4 Gesetzen, dass die Büchse der Pandora öffnete, und so den Unternehmen ermöglichte, dass man Menschen wie Dreck behandeln kann.

    Natürlich stelle ich ohne wenn und aber die Systemfrage. Marx nennt das, was man heute erkennen kann Verelendung und Entfremdung. Friedrich Engels spricht am Grab 1883 von Karl Marx folgende Worte: „Zuallererst braucht der Mensch, Essen und Trinken Kleidung und ein Dach über dem Kopf“, veröffentlicht im „Vorwärts“. A

    Es sind all die Geschichten die ich wie einen kostbaren Schatz hüte. Es sind die Geschichten von Frauen Männern und Kindern denen ich immer wieder begegne in Gesprächen auf dem Wochenmarkt, bei den Behörden, in der Altenarbeit, in den Beratungsstellen für Hartz 4 und Sozialberatung, im Hospiz, im Pflegeheim oder Krankenhaus. Die Gespräche mit Angehörigen, wo die Mutter, der Vater, der Brüder die Schwester man sie hat allein sterben lassen. Angehörige tragen schwer an dieser Last.

    Bis 2005 gab es ergänzende Sozialhilfe. Wenn die Not groß war konnte die Möglichkeit bei den sogenannten Bedarfe genutzt werden z.B. für Winterbekleidung. Als Schröder und Konsorten wohlwissend was mit dieser Agenda 2010 gesamtgesellschaftlich angerichtet wird die Axt an die sozialen Errungenschaften zum Kahlschlag angelegt hat, war das der soziale Absturz in den Abgrund des Kapitalismus.

    Eine Geschichte hat mich kürzlich bewegt. Beim Aldi saß bis letzte auf dem Fenstervorsprung des Ladens ein Mann mit dem ich regelmäßig nach dem Einkauf etwas Zeit verbrachte. Der Boden sei ihm unter den Füßen weggezogen…. Das bisschen Geld reicht nicht für die Medikamente die er aber, weil chronisch erkrankt dringend benötigt. Es geht ihm schlecht, dass wird bei den Gesprächen deutlich. Hoffnungslosigkeit und Trauer steht ihm ins Gesicht geschrieben.

    Er erzählt wie es zu alldem gekommen ist.., wie er täglich ein bisschen die Kontrolle über sein Leben verloren hat wie schmerzlich er die Isolation die Ausgrenzung und nie zu wissen was der morgige Tag bringt erlebt.

    Beim letzten Einkauf saß er nicht auf dem Platz auf dem kalten Steinvorsprung. Er war nicht da. Am nächsten Tag, es hat mir keine Ruhe gelassen, zumal ich warme Bekleidung unter dem Arm hatte wo er abgeblieben ist, also frage ich nach werde aber mit einer lapidaren dümmlichen Antwort abgespeist.

    Am daruffolgenden Tag bis ich wieder hin gefahren, da sah ich ihn im Gang und auf dem Boden sitzen. Er erzählte, dass er dort nicht mehr sitzen können, weil die Adventsgestecke usw. auf Rollwagen vor den Fenstern plaziert werden. Was natürlich Quatsch ist. Man wollte ihn dort weg haben, denn ein „armer Mensch ist „Kunden schädlich“ hat er gesagt.

    Einige Sätze zum um die 180 Seiten des Koalitionsvertrages des kranken Ampel.

    Wer die Hoffnung hatte, dass sich außer dem Namen bei Hartz 4 etwas wesentlich ändert wird bitter enttäuscht sein.

    Sie folgen einem alten Muster. Themen und Maßnahmen , die auf besonders viel Wut und Empörung stoßen werden abgeschafft und kommen dann unter einem anderen Namen wiede. Die Folterinstrumente der elenden Mitwirkungspflicht, was nichts anderes bedeutet, als die betroffenen Menschen weiterhin schikanieren zu können, und zwar solange, bsi er einen von den Niedriglohnjobs annimmt.

    Nichts schaffen sie ab: Sie passen nur an. Alter Wein neuen Schläuchen. Momentan lese ich genauer was im Koalitionsvertrag zur „Kindergrundsicherung“ zu lesen ist.

    Kindergrundsicherung ? Solch eine Mogelpackung. Dahinter verbirgt sich schlicht udn ergreifend die Zusammenlegung bisheriger Leistungen – Kindergeld, Kinderzuschlag, Bildungsförderung – zu einer einzigen Förderleistung.

    Der Mensch ist ein gesamtgesellschaftliches Wesen, dass auf Kooperation und Miteinander angelegt ist. Der Mensch braucht den Menschen. Die Fähigkeit zur Liebe und zum Mitgefühl macht uns zum Menschen.

     

     

     

     

  • Maximalforderung
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    Vielleicht passend zu dem Artikel: auch bei mir  lag heute morgen ein Zettel im Briefkasten, mit der Einladung zum „Stimmungsvollen Weihnachtsmarkt“,  „Coronabedingt ohne Live-Musik und unter Einhaltung der 2G-Regel“. Ich wünsche allen Teilnehmenden dieser dystopischen Fets-Veranstaltungen alles Gute, und viel Spaß in ihrem Orwell-Universum. Ich verspreche, ich komme nicht, ich gehe auch nie wieder auf ein  Oktoberfest, ich verzichte auf meine Krankenversicherung und meine intensivmedizinische Behandlung, ich gebe es den ach solidarischen Mitmenschen vom Ethikrat auch gern  schriftlich, wenn sie mögen. Nur eine Bitte hätte ich, eine einzige: lasst mich bitte mit Eurer gen-Spritze in Ruhe, schafft eine Regelung, wann ich und meinesgleichen,  die „Impfunwilligen“ in den Supermarkt dürfen, 2 Stunden in der Woche würden ja reichen, und gestattet uns eine Leben am Rande der Gesellschaft, ein alter Bauwagen oder ein altes, baufälliges Haus reicht uns, mit einem kleinen Garten. Wir werden Euch nicht stören, Eure Konzerte, Museen, Theater und Kunstausstellungen besuchen wir gar nicht, wir wollen auch gar nicht mehr  weit reisen, lasst uns doch bitte einfach nur in Ruhe mit Euren FFP-2-Masken, Eurem Fernseh und Radioprogramm, gewährt uns irgendwo eine Nische, wir werden Euch nicht mehr behelligen. Nur bitte, kein Militäreinsatz , keine Zangsimpftrupps, mehr wollen wir doch gar  nicht, gäbe es da nicht eine Möglichkeit, die Aussicht auf eine humanen Geste?
  • Michael Z.
    Antworten
    Vielen Dank Herr Platta, für diesen Artikel, besonders die Geschichte des Obdachlosen  hat mich  traurig gemacht, und an vergleichbare Begegnungen erinnert. Es macht mir Mut, dass es empfindsame Menschen wie Sie gibt, mit einem Sinn für Gerechtigkeit. Danke für Ihre Arbeit, bitte bleiben Sie stark, machen Sie weiter. Ich bin in dieser Zeit fassungslos über die Passivität und Konformität der evangelischen  Kirche, ich habe auch mal einen Pastor angeschrieben, der sich geradezu enthusiastisch für Masken und Social Distancing in der Kirche ausgesprochen hat, und dies als „Gebot der christlichen Nächstenliebe“ bezeichnete, und ihm deutlich gesagt, was ich davon halte. Trost gibt mir  dieser zeit nicht die Amtskirche, sondern der Originaltext, die Bibel.  ich wünschte sehr,  ich könnte bald  noch besser Menschen beistehen, denen es noch viel schlechter geht,  als mir gerade. Von den Parteien, vom DGB oder der Amtskirche erwarte ich gar nichts mehr, deren Solidaritätsbekundungen betrachte ich mehr oder weniger als Heuchelei, denn diese „Solidarität“ scheint ja nur noch  für Menschen zu gelten, die „gespritzt sind“. In der Schweiz soll derPolitiker Joel Thüring /Mitglied  des Basleler Stadtrates  gestern getwittert haben: „Der Fall ist klar. Schmeisst die Ungeimpften von der Intensivstation“. Soweit ist es inzwischen gekommen,  es ist ziemlich hoffnungslos. Trotzdem ,  Lassen Sie uns gemeinsam versuchen, dagegenzuhalten! Herzliche Grüße, M.
  • Volker
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    Lieber Holdger,
    warum kommt bei mir gerade Wut auf, und warum reagiert meine Seele spontan empfindlich, wenn ich dies lese sowie Ulrikes Kommentar dazu, und warum ist mir gerade nach weinen.
    Weil ich seit 2000 an den untersten, gesellschaftlichen Rand ausgelagert wurde, trotz meiner vielfältigen Fähigkeiten, sei es als erfahrener Grafiker oder das Gespür im Umgang mit Menschen. Als Grafiker hatte ich keine Chancen mehr, und nach zwei Jahren Sozialarbeit mit Jugendlichen, im Rahmen von 50 plus, schickte man mich wieder ins Elend zurück, weil die Zuschüsse für die Kommune für zwei Jahre nur gezahlt wurden. Das war echt bitter, zumal ich dachte, neue Wege gehen zu können, wenn auch immer noch unterhalb der statistischen Armutsgrenze, aber nicht ganz so weit unten wie Hartz IV/Grundsicherung. Und heute?

    Gut, ich wiederhole mich ständig, bin allerdings der zwingenden Meinung – wie Du eben auch – immer wieder darauf hinzuweisen, was mit der Agenda 2010 eingeleitet wurde, und dies politisch gewollt, nach Plan und ohne Rücksicht auf diejenigen Menschen, die das Kapital nicht mehr gewinnbringend verwerten kann.
    Gesellschaftlicher Schrott. Aber selbst Schrott lässt sich noch verwerten, die Voraussetzungen dafür wurden als Bestandteil dieses Systems fest verankert und durch menschenverachtende Propaganda über sogenannte Schmarotzer gerechtfertigt sowie verbreitet.
    Die eingeleitete Verarmung einiger Millionen Mitmenschen (Tendenz steigend) wurde ebenso als gegeben hingenommen, wie die eingeleitete Entrechtung der Gesamtbevölkerung seit Anfang 2020. Eine gesellschaftliche Mehrheit befürwortet heute ihren eigenen Untergang, wie sie schon den Untergang des Sozialschmarotzers befürwortete. Es hat sich nichts geändert, jegliche, für alle sichtbare Menschenverachtung wird als gegeben hingenommen bzw. als konsequent-richtig befürwortet.

    Mit meiner Malerei und der Neuentdeckung musikalischer Fähigkeiten ergab sich ein seelisches Rückzugsgebiet aus dem ich Kräfte schöpfen konnte, trotz Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben durch ein Minimum zugestandener Existenzberechtigung. War froh darüber, solche Möglichkeiten zu besitzen, um meine Seele zu nähren, mit Nahrung gegen den alltäglichen Überlebenskampf unter Armutsbedingungen.

    Ja., wäre zu schön gewesen, trotz allem auch Ruhe finden zu können – dachte ich.
    Wenn ein Leben in Armut dazu noch bedroht- und infrage gestellt wird, durch eine übergreifende Menschenverachtung, die sich in jeden Winkel unsere Gesellschaft einnistet, – was bleibt dann noch übrig?
    Wird man mir die Gitarre wegnehmen noch, die letzte Leinwand, meine Stimme sogar?
    Ja, solche Fragen nagen an meiner Seele, während ich meine Korkenzieherweide betrachte, die ihre Blätter abwarf, in der Hoffnung, dass sie wieder grünt, in ihrem zugestandenen Topf, eingesperrt und abhängig von mir.

    Ich muss sie gießen und pflegen, sonst stirbt sie.

    • Ulrike Spurgat
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      Denn nichts ist schwerer und erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.

      Kurt Tucholsky

      Ich weiß lieber Volker, dass auch ich mich wiederhole, denn sollte ich auch aus der Ferne etwas für Dich tuen können lasse es mich bitte wissen.

      Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker

      Che Guevera

       

    • BB
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      Hallo Volker, Danke dass Sie Ihre Situation als Musiker/Grafiker hier mal kurz  beschrieben habe, es geht mir ähnlich, hier am „Rand der Gesellschaft“, es wird zunehmend bedrohlicher, auch ich dachte lange noch, man würde uns hier eine Existenz  im Schatten der Konsumgesellschaft zugestehen, ohne direkte Verfolgung und Repressalien. Nun empfinde ich zum ersten mal so etwas wie Angst vor diesem Staat, und würde am liebsten fliehen, wie immer mehr Menschen in meinem Freundeskreis, aber auch ich sehe  keine Perspektive im Ausland. Was „uns“ wahrscheinlich zum „Verhängnis“ wurde und uns an den Rand der Gesellschaft geführt hat,  ist ja evtl. gerade dieses von ihnen erwähnte „Gespür“ , diese Menschenkenntnis“, das ist Belohnung und „Strafe“ zugleich. Die Kunst liegt vielleicht aber doch darin, diese „Gabe“ bzw. Fähigkeit  als Belohnung wahrzunehmen und zu schätzen.  Alles Gute und herzliche Grüße!
  • Hope
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    Wer kann denn von den Armen in dieser Gesellschaft heute noch vorsorgen? Sie morden heute psychologisch ohne Blut an ihren Händen! Ich wiederhole: Wir befinden uns im 3.Weltkrieg!

    Nur eines der Ziele dieser inszenierten Pandemie:

    Auszug:

    “ Die Lebensmittelkrise, die längst am Pandemiehorizont heraufgezogen ist, fordert jeden einzelnen heraus für seine eigene Notbevorratung zu sorgen und zwar jetzt.“

    https://auf1.tv/nachrichten-auf1/fragile-versorgungsicherheit-kann-es-zu-lebensmittel-engpaessen-kommen

  • Mensch ohne Welt
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    Die Tageszeitung die ich bis letztes Jahr noch abonniert hatte, hat auch einen Verein. Helft uns leben oder so ähnlich.

    Irgendwie hatte ich immer ein übles Gefühl, wenn ich diese Geschichten las, immer wurde die bedürftige Familie, der beispielsweise ein notwendiger Umbau, ein notwendiges Fahrzeug oder was auch immer finanziert wurde, fotografiert samt der „Wohltätigen“. Ich hatte das Gefühl eine Voyeurin zu sein, in anderer Menschen leben einzudringen, die das mit einem Scheck bezahlt bekamen.

    Sozialhilfe war auch schon früher schlimm, aber dieses System, wo Bedarfe von SchreibtischtäterInnen bis auf den Cent berechnet werden, kommt heute einem offenen Knastsystem sehr nahe.

    Und jetzt? Mit diesem Hygiene wahn geht auch der letzte Rest an Menschenwürde verloren. Diese ständigen Kontrollen und Verbote. Die Reduzierung auf einen G-Status mit zeitlicher Begrenzung. Mehr Menschenverachtung geht nicht.

     

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