V.C. Herz: Blau oder Rot?

 In FEATURED, Umwelt/Natur

Filmszene aus „The Matrix“

„Absurd und widerlich“ fand Niedersachses Ministerpräsident Weil die Abgas-Versuche deutscher Autobauer an Affen und Menschen. Das fällt ihm jetzt erst ein – ein Beispiel plötzlich aufwallenden Mitgefühls, wie es auch Schafzüchter befiel, als ein paar der lieben Tierchen ausnahmsweise von einem Wolf, nicht von einem Menschen gerissen wurden. 2,8 Millionen Tiere litten im Jahr 2016 unter Tierversuche, 3114 Versuche an Affen wurden allein 2015 in Deutschland durchgeführt –  dabei gehören Abgasversuche sicher noch zu den „humaneren“. Alles, was es darüber zu wissen gibt, ist im Internet abrufbar. Man muss nur bereit sein, hinzusehen. Man muss – um ein Beispiel aus dem Science Fiction-Film „The Matrix“ zu verwenden – die rote Pille nehmen, die Wahrheitspille. Danach ist deine Welt nie mehr das, was sie mal war. (V.C Herz)

Ich schlendere durch die Einkaufspassage, gehe von Geschäft zu Geschäft und kaufe mir schließlich ein neues Paar Schuhe aus feinem Wildleder. Anschließend hole ich mir noch einen Döner, dazu einen leckeren Ayran, ein türkisches Joghurt-Getränk. Ein erfolgreicher Shopping-Tag, endlich habe ich wieder passende, schöne Schuhe für den Herbst. Als ich mich auf den Heimweg machen möchte, laufe ich an einem merkwürdigen Stand vorbei. Es ist ein großes Zelt, aufgebaut vor dem Einkaufszentrum. Davor stehen merkwürdige Gestalten, allesamt in langen, schwarzen Mänteln, dazu schwarze Sonnenbrillen.

Einer kommt auf mich zu. Das muss eine Sekte sein. Ich versuche ihm auszuweichen, aber es ist zu spät, er steht schon vor mir. „Heute ist dein Glückstag!“, spricht mich der Mann euphorisch an.

„Ich will weder einer Sekte beitreten, noch habe ich Geld um irgendetwas zu spenden. Sie müssen sich also schon einen anderen Idioten suchen“, antworte ich patzig.

Der Mann lacht. „Du wirst mich nach unserem Gespräch nie wieder sehen. Ich möchte kein Geld von dir, möchte nicht deinen Namen wissen, noch habe ich Interesse an deiner Adresse oder Telefonnummer. Das verspreche ich dir hiermit hoch und heilig. Wie ich schon sagte, heute ist dein Glückstag,“ beendet er seine kleine Rede, während er mich anlächelt.

Auch wenn es mir etwas merkwürdig vorkommt, neugierig bin ich jetzt schon. „Aber was willst du denn dann überhaupt von mir?“, frage ich verwundert. „Komm mit, ich zeig’s dir!“, meint er nur, und ich folge ihm in das schwarze Zelt. Dort angekommen, betreten wir einen kleinen, abgegrenzten Bereich. Der Raum ist freundlich eingerichtet: Blumen, ein großer Fernseher, ein gemütliches Sofa. Davor ein Tisch mit leckeren Süßigkeiten.

Der Mann streckt seine Hände aus: „Ich habe eine blaue und eine rote Pille. Bevor ich dir erkläre, was es mit den Pillen auf sich hat, musst du mir aber erst noch eine Frage beantworten!“

Ich bin verwirrt, nicke aber zustimmend. „Bist du für die Anwendung von unnötiger, unprovozierter Gewalt, oder befürwortest du friedfertige Lösungen?“, fragt mich der Fremde.

„Was ist denn das für eine Frage? Natürlich bin ich gegen Gewalt. Gewalt darf nur in absoluten Ausnahmesituationen eine Lösung sein!“, erwidere ich und schüttle dabei irritiert den Kopf.

„Gut“ meint der Fremde „dann kannst du jetzt entweder die blaue Pille nehmen, dieses Zelt verlassen, heimfahren und dein Leben weiter leben, als wäre nichts gewesen. Du wirst dann aber auch nie die Wahrheit erfahren. Oder aber du wählst die rote Pille.“

„Und was passiert bei der roten Pille?“, frage ich verunsichert.

„Wählst du die rote Pille, nehme ich dich mit auf eine kurze Reise. Dir wird nichts passieren, und du wirst danach ebenfalls heimfahren. Aber nichts wird mehr so sein wie es vorher war. Nie wieder. Eines kann ich dir auf jeden Fall versprechen: So sehr die rote Pille dein Leben verändern wird, du wirst es niemals bereuen.“

„Und was, wenn ich gar keine Drogen möchte?“, frage ich irritiert.

„Ach, das sind nur Bonbons, die einen schmecken nach Heidelbeere, die anderen nach Himbeere“, lacht mich der Mann an.

Ich greife reflexartig zur blauen Pille. Doch dann denke ich mir, warum ich es nicht einfach darauf ankommen lassen. Ich bin doch sonst auch immer spontan und probiere neue Dinge aus.

„Was soll’s!“ meine ich, greife zur roten Pille und schlucke sie runter.

„Eine ausgesprochen weise Entscheidung!“, meint der Fremde und bittet mich, Platz zu nehmen. „Greif ruhig zu, wenn du etwas möchtest!“, meint er. Ich schnappe mir einen Keks.

Der Fernseher springt plötzlich an, und es wird dunkel. Der Mann meint, dass er gleich wieder komme, und verlässt den Raum.

Es laufen plötzlich Bilder über den Fernseher: Man sieht abgemagerte Kinder, die nur noch aus Haut und Knochen bestehen, und leblose Körper. Es wird erklärt, dass aktuell knapp eine Milliarde Menschen auf diesem Planeten hungern. Ich schrecke auf. So viele? Dass es Hunger gibt, wusste ich. Aber dass dass so viele Menschen betrifft?

Plötzlich sieht man ein animiertes Bild unserer Erde mit einem menschenähnlichen Gesicht, an dessen Stirn Schweißperlen herab laufen. In diesem Zusammenhang werden die Gefahren der Klimaerwärmung erläutert. Eine Stimme mahnt, dass diese das Leben auf der Erde nachhaltig erschweren wird: Dürren, Ernteausfälle, Überschwemmungen, Artensterben.

Anschließend zeigt der Film, wie die Waldrodung voranschreitet und Gewässer verschmutzt werden, wie Krankheiten sich immer mehr verbreiten, seien es Diabetes, Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Gleichzeitig wird die Vermehrung von multiresistenten Keimen beschrieben und deren Auswirkungen auf die Medizin werden erläutert.

Das Licht geht wieder an, und der Mann betritt, in seinen Mantel gehüllt, den Raum. „Na, was hältst du davon?“, fragt er mich. Ich erkläre ihm, dass ich es furchtbar finde, wie die Menschheit den Planeten zu Grunde richtet. Ich bedanke mich für die ausführlichen Informationen zu diesen Themen, da diese zwar essenziell sind, im Alltag jedoch meist untergehen.

Ich will gerade den Raum verlassen, als der Mann mich wieder bittet, Platz zu nehmen: „Das war erst die halbe Wahrheit“, meint er, und füllt die Keksdose wieder auf. Der Raum verdunkelt sich wieder.

Es läuft jetzt ein Animationsfilm über den Bildschirm. Darin wird erklärt, wie der menschliche Körper aufgebaut ist: Lunge, Herz, Gehirn, Augen. Dann wird das Bild einer niedlichen Katze eingeblendet: Lunge, Herz, Gehirn, Augen. Schließlich folgt das Bild eines kleinen Hasen: Lunge, Herz, Gehirn, Augen. Wir haben alle dieselben Vorfahren, erklärt die Stimme im Film. So habe ich das noch nie gesehen. Ja, Menschen und Affen sind eng miteinander verwandt, aber von welcher Spezies stammt eigentlich der Affe ab? Diese Frage hatte ich mir noch nie gestellt.

Ein harter Cut – ich zucke zusammen. Affen, die an Versuchstische gefesselt sind und denen bei lebendigem Leib der Kopf aufgebohrt wird. Katzen, die an unzähligen Elektroden befestigt sind. Mäuse, die mit giftigen Substanzen überschüttet werden. Es wird erklärt, dass viele Produkte, die wir benutzen, an Tieren getestet werden, obwohl es alternative Testverfahren gibt. Außerdem erklärt der Film, wie gering die Erfolgsquoten bei Tierversuchen sind und dass häufig aus reiner Neugier an Tieren geforscht wird, ohne dass man damit eine konkrete Krankheit heilen möchte. Ich kann die Bilder fast nicht ertragen, so grausam sind sie.

Der nächste Cut: Man sieht plötzlich, wie Männer mit Knüppeln auf kleine Robben einschlagen. Bilder, wie Menschen in einer Bucht mit Messern auf Wale einstechen. Harpunen, die sich in Wale bohren. Menschen, die mit Gewehren Giraffen und Elefanten erlegen. Warum tun Menschen so was? Ich verstehe es einfach nicht. Es ist grausam, überall das Blut. Ich merke, wie ich wütend werde.

Dann enge Käfige, gefüllt mit Hunden. Cut. Hunde, die mit Stangen erschlagen werden, denen dann das Fell bei teils noch lebendigem Leib vom Körper gerissen wird. Anschließend sieht man, wie Arbeiterinnen einen Pelzmantel zusammen nähen. Ich konnte noch nie verstehen, wie man Pelz kaufen kann.

Hirsche und Füchse, auf die geschossen wird. Kühe, denen Chili in die Augen geschmiert wird und deren Schwänze brutal gebrochen werden. Rinder, die in einem Schlachthaus verzweifelt um sich schlagen, bevor ihnen dann die Haut vom Leib gezogen wird. Ich will mich gerade über die Brutalität dieser Menschen aufregen, als mir die Schuhe einfallen, die ich eben noch gekauft habe. Echtes Wildleder. Dann neue Bilder: Schafe, die geschlagen und getreten werden und die nach dem Scheren mit blutigen Verletzungen am Boden liegen. Schiffe, voll mit Schafen.

Gigantische Netze, in denen Wale, Delphine, Schildkröten und Seepferdchen verenden. Haie, denen bei lebendigem Leib die Flossen abgeschnitten werden und die dann zurück ins Meer geworfen werden. Riesige so genannte Fischfarmen, in denen Fische gefangen gehalten werden – Massentierhaltung im Meer. Shrimpfarmen in Asien, welche giftige Abwässer produzieren. Die Bilder sind erschreckend.

Cut. Ein Hund, der erschlagen und ausgenommen wird und dessen Überreste auf einem Grill landen. Gerade möchte ich mich darüber aufregen, dass Menschen Hunde essen, da springt das Bild weiter. Mastställe, in denen sich Hühner nur so stapeln. Schweine, denen der Kringelschwanz amputiert wird und die ohne Betäubung kastriert werden. Rinder, die enthornt und gebrandmarkt werden. Und immer wieder Bilder von Tieren, die so eng stehen, dass sie sich nicht um sich selbst drehen können, die in ihrem eigenen Kot waten, die sich gegenseitig angreifen oder tot in den Ecken der Hallen liegen. Ich denke an meinen Döner.

Dann die Schlachthäuser. Alles voller Blut. Einfach überall das Blut, überall panische Tiere und Körperhälften. Tiere, die bei lebendigem Leib zerstückelt werden, Tiere, bei denen die Betäubung nicht richtig funktioniert hat.

Plötzlich ein Szenenwechsel zu einer jungen Frau mit einem kleinen Baby, welches sie zu ihrer Brust führt. Dann die Bilder von Milchkühen, die in ihren Ställen angebunden sind und permanent geschwängert und gemolken werden. Dann der Weg zum Schlachthaus, Tiertransporte, überfüllte Lastwagen. Kühe, die nach einem Autounfall plötzlich über eine Fahrbahn laufen. Dann wieder Bilder aus dem Schlachthof, ungeborene Kälber, die aus den leblosen Körpern ihrer Mütter geholt werden. Kälberschlachtungen. Rinderschlachtungen. Wieder überall das Blut.

Der nächste Cut. Ein Behälter, darin unzählige flauschige gelbe Küken. Plötzlich fliegen nur noch Fetzen und Federteile durch’s Bild, die allmählich in den Messern unter dem Behälter verschwinden – bis er wieder mit neuen Küken befüllt wird und auch diese zerhäckselt. Hühner ohne Federn, mit eitrigen Entzündungen, aus denen Eier kommen. Und wieder Schlachthäuser, in denen den Hühnern die Kehle am Fließband durchtrennt wird.

Tote Bienen am Boden, und Menschen, die in Schutzanzügen den Honig aus deren Bienenstock entwenden und durch billiges Zuckerwasser ersetzen. Pestizide, die auf Feldern versprüht werden. Wälder, die gerodet werden, um Futtermittel anzubauen. Dann wird erklärt, wie viel mehr Pflanzen man benötigt, um Fleisch herzustellen. Längst werden ausreichend Lebensmittel angebaut, um alle Menschen auf diesem Planeten zu versorgen, die Pflanzen gehen aber für die Tiermast drauf. Ich muss wieder an die abgemagerten Kinder aus dem ersten Teil des Films sowie an meinen Döner denken.

Plötzlich eine Übersicht, die zeigt, wie viel CO2 durch die Tierhaltung verursacht wird, wie Unmengen an Gülle die Umwelt und das Trinkwasser verschmutzen und wie durch den massiven Einsatz von Antibiotika immer neue resistente Keime herangezüchtet werden.

In weiteren Animationen werden Studien vorgestellt: Sie belegen dass der hohe Verbrauch an tierischen Produkten unzählige Krankheiten wie Krebs und Diabetes fördert, und dass Menschen, die kein Fleisch essen, in der Regel länger und gesünder leben. Es wird erklärt, dass man überhaupt keinerlei Erzeugnisse von Tieren essen muss, um sich gesund zu ernähren. Plötzlich werden Bilder von Burgern, Dönern, Pizzen und Torten eingeblendet. Sie sehen alle köstlich aus. Dann erklärt die Stimme, dass diese auch komplett ohne Tieren hergestellt werden können und genauso schmackhaft sind.

Schließlich wird dargestellt, wie viel CO2, Wasser und Lebensmittel man einspart, wenn man keine Tiere mehr isst, und wie vielen Tieren man jedes Jahr das Leben rettet. Dann geht das Licht langsam wieder an.

Ich sitze auf dem Sofa und versuche, das Gesehene zu verarbeiten. Noch nie zuvor habe ich etwas so Grausames, so Abscheuliches gesehen. Gleichzeitig wird mir bewusst, dass ich selbst all diese Vorgänge Jahre lang unterstützt und mit finanziert habe. Ich habe mir darüber zuvor nie Gedanken gemacht. Ich hielt den Konsum tierischer Produkte für natürlich, für okay, weil es doch alle so machen und weil  es mir meine Eltern so beigebracht haben. Aber jetzt, nachdem ich diesen Film gesehen habe, ist das anders.

Der Mann betritt wieder den Raum und bemerkt, dass ich gar keine Kekse gegessen habe. „Möchten Sie keinen Keks?“. „Mir ist der Appetit vergangen, wer weiß was da drin ist!“, meine ich nur. Der Fremde lacht. „Das ist veganes Gebäck, da können Sie ruhig zugreifen. Da sind keine Tiere drin.“

Ich erzähle ihm geschockt, dass mir das alles neu war, und frage ihn, warum er nicht mehr Leute darauf aufmerksam macht. Er lacht nur und erzählt mir, dass all diese Informationen im Internet für jeden verfügbar sind, dass jeder permanent darauf Zugriff hat, dass Zeitungen und Wissenschaftler durchaus über diese Probleme berichten, das sie aber niemanden interessieren. Ich gestehe, dass ich, wenn er mich darauf vorbereitet hätte, worum es geht, dieses Zelt wohl nicht betreten hätte. Aber im Nachhinein bin im ihm dankbar dafür, dass er mir die Augen geöffnet hat.

Wir verlassen gemeinsam das Zelt, der Mann drückt mir noch ein paar Flyer in die Hand und wünscht mir einen schönen Tag. Ich betrete wieder das Einkaufszentrum. Überall sehe ich tote Tiere, sehe, wie die Menschen Burger und Döner essen, sehe die sich drehenden Hühnchen am Imbissstand, sehe überall Lederschuhe, Pelzbommel und Wollpullover. Darauf hatte ich zuvor nie geachtet, aber jetzt habe ich es ganz klar vor Augen. Überall diese unnötige Gewalt!

Im Geschäft gebe ich meine Schuhe zurück und suche mir neue aus Kunstleder aus. Sie sind auch sehr schön und sogar günstiger.

Auf dem Heimweg sehe ich plötzlich überall die Werbung für Fleisch, die Tiertransporter, die Mastställe. Und überall Menschen, denen all das egal ist. So wie es mir selbst heute Morgen auch noch egal war. Aber jetzt, da ich dies alles weiß, kann ich nicht mehr so weiter leben wie vorher. Ich glaube, der Fremde hatte recht: Die rote Pille hat tatsächlich mein Leben verändert.

 

Weitere Kurzgeschichten von V.C. Herz findet Ihr in seinen bisher drei Büchern. Ihr findet alle Angaben dazu (und weitere Leseproben) auf dieser Seite:

http://pflanzliche-kurzgeschichten.de/autor.php

 

Link zu „Ärzte gegen Tierversuche“:

https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/infos/tierversuche-an-affen/2431-covance-der-groesste-affenverbraucher-deutschlands?gclid=Cj0KCQiAzMDTBRDDARIsABX4AWzHakV2h4VS6i5stzBYSRZF1E7CL1x7ERoS2G8bcNR92kVNLJl_a88aAvG1EALw_wcB

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