V.C. Herz: Großes Gepäck

 In FEATURED, Kurzgeschichte/Satire, Umwelt/Natur

Bildquelle: www.animals-angels.de

Einmal nicht satirisch, sondern sehr direkt zeigt V.C. Herz hier den Wahnsinn von Tiertransporten auf, die in unvorstellbarem Ausmaß innerhalb der EU und darüber hinaus stattfinden. Einmal vorausgesetzt, dass Tiere wegen der Fleischeslust der Menschen unbedingt geschlachtet werden „müssen“, fügt ihnen die Habgier der Fleisch verarbeitenden Industrie infolge der langen Fahrten noch zusätzlich entsetztliches Leid zu. Die „Verbraucher“ können da zum Glück nichts dafür, die entsetzen sich regelmäßig über unnötige Tiertransporte, wollen aber für die tägliche Leberkässemmel auch nicht gern mehr als 1,49 € ausgeben. (V.C. Herz, aus dem Buch „Das Leben ist kein Ponyhof“, http://pflanzliche-kurzgeschichten.de/index.php

Tiertransporte mag niemand. Wer kennt sie nicht, die Bilder von überfüllten Transportern und Lastwägen, in denen sich die Tiere nur so stapeln. Viele fordern deshalb, die erlaubten Fahrtzeiten deutlich zu reduzieren, schließlich leide das Tierwohl bei den langen Transportwegen erheblich.

So wurde 2016 beispielsweise in der Nähe von Karlsruhe ein Transporter mit 440 Schafen kontrolliert – bei weit über 30°C Außentemperatur. Der Lastwagen kam aus Spanien. Ziel: Ein Schlachthof in Deutschland. Anstatt die Tiere in Spanien zu schlachten, müssen diese hilflosen Geschöpfe noch eine mehr als zwanzigstündige Reise durch ganz Europa antreten, bevor man ihnen endlich die Kehle durchschneidet und sie von ihrem Leid erlöst.

Grausam, unnötig, und bestimmt ein tragischer Einzelfall. So zumindest die vorherrschende Meinung. Aber es ist gang und gäbe, dass Tiere über sehr lange Strecken transportiert werden. Hier von Bayern nach Niedersachsen, dort von Nordrhein-Westfalen nach Sachsen. Kreuz und quer fahren die Tiertransporter durch unser Land, immer auf der Suche nach der günstigsten Kombination aus Verkaufspreis, Schlachtkosten und Transportkosten.

Innerhalb der EU hat die Menge der Tiertransporte ein unvorstellbares Maß Ausmaß angenommen. Inländische Transporte sind hier nicht mitgerechnet, bei den nachfolgenden Zahlen handelt es sich ausschließlich um die Transporte von einem EU-Land in ein anderes. Außerdem sind hier nur die Transporte von lebenden Tieren eingerechnet, die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2015.

So wurden beispielsweise innerhalb der EU 13.000 Affen von einem Land ins nächste Land transportiert. Man stelle sich diese Unmengen an von Primaten vor, vermutlich großteils für Tierversuche vorgesehen. Außerdem wurden Papageienvögel in nicht unerheblichem Ausmaß transportiert: Ganze 143.000 Papageien wurden 2015 innerhalb der EU exportiert. Auch Pferde fährt man innerhalb der EU in Europa gerne von A nach B: 150.000 Pferde zählt die Exportstatistik für 2015.

Unerwartet verzeichnet das Zahlenmaterial auch wahre Unmengen an von Reptilien: 2015 wurden 285.000 Schlangen, Schildkröten und Co. auf europäischen Straßen transportiert. Auch kleine Lämmer werden gerne durch die Gegend kutschiert: ganze 2.300.000 von ihnen machten 2015 eine Europareise. Kaninchen sieht man nicht nur rechts und links der Straße auf den Feldern hoppeln, sondern sie zwängen sich auch auf der Straße in Lastwägen: 3,3 Millionen Hasen rollten 2015 auf Rädern von einem EU-Land ins andere.

Unvorstellbar, wie viele LKWs, wie viele Fahrer, wie viel Benzin für diese Transporte benötigt werden. Und wir sprechen schließlich nur von grenzüberschreitenden Transporten. In manchen Fällen mögen es auch „kurze Strecken“ wie von Wien nach München sein, aber oft sind geht es eben auch um Transporte von Spanien nach Deutschland oder von Holland nach Italien.
Nun aber weg von den Peanuts, schauen wir uns die großen transportwirtschaftlich gesehen wichtigsten Tierarten an: Was viel oft auf dem Teller der Verbraucher landet, wird entsprechend auch oft transportiert. So wurden 2015 4,3 Millionen Rinder sowie 27,8 Millionen Schweine durch die EU gefahren. Am liebsten wird allerdings Geflügel transportiert. Ganze 153.000.000 Küken gingen 2015 auf Europatour, und 1,1 Milliarden lebende Hühner wurden über die Grenzen geschafft.

Wer also glaubt, bei langen Tiertransporten handele es sich um Ausnahmen, der verkennt offensichtlich die Realität. 1.390.000.000 Tiere wurden 2015 innerhalb der EU von einem Land ins andere lebend transportiert. Das sind bedeutend mehr Tiere, als in Deutschland insgesamt jährlich geschlachtet werden. Das eine Tier mag Glück haben und zur Schlachtung nur von Amsterdam nach Köln fahren; andere wiederum reisen möglicherweise direkt nach ihrer Geburt von Deutschland nach Portugal, um wenige Wochen oder Monate später nach erfolgreicher Mast von dort nach Italien zur Schlachtung gebracht zu werden.

Zusätzlich zu den unvorstellbar vielen innereuropäischen Tiertransporten gibt es aber auch etliche Tiere, welche nicht nur auf Europatour, sondern gleich auf Weltreise gehen. So haben 2015 beispielsweise 21.000 Pferde die EU verlassen. Die Exportstatistik zeigt ebenfalls 132.000 Tauben auf, welche aus der EU lebend in ein Nicht-EU-Land transportiert wurden. Was mit den Tauben geschieht: Keine keine Ahnung. Aber scheinbar kauft man im Ausland gerne lebende Tauben aus Europa. Auch Papageien sind bei Exporten sehr beliebt: 488.000 von ihnen wurden 2015 von Europa in die restliche Welt verschickt.

Gleichermaßen machten sich 436.000 Schweine und 810.000 Rinder 2015 auf zur Weltreise. Der Exportschlager sind allerdings Schafe. 1.900.000 wurden 2015 aus der EU weggeschafft. An der Spitze finden wir allerdings auch hier wieder das Geflügel: 65 Millionen Küken und 139 Millionen Hühner verließen 2015 lebend die Europäische Union. Im Ganzen wurden 2015 unvorstellbare 237,8 Millionen Tiere lebend aus der EU in Nicht-EU-Länder transportiert.

Bedenkt man all den Aufwand, all die Kosten, all die CO2-Emissionen und all das Tierleid, was das durch diese Transporte verursacht wird, kann man nur fassungslos mit dem Kopf schütteln. Unzählige LKWs und Fahrern sind permanent im Einsatz, um all diese Transporte zu bewältigen. Hinzu kommen die hier gar nicht aufgeführten inländischen Transporte. Kein einziger dieser Transporte war wirklich erforderlich, allesamt dienen sie nur der menschlichen Lust und Laune – ob es nun um Haustiere, um Milch, Eier, Fleisch oder verrückten Experimenten an Tieren geht. All diese Transporte sind unnötig und grausam, und dennoch finden sie statt – tagtäglich, in unvorstellbarem unvorstellbarer Ausmaß.

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