Versäumte Weiblichkeit

 in FEATURED, Gesundheit/Psyche, Politik (Inland)

Offener Brief* an das Bundesfamilienministerium (ersatzweise: Bundesministerium des Innern und für Heimat; ersatzweise: Bundesministerium der Justiz) Das Leben ist voller Entscheidungen. Wenn man das eine wählt, kann man nicht gleichzeitig das andere sein. Manchmal nimmt einem auch „das Schicksal“ schwerwiegende Entscheidungen ab. Zum Beispiel die, ob man als Mann oder Frau auf die Welt kommen will. Doch halt! Ist diese Ansicht nicht veraltet? Wissen wir nicht heute, dass es zahllose Spielarten von Geschlechtlichkeit gibt: trans-, inter-, bi- und asexuell, nonbinär, queer und so weiter? Warum eine Option wählen, wenn man alles sein kann – oder mal dies und mal das? Freilich wenn man ein höheres Alter erreicht hat, ist es mitunter zu spät für eine neue Identität. Man muss mit der Trauer um versäumte Lebensmöglichkeiten leben. Unser Autor hadert damit, während seines schon relativ langen Lebens nie etwas anderes gewesen zu sein als ein heterosexueller Mann. Wegen dieser Benachteiligung beschwert er sich nun bei der hohen Politik. Volker Freystedt

 

Sehr geehrte Frau (?)** Ministerin Paus,

ich wende mich an Sie mit einer Reihe von Bitten.
1. Bitte lassen Sie in Ihrem Ministerium überprüfen, ob meine Angelegenheit in Ihren Zuständigkeitsbereich fällt – sonst bitte weiterleiten an das zuständige Ministerium.
2. Ich bitte um Auskunft, unter welche Gesetze meine Angelegenheit fällt, damit ich weiß, an welche Art von anwaltschaftlicher Beratung ich mich wenden und an welche Gerichtsbarkeit meine dann zu formulierende Klage zu richten ist.

Worum geht es mir? Zugegeben, mein Anliegen mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, aber ich bin mir sicher, dass ich nur ein Vorläufer bin und in Zukunft ähnliche Anfragen sich häufen werden.

Ich bin 71 Jahre alt und habe nach meinem bisherigen Verständnis im Körper eines heterosexuellen Mannes gelebt. Ich hatte die dafür typischen Verhaltensweisen gezeigt, war immer mit heterosexuellen Personen weiblichen Geschlechts zusammen, habe auch einmal eine davon geheiratet und – wie man so sagt – auch „eine Familie gegründet“; zwei Kinder gingen daraus hervor. Für die war ich immer der Vater – mit dem heutigen Wissen muss ich sagen: NUR der Vater!

Und da sind wir beim Kern meines Anliegens: Ich fühle mich betrogen!
Und nicht von einem Schicksal, das niemand vor einem Gericht verantwortlich machen kann, sondern von… ???

Und da kommen Sie und Ihr Ministerium ins Spiel!

Wenn ich sehe, welche Möglichkeiten uns durch die aktuelle Politik eröffnet wurden, dann komme ich zu der bitteren Erkenntnis: Ich habe mein Leben höchstens zur Hälfte gelebt!

Was ist mir alles entgangen! Nahezu täglich werde ich mir über die entgangenen Chancen bewusst, und das verursacht in meinem Alter unendliche seelische Schmerzen! Denn nun kann ich das Entgangene nicht mehr nachholen!

Für mich bleibt nur noch der kleine Trost, den ich mir durch Ihre Unterstützung zu erkämpfen hoffe: jemanden zur Rechenschaft zu ziehen, der/die/das schuld ist an meinem Leid!

Wer/was hat bis heute verhindert, dass Menschen so leben konnten wie sie es heute können?

Welche Erfahrungen sind mir z.B. vorenthalten worden? Dadurch, dass ich von Kind an auf die Rolle „männlich“ festgelegt wurde?

Immer nur eine Partnerin penetrieren – und nie selbst einmal die Erfahrung machen dürfen, wie es ist, penetriert zu werden (ich meine jetzt nicht die unter gleichgeschlechtlichen Partnern übliche Form)!

Geschweige denn die Erfahrung der Schwangerschaft, des Gebärens, des Stillens! Immer nur als (in dem Punkt) impotenter Assistent daneben sitzen können!

Und gar nicht zu reden von den schillernden Variationsmöglichkeiten, die mit dem Begriff „Trans“ nur grob umrissen werden können! Welche Vielfalt bietet sich heute den jungen Menschen, die das Leben noch vor sich haben?!

Ich dagegen – und mit mir wie viele andere? – befinde mich nun außerhalb der Realisationsmöglichkeiten dieser Vielfalt, und muss rückblickend auf mein Leben feststellen, dass ich um einen wichtigen Teil meiner Verwirklichung betrogen wurde! Das ist sehr, sehr bitter!

Und damit stellt sich mir die Frage: wer/was hat verhindert, dass ich in diesem Deutschland so hätte leben können wie die Menschen heute, mit soviel Freiheit in der Wahl ihrer Geschlechteridentitäten und damit Lebenserfahrungen?!

Wen oder was kann ich dafür verantwortlich machen, auf welche Gesetze kann ich mich berufen, vor welche Gerichte gehört mein Fall?

Bitte unterstützen Sie mich bei meinem Wunsch nach Wiedergutmachung, als kleine Entschädigung dafür, dass man mir das Leben, das ich versäumte, nicht nachreichen kann.

Mit freundlichen Grüßen und Dank vorab!

Volker Freystedt

*Dieses Schreiben wurde als „Offener Brief“ verfasst, weil es mir zum einen nicht gelang, eine Postanschrift des Bundesfamilienministeriums zu finden, und weil ich zum anderen das Gefühl habe, stellvertretend für viele andere zu schreiben, denen es ähnlich geht wie mir.

** Ich bitte zu entschuldigen, dass ich noch unsicher bin in der praktischen Umsetzung der gegenderten Sprache!

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