Volker Wulle: Aus meinem Hartz-IV-Tagebuch

 In Politik (Inland), Wirtschaft

Volker Wulle, seit 2005 ALG-II-Bezieher, legt hier einen Bericht über seine ersten Hartz-IV-Erfahrungen vor. ‚Eigentlich’, von Hause aus, ist er Litograph, und er war als Grafiker tätig. Wer auf seine Website geht – www.frei-blog.blogspot.com – wird seine Könnerschaft auf diesem künstlerischen Gebiet ohne Einschränkung bestätigt finden. Und nun plagt sich Volker Wulle, seit über zehn Jahren schon, mit jenen Demütigungen herum, die an die Stelle der vormaligen Sozialhilfe getreten sind. – Wir danken dem Hamburger Laika-Verlag für die Erlaubnis, Volker Wulles Bericht bei uns veröffentlichen zu dürfen. Wulles Text entstammt dem Buch „Kaltes Land. Gegen die Verrohung der Bundesrepublik. Für eine humane Demokratie“, das unser Mitarbeiter Holdger Platta 2012 herausgegeben hat, gemeinsam mit dem Bremer Politologen Rudolph Bauer (bis 2002 an der Uni dort Professor für Wohlfahrtspolitik und Soziale Dienste). Das Buch enthält, neben zahlreichen Experten-Analysen des Menschenverelendungssystems Hartz-IV, noch zahlreiche weitere Erfahrungsberichte von Hartz-IV-Betroffenen.

Lebensmittel für Bedürftige – meine erste Erfahrung
Nun ist der Tag gekommen, der Zeitpunkt, den ich gefürchtet habe. Ich bin auf Lebensmittel angewiesen, welche die Supermärkte aussortieren, um die Armen in unserem Land zu ernähren.

Meine erste Erfahrung in der neu eingerichteten Verkaufsstelle der Caritas bei uns in Bad Camberg macht mich schnell mit den neuen Realitäten vertraut.

Bad Camberg ist keine Großstadt, und ich habe keinerlei Vergleichsmöglichkeiten. Jedenfalls hat dieser Laden nur freitags geöffnet, ein Umstand, der den Bedürftigen in Not keine wirkliche Hilfe bringt.

Mein Einkauf (1,50 Euro) besteht aus einer Packung frischer Champignons, einem Beutel Nudeln, einer Packung Würste sowie einer Dose Fisch. Mehr an Lebensmitteln finde ich nicht, die ich noch in ein paar Tagen hätte aufbrauchen können. Gemüse und Salat lasse ich liegen. Die Tomaten teilweise schon angeschimmelt, die Zucchini butterweich, der Salat vergammelt. Zeitungspapier dürfte wohl nahrhafter sein.

Außerdem ist der Andrang größer als das Angebot. Wer ein paar Minuten zu spät kommt, hat keine Chancen mehr. Und wer glaubt, dass sich die Menschen dabei rücksichtsvoll verhalten, der irrt. Es wird gedrängelt, geschubst und gerafft.

Lebensmittel für Bedürftige, Teil 2
Am gestrigen Tag konnte ich einfach nicht mehr weiterschreiben, da diese Eindrücke mir zu sehr in den Knochen steckten.

Es genügt nicht, dass ein Hilfebedürftiger seinen Leistungsbescheid vorlegt, er muß sich von der Stadt eine offizielle Bescheinigung ausstellen lassen. Für die Hilfebedürftigen bedeutet dies einen zusätzlichen Gang als Bittsteller, Demütigung also gleich doppelt.

Wer wühlt sich schon freiwillig und ohne Not durch aussortierte Lebensmittel?

Ich hatte vor ein paar Tagen darüber gelesen, dass sich von schätzungsweise 400 Berechtigten in Bad Camberg nur ein geringer Teil diesen sogenannten „Bad-Camberg-Pass“ besorgt. Dieser Pass bietet unter anderem auch noch Vergünstigungen für das Freibad und für Veranstaltungen an. Doch selbst zu den billigsten Preisen kann ich keinen Gebrauch machen von diesen Vergünstigungen. Kein Geld dafür, nichtmal dann, wenn das alles nur halb so viel kostet.

Ich schrieb, dass die Nachfrage bei der Lebensmittelausgabe größer war als das Angebot.
„Kommen sie um 17 Uhr noch einmal vorbei“, hatte eine ehrenamtliche Helferin zu mir gesagt.
Ich habe an diesem Tag diesen Laden nicht noch einmal besucht.

Als ich an der Schlange der Wartenden zurückging, sah ich nur Menschen, die entweder ihren Blick auf den Boden richteten oder mich verlegen anlachten. Schamgefühl, Hilflosigkeit, Resignation.

Nein, ich schäme mich meiner Armut nicht, bin nicht Schuld daran. Und dennoch schafft sie es, meinen aufrechten Gang zu beugen, ein Automatismus der geschlagenen Seele.

In Situationen wie dieser spüre ich es deutlich, das Gefühl des Kleinseins und der Ohnmacht.
Noch kann ich von mir behaupten, gegensteuern zu können, aber: wie lange noch? Wie lange kann ich noch meine psychischen Kräfte mobilisieren? Die letzten Reste meines Selbstbewußtseins zusammenhalten? – Eine Frage, die meinen Alltag prägt, mein restliches Leben zwischen Weiterbewilligungsanträgen und dem Bettlerstatus, zwischen Gängelei, Drohungen und Fesseln.

Ich treffe immer wieder auf Menschen, die aufgegeben haben, die inzwischen ohne Hoffnung sind und nur noch ein Gefühl kennen: Angst.

Mitten in der Nacht wache ich auf, und mein erster Gedanke ist: ‚Ich komme aus Hartz IV nicht mehr heraus. Keine Chance mehr…“

Aus der Hand in den Mund
Nun ist es schon wieder ein halbes Jahr her, seit mir meine Stelle (25 Stunden in der Woche) bei der Stadtjugendpflege gekündigt wurde, und ich finde keinen Zuverdienst, der meine Not in Hartz IV etwas lindern würde. Ich lebe in einer Kleinstadt, von daher ist es eh schon schwieriger, wenigstens eine geringfügige Arbeit zu finden.

Ich besitze ein Paar alte Schuhe, die an einer Seite aufgeplatzt sind, ohne Schnürsenkel (kann ich mir nicht mehr leisten), und die normalerweise ein Fall für den Müll wären. Manchmal ziehe ich sie an, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, ein Test, ein „Sich-Daran-Gewöhnen“ für die Zeit, da meine Kleidung sowie meine Schuhe zerschlissen sein werden und mir keine andere Wahl mehr bleiben wird, als in solcher Bekleidung herumzulaufen.

Meine Bekleidung hält noch für einige Zeit durch, die Schuhe vielleicht noch zwei Jahre, nicht aber mehr meine Badehandtücher, die Unterwäsche und die Strümpfe, die T-Shirts und die Bettlaken.

Ich hatte in den letzten Jahren immer wieder das Glück, auf Flohmärkten für wenig Geld Waren zu finden, die fast neuwertig waren. Jetzt habe ich nicht einmal mehr die finanzielle Möglichkeit für einen Flohmarktbesuch.

Ärztliche Untersuchung mit Vorgabe
Vor ein paar Wochen wieder einmal die Einladung meines Sachbearbeiters zu einem Fünf-Minuten-Gespräch: „Wir sind dafür da, sie wieder in Arbeit zu bringen.“

Eine Standardaussage, über die ich nur lächeln kann, da es keine Chance mehr für mich gibt, über Arbeit meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, um aus dieser entmündigenden Hart- 4-Falle herauszukommen.

Herr X gibt mir zu verstehen, dass ich an einer Maßnahme teilnehmen müsse, die mir erneut die Chance bieten könne, über ein Praktikum einen Arbeitsplatz zu finden. Allerdings nicht mehr in meinem früheren Beruf, dies sei einzusehen, aber möglicherweise irgendwo sonst.

Ich teile meinem Sachbearbeiter mit, dass ich momentan nicht in der Lage sei, an einer solchen Maßnahme teilzunehmen. Begründung: Panikattacken, denen ich bei einer Zugfahrt nach Limburg (20 km von meinem Wohnort entfernt) mehr oder weniger hilflos ausgesetzt sei.

Am Ende des Gesprächs unterschreibe ich einen weiteren Eingliederungsvertrag (Vertrag zur Eingliederung in die Gesellschaft), mit der Zielangabe: medizinisches Gutachten zur Feststellung der beruflichen Leistungsfähigkeit, auszuführen vom Ärztlichen Dienst der Arbeitsagentur. Das Ergebnis würde er dann mit mir besprechen. Abschließende Bemerkung meines Sachbearbeiters: „Damit sind Sie auf der sicheren Seite – und wir auch.“

Heute hatte ich diesen Termin beim Gesundheitsamt in Limburg.

Der untersuchende Arzt liest mir, den Blick auf seinen PC gerichtet, folgende Fragen vor: Schulausbildung? Berufsausbildung? Familienstand? Rauchen sie? Trinken sie? Nehmen sie Drogen? Medikamente? Körperliche Beschwerden? Sind sie aufgrund ihrer Panikatacken in Behandlung?

Nein, das sei ich nicht, da die Nachfrage nach solchen Therapien das Angebot bei weitem übersteige.

Irgendeine Frage nach meiner realen Lebenssituation, zu den sozialen und materiellen Bedingungen meiner Existenz stellt der untersuchende Arzt nicht.

Ergebnis: da ich momentan nicht in Behandlung sei, müsse ich alles weitere mit meinem Jobcenter klären. Heißt wohl: bis auf weiteres voll einsatzfähig, keine Beeinträchtigung.

Abschließend, zur Bekräftigung dieser Diagnose, auch dieses noch: ich solle meine Arme in die Höhe strecken… fallen lassen … mein Knie zusammenpressen und meinem Begutachter mit all meiner Kraft die Hand drücken. Der untersuchende Arzt: “ Noch kräftiger, bis es in Ihrem oder in meinem Handgelenk knackt!“ Es knackt, ich weiß nicht, bei wem.

Dann darf ich gehen.

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