Vollkommene Freiheit ist Gottesdienst – Aldous Huxley

 in FEATURED, Kultur, Spiritualität

Aldous Huxley

„Schöne neue Welt“ erschien schon 1932, als noch nicht jeder mittelmäßige Science fiction-Film „dystopische“ (also negativ-utopische) Elemente enthielt. Sein Roman gibt bis heute zu denken, weil er eine totalüberwachte, durchorganisierte und durch künstlich induziertes „Glück“ befriedete Gesellschaft zeit. Als Mystiker wird der Schriftsteller jedoch selten gesehen. Dabei sind immer auch veränderte Bewusstseinszustände sein Thema, wie auch in „Eiland“ (1962). Huxley gehört zu den Begründern der vergleichenden Religionsbetrachtung, die den Geist aus der Verengung durch nur eine Konfession herausführt. So etwa in seinem Buch „Die ewige Philosohie“, die mystische Texte verschiedener Kulturkreise sammelte. Roland Ropers porträtiert einen Huxley, der für viele Menschen „neu“ sein dürfte.  Roland Ropers

In seinem Buch „Mystiker unserer Zeit im Porträt“ – erhältlich im Sturm-und-Klang-Shop – beschreibt Roland Ropers 75 spirituelle Persönlichkeiten. Er skizziert ihre Lebensläufe und zitiert zentrale Aussagen aus ihren Werken. Dabei überwindet der Autor nicht nur die Grenzen zwischen den Religionen, indem er z.B. Mystiker mit christlichem, buddhistischem und hinduistischem Hintergrund porträtiert – er beleuchtet auch u.a. den Weg eines Rainer Maria Rilke, Leonard Bernstein, Martin Luther King oder des Physikers Hans-Peter Dürr. Es entsteht der Eindruck, dass Gottberührung überall und auf sehr verschiedenen Wegen geschehen kann.

Aldous Leonard Huxley wurde am 26. Juli 1894 in Godalming, Süd-England, als Sohn eines Schriftstellers geboren. Seine Romane erzählen von der Entmenschlichung durch den wissenschaftlichen Fortschritt. Sein bis heute bekanntestes Werk ist der Roman „Schöne neue Welt“ aus dem Jahr 1932. In seiner späteren Schaffensperiode wandte er sich der mystischen Philosophie zu. Er unterrichtete am elitären Eton College Französisch, wo u.a. Eric Blair (bekannt als George Orwell) zu seinen Schülern zählte, und studierte Literatur in Oxford. Er beschäftigte sich in seiner zweiten Schaffensphase intensiv mit den großen Weisheitslehren: Er suchte in den transzendenten Wahrheiten der heiligen Schriften und den lebendigen Erfahrungen der Mystiker Europas und des Nahen und Fernen Ostens nach Erkenntnis der göttlichen Wirklichkeit hinter der vielschichtigen Welt der Dinge, des Lebens und des menschlichen Geistes.

Die Früchte seiner Arbeit sind in diesem, erstmals 1944 (in Deutschland 1949) veröffentlichten Werk zu finden: In „Die ewige Philosophie“ stellt er religiöse und mystische Texte verschiedener Kulturkreise aus drei Jahrtausenden zu verschiedenen Themen zusammen und bettet sie in seinen eigenen Kommentar ein. Letzterer dient dazu, die Zitate zu verbinden, Gedankengänge zu entwickeln, zu veranschaulichen und zu erläutern. Quintessenz dieser Anthologie ist die verblüffende Ähnlichkeit, die Universalität dessen, was die großen Weisen aller Zeiten und Kontinente gelehrt haben – tatsächlich eine philosophia perennis.

In den letzten Jahren ist verschiedentlich versucht worden, ein System empirischer Theologie auszuarbeiten. Der Versuch hat jedoch – trotz des Scharfsinns von Schriftstellern wie Sorley, Oman und Tennant – nur teilweise zum Erfolg geführt. Die empirische Theologie klingt selbst aus dem Munde ihrer fähigsten Verfechter nicht besonders überzeugend. Der Grund dafür liegt meines Erachtens darin, dass die empirischen Theologen ihre Aufmerksamkeit mehr oder weniger ausschließlich der Erfahrung derer gewidmet haben, die von Theologen einer älteren Schule als „nicht wiedergeboren“ bezeichnet wurden – Menschen, die in der Erfüllung der Bedingungen für die spirituelle Erkenntnis nicht sehr weit gekommen sind. Und genauso kann uns kein noch so umfassendes Theoretisieren über Fakten, die im Rahmen der gewöhnlichen, nicht „wiedergeborenen“ Erfahrung der mannigfaltigen Welt dunkel erahnt werden, je so viel über die göttliche Wirklichkeit vermitteln, wie von einem menschlichen Geist wahrgenommen wird, der frei von allem Anhaften und Hochmut und voll von Liebe ist. Die Gewissheit, die auf direkter Wahrnehmung beruht, lässt sich naturgemäß nur von denen erlangen, die mit dem ethischen „Astrolabium der Geheimnisse Gottes“ ausgerüstet sind. Ist man selbst kein Weiser oder Heiliger, so sollte man am besten die Metaphysik derer studieren, die Weise und Heilige waren …

1937 zog Huxley von England nach Kalifornien. Hier setzte sein neuer Wirkungsbereich ein, der geprägt war von einer besonderen Hinwendung zum Menschen. Der professionelle Kritiker und scharfzüngige Realist lernte 1938 den indischen Weisen Jiddu Krishnamurti kennen, dessen Gedankengut ihn sehr faszinierte. 1953 ließ sich Aldous Huxley auf ein von Humphry Osmond betreutes Experiment ein, welches die Wirkung von Meskalin auf die menschliche Psyche zum Inhalt hatte. In der folgenden Korrespondenz mit dem Autor prägten beide das Wort „psychedelic“ für die Wirkung dieser Substanz. Die Essays Pforten der Wahrnehmung – Himmel und Hölle beschreiben diese Wirkung und das Experiment, welchem er sich bis zu seinem Tod noch etwa zehnmal unterzog. 1955 starb Huxleys Frau Maria an Krebs.

1956 heiratete er die Geigerin, Schriftstellerin und Psychotherapeutin Laura Archera, die später eine Biografie Huxleys schrieb: „This Timeless Moment“. 1960 wurde bei Huxley Kehlkopfkrebs diagnostiziert. Danach verschlechterte sich sein Gesundheitszustand von Tag zu Tag. Er hielt Vorträge über Menschliche Potentiale (Human Potentialities) am Medical Center der University of California in San Francisco und am ESALEN Institute in Big Sur. Dort hatte der am 1. Juli 1931 in Prag geborene Psychiater und Psychotherapeut Stanislav Grof viele Jahre gearbeitet und Bewusstseinserweiterungen u.a. mit LSD herbeigeführt. Er gilt als einer der Begründer der transpersonalen Psychologie, die insbesondere spirituelle Erfahrungen berücksichtigt.

Am Nachmittag des 22. November 1963 starb Aldous Huxley in Los Angeles im Alter von 69 Jahren. Kurz vor seinem Tod ließ er sich von seiner Ehefrau Laura auf seinen Wunsch hin zweimal 100 Mikrogramm LSD verabreichen. Am Mittag desselben Tages fand das Attentat auf John F. Kennedy statt. Die Berichterstattung über dieses Ereignis überschattete die Meldung über Huxleys Tod, wie auch die Nachricht über den Tod des englischen Literaten C.S. Lewis, der ebenfalls am 22. November 1963 starb.

(Originalzitate aus: „Aldous Huxley, Die ewige Philosophie. Philosophia perennis“. Aus dem Englischen von H. R. Conrad, © 2008 Nietsch Verlag, Freiburg, ISBN: 979-3-939570-33-2)

Roland R. Ropers:

Mystiker und Weise unserer Zeit

Verlag topos premium

304 Seiten, € 20

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