Vom Glauben an den Krieg

 in FEATURED, Friedenspolitik

„Germania“ bekränzt einen sterbenden Soldaten. Propaganda-Postkarte, 1. Weltkrieg

…oder: Was Krieger so gemein haben. „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin!“ Das ist ein sehr bekannter Spruch. Im Ernstfall allerdings hält sich keiner dran. Dann würden ja die anderen, die Bösen, gewinnen, und das darf man nicht zulassen. Momentan sind sich die meisten einig, dass der russische Angriff mit allen Mitteln zurückgeschlagen werden muss – egal wie viel Tod und Zerstörung damit verbunden ist. Man selbst kann ja dann vom warmen Fernsehsessel aus zuschauen und Anfeuerungsrufe in Richtung Kiew erklingen lassen. Was aber, wenn sich die Ukraine nicht militärisch verteidigen würde – wenn es vielmehr Konzepte zivilen, gewaltfreien Widerstands gäbe? Auch dies wäre kein leichter Weg. Menschenleben könnten jedoch geschont werden, der Gegner beschämt und schließlich zum Aufgeben gezwungen werden… Vielleicht schicken Bürger deshalb junge Menschen in den Tod, weil sie wissen, dass sie sich im anderen Fall jedem Angreifer willig unterwerfen würden. Der Autor denkt in diesem Artikel ein Stück über die übliche Kriegslogik hinaus und nimmt dafür Anleihen bei einem deutschen Dichter, der sich geweigert hatte, den Tod fürs Vaterland „süß“ und „ehrenvoll“ zu finden. Bobby Langer

 

„Wenn es um die territoriale Integrität eines Landes geht,
müssen Menschenleben schon mal hintanstehen.“ (Volker Pispers)

Wir sind alle gegen den Krieg, alle. „Aber diesmal“, sagen mir viel zu viele, „machen wir eine Ausnahme.“ Warum das so ist? Dafür gibt es überzeugende Gründe. Ob sie gut sind, ist eine ganz andere Frage. Aber der Reihe nach.

Die einen sagen, wir müssen uns gegen den Westen und die NATO wehren, die anderen sagen, wir müssen uns gegen den russischen Totalitarismus wehren. Und beide haben sich auf den größten gemeinsamen Nenner geeinigt, den „Krieg“.

Dahinter, etwas mehr in der Tiefe, steckt ein weiterer gemeinsamer Nenner: die Angst, vom anderen System überrannt zu werden und ihm innerlich nicht widerstehen zu können, die Furcht vor der Auslöschung der eigenen Identität, die in Gegenwart des anderen erlöschen würde.

Damit verbunden ist ein dritter gemeinsamer Nenner: die Bereitschaft, dieser Angst zuliebe über Leichen zu gehen, wobei einen die jeweils gegnerischen Leichen die eigenen Toten verschmerzen (!) lassen und einen mit dem guten Glauben ausstatten, das Morden guten Gewissens fortsetzen zu dürfen.

Und auch hier stellt sich eine Gemeinsamkeit ein: Für keinen Kriegsteilnehmer ist das eigene Tun Mord, sondern nur das Tun des anderen, wodurch sich das eigene rechtfertigt. Und nicht nur das, der Krieg erscheint jedem geradezu moralisch notwendig, um dem Bösen in der Welt Einhalt zu gebieten.

Soweit also die überwältigenden Gemeinsamkeiten der Kriegsherren.

Wie aber, wenn einer von beiden dem Kriegsgedanken abschwören würde (was selbstverständlich jeder der beiden weit von sich weisen würde – die 5. Gemeinsamkeit)?

Nehmen wir einmal an, der schlaue Putin würde alle seine Glaubenssätze in die Mottenkiste packen, wo sie hingehören, seine Armee auflösen, die Waffen einschmelzen, die daraus gewonnenen Erze verkaufen und die augenblicklich freiwerdenden Milliarden seinem angeblich geliebten Volk übergeben.

Würde dann die NATO am nächsten Tag die russische Festung einnehmen, in Moskau einmarschieren, Putin liquidieren und die Russen in, sagen wir mal, Österreicher verwandeln? Und selbst wenn die ersten drei Umstände einträfen, die Verwandlung eines Russen in einen Österreicher – oder Franzosen ­– wäre unvorstellbar. Der Geist von Puschkin, Dostojewski, Tolstoi, Tschechow, Bulgakow und Aitmatow würden dies ebenso zuverlässig verhindern wie die Fanfaren von Tschaikowski, Mussorgsky, Rubinstein und Nikolai Rimski-Korsakow oder die russische Akademie der Wissenschaften.

Oder würde die NATO es Putin gleichtun?

Um es einfacher zu machen: Was geschähe, wenn die Ukrainer sich nicht wehren würden, wenn sie ihre Männer statt an die Front in den Untergrund schickten? Was geschähe, wenn keiner flüchten oder sterben würde fürs Vaterland? Wenn kein Ukrainer mit den Invasoren kollaborieren würde? Denn ein Land von der Größer der Ukraine lässt sich ohne Kollaboration unmöglich verwalten. Und was wäre, wenn die östlichen Provinzen sich Russland anschlössen? Nun, dann wären sie angeschlossen und niemand müsste dafür flüchten oder sterben. Dann wäre die Ukraine ein bisschen kleiner. Aber immer noch zig mal größer als Luxemburg, Lichtenstein, Monaco oder die Schweiz.

Dulce et decorum est pro patria mori – es ist süß und ehrenvoll, fürs Vaterland zu sterben. Diesen Satz des Horaz (aus dem Jahr ca. 65 v.Chr.) hat schon der junge Bert Brecht auf den Misthaufen der Geschichte geworfen. Damals, im Juni 1916, mitten im 1. Weltkrieg, wurde er wegen seines Spotts um ein Haar des Gymnasiums verwiesen. Was geschähe einem jungen Mann 2022 n.Chr. in Deutschland, Russland oder der Ukraine, würde auch er sich über diesen pathetischen Satz lustig machen? War der Dichter schon mit 18 Jahren klüger als alle heutigen europäischen Regierungen zusammen?

Was von Kriegspathos und dem Missbrauch nationalistischer Gefühle („…sie wollten nicht französisch sein, weil das eine Schande ist“) zu halten ist, fasste Bertolt Brecht, der kein Pazifist war, in der Legende vom toten Soldaten zusammen. Wem sie zum Lesen zu beschwerlich ist, kann sie sich auch HIER anhören.

Brechts Widmung im Erstdruck lautete übrigens: „Zum Gedächtnis des Infanteristen Christian Grumbeis, geboren den 11. April 1897, gestorben in der Karwoche 1918 in Karasin (Süd-Rußland). Friede seiner Asche! Er hat durchgehalten.“

Die Legende
vom toten Soldaten

Und als der Krieg im vierten Lenz
Keinen Ausblick auf Frieden bot
Da zog der Soldat seine Konsequenz
Und starb den Heldentod.

Der Krieg war aber noch nicht gar
Drum tat es dem Kaiser leid
Daß sein Soldat gestorben war:
Es schien ihm noch vor der Zeit.

Der Sommer zog über die Gräber her
Und der Soldat schlief schon
Da kam eines Nachts eine militär-
ische ärztliche Kommission.

Es zog die ärztliche Kommission
Zum Gottesacker hinaus
Und grub mit geweihtem Spaten den
Gefallnen Soldaten aus.

Der Doktor besah den Soldaten genau
Oder was von ihm noch da war
Und der Doktor fand, der Soldat war k. v.
Und er drückte sich vor der Gefahr.

Und sie nahmen sogleich den Soldaten mit
Die Nacht war blau und schön.
Man konnte, wenn man keinen Helm aufhatte
Die Sterne der Heimat sehn.

Sie schütteten ihm einen feurigen Schnaps
In den verwesten Leib
Und hängten zwei Schwestern in seinen Arm
Und ein halb entblößtes Weib.

Und weil der Soldat nach Verwesung stinkt
Drum hinkt ein Pfaffe voran
Der über ihn ein Weihrauchfaß schwingt
Daß er nicht stinken kann.

Voran die Musik mit Tschindrara
Spielt einen flotten Marsch.
Und der Soldat, so wie er’s gelernt
Schmeißt seine Beine vom Arsch.

Und brüderlich den Arm um ihn
Zwei Sanitäter gehn
Sonst flöge er noch in den Dreck ihnen hin
Und das darf nicht geschehn.

Sie malten auf sein Leichenhemd
Die Farben Schwarz-Weiß-Rot
Und trugen’s vor ihm her; man sah
Vor Farben nicht mehr den Kot.

Ein Herr im Frack schritt auch voran
Mit einer gestärkten Brust
Der war sich als ein deutscher Mann
Seiner Pflicht genau bewußt.

So zogen sie mit Tschindrara
Hinab die dunkle Chaussee
Und der Soldat zog taumelnd mit
Wie im Sturm die Flocke Schnee.

Die Katzen und die Hunde schrein
Die Ratzen im Feld pfeifen wüst:
Sie wollen nicht französisch sein
Weil das eine Schande ist.

Und wenn sie durch die Dörfer ziehn
Waren alle Weiber da
Die Bäume verneigten sich, Vollmond schien
Und alles schrie hurra.

Mit Tschindrara und Wiedersehn!
Und Weib und Hund und Pfaff!
Und mitten drin der tote Soldat
Wie ein besoffner Aff.

Und wenn sie durch die Dörfer ziehn
Kommt’s, daß ihn keiner sah
So viele waren herum um ihn
Mit Tschindra und Hurra.

So viele tanzten und johlten um ihn
Daß ihn keiner sah.
Man konnte ihn einzig von oben noch sehn
Und da sind nur Sterne da.

Die Sterne sind nicht immer da
Es kommt ein Morgenrot.
Doch der Soldat, so wie er’s gelernt
Zieht in den Heldentod.

Aber wie gesagt: Wir sind alle gegen den Krieg. Wie wäre es, wenn wir’s tatsächlich wären? Und was wären die Konsequenzen?

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