Vom Kult der Gewalt zur Kultur des Friedens (2/2)

 In Ellen Diederich, FEATURED, Politik

Ellen Diederich

Der Frieden braucht Erinnerung: Erinnerung an die Schrecken des Krieges. Erinnerung auch an die Bemühungen von AktivistInnen früherer Zeiten, den Frieden zu bewahren und wiederherzustellen. Aus ihren Erfahrungen können wir lernen, können Kraft schöpfen, können vor allem sehen, dass die duldsame Inaktivität der meisten Menschen heute keineswegs „alternativlos“ ist. Erinnerung aber hat auch eine materielle Basis: Foto-, Ton- und Bilddokumente wollen bewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Weggefährtinnen Ellen Diederich und Fasis Jansen (gest. 1997) haben über Jahrzehnte friedlich gekämpft, dokumentiert, gesammeln… Das Archiv, heute „Internationales Friedensarchiv Fasia Jansen“, ist jedoch gefährdet. Unsere Autorin Ellen Diederich bittet um Mithilfe. (Hier geht’s zum 1. Teil dieses Artikels)

„Es geht nicht nur ums Gärtnern, sondern um den ganzen Menschen!“

Friedensarbeiterin und Frauenaktivistin Ellen Diederich

Im Jahr 2008 initiierte ich den ersten Interkulturellen Frauengarten in Oberhausen.

(siehe auch: Ellen Diederich, Interkultureller Frauengarten „Rose“, Oberhausen, Garten, Heil- und Wildkräuterprojekt Broschüre)

„Als ich vom Hauptbahnhof Oberhausens zur Wohnung von Ellen Diederich laufe, wirkt die Innenstadt von Alt-Oberhausen, in der ihre Wohnung liegt, wenig einladend. Trotz intensiver Aufwertungsbemühungen im Rahmen des Förderprogramms „Soziale Stadt“ (Tiehl & Jordan-Ecker 2010) sind Arbeitslosigkeit, hohe Flächenversiegelung und Leerstand immer noch prägend. In Oberhausen hatte man mit einem enormen Einkaufszentrum eine so genannte Neue Mitte geschaffen und damit die traditionelle Innenstadt Oberhausens, im zentralen Stadtteil Alt-Oberhausen, noch weiter abgewertet. So finde ich in der tristen Fußgängerzone wenig Fußgänger, dafür aber auffallend viele leer stehende Läden.

In völligem Kontrast hierzu steht die Altbauwohnung von Ellen Diederich, die einem exotischen Archiv außergewöhnlicher Volkskunst gleicht und durch die sie mich bei unserer ersten Begegnung gerne führt. Ellen Diederich hat im Zuge ihrer Aktivitäten als Friedens- und Frauenaktivistin durch europäische, afrikanische, asiatische und südamerikanische Länder außergewöhnliche Gegenstände und Dokumente mitgebracht. Seit 52 Jahren macht sie Friedensarbeit, war in vielen Kriegs- und Notstandsgebieten, um Öffentlichkeit herzustellen und den Betroffenen zu zeigen: Ihr seid nicht allein! Im Wohnzimmer steht zentral – da, wo sonst der Fernseher steht – ein ca. 60 x 60 x 80 cm großer hausförmiger Kasten, ein so genanntes Retablo, voll mit handgefertigten Figuren aus einer peruanischen Andenregion. Sie erklärt mir die darin nachgestellte Szene, die auf ein einmal im Jahr stattfindendes Volksfest in Peru (Fiesta de Sangre) zurückgeht, bei dem ein riesiger Vogel, ein Kondor, von der Dorfgemeinschaft gefangen wird. Man lässt diesen Aasfresser sich an einem alten geschlachteten Tier vollfressen (er kann dann nicht mehr wegfliegen). Vorsichtig wird er ins Dorf getragen. Eine Woche lang wird ein Fest mit Musik und Tanz gefeiert. Am Ende des Festes wird der Kondor auf einen Stier gebunden, früher tötete er diesen dann. Heute wird ihm der Schnabel zugebunden, dennoch überwindet er den Stier in einem symbolischen Akt. Der Kondor ist das Symbol für die Urbevölkerung, der Stier das für die Kolonisatoren. Mit dem Hinweis, dass die Urbevölkerung irgendwann wieder selbständig über ihr Land bestimmen wird, beendet Ellen Diederich ihre Schilderung aus einer fremden Welt. In dieser Szenerie spiegeln sich letztlich schon die Motive der Aktivistin Diederich, die ihr Engagement bestimmen und antreiben: Emanzipation, Selbstermächtigung und Befreiung von hemmenden und ungerechten Strukturen; seien es solche des Krieges, des Hungers, der Arbeitslosigkeit, der Umgang mit Flüchtlingen oder Frauen mit und ohne Migrationshintergrund.

Die Musikinstrumente, teils mysteriös wirkenden Kunstgegenstände und Exponate aus Holz, Stoff, Ton, geflochtenem Stroh und anderen Materialen symbolisieren Friedensvorstellungen und Sehnsüchte, sie machen Diederichs Wohnung zu einem Fenster in die Ferne im trist wirkenden Oberhausen. Sie füllen Regale, die bis unter die Decke reichen, worin sich zahlreiche Dokumente und Videos – Material eines von ihr aufgebauten, internationalen Frauenfriedensarchivs – stapeln. Zu jedem Gegenstand kann Diederich auf eine ruhige, gelassene Art eine neue, persönliche Geschichte erzählen. Die Kinder aus vielen Ländern, mit denen sie über Jahre ein pädagogisches Projekt „Das Haus auf dem blauen Planeten“ zum Begreifen und zum Verständnis anderer Kulturen durchführte, müssen ebenso erstaunt in ihrer Wohnung gestanden haben, die Kinder reagierten mit den Worten:

„So wie du lebt ja keiner, das ist ja ein Abenteuerspielplatz“.

Archiv – Gruppe von Frauen und Kindern – Tonarbeit Peru

Ihre internationale Sammlung bringt auch ein gewisses Fernweh zum Ausdruck: Schließlich steht ihre persönliche Vergangenheit in einem Gegensatz zu ihrem heutigen Leben, das nach vielen Jahren des beständigen Reisens und Wohnortwechsels nun vor allem an einem Ort, in Oberhausen, stattfindet. An diesen Ort ist sie heute durch gesundheitliche Umstände sowie ihre Altersarmut geographisch, aber auch sozial stark gebunden. Auch die Kinder, Familien und Frauen, für die sich Ellen Diederich in Oberhausen engagiert, sind durch ihren Status (Flüchtlinge) oder soziale Lage (Armut oder prekäre Arbeitsverhältnisse) ebenfalls sehr auf Oberhausen oder gar nur ihren Stadtteil beschränkt. Dennoch verweist Frau Diederichs Engagement für Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund über die räumlichen Grenzen Oberhausens hinaus, schließlich kehrt so die von ihr vermisste Internationalität wiederum in ihren Lebensalltag zurück.“

(Text: Sophia Schönborn in: Geschichten einer Region, AgentInnen des Wandels für ein nachhaltiges Ruhrgebiet)

„Wenn Kinderaugen beim Betreten ihrer Wohnung ins Leuchten kommen, so tun es die Augen eines Erwachsenen unweigerlich auch. Fast könnte man meinen, man betritt ein lebendiges Museum für gelebte und praktizierte weltweite Frauen- Friedensarbeit. Symbolträchtige Skulpturen aus allen Erdteilen von künstlerischen Händen einfacher Widerstandskämpferinnen und Friedensaktivistinnen hergestellt, große, eindrucksvolle Wandbehänge, kunstvoll bestickt mit Friedenssymbolen aus aller Welt, eine riesige Sammlung an interessanten Büchern, Friedensliedern, Friedensgedichten und Videokassetten, die Friedensmärsche, Weltfrauenkonferenzen für Frieden, Tagungen und Seminare über Kriegs- und Krisengebieten,  dokumentarische Rundfunksendungen zum Thema Friedensaktionen, Fotoausstellungen und prägende Gesichter der Friedensbewegung dokumentieren, all das findet man in einer kleinen, bescheidenen, aber hübsch gestalteten Wohnung. Jedes Stück in der Wohnung ist ein erlesenes Original und dokumentiert das bewegte Leben von Ellen Diederich, ihrer Wegbegleiter/Innen und vieler Friedensaktivistinnen, die sich zeitlebens gegen unkontrolliertes Machtstreben, Menschen vernichtende Kriege und für den Erhalt des Friedens engagiert haben und sich bis zum heutigen Tag engagieren.
Ellen Diederich ist keinem Museum vergangener Tage zuzuordnen. In ihrer Person und Persönlichkeit lebt der praktizierte Frieden von innen her. Er strahlt auf all die Menschen aus, die von ihr lesen, von ihr hören oder mit ihr persönlich in Kontakt treten.“
(Bettina Beckroege)

Im Kontext unserer Aktionen und Arbeit trafen wir eine Reihe von Menschen, die uns nachhaltig beeindruckt haben.  Es entstanden tiefe Freundschaften, so zu der türkischen Schriftstellerin Pinar Selek und der afroamerikanischen Aktivistin Angela Davis. Solche Begegnungen lassen die schwere Seite der Friedensarbeit aushalten.

„Ellen – Noch immer will sie Welt verändern“ (Auszug)

Später ging ich zu ihr nach Oberhausen, in ihre Wohnung. Ihre Wohnung ist ein Ausstellungsort, fast ein Museum, ein Spiegelbild ihrer Erfahrungen. Das ist ein existentialistisches Bild, in dem ihre ganzen gedanklichen und seelischen Erfahrungen und Erinnerungen, was sie angefasst, was sie gesehen und womit sie sich beschäftigt, wofür sie gekämpft hat, am Leben gehalten wird.

In der Wohnung sieht man sofort große Bilder von ihrem Freund Rudi Dutschke, ihrer Freundin Fasia Jansen und eine Ecke mit Frida Kahlo. Die Wohnung ist wie ein Schauplatz, auf dem sich die Erinnerungen vieler Kämpfe der Welt zeigen, nicht nur mit Fotos, Skulpturen sondern auch mit Büchern, Heften, Notizen, Fotos, Videos und vielen anderen Dingen. (…) Im Hof sind die gemieteten Räume für die Öffentlichkeit, in denen Dokumente einer 50- jährigen Friedensarbeit und der Frauenbewegung in einem Archiv stehen. Ich fasste mit voller Aufregung einiges an, meine Augen staunten, umarmte die jung gebliebene, alte-junge Frau, die mich mit ihren fragenden Augen „na, was machen wir jetzt?“ erblickte.

Göttinnen aus der alten minoischen Kultur auf Kreta. Bei allen Ausgrabungen hat man nicht eine Abbildung einer Waffe gefunden

Danach fingen wir an gemeinsam einiges zu machen und ich wurde Zeugin, wie sie unermüdlich oder ohne ihre Müdigkeit wahrzunehmen von einer Aktivität zu der Anderen, von einer Konferenz zu Anderen ging, über eine kleine positive Entwicklung auf der Welt sich freute, über die kleinen negativen Dinge sich ärgerte, Sorgen machte.“

(Die türkische Schriftstellerin Pinar Selek für die türkische Frauenzeitung Amargi)

Pinar wurde unter falschen Anschuldigungen, sie habe eine Bombe auf einem Markt in Istanbul gezündet, durch die türkische Regierung verfolgt, war zwei Jahre im Gefängnis, wurde schwer gefoltert. Die „Bombe“ war die Explosion einer Gasflasche von einem Stand auf diesem Markt. Pinar war zu diesem Zeitpunkt nicht auf dem Markt. Sie hatte vorher ein Buch über die Lage der Kurden geschrieben. Die Polizei wollte die Namen der Interviewpartner von Pinar haben. Sie weigerte sich, die Namen herauszugeben. In mehreren Prozessen wurde sie angeklagt, immer wieder freigesprochen, die Gerichte legten jeweils Berufung ein.  Zuletzt sollte sie lebenslanges Gefängnis unter erschwerten Bedingungen bekommen. Sie konnte fliehen, bekam ein Stipendium der Heinrich Böll Stiftung, später vom deutschen Schriftstellerverband. Ich versuchte, sie so gut wie möglich, zu stützen, eine tiefe Freundschaft entstand. Sie schrieb mir:

„Liebe Ellen,

Unsere Freundschaft wird ein Leben lang gelten. Dein Wesen hat mir immer Kraft gegeben. Mit der Hoffnung, dass wir uns öfter sehen, mit Liebe, mit Liebe, mit Liebe.

Pinar“

Pinar ging dann nach Frankreich, wo sie heute lebt und wo sie Asyl erhalten hat. Einige ihrer Bücher sind inzwischen ins Deutsche übersetzt: „Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt“, „Frau im Exil“ …

Die afroamerikanische Aktivistin, Schriftstellerin und Professorin Angela Davis

In der Zeit, in der sie zu Unrecht wegen Mord, Entführung und Verschwörung durch den damaligen Gouverneur von Kalifornien, Ronald Reagan, angeklagt war, beteiligten wir uns an den weltweiten Protestaktionen gegen diese Anklagen und für ihre Befreiung. Sie wurde nach fast zwei Jahren Gefängnis in allen Punkten freigesprochen.

Siehe auch: Ellen Diederich: Das „andere“ Amerika, Angela Davis – ein Porträt:

„Die Revolution ist eine ernste Sache. Wenn man sich zum Kampf verpflichtet, muss es fürs ganze Leben sein.“

Veröffentlicht u.a. bei Friedenspolitischer Ratschlag Kassel, 10.1.2005, Junge Welt 7.1.2005

Ich lud Angela ein, sich an den Blockadeaktionen gegen die Atomtests im Atomtestgebiet der USA, in Nevada zu beteiligen. Zusammen mit der indianischen Nation der Western Shoshone, die dort seit tausenden von Jahren lebt, organisierten wir über Jahre diese Protestaktionen mit. Den Shoshone wurde ihr Land für das Testgelände – es ist etwa so groß wie Dänemark – weggenommen und durch die Tests zerstört. Die Sprengkraft von 14.ooo Hiroshimabomben wurde dort, zunächst oberirdisch, dann in subkritischen Tests unterirdisch entfesselt.

Angela Davis und Ellen am Eingang zum Atomtestgebiet in Nevada 1997

Wir lernten Angela 1985 bei der UN Frauenkonferenz in Nairobi, Kenia persönlich kennen, luden sie ein, in dem von uns organisierten Friedenszelt zu sprechen. Das Zelt war ein Ort, in dem Frauen aus so genannten Feindesländern in den Dialog kommen konnten. 14.000 Frauen aus der ganzen Welt waren zu dieser Konferenz nach Nairobi gekommen.

1998 am 50. Jahrestag der UN Menschenrechtsdeklaration in Paris trafen wir Angela wieder. Der zu der Zeit amtierende Generalsekretär der UN, Kofi Annan, sagte u.a.: Die etwa 2.000 Menschen, die an diesem Treffen teilnahmen, seien für ihn die wahren Vereinten Nationen. Es waren Menschen, die ihr Leben lang für die Menschenrechte eingetreten waren. Viele von ihnen hatten deswegen Gefängnis und Diskriminierungen erlebt.

1987 beteiligten wir uns an dem weltweiten Friedenstreffen von 3.000 Frauen aus der ganzen Welt.  Raissa und Michael Gorbatschow und die IdFF (Intern. demokratische Frauenföderation) hatten zu diesem Treffen in den Kreml nach Moskau eingeladen. Zum ersten Mal in der Geschichte so viele Frauen in den heiligen Hallen des Kreml!  Ein schönes Bild. Zu der Zeit waren Fasia und ich mit unserem Friedensbus für ein halbes Jahr quer durch Europa unterwegs. Unser Ziel war: Abbau von Feindbildern.  Vor allem in den Ländern, die man uns als „Feindesland“ deklariert hatte.

Diese Aktion wurde bei dem Kongress als ein gutes Beispiel aktueller Friedensarbeit vorgestellt.

Nach dem Tod meiner Freundin Fasia lud mich Angela Davis ein, sie für eine Weile in Kalifornien zu besuchen.  Anschließend schrieb sie mir:

 „Dear Ellen,

Thank you for your loving spirit, for your tireless dedication to life and most of all for the friendship and love that infuses everything you do. I feel honoured to call myself your friend.

With all my love

Angela Davis”

Als ein Beispiel für die praktische Arbeit des Frauenfriedensarchivs möchte ich den Kampf, die Aktionen und Dokumentationen über die Revolte der Zapatisten in Chiapas/Mexiko vorstellen. Ihnen geht es neben den Forderungen nach einem besseren Leben auch um die Befreiung der Frauen aus alten, sie unterdrückenden Strukturen. Unsere Arbeit in diesem Kontext: Wir beteiligten uns an Aktionen in Chiapas, dokumentierten die Lage in Artikeln und einer Broschüre, erarbeiteten eine Fotoausstellung, die an vielen Orten gezeigt wurde.

Die Zapatisten in Chiapas/Mexiko:

!Ya basta! – Es reicht!

Eine Zeitlang war ich bei den Zapatisten in Chiapas/Mexiko. Dort lernte ich viel über Basisdemokratie. Ihre Revolte begann am 1. Januar 1994, dem Tag des Inkrafttretens des NAFTA Vertrages (North Atlantic Treaty Agreement). Dieser Tag wurde gewählt, weil dieser Vertrag zwischen Kanada, den USA und Mexiko in erster Linie die grenzenlose Ausbeutung Mexikos durch die internationalen Konzerne bedeutet. Die großen Öl- und Gaskonzerne beuten die Vorkommen Chiapas ohne Rücksicht auf Umweltschäden aus. Entlang der Grenze zwischen den USA und Mexiko entstanden auf der Seite Mexikos die Maquiladores, billigste Produktionsstätten, in denen vorwiegend Frauen arbeiten. Endloser Arbeitstag, keine Arbeitsschutzbestimmungen, keine Krankenversorgung, keine Rentenzahlungen. US Konzerne wie Levy Strauss und andere verlegten ihre Produktion dorthin.

Die Zapatisten bewaffneten sich für ihren Kampf. „Wir bewaffnen uns in diesem Moment, damit sich so bald wie möglich niemand mehr bewaffnen muss!“ erklärten sie. Die Mexikanische Armee antwortete mit hoch technisierter Bewaffnung. Täglich kreisten Panzer durch die Dörfer, eine Reihe der Bauern verlor ihr Leben.

Für Chiapas, die an Bodenschätzen reiche Provinz Mexikos im Südosten bedeutet der NAFTA Vertrag vor allem, dass das seit der mexikanischen Revolution verbriefte Recht auf Gemeindeland den armen Indigena-Gemeinden weggenommen wird. Die Multis wollen Zugang zu jedem Quadratmeter Boden haben Die ohnehin grauenvolle Nahrungssituation der Urbevölkerung, Nachkommen der Mayas, wird hierdurch zur Katastrophe. Sie können nicht mal mehr so viel zu essen anbauen, dass ihre einfachsten Grundbedürfnisse befriedigt werden können. Ihre Einkommen gehören ohnehin zu den niedrigsten der Welt.

Marcos, einer der Sprecher der Zapatisten beschreibt:

Chiapas (und all die anderen Länder, die ausgebeutet werden) verblutet auf tausend Wegen: Öl- und Gaspipelines, Stromleitungen, Eisenbahnwagen, Bankkonten, Last- und Lieferwagen, Schiffe und Flugzeuge, klandestine Pfade, unbefestigte Straßen, Breschen und Schneisen. Dieses Land zahlt den Imperien weiterhin seinen Tribut: Öl, elektrische Energie, Vieh, Geld, Kaffee, Bananen, Honig, Mais, Kakao, Tabak, Zucker, Soja, Sorhum, Melonen, Mamey, Mango, Tamarinde, Avocados und chiapanekisches Blut fließen durch die tausendundeinen in die Gurgel des mexikanischen Südostens geschlagenen Reißzähne der Plünderung. Milliarden Tonnen an Rohstoffen werden zu den mexikanischen Häfen, den Eisenbahn-, Flug- und Lastwagenterminals geschafft. Es gibt viele Bestimmungsorte – USA, Kanada, Holland, Deutschland, Italien, Japan – aber ein einziges Ziel: das Imperium. Der Anteil, den der Kapitalismus dem Südosten abverlangt, versickert wie von Anfang an in Blut und Schlamm.“

(Subcommandante Marcos – Botschaften aus dem lakandonischen Urwald, Über den zapatistischen Aufstand in Mexiko, Hamburg 1996, S. 19 f.)

Eine gute Beschreibung dessen, wofür die G 20-Länder stehen! Es fehlt die Benennung der Kriege, die in diesem Kontext geführt werden!

Zapatistische Frau mit einem Kleid, aus einer US Fahne genäht

Also begannen die Zapatisten die Revolte gegen diese Verhältnisse. Sie nennen sich nach Emiliano Zapato, dem Führer der mexikanischen Revolution zu Anfang des 20sten Jahrhunderts.

Ihre Forderungen haben sie nach vielen Diskussionen und Gesprächen in den Dörfern formuliert:

Zugang zu Landbesitz, Beteiligung an der Politischen Macht von der lokalen über die regionalen bis zur Bundesebene, Zugang zu Wissen, Schulen, medizinischer Versorgung. Angehen der Unterdrückung der Frauen in den eigenen Gemeinden durch die Männer.

Die Frauen der Zapatisten gingen zwei Jahre lang in alle Dörfer, redeten mit den Frauen und formulierten aus diesen Ergebnissen das „Gesetz der Frau“.

Siehe auch: Ellen Diederich: !Ya basta! Es reicht! – Chiapas, Mexiko, Die Zapatistas – Die Rolle der Frauen, Broschüre des Internationalen Frauenfriedensarchivs.

Einige Forderungen der Frauen: Wir wollen uns nicht zwingen lassen, einen zu heiraten, den wir nicht mögen. Wir wollen die Kinder haben, die wir uns wünschen und für die wir sorgen können. Wir wollen das Recht, Posten in der Gemeinde zu besetzen. Wir wollen das Recht, unsere Meinung zu sagen, und dass sie respektiert wird.

Wir Frauen brauchen speziell Schulen, in denen wir lernen können, auch wenn wir schon älter sind. In den Gesetzen der Regierung gibt es nicht das Recht der Frauen, Land zu besitzen. Innerhalb unserer Rechte schon und wir wollen, dass sie anerkannt werden. Wir wollen Land besitzen und zwar gutes Ackerland, nicht die Steinhaufen, die wir jetzt haben.

Wir fordern ein Geburtshaus, weil eine Geburt dort leichter ist. Zu Hause liegt das Neugeborene auf dem Boden im Staub. Die Nabelschnur wird mit einer Machete, die der Mann zur Arbeit benutzt, durchtrennt. Die Menschen besitzen nicht das Nötigste, um Mütter und Kinder nach der Geburt ausreichend versorgen zu können. Weitere Forderungen: Kindergärten und Vorschulen und Nahrungsmittel für die an Hunger sterbenden Kinder. Bis jetzt gab es kein Gesetz der Frau. Das muss sich ändern, sagten die Frauen.

Bei einer großen Aktion in Atenco, im Mai 2006 für die Straßenhändlerinnen, die durch US-amerikanische Supermärkte vertrieben werden sollten, formulierte Marcos:

„Es gibt Frauen, die gegen gesellschaftliche Zustände rebellieren.

Frauen, die ihre eigene Existenz führen, anstatt um Erlaubnis zu fragen.

Frauen, die Gerechtigkeit fordern, anstatt um Verzeihung zu bitten.

Es gibt Frauen ohne Angst.

Euch zuhören, heißt, die Wirklichkeit sehen zu lernen.

Ein Hoch auf die Werte, die Ihr uns lehrt, und dass Ihr uns das Bewusstsein vermittelt, wenn wir dieses System nicht ändern, sind wir alle seine Komplizen.“

Wer ist dieser Marcos? Marcos ist ein Schwuler in San Francisco, Schwarzer in Südafrika, Asiat in Europa, Anarchist in Spanien, Palästinenser in Israel, Indigena in den Straßen von San Christobal, Jude in Deutschland, Feministin in politischen Parteien, Kommunist in der Zeit nach dem Kalten Krieg, Pazifist in Bosnien, Künstler ohne Galerie noch Aufträge, Guerillero in Mexiko im ausgehenden 20sten Jahrhunderts, Macho in der feministischen Bewegung, Bauer ohne Land, verarmter Verleger, arbeitsloser Arbeiter, Dissident im Neoliberalismus …

Letztendlich sind Marcos all die nicht tolerierten, unterdrückten Minderheiten, die nicht aufgeben, die explodierend „Ya basta“ (es reicht) schreien. All die, die in dem Moment Minderheit sind, wenn es darum geht, zu sprechen und Mehrheit, wenn es darum geht, zu schweigen und zu ertragen. All die Nicht–Tolerierten, die nach Worten suchen, ihren Worten, die diese ewigen Fragmente zur Mehrheit machen wird. Alles, was der Macht und den guten Gewissen unbequem ist, ist Marcos.“

(Postskriptum 31. Mai 1994, Subcommandante Marcos in: !Ya basta!, Topitas, Der Aufstand der Zapatistas, Verlag Libertäre Assoziation 1994, S. 8)

Heute engagieren sich die Zapatisten u.a. für die Lateinamerikanischen Migranten in den USA, gegen die von Trump geplante Mauer zwischen Mexiko und den USA.

Über Jahrzehnte hinweg war es vor allem ehrenamtliche Arbeit, die den Aufbau des Archivs und die Arbeit ermöglicht hat. Artikel zu Inhalten, um die es uns geht, sind u.a. auf der Seite, die Konstantin Wecker und Roland Rottenfußer herausgeben. www.hinter-den-schlagzeilen.de zu lesen.

Danke Euch für die Veröffentlichungen.

Ich bin erkrankt und kann die Arbeit, die Veranstaltungen, Fotoausstellungen usw. nicht mehr weitermachen. Meine Rente ist so gering, dass sie meinen Lebensunterhalt nicht deckt, für die Arbeit des Archivs bleibt nichts übrig. Ich suche nach Menschen, die sich für diese Arbeit interessieren und die mit überlegen möchten, wie das Archiv, all die Inhalte und Kunstgegenstände gerettet und weitergeführt werden können.

Es wäre schön, wenn es Interesse gibt und Ihr Euch bei mir meldet.

Poster zur 6monatigen Tour durch West- und Osteuropa mit dem Frauenfriedensbus

Liebe und Frieden

Eure

Ellen Diederich,

Lothringer Str. 64
46045 Oberhausen

Tel.: 0208/853607
email: friedensa@aol.com

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