Vor 100 Jahren: Antisemitismus – Kampfmittel gegen die Novemberrevolution

 In FEATURED, Politik (Inland)

Kurt Eisner, ermordet am 21. Februar 1919

Zur Geschichte des 9. November. Heute und kommende Woche veröffentlichen wir auf HdS zwei beachtenswerte Vorträge zur deutschen „Revolution“ 1918/19. – „Revolution“ in Anführungsstrichen? – Nun, beide Analysen werden belegen, dass von wirklicher, gar von grundlegender, Revolution in den Wochen nach dem Weltkriegsende kaum die Rede sein kann! Hubert Brieden, Historiker und Buchautor, Fachjournalist und Mitbetreiber des alternativen Internet-Senders „radioflora“ aus Hannover, legt in seiner eindrucksvollen Untersuchung zig Belege vor, dass es vor allem die SPD war, die seit dem Matrosenaufstand in Kiel am 9. November 1918 eine wirklich grundlegende – eben „revolutionäre“ – Umgestaltung der politisch-gesellschaftlichen Machtverhältnisse in Deutschland zu verhindern wusste – und verhindern wollte! Hubert Brieden (c), Vorspann: Holdger Platta

Von Friedrich Ebert, dem Vorsitzenden der SPD und Reichspräsidenten der Weimarer Republik bis 1925, ist der berühmt gewordene Satz überliefert: „Ich hasse die Revolution wie die Pest“. Und Gustav Noske, Volksbeauftragter der SPD, vor allem tätig im Militärbereich, trat Ebert zur Seite mit dem Satz: „Einer muss den Bluthund machen!“ Gemeint war damit vor allem die physische Liquidierung revolutionärer Kräften links von der SPD. Hinzukam, worauf Hubert Brieden in seiner sorgfältigen Studie hinweist, ein durchaus auch in der SPD virulenter Antisemitismus (der sich unter anderem gegen Rosa Luxemburg richtete und gegen Karl Liebknecht). Kurzum: auf Reichsebene scheiterte die grundlegende Umgestaltung der aus dem Kaiserreich überkommenen Gesellschaftsstrukturen also vor allem an der SPD und an deren Bündnis mit den reaktionären Kräften aus der untergegangenen Monarchie!

Und Ekkehard Just, Historiker und Ex-Archivar von Northeim, einem Städtchen unweit des Harzes, rund 20 Kilometer nördlich von Göttingen gelegen, wird uns morgen berichten müssen – ebenfalls nachzulesen auf HdS –, dass dort, in der südniedersächsischen Kleinstadt, die Revolution nicht einmal in der Bevölkerung „irgendwo“ ankam. Hubert Brieden hat uns seinen Beitrag exklusiv für HdS zur Verfügung gestellt. Dasselbe gilt für Ekkehard Justs Untersuchung. Bestürzend und bedrückend, analytisch präzise und hochinformativ dürften beide Rückblicke für uns sein.

 

Ab hier: Text von Hubert Brieden:

I. Ausgangspunkt
Vor 80 Jahren – in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 – organisierten die NS-Machthaber ein antijüdisches Pogrom, in dem etwa 400 Jüdinnen und Juden ermordet oder in den Suizid getrieben, Wohnungen, Geschäfte und Synagogen geplündert und zerstört wurden. Diese entfesselte Gewalt, an der sich NS-Führer und einfache Mitglieder beteiligten, war erst der Vorgeschmack von dem, was noch folgen sollte. Viele Menschen stehen heute fassungslos vor dem Ausmaß an Gewalt, wie sie bei der Vernichtung der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg und von anderen als minderwertig definierter Menschen zum Ausdruck kam. Wie konnte es zum Verlust jeglicher humanitärer Orientierung und kommen? Wie zum Verlust jeglichen Mitgefühls?

Besonders beim Angriff auf die Sowjetunion, Zentrum des „jüdisch-bolschewistischen“ Gegners, wie es im Nazijargon hieß, waren Gewaltexzesse und Massenmorde an der Tagesordnung, die alles an Grausamkeiten übertraf, was ohnehin in Kriegen üblich ist. Viele Täter identifizierten sich mit dem Massenmord und manche hatten Spaß dabei.

Der Kampf der Wehrmacht gegen bewaffneten Widerstand von Zivilisten bzw. Partisanen war immer auch ein Vernichtungskampf gegen die jüdische Bevölkerung. Judentum und Bolschewismus wurden gleichgesetzt.
Hitler selbst hatte bereits in einer Reichstagsrede am 30. Januar 1939 diesen Zusammenhang deutlich gemacht: „Ich will wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum innerhalb und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“

Bereits in seinem Pamphlet „Mein Kampf“ – geschrieben 1924 – hatte Hitler Judentum, Marxismus, Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung gleichgesetzt: „Dieses aber ist der wahre Kern der marxistischen Weltanschauung, soferne (sic) man diese Ausgeburt eines verbrecherischen Gehirns als ‚Weltanschauung’ bezeichnen darf. Mit der Zertrümmerung der Persönlichkeit und der Rasse fällt das wesentliche Hindernis für die Herrschaft des Minderwertigen – dieser aber ist der Jude.“

Sozialdemokraten und Kommunisten seien – so fabuliert er weiter – den Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg in den Rücken gefallen und daher verantwortlich für die Niederlage der deutschen Truppen. Das mache sie „reif für den Strick“. Der Mord an Persönlichkeiten aus der angeblich jüdisch beeinflussten Arbeiterbewegung stand also frühzeitig auf der Agenda der Nazis.

Bald nach Hitlers Rede, in der er die Vernichtung der Juden im Krieg ankündigte, aktualisierte das Oberkommando der Wehrmacht das Schulungsmaterial für den politischen Unterricht in der Truppe. Dort heißt es:

„Das Weltjudentum bekämpfen wir, wie man einen giftigen Parasiten bekämpfen muss; wir treffen in ihm nicht nur einen Feind unseres Volkes, sondern auch eine Plage aller Völker. Der Kampf gegen das Judentum ist ein sittlicher Kampf um die Reinheit und Gesundheit des gottgewollten Volkstums und für eine gerechtere Ordnung der Welt.“

Nicht nur in der Wehrmacht war klar, wie man Parasiten bekämpft.

II. Die Entwicklung des Antisemitismus

Seit Jahrhunderten hatte es einen Antijudaismus der christlichen Kirchen gegeben. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinden waren aus der christlichen Gesellschaft ausgegrenzt, verfolgt, enteignet, vertrieben und ermordet worden. Erst mit der Reichsverfassung von 1871 wurden die deutschen Juden rechtlich gleichgestellt, was jedoch nicht das Ende der Diskriminierungen im Alltag bedeutete.

Dem Börsenkrach von 1873 folgte im Deutschen Reich bis 1896 eine Phase verlangsamten Wirtschaftswachstums. Wirtschaftskrise, Zentralisierung und ausländische Konkurrenz führten zum Ruin großer Teile des Mittelstandes und des Kleinbürgertums. Nationalismus, verbunden mit einem jetzt nicht mehr religiös sondern biologistisch begründeten Antisemitismus (der Begriff entstand zu dieser Zeit in Deutschland) hatten hier ihre soziale Basis. Aus der jüdischen Religion wurde von Antisemiten nun eine jüdische „Rasse“ gemacht, die auf Kosten der fleißigen Deutschen lebe und diese um die Produkte ihre Arbeit bringe. „Die Juden“ waren demnach verantwortlich für die ökonomische Misere des Mittelstandes und überhaupt aller gesellschaftlichen Übel des Kaiserreichs. Die Einwanderung von „Ostjuden“ aus Österreich/Ungarn, den östlichen Teilen Preußens und aus Russland, die als kleine Händler, Hausierer oder Handwerker zusätzlichen Konkurrenzdruck auf den unteren Mittelstand ausübten, verstärkten die Abstiegsängste.

Hinzu kam die Furcht vor der erstarkenden Arbeiterbewegung, die die Stellung der Mittelklassen durch Aufstieg von unten zu bedrohen schien.

Hatten Juden in früheren Jahrhunderten zumindest noch die Möglichkeit gehabt, zum Christentum zu konvertieren, um so der Verfolgung zu entgehen, führte die biologistische Definition ihrer angeblichen Fremdartigkeit zwangsläufig zur immerwährenden Ausgrenzung, die nicht zu überwinden war. Ihre Definition als „Schädlinge“ am „deutschen Volk“ musste zwangsläufig zu Vertreibungs- und – falls dies nicht klappte – zu Vernichtungsphantasien führen.

Der Antisemitismus entwickelte sich zum Kampfmittel, mit dem soziale Unzufriedenheit gezielt auf eine Minderheit gelenkt wurde, um so besonders die Organisationen der Arbeiterbewegung zu schwächen. Kulturelle und soziale Unterschiede wurden von den rassistischen Ideologen als höher- oder minderwertig und erblich definiert, die Lehre Darwins von der Entstehung der Arten auf die Gesellschaft übertragen und zum Sozialdarwinismus pervertiert. Als sich abzeichnete, dass die Arbeiterbewegung auch durch repressive Maßnahmen wie das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, das so genannte Sozialistengesetz, zwischen 1878 und 1890 nicht mehr einzudämmen war, sich im Gegenteil sozialistische und marxistische Ideen weiter ausbreiteten, verknüpften antisemitische Propagandisten Sozialismus und Judentum, die es beide zu bekämpfen gelte.

Es entstanden zahlreiche deutschvölkische, nationalistische, antisemitische Organisationen und Zeitschriften, die sich gleichzeitig für ein Großdeutsches Weltreich, für deutsche Überseekolonien und die deutsche Aufrüstung einsetzten und einen europäischen Großkrieg für notwendig hielten, damit Deutschland seinen – wie sie meinten – ihm zustehendem Platz unter den Großmächten einnehmen könne. Zwar verloren antisemitische Parteien um die Jahrhundertwende zunächst wieder an Einfluss, gleichzeitig bereiteten sich aber völkisch-rassistische und antisemitische Ideologien weiter aus. Dies drückte sich auch in massenhaft verbreiteten Ansichtskarten aus, ein Medium, das um die Jahrhundertwende in Mode kam.

Wichtige antisemitische Organisationen waren der „Reichshammerbund“, die „Deutschvölkische Partei“ und der „Alldeutsche Verband“. Dessen Vorsitzender Heinrich Claß forderte 1912 in einer unter Pseudonym erschienenen programmatischen Schrift mit dem Titel „Wenn ich der Kaiser wär’“ die Sperrung der Grenzen gegen jüdische Einwanderung und die Ausweisung aller Juden, die noch kein Bürgerrecht besäßen; alle „ansässigen“ Juden sollten unter Fremdenrecht gestellt werden; sie sollten keine öffentlichen Ämter bekleiden, nicht Anwälte, Lehrer, Theaterleiter oder Bankdirektoren werde dürfen und der Militärdienst sollte ihnen verschlossen bleiben; außerdem dürften Juden kein Land besitzen und als Gegenleistung für den Schutz, der ihnen als „Volksfremde“ zuteil würde, sollten sie doppelt soviel Steuern zahlen wie nichtjüdische Deutsche. Und Jude sei – so definierte Claß ganz Anhänger des biologistischen Antisemitismus –, „jeder, der am 18. Januar 1871 der jüdischen Religionsgemeinschaft angehört hat, sowie alle Nachkommen von Personen, die damals Juden waren, wenn auch nur ein Elternteil jüdisch war oder ist.“ Bezüglich der Arbeiterbewegung forderte er die Wiedereinführung verschärfter Sozialistengesetze. Claß befürwortete die Diktatur des Kaisers, die Auflösung des Reichstages, wollte einen Krieg zur Durchsetzung der Vormachtstellung Deutschlands, in dem er auch die Chance sah, jeglicher Opposition im Innern eine Ende zu setzen. Solche Ansichten waren 1912 keine Einzelmeinung.

Eine andere Organisation sei noch erwähnt: der „Deutschbund“, der bei der Verbreitung eines militant-rassistischen, konterrevolutionären Antisemitismus und nach dem Kriege bei der Gründung des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes und der NSDAP eine wichtige Rolle spielen sollte.

Für die Planer eines Großkrieges war klar, dass unter allen Umständen zuvor die Opposition im Innern – vor allem die antimilitaristische Arbeiterbewegung – ausgeschaltet werden musste, gegen die gegebenenfalls auch mit Waffengewalt vorgegangen werden sollte. 1907 hatte Kaiser Wilhelm II. auf einen weiteren Zusammenhang hingewiesen – die Gefahr einer Revolution im Falle eines Krieges. Für ihn war klar, „dass wir wegen unserer Sozialdemokraten keinen Mann aus dem Lande nehmen könnten, ohne äußerste Gefahr für Leben und Besitz der Bürger. Erst die Sozialisten abschießen, köpfen und unschädlich machen, wenn möglich per Blutbad und dann Krieg nach außen; aber nicht vorher und nicht à tempo!“

III. Kolonialkriege, Rassismus, Kampf gegen Franctireure

Die Konkurrenz Deutschlands vor allem zu England und Frankreich, aber auch zu Russland, um Kolonien und Absatzmärkte spitzte sich immer mehr zu. In der Kolonialpolitik des wilhelminischen Kaiserreiches zeigte sich die untrennbare Verbindung zwischen Großmachtstreben, Nationalismus und Rassismus ganz besonders deutlich. Afrikaner und Asiaten wurden als minderwertige „Rassen“ angesehen, deren Aufgabe es sei, den Weißen und besonders den Deutschen zu dienen. Die Nilpferdpeitsche wurde zum Symbol deutscher Kolonialherrschaft. Dieser Rassismus durchzog die ganze Gesellschaft und war in Adel und im Bürgertum fast durchgängig verbreitet. Selbst der Sozialdemokrat August Bebel, der das brutale deutsche Kolonialregime kritisierte, meinte, es sei „eine große und schöne Aufgabe“, „wirkliche, echte, deutsche, europäische Kultur und Zivilisation in der ganzen Welt zu verbreiten, wo immer es daran fehlt“. Noch 1923, während der Ruhrbesetzung durch französische Truppen – darunter auch farbige Soldaten –, sagte der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert, „dass die Verwendung farbiger Truppen niederster Kultur als Aufseher über eine Bevölkerung von der hohen geistigen und wirtschaftlichen Bedeutung der Rheinländer eine herausfordernde Verletzung der Gesetze europäischer Zivilisation ist“.

Zurück in die deutschen Kolonien: Aufstände der Afrikaner in Kamerun, Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika wurden blutig niedergeschlagen, Männer, Frauen und Kinder umgebracht oder zu Zwangsarbeit getrieben. Im Kampf gegen Aufständische wurde kein Unterschied gemacht zwischen Bewaffneten und Zivilisten. Seit der französischen Revolution und dem deutsch-französischen Krieg fürchteten die deutschen feudalen Armeen die Aktivitäten widerständiger und besonders bewaffneter Zivilisten, so genannter „Franctireurs“. Später nannte man sie Freischärler oder Partisanen.

Auch vor Praktiken des Völkermordes schreckte das deutsche Kolonialregime nicht zurück. 1904 trieb die so genannte „Schutztruppe“ die Hereros nach einem Aufstand gegen die Deutschen in Südwestafrika in die Wüste Omaheke und ließ sie vorsätzlich verhungern und verdursten. Von 84.000 Hereros überlebten nur 25.000. Für den Chef des Generalstabes, Generaloberst Graf Schlieffen, gehörte der Völkermord zum selbstverständlichen Repertoire des „Rassenkampfes“: „Dass er (der Kommandeur der Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika, General von Trotha, d. Verf.) die ganze Nation (der Hereros) vernichten oder aus dem Lande treiben will, darin kann man ihm beistimmen. Ein Zusammenleben der Schwarzen mit den Weißen wird nach dem, was vorgegangen ist, sehr schwierig sein, wenn nicht erstere dauernd in einem Zustand der Zwangsarbeit, also eine Art Sklaverei gehalten werden. Der entbrannte Rassenkampf ist nur durch die Vernichtung einer Partei abzuschließen.“ Enteignung, Zwangsarbeit und Vernichtung des zuvor als rassisch und minderwertig definierten Gegners waren also keine Erfindungen der Nazis.

Alfred Graf von Schlieffen, Chef des Generalstabes zwischen 1891 und 1905 und Hauptverantwortlicher für den Ausrottungskrieg gegen die aufständischen Namas und Hereros in Deutsch-Südwestafrika, entwickelte in dieser Zeit den Plan für einen Blitzkrieg gegen Frankreich, der nur erfolgreich geführt werden könne, wenn er von Anfang an als Entscheidungs- und Vernichtungsschlacht geplant würde. Sein Nachfolger Helmuth v. Moltke übernahm die Gründzüge des Schlieffenplanes und trieb mit seinem Mitarbeiter Erich Ludendorff die Aufrüstung Deutschlands weiter voran. Die Idee vom Vernichtungskrieg wurde zunehmend mit rassistischen Elementen aufgeladen, wie sie bereits in den Kolonialkriegen zum Ausdruck gekommen waren. Jetzt kämpften nicht mehr Armeen gegeneinander, sondern vermeintlich höher- und minderwertige Kulturen, Weltanschauungen, Nationen, Völker und Rassen. Damit wurde die gesamte Bevölkerung in den industriellen Krieg einbezogen. In der Theorie war der Schritt zum Totalen Krieg getan.

IV. Erster Weltkrieg, Franktireursangst und Kampf gegen Zivilisten

Zur Realisierung des Schlieffenplanes sollten fünf Armeen über Mittel- und Südbelgien nach Frankreich eindringen, die französischen Truppen im Norden schlagen und dann auf Paris vorstoßen. Alles hing davon ab, dass die deutschen Truppen schnell durch das neutrale Belgien vorrückten. Doch zur Überraschung der Deutschen leistete die belgische Armee erheblichen Widerstand. Der Frontalangriff brach zusammen, die Forts blieben in den Händen der Belgier. Der Schlieffenplan drohte zu scheitern. Obwohl es – wie man heute weiß – so gut wie keinen bewaffneten Widerstand belgischer Zivilisten gab, steigerte sich bei den feststeckenden deutschen Soldaten und Offizieren die ohnehin in der der deutschen Armee tief sitzende Franktireursangst zur Panik.

Zivilisten und Zivilistinnen wurden nun als irreguläre feindliche Kombattanten behandelt und zu Opfern schwerster Kriegsverbrechen durch deutsches Militär. Es kam zu Geiselnahmen und -erschießungen, Misshandlungen, Vergewaltigungen, Brandschatzungen, Plünderungen und Deportationen. Methoden, wie sie aus den Kolonialkriegen bekannt waren, wurden nun gegen die europäische Zivilbevölkerung angewandt. Übrigens waren auch Einheiten aus Hannover an diesen Kriegsverbrechen beteiligt.

Beim weiteren Vormarsch der Reichswehr in Belgien und Nordfrankreich kam es zu weiteren Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung. Zehntausende Zivilisten fielen der Reichswehr zum Opfer. Gustav Noske, Kriegsbefürworter vom rechten Flügel der SPD, meinte in Kenntnis der deutschen Kriegsverbrechen in Belgien im Juli 1915: „In diesem Kampfe bestimmt nur Deutschlands Interesse die Mittel. Zur besonderen Schonung sind wir gegen niemand mehr verpflichtet.“

Der Bruch jeglicher zivilisatorischer Tabus durch die Reichswehr, bürgerliche Parteien und Teile der Sozialdemokratie, der entfesselte Einsatz von Gewalt gegen unbewaffnete Zivilisten sollte eine grauenvolle politische, militärische und psychologische Langzeitwirkung entfalten. Und Noske sollte bei dieser Eskalation eine entscheidende Rolle spielen.

V. Gesteigerter Antisemitismus im Krieg

Wenige Wochen später verloren die Deutschen die Schlacht an der Marne, der schnelle Vorstoß auf Paris blieb stecken, der Bewegungskrieg ging in einen Stellungskrieg über. Bereits Mitte September 1914 war der Schlieffenplan gescheitert, der militärische Traum vom schnell beendeten Krieg entpuppte sich als Illusion. Den Militärstrategen war klar, dass Deutschland die Ressourcen fehlten, um einen lang andauernden Stellungs- und Zermürbungskrieg gewinnen zu können, zumal die deutsche Armee, die einen Großteil des Offizierscorps und Zehntausende von Soldaten bereits verloren hatte, zu weiteren Angriffshandlungen nicht mehr in der Lage war. Generalstabschef und Kriegsminister Falkenhayn schätze den Krieg bereits im Herbst 1914 als „eigentlich verloren“ ein. Eine Niederlage und die damit verbundene Desillusionierung der Kriegbegeisterten – so befürchteten die Verantwortlichen – könnten unabsehbare Folgen für den Bestand der Monarchie haben. Mit manipulierten Siegesmeldungen versuchten Regierung, Wirtschaft, Militär und Presse die Bevölkerung weiter auf Kriegskurs zu halten. Da ein Großteil der deutschen Eliten ihre Annexionsziele in Frankreich, Belgien und Russland nicht aufgaben, war ein Friedensschluss kaum möglich. Also gingen das sinnlose Massenschlachten und Blutvergießen, die Vergeudung von Ressourcen weiter. Und es mussten Schuldige gefunden werden für die katastrophale Situation in den Schützengräben und an der „Heimatfront“, wo die Versorgung der Bevölkerung mit dem Allernotwendigsten immer weniger gewährleistet war.

Die Kriegsbegeisterung weiter Teile der deutschen Bevölkerung hatte den Antisemitismus zunächst in den Hintergrund treten lassen. Als sich 1915 alle Illusionen von einem schnellen Sieg in Luft auflösten, mussten erneut Sündenböcke für das Desaster gefunden werden. Und das waren traditionell wieder „die Juden“. Zunächst richtete sich die antisemitische Agitation gegen die „Ostjuden“, die von der Obersten Heeresleitung als billige Arbeitskräfte zwangsverpflichtet worden waren. Bald weitete sich die Hetze in zahllosen Anzeigen und Zeitungsartikeln auf alle Juden aus, die nun bezichtigt wurden, sich vor dem Kriegseinsatz zu drücken, Kriegsgewinnler und Landesverräter zu sein. Betroffen waren bekannte jüdische Persönlichkeiten wie Walter Rathenau, der maßgeblich die Kriegswirtschaft organisierte, der Hamburger Reeder Ballin, aber auch Antimilitaristen, die sich für ein Ende des Krieges ohne Annexionen aussprachen. Auch bei den Kriegsbefürwortern innerhalb von SPD und Gewerkschaften waren antisemitische Positionen keine Seltenheit mehr, um Linke und Kriegsgegner auszugrenzen. Gustav Noske hatte sich bereits 1907 für die Unterstützung eines Krieges durch die SPD und zwei Jahre später für ein Arbeitsverbot von Farbigen auf deutschen Schiffen ausgesprochen. Er unterstützte die deutsche Kolonialpolitik und hatte Rosa Luxemburg vom linken Flügel der Partei als „Ostjüdin“ beschimpft.

Noske verknüpfte also Judentum und Marxismus. Im März 1916 kam es während einer Rede des Reichstagsabgeordneten Hugo Haase, der sich als linker Sozialdemokrat gegen die Annexionspläne des deutschen Reiches aussprach, zu antisemitischen und anderen Ausfällen seiner rechten Parteigenossen:
Scheidemann (SPD): „Drecksseele!“
Ebert (Vorsitzender der SPD): „Schamloser Kerl, frecher Halunke!“
Bauer (Gewerkschaftsführer, SPD): „Die Judenjungen müssen raus!“
Legien (Gewerkschaftsführer, SPD): „Mit der Judenbande muss Schicht gemacht werden.“
Kurz darauf spaltete sich die SPD in MSPD und USPD.

Nach den Massenstreiks gegen die allgemeine Not und den Krieg im Januar 1918 wurden linke Aktivisten – oft durch Denunziation rechter Gewerkschafter – zum Kriegseinsatz eingezogen, was für viele den Tod bedeutete. Zur selben Zeit verstärkte sich die antisemitische Hetze. In einem Flugblatt in Berlin war von der „Jüdischen Internationale“ die Rede. In anderen massenhaft verteilten Schriften wurden Juden und Marxisten, nach der Oktoberrevolution wahlweise auch „Bolschewisten“, für die deutsche Niederlage, die Not, aber auch für die Revolution und die in deren Folge am 9. November 1918 ausgerufene Republik verantwortlich gemacht.

Eine verhängnisvolle Langzeitwirkung entfaltete die so genannte „Dolchstoßlegende“, mit der – wahrheitswidrig und abseits des realen Kriegsverlaufs – behauptet wurde, das deutsche Heer sei „im Felde“ unbesiegt geblieben, nur der Dolchstoß in den Rücken durch Marxisten und Juden habe zur Niederlage geführt.

Die Grundlage für diese Geschichtslüge hatte die Oberste Heeresleitung und der Sozialdemokrat Ebert gelegt. Zur Begrüßung der in Berlin einmarschierenden Truppen nach dem 10. Dezember 1918 sagte er: „Eure Opfer und Taten sind ohne Beispiel. Kein Feind hat euch überwunden.“

VI. Novemberrevolution, Kriegsende, Konterrevolution

Zu Ende des Jahres 1918 spitzt sich der Machtkampf zwischen Befürwortern der Republik und Unterstützern einer basisdemokratischen Rätedemokratie immer mehr zu. Bereits am 11. November, dem Tag der Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens zwischen den Kriegsgegnern, hatten Ebert und General Groener von der Obersten Heeresleitung – Nachfolger Ludendorffs – ein koordiniertes Vorgehen gegen die Revolution verabredet.

Am 15. Dezember 1918 beschloss der von der Mehrheitssozialdemokratie dominierte Rat der Volksbeauftragten die Aufstellung von Freiwilligenverbänden zur Aufrechterhaltung von „Ruhe und Ordnung“. Was bis dahin im Untergrund geschah, konnte nun offen betrieben werden: Deutschnationale, antisemitische und kaisertreue Militärs wurden reorganisiert und bewaffnet. Freikorps wurden gebildet, um den linken Flügel der Revolution militärisch niederzuschlagen. Die Rechte rief offen zur Ermordung führender Persönlichkeiten der Linken auf.

Weihnachten 1918 sollte in Berlin die Volksmarinedivision, die zum großen Teil aus revolutionären Matrosen bestand und deshalb bei der MSPD-Führung als unzuverlässig galt, in Absprache mit der Obersten Heeresleitung unter Groener entwaffnet und zerschlagen werden. Am Morgen des 24. Dezember begann die Garde-Kavallerie-Schützen-Division Schloss und Marstall, wo sich noch 30 bzw. 80 Angehörige der Volksmarinedivision aufhielten, mit 10,5 cm-Granaten und Gasgranaten zu beschießen. Erstmals wurden Kriegswaffen im Innern eingesetzt – eine neue Qualität von Gewalt. Nach einem Aufruf der Revolutionären Obleute demonstrierten Zehntausende von Arbeitern und Arbeiterinnen gegen den Angriff der konterrevolutionären Truppen. Bewaffnete Arbeiter kamen den revolutionären Matrosen zur Hilfe.
Die Zerschlagung der Volksmarinedivision scheiterte. Aus Protest gegen diese Politik der MSPD zog sich die USPD aus dem Rat der Volksbeauftragten zurück – ein schwerer Fehler –, denn der bestand jetzt nur noch aus Vertretern der Mehrheitssozialdemokraten. Inzwischen wurde massiv für die Aufstellung von konterrevolutionären Freikorps geworben.

Im Januar 1919 eskalierte die Situation erneut, nachdem die MSPD den Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) abgesetzt hatte, der sich weigerte, seine Entlassung zu akzeptieren. Wieder demonstrierten Tausende gegen die Absetzung. Einige bewaffnete und unbewaffnete Arbeiter besetzen spontan Gebäude im Zeitungsviertel und öffentliche Gebäude, darunter das des sozialdemokratischen „Vorwärts“. Eine zweite Revolution gegen den Militarismus und für die Demokratisierung der Wirtschaft schien vielen Menschen möglich. Die unter dem Befehl des Sozialdemokraten Gustav Noske stehenden Freikorps rückten mit Maschinengewehren, Handgranaten, Flammenwerfern und Feldhaubitzen gegen die Besetzer vor. In Menschenansammlungen wird rücksichtslos hineingeschossen. Die Besetzer des Vorwärts, darunter auch Unbewaffnete und Krankenschwestern, waren von dieser Gewalteskalation völlig überrascht und wollten über die Übergabe des Gebäudes verhandeln. Doch die losgeschickten 7 Parlamentäre wurden nach ihrer Misshandlung mit Hundepeitschen, Gewehrkolben und Bajonetten bestialisch ermordet. Ein beteiligter Soldat: „Die Gefangenen wurde dann erschossen. Das Kommando ‚Feuer’ erfolgte (…). Die Wirkung war so furchtbar, dass das Gehirn der Leute auf der Erde lag, als ob man in einem Schlachterladen Brägen kauft.“

Nach den Morden wurden die Leichen ausgeraubt. Eine junge Frau mit Namen Steinbring, die die Freikorpsangehörigen für Rosa Luxemburg hielten, wurde geschlagen, getreten, mit Gewehrkolben misshandelt und gezwungen, sich die Ermordeten anzuschauen. Dabei wurde ihr gedroht, sie gleich ebenso zu erschießen. Dann hätten die Freikorpsangehörigen sich auf sie gestürzt – berichtete sie später – und geschrieen: „Siehst, Pulver ist zu schade für dich, wir werden dich aufreißen und dich teilen, damit jeder ein Stück von dir hat.“ Frauen waren immer auch sexuellen Misshandlungen ausgesetzt. So erinnerte sich ein Augenzeuge, dass sechs oder sieben gefangenen Sanitäterinnen aus dem Vorwärts-Gebäude „förmlich die Kleider vom Leibe gerissen“ worden seien. Die etwa 300 Überlebenden wurden mit Hundepeitschen und Gewehrkolben misshandelt und mussten stundenlang neben den Toten an der Wand stehen, ohne zu wissen, ob sie nicht auch gleich erschossen würden. Um die Grausamkeiten zu rechtfertigen behauptete der Verantwortliche – ein Major Stephani vom Regiment Potsdam des Freikorps Reinhard – später vor einem Untersuchungsausschuss des preußischen Landtages wahrheitswidrig, einer der Ermordeten hätte Dum-Dum-Geschosse verwendet. Ähnliche falsche Behauptungen hatten Tatbeteiligte zur Rechtfertigung ihrer Gewaltverbrechen an belgischen Zivilisten zu Beginn des Ersten Weltkrieges vorgebracht.

Am 11. Januar marschierten Noske und Pabst demonstrativ an der Spitze einer Parade der rechtsradikalen Truppen in Berlin ein.

Mit Wissen von Noske wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg durch Angehörige der Garde-Kavallerie-Schützen-Division unter dem Befehl von Waldemar Pabst am 15. Januar 1919 ermordet. Es waren die prominentesten Opfer des Bündnisses von Militärs und Freikops unter der Führung der MSPD.

Unter diesen Bedingungen fanden am 19. Januar 1919 die Wahlen zur Nationalversammlung statt. Inzwischen wurde massiv für die weitere Aufstellung konterrevolutionärer Freikorps geworben. Doch die revolutionäre Arbeiterbewegung war auch nach dem Januarmassakern noch nicht geschlagen. Wegen der miserablen Lebensverhältnisse und der unerfüllten politischen Forderungen – u.a. nach Abschaffung des stehenden Heeres, der Auflösung der Freikorps und einer Demokratisierung des Militärs –
beschloss die Vollversammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte am 3. März 1919 einen Generalstreik. Die preußische Regierung verhängte den Ausnahmezustand. Die vollziehende Gewalt wurde dem inzwischen zum Reichswehrminister aufgestiegenen Noske (SPD) übertragen. Am 4. März erteilte Noske dem Generalkommando Lüttwitz den Befehl, mit 31 500 Mann in Berlin einzurücken; die Garde-Kavallerie-Schützen-Division unter Waldemar Pabst sollte unter rücksichtslosem Einsatz aller Kräfte vorgehen. Am 7. März wurde der Generalstreik beendet. Gezielt verbreitete Falschmeldungen über angebliche Morde „der Spartakisten“ nahm Noske – mit Unterstützung der SPD und der bürgerlichen Parteien – zum Anlass, am 9. März einen Schießbefehl zu erlassen: „Jede Person, die mit Waffen in der Hand gegen Regierungstruppen angetroffen wird, ist sofort zu erschießen.“ Nicht einmal Standgerichte waren noch vorgesehen. Pabst befahl, auch Personen sofort zu erschießen, die in Häusern wohnten, aus denen geschossen wurde.

Wieder setzten Freikorps und Reichswehr schweres Kriegsgerät ein: Panzer, Mörser, Haubitzen, Flammenwerfer und Flugzeuge. Betroffen waren vor allem dicht besiedelte Arbeiterviertel. In wenigen Tagen starben 1200 bis 2000 Menschen, darunter 75 Regierungssoldaten. Die Toten wurden oft ausgeraubt, Gefangene ausgepeitscht, erschossen, erschlagen, erstochen, Frauen sexuell misshandelt. Tausende von Menschen verschwanden in Gefängnissen und Lagern, wo Morde und Folterungen weitergingen. Auch ehemalige Kolonialtruppen kämpften gegen die Rätebewegung. Die Revolution sollte endgültig vernichtet werden.

Nach den Kämpfen in Berlin wurden alle Truppenteile, an deren Zuverlässigkeit auch nur geringste Zweifel bestanden, aufgelöst, die Waffen an Freikorps und Bürgerwehren verteilt. Die in vielen Städten ausgerufenen Räterepubliken wurden militärisch niedergeschlagen, genau wie Streiks in Mitteldeutschland, mit denen Sozialisierungen und Demokratie in den Betrieben durchgesetzt werden sollten. Auch in Bayern unterstützten in fast allen größeren Städten und zahlreichen Kleinstädten Arbeiter, Arbeiterinnen und Soldaten die Rätebewegung, um Frieden, die Abschaffung des Militarismus und eine Verbesserung der Lebensverhältnisse zu erreichen. Ministerpräsident Kurt Eisner (USPD) strebte ein Nebeneinander von Parlamentarismus und Räten an – eine konstitutionelle Rätedemokratie. Eine Eskalation der Gewalt wie in Berlin blieb zu diesem Zeitpunkt aus. Bei den Wahlen zum Landtag, die vom Arbeiterrat beschlossen worden waren, ergab sich eine katholisch-bürgerliche Mehrheit. Gegen führende Repräsentanten der Münchner Räterepublik wurde von Vertretern bürgerlicher Parteien, der katholischen Kirche und den Vorläuferorganisationen der NSDAP eine wüste antisemitische Hetze entfesselt. So sei etwa Ministerpräsident Eisner „gallizischer“ Jude und „Bolschewist“.

Beispielhaft sei hier der päpstliche Nuntius für Bayern, Eugenio Pacelli, zitiert, der über Kurt Eisner, den bayrischen Ministerpräsidenten von der USPD, für den Vatikan einen Bericht anfertigte: „Eine Skizze seiner Persönlichkeit zu entwerfen heißt; zusammenzufassen, was die Revolution in Bayern wahrhaftig ausmachte: Er ist Atheist, radikaler Sozialist und unerbittlicher Propagandist, enger Freund der russischen Nihilisten, Kopf aller revolutionären Bewegungen in München, der weiß wieviele Male wegen politischer Delikte inhaftiert gewesen und obendrein noch gallizischer Jude.“

Später sollte Pacelli als Papst Pius XII. Karriere machen. In dieser Eigenschaft tat er nichts, um den Massenmord an den europäischen Juden, über den er sehr genau unterrichtet war, zu verhindern – im Gegenteil: Er paktierte mit den Nazis und unterstützte den Krieg gegen die Sowjetunion.

Am 21. Februar 1919 wurde Kurt Eisner vor dem Landtag erschossen. Der Täter, Graf Arco von Valley, Mitglied der der antisemitischen Thule-Gesellschaft, einer Geheimorganisation aus deren Umfeld später die NSDAP hervorgehen sollte, sagte über sein Opfer: „Ich hasse den Bolschewismus, ich liebe mein Bayernvolk, ich bin ein treuer Monarchist, ein gute Katholik. Über alles achte ich die Ehre Bayerns. Eisner ist Bolschewist, er ist Jude, er ist kein Deutscher, er verrät das Vaterland.“

Mit der Stigmatisierung als Jude und Bolschewist war Kurt Eisner der Fremde schlechthin, der Ausländer und Aufrührer und damit automatisch der Gegenpol zum guten heimattreuen obrigkeitshörigen Deutschen, der sich gegen die angebliche Bedrohung von Außen zur Wehr setzen müsse. Der Bayrische Ministerpräsident Kurt Eisner hatte mit dem Revolutionskonzept der Bolschewisten nichts zu tun. Er trat für ein nebeneinander von Parlamentarismus und Rätedemokratie ein und lehnte diktatorische Maßnahmen ab. Als er von dem Antisemiten Graf Arco von Valley ermordet wurde, war er auf dem Weg in den bayrischen Landtag, um nach der Wahlniederlage der USPD seinen Rücktritt zu erklären.
Auch andere führende Persönlichkeiten waren von dieser Hetze betroffen.

Im Auftrag der Reichsregierung wollte Noske erneut ein Exempel statuieren und mobilisiert seine Freikorps gegen München.

Noskes Militärs gingen davon aus, dass der Schießbefehl vom März 1919 weiterhin gelte und dass Gewalttaten nicht geahndet würden. Am 1. Mai 1919 rücken die Freikorps Epp, Lützow, Oberland, Lettow-Vorbeck sowie Einheiten der Garde-Kavallerie-Schützen-Division und der Brigade Erhard mit über 30.000 Mann und schwerem Kriegsgerät in München ein. Unter ihnen Rudolf Hess, Heinrich Himmler und Ernst Röhm, die später in der NSDAP, SA und SS Karriere machen werden. Einige Fahrzeuge waren bereits mit Hakenkreuzen bemalt. Die eilig zusammengestellte Rote Armee hat gegen diese Übermacht keine Chance.
Wie in Berlin wurden Gefangene gefoltert, darunter auch solche, die mit den Kämpfen nichts zu tun hatten, zu Tode geprügelt oder erschossen, die Leichen geschändet und ausgeraubt. Wieder zogen Frauen den besonderen Hass der Soldateska auf sich. 600 bis 1000 Menschen wurden umgebracht, noch Wochen später nach Anhängern der Arbeiter- und Soldatenräte gefahndet, Todesurteile und Gefängnisstrafen verhängt.

VII. Der Weg in die Katastrophe

Nach den Kämpfen war die Arbeiterbewegung tiefer gespalten denn je. 4500–5000 Anhänger der Rätebewegung wurden zwischen 1919 und 1920 umgebracht. Um die Massaker zu rechtfertigen, wurden in zahlreichen Propagandaschriften die führenden Vertreter der Räterepublik weiterhin als Juden und Volksfremde diffamiert, gegen die jede Gewalttat gerechtfertigt sei. Die Reichswehr organisierte „antibolschewistische“ Lehrgänge. Einer der Referenten war der „Verbindungsmann“ – also Spitzel – Adolf Hitler, der hier seine politische Karriere begann. Antisemitische und antikommunistische Organisationen waren überall tätig und erfreuten sich der wohlwollenden Unterstützung durch staatliche Behörden.

Die Weimarer Verfassung blieb Stückwerk und atmete den Geist des Obrigkeitsstaates. Reste des Rätegedankens überlebten in den Betriebsräten, die aber in ihren Möglichkeiten stark beschnitten waren. Die Rechte triumphierte und wollte die Republik so schnell wie möglich durch ein diktatorisches Regime ablösen. Morde der Rechten blieben fast immer ungesühnt. Der Antisemitismus war in der Gesellschaft überall verbreitet. Mit antisemitischer Hetze wurden Wahlkämpfe geführt. Im Hass auf Juden und Bolschewisten, Kommunisten oder Marxisten waren sich Konservative, Freikorps und die späteren Nazis einig. Die Freikorps kämpften weiter im Baltikum und im polnisch-deutschen Grenzgebiet und pflegten einen aggressiven völkischen Antisemitismus.

Grundlage für Erschießungen und Inhaftierungen von Anhängern der Rätebewegung war der von der Regierung verhängte „Belagerungszustand“, der mit der Verkündung der Reichsverfassung am 11. August 1919 aufgehoben wurde. An seine Stelle trat Artikel 48 der Verfassung. Mit ihm konnte der Reichspräsident den „Ausnahmezustand“ erklären, demokratische Grundrechte außer Kraft setzen, „Schutzhaft“ verordnen und das Militär im Innern einsetzen. Seit 1930 setzt Reichspräsident Hindenburg, einer der Hauptverantwortlichen für das Massensterben im Ersten Weltkrieg, gemäß Artikel 48 Regierungen ein, die per Notverordnung agierten. Am 30. Januar 1933 ernannte Hindenburg Hitler zum Reichskanzler.

Aber zurück zu den Anfängen der Republik. Am 13. März 1920 putschten Freikorps und Teile der Reichswehr unter Führung des deutschnationalen Reichstagsabgeordneten Kapp und des Generals von Lüttwitz gegen die Republik. Sie wollten die Auflösung von militärischen Einheiten verhindern, die von den Alliierten im Versailler Vertrag verlangt wurde. Als die Reichswehr sich weigerte, gegen die Putschisten vorzugehen, floh die Regierung Ebert aus Berlin und die SPD rief wie alle Arbeiterorganisationen zum Generalstreik auf.

Vielerorts, besonders im Ruhrgebiet, kämpfen bewaffnete Arbeiter gegen Putschisten und Militärdiktatur. Dabei sterben 200 Menschen. Nach 5 Tagen brach der Putsch zusammen. Als die Arbeiter im Ruhrgebiet die Waffen nicht sofort abgaben und an ihre unerfüllten Forderungen erinnerten, schickte die Regierung Ebert Truppen, die gerade geputscht hatten, nun gegen die „Rote Ruhrarmee“.

Wieder ermordeten Freikorps und Reichswehr etwa 1000 Menschen, zahllose wurden misshandelt. Ein Mitglied des Freikorps Pfeffer: „Selbst Verwundete erschießen wir noch. (…) Unser Bataillon hat zwei Tote, dir Roten haben 200 bis 300 Tote. Alles, was uns in die Hände kommt, wird mit dem Gewehrkolben zuerst abgefertigt und dann noch eine Kugel“. Freikorpsführer Franz Pfeffer von Salomon war bereits an Massakern an der belgischen Zivilbevölkerung im Ersten Weltkrieg und an der Niederschlagung der Novemberrevolution beteiligt, sein Freikorps kämpfte im Baltikum, viele Angehörige sympathisierten mit dem Kapp-Putsch. Pfeffer beteiligte sich nach dem Kapp-Putsch am organisatorischen und programmatischen Aufbau der NSDAP und wurde 1926 Oberster SA-Führer in München. Er setzte sich in einer Denkschrift für die Züchtung einer vermeintlich höherstehenden „Rasse“ und die Vernichtung von sog. „Minderwertigen“ ein. Dazu gehörten neben Juden auch Kriminelle, Prostituierte, Waisen, Alte, Kranke, „Dumme“, „Energielose und „Schwache“.

Der entfesselte Militarismus und die zugehörige Ideologien – Antisemitismus und Antikommunismus – behielten erneut die Oberhand. Antisemitische und antibolschewistische Wahnvorstellungen verschmolzen miteinander und führten schon zu Beginn der Weimarer Republik zum Massenmord an widerständigen Zivilisten. Dies zeigt beispielhaft das Lied der Brigade Ehrhardt 1920:

Hakenkreuz am Stahlhelm, schwarzweiß-rotes Band
Die Brigade Ehrhardt werden wir genannt (…)
Die Brigade Ehrhardt schlägt alles kurz und klein.
Wehe dir, wehe dir, du Arbeiterschwein.

Gegner der Freikorps waren die Arbeiterbewegung und insbesondere widerständige und bewaffnete Zivilisten. Das Gegenteil des bewaffneten Zivilisten war der deutsche soldatische Mann.
Am 9. November 1923, am 4. Jahrestag der Ausrufung der Republik, putschte die NSDAP unter den wohlwollenden Augen der bayrischen Regierung gegen die Republik – noch ohne Erfolg.

Der Putsch scheiterte. Nun begann mit Unterstützung von Teilen der Wirtschaft der systematische Aufbau der NSDAP zu Massenpartei. Eine wichtige Rolle bei der zunehmenden antisemitischen Propaganda, nicht zuletzt innerhalb der Freikorps, spielte der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund, in dem auch viele später Nationalsozialisten organisiert waren. Und die antisemitische Hetze ging weiter und steigerte sich zu Mordaufrufen und Morden, in die wieder ehemalige Freikorpskämpfer aus der Organisation Consul verstrickt waren, die aus der Brigade Erhard hervorgegangen war. Die Ermordung des Finanzministers Matthias Erzberger am 26.8.1921 und die des Außenministers Walter Rathenaus am 22.6.1922 waren antisemitisch und antirepublikanisch motiviert. Es waren die prominentesten Mordopfer der Rechten.

Daneben gab es zahllose Morde, die fast nie geahndet wurden. Freikorps-Angehörige beteiligten sich auch am Aufbau der „Schwarzen Reichswehr“, einer geheimen bewaffneten Organisation, mit der die Begrenzung der Reichswehrstärke auf 100.000 Mann, wie sie im Versailler Vertrag festgeschrieben war, unterlaufen wurde.

Insbesondere für die Inflation – eine Folge der Hochrüstung im Ersten Weltkrieg – machten die Nazis „die Juden“ verantwortlich.

Jahr für Jahr gedachte die Nazipartei fortan ihrer „Gefallenen“ vom 9. November 1923. Die Gedenkveranstaltungen an diesem symbolträchtigen Datum hatten immer einen antirepublikanischen und antisemitischen Charakter. Unmittelbar nach der Installierung der Regierung Hitler am 30. Januar 1933 verschärfte sich der Kampf gegen den jüdischen Teil der Bevölkerung. Gleichzeitig wurde öffentlich das Bündnis zwischen Reichswehr, den kaiserlichen Militärs und der NSDAP zelebriert. Der Sieg des deutschen Soldatischen Mannes über den jüdisch-bolschewistischen Gegner war vollzogen.

Als das Pogrom am 9. November 1938 organisiert wurde, war die Republik bereits Geschichte, die Anhänger der Linken waren ermordet worden oder in den KZs und Zuchthäusern inhaftiert. Nun setzten die Nazis die Eliminierung „der Juden“ auf die Tagesordnung. Der Krieg ermöglichte dann die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden in den von der Wehrmacht besetzten Ländern. Mit dem Angriff auf die Sowjetunion wollten die Nazis das Zentrum „des Bolschewismus und des Judentums“ vernichten. Hier tobte sich ein enthemmter Vernichtungswille aus, der sich zum ersten Mal zwischen 1919 und 1920 in Deutschland Bahn gebrochen hatte.

Ausblick

Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgten die Allierten dafür, dass der immer noch in der deutschen Gesellschaft grassierende Antisemitismus sich nicht wieder dauerhaft etablieren konnte. Regelmäßig stattfindende Untersuchungen seit Ende der 1940er Jahre ergaben, dass ca. 17-20% der Bevölkerung über ein geschlossenes antisemitisches Weltbild verfügt. Die Alliierten sorgten dafür, dass sich die Antisemiten nicht erneut parteipolitisch organisieren konnten. Das Vertreten antisemitischer Positionen in der Öffentlichkeit wurde tabuisiert und strafrechtlich verfolgt. Gleichzeitig aber die Geschichte des Massenmordes an den europäischen Juden vertuscht und totgeschwiegen. Ehemalige Tatbeteiligte machten in der Bundesrepublik bald wieder Karriere. Empathie mit den NS-Opfern oder Trauer über das Geschehene gab es in Deutschland kaum. Dies konstatierte Hannah Arendt bereits 1949/50 und hielt diese Haltung für eine „Flucht vor der Verantwortung“. In den 1960er Jahren kamen die Psychologen Alexander und Margarethe Mitscherlich zu einem ähnlichen Schluss. Sie sprachen von der „Unfähigkeit zu Trauern“ und stellten im Rückblick auf die NS-Diktatur fest: „Für unser psychologische Ökonomie waren der jüdische und der bolschewistische Untermensch nahe Verwandte. Mindestens, was den Bolschewismus betrifft, ist das Bild, das von ihm im Dritten Reich entworfen wurde, in den kommenden Jahrzehnten kaum korrigiert worden.“

Heute muss man sagen: Vieles wurde inzwischen aufgearbeitet – zumindest von Teilen der Gesellschaft. Aber die jahrzehntelangen Versäumnisse und Fehlentwicklungen haben auch heute noch Konsequenzen und treten immer deutlicher zutage. Der Antikommunismus bzw. Antisozialismus war nie verschwunden, und der Antisemitismus nimmt wieder zu.

Manuskript eines Vortrages, gehalten am 4.10.2018

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