Vor der Rückkehr in den Untergang?

 in FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Politik (Ausland)

120. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Profit rangiert in der westlichen „Werteordnung“ weit vor Menschlichkeit. Dies quasi aus der Vogelperspektive festzustellen, ist mittlerweile eine Banalität. Jeder weiß es, wir haben uns daran gewöhnt. Immer wieder dringen aber Belege für diese These an die Öffentlichkeit, die uns – selbst als abgebrühte Leser der Griechenland-Artikel auf dieser Seite – dann doch wieder verblüffen und erschüttern. Die neueste Art des „Umgangs“ mit der Krise besteht nämlich darin, diese schlicht für beendet zu erklären. Wir alle wissen, dass das gefährlicher Unfug ist. (Holdger Platta)

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

Eure Hilfsbereitschaft für die notleidenden Menschen in Griechenland zeigt nach wie vor eine bemerkenswerte Stabilität! Nachdem in der vorletzten Woche, zum Monatsbeginn Juni, 11 Spenderinnen und Spender 570,- Euro auf unser Konto für die GriechInnenhilfe überwiesen hatten, gingen auch während der letzten sieben Tage immerhin weitere 435,- Euro auf unserem Hilfskonto ein, Spenden von insgesamt 6 Unterstützerinnen und Unterstützern. Erneut danke ich Euch allen sehr, und erneut natürlich im Namen des gesamten Aktiven-Teams! Für mich besonders anrührend dabei: wieder und wieder tauchen auf unserer SpenderInnenliste dieselben Namen auf. Heißt: wir haben Vertrauen erworben, bei vielen von Euch, und Ihr könnt gewiss sein, dass wir dieses Vertrauen auch in Zukunft nicht enttäuschen werden.

Ansonsten bekam ich von Tassos Chatzatoglou eine rabenschwarze Mitteilung zugesandt, eine Mail, die ich im Folgenden auch ungekürzt weiterleiten möchte an Euch. Sie zeigt, auf geradezu bestürzende Weise, wie raffgieriges Renditedenken nun auch ganz direkt auf soziale Einrichtungen in Griechenland loszugehen beginnt, griechische Privatfirmen, die im Bündnis mit ganzen Berufsverbänden – hier: mit dem Verband der Apotheker in Griechenland – ganze Sozialstationen dem Erdboden gleichmachen wollen. Ein weiteres Mal zeigt sich damit – dargestellt an einem bedeutsamen Einzelbeispiel –, dass Geldinteressen weit vor humanen Interessen rangieren, wobei – ich gestatte mir diesen Kommentar – die von Tassos geschilderten Profiterwartungen nicht gefeit sein dürften vorm großen Reinfall am Ende dieser Geschichte. Doch hier zunächst der Bericht von Tassos Chatzatoglou vom Mittwoch dieser Woche, vom 6. Juni des Jahres:

„Lieber Holdger, liebe Alle,

das staatliche Fernsehen in Griechenland hat heute eine Nachricht über das Mitropolitikón gebracht, das soziale Krankenhaus mit Apotheke in Ellinikon (Athen). Das ist jener soziale Träger, der Signalwirkung für die Gründung der Sozialstationen in Griechenland hatte. Auch wir haben mit zwei Paletten Verbandstoffen geholfen, wie auch Herr Dr. Käsinger aus Norddeutschland, der uns in Eigeninitiative ein Paket mit Medikamenten mitgegeben hatte.

Der Verband der Apotheker in Griechenland verlangte im Oktober 2017 die Schließung der „Sozialen Stationen“ sowie aller sozialen Träger in Griechenland, da die Krise angeblich zu Ende sei!!!!! In einem Land, wo rund 500.000 Kinder unter der Armutsgrenze leben, 500.000 Menschen 350 € im Monat verdienen, 700.000, zumeist junge, Menschen Griechenland den Rücken gekehrt haben. 1 Million Menschen arbeiten, bekommen aber kein Geld dafür, 1,1 Millionen Rentner beziehen eine Pension unter 500 €, und 1,2 Millionen Arbeitslose müssen ihr Leben ohne jegliche Unterstützung meistern.

Das Aus für die Soziale Station kam ein paar Monate später, nämlich am 29.5.2018, da die Fa. Ellinikon A.E., die das Areal des ehemaligen Athener Flughafens verwaltet, von Herrn Dr. Vichas (Gründer und Leiter der Sozialstation „Mitropolitikón“ sowie Herzspezialist) verlangte, die Sozialstation innerhalb eines Monats zu schließen.

Die Fa. Ellinikon A.E. will das Areal verkaufen, möglicherweise an arabische Firmen, die dort ein Casino sowie einen Vergnügungspark errichten möchten. Dies ist für einen sozialen Träger mit internationaler Anerkennung wie ein Herzinfarkt. Bekanntlich wollte die EU Herrn Dr. Vichas für seine Leistungen auszeichnen, was dieser jedoch ablehnte. In einem Telefongespräch zwischen Herrn Dr. Vichas und einem Vertreter der Firma wurde zwar die Leistung der Sozialstation gewürdigt, auf der andere Seite erwähnten sie die Verpflichtung, die Sozialstation unverzüglich zu schliessen, um das Areal entsprechend zu verwerten.

Die jetzige Regierung wurde von genau jenen Menschen, welche die Leistung der Station in Anspruch nehmen und genommen hatten, ins Regierungsamt gehievt. Dieselben Menschen werden morgen die Regierung wieder abwählen und die Gleichgültigkeit der Regierenden gegenüber den Armen und Bedürftigen vor Gericht stellen.

Soziale Träger werden sich in jenem Moment selbst auflösen, in dem die Voraussetzungen für deren Existenz nicht mehr gegeben sind. Solange Pensionisten, Kinder und Arbeitslose die sozialen Träger brauchen, werden wir mit Vehemenz dafür sorgen, dass diese weiterarbeiten können.

Liebe Grüsse aus Graz, Euer Tassos“

Ich kann Tassos Chatzatoglou nur zustimmen: wir von der Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ werden weiter dafür sorgen, dass Not in Griechenland gelindert wird und dass soziale Einrichtungen, die wir bis dato unterstützt haben, auch weiterhin unterstützt werden von uns. Was in unserer Macht steht, werden wir auch zukünftig tun, um gegen derart perverse Planungen vorzugehen. Und: wir werden auch zukünftig unsere Möglichkeiten nutzen, über solche Vorkommnisse kritisch zu berichten.

Wie idiotisch übrigens solche ausschließlich profitorientierten Machenschaften sind, nämlich Gewinne in Griechenland generieren zu wollen buchstäblich über die Köpfe der Menschen hinweg, das zeigen nebenbei auch neueste Zahlen der griechischen Statistikbehörde ELSTAT.

Zwar registrierte diese Behörde beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das Kalenderjahr 2017 gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg von 2,3 Prozent – und damit das höchste Wirtschaftswachstum im Lande seit 2012 überhaupt. Doch in welche Taschen dieser Zugewinn fließt, zu wessen Lasten dieser sogenannte Fortschritt vonstattengeht und was diese donnernde Wachstumszahl für die Wirtschaft in Griechenland insgesamt bedeutet, das befördern die Zahlen hinter diesen Zahlen zutage: derPrivatkonsum in Griechenland ging während des ersten Quartals dieses Jahres gegenüber dem Vorjahresquartal (= Oktober bis Dezember 2017) um 0,3 Prozent zurück – heißt also: dieses BIP-Wachstum hat noch mehr Armut in diesem Land produziert! Und zweitens brach auch die innergriechische Investitionstätigkeit ein: sie ging um sage und schreibe 10,4 Prozent zurück. Und das bedeutet: von etwas, das man mit äußerstem Wohlwollen als Konjunkturaufschwung interpretieren könnte, ist weit und breit nichts zu sehen!

In einem Land, dessen externe und interne Herrschaft auf weitere Verelendung der Menschen setzt, kann so etwas wie ein Wiederaufschwung der Wirtschaft schlicht nicht entstehen! Und so verdankt sich dieses ominöse BIP-Wachstum auch ausschließlich dem folgenden Tatbestand: Griechenland hat in seiner Außenhandelsbilanz mit anderen Ländern mehr exportiert als importiert, konkret: der Export stieg im ersten Quartal 2018 um 7,8 Prozent an, der Import ging hingegen um 2,8 Prozent zurück. Davon aber, von diesem Doppelprozess, hat die griechische Bevölkerung gar nichts – und gar nichts auch die griechische Wirtschaft generell! Und deswegen hat Tassos Chatzatoglou auch mit einer anderen Feststellung in seinem Mailbericht Recht: jawohl, die Menschen in Griechenland setzen auch ihre Absetzbewegung von der SYRIZA fort. Mehr und mehr Betroffene kriegen mit, dass diese vormals sozialistische Regierung ihre Regierung nicht mehr ist. Auch hierzu die neuesten Zahlen:

Zum erstenmal kommt das griechische Meinungsforschungsinstitut RASS zu dem Ergebnis, dass die Nea Demokratia die absolute Mehrheit im neuen Parlament erringen könnte: bei einer Umfrage für den Fernsehsender „Action 24“ votierten erstmals 29,7 Prozent aller Befragten für die Konservativen in Griechenland, nur 19,4 Prozent noch für die SYRIZA. Weitere 10 Prozent aller GriechInnen würden bei einem neuerlichen Urnengang überhaupt nicht mehr wählen gehen. Und ein andeers Meinungsforschungsinstitut in Griechenland, die Prorata, teilte der regierunsnahen Tageszeitung „Efimerida ton Syntakton“ mit, dass gleich mehrere Parteien links von der SYRIZA bei Wahlen jetzt die Drei-Prozent-Hürde nehmen würden: die „Laiki Enotitia“ (= „Volkseinheit“, ein Ableger der SYRIZA), die Partei „MeRA 25“ des früheren Finanzministers Yanis Varoufakis sowie auch „ANTARSYA“, die „Antikapitalistische linke Zusammenarbeit für den Umsturz“. Für alle diese drei Parteien registrierte das Meinungsforschungsinstitut Prorata Zustimmungswerte in der Höhe von 5 Prozent. Eine Bevölkerung, die sich resigniert abgefunden hätte mit Niedergang und mit einer zunehmend kapitalismus-devoten SYRIZA, sähe anders aus!

Abschließend andeuten will ich in meinem heutigen Bericht lediglich noch, dass auch die dramatischen Veränderungsprozesse in Italien nicht ohne Auswirkungen bleiben dürften für das „benachbarte“ Griechenland. In der neuesten Ausgabe der „Griechenland-Zeitung“ (GZ) vom 6. Juni des Jahres teilt dessen Redakteur Gerd Höhler den Lesern und Leserinnen mit, dass die vielfach von Tsipras herausposaunte These, Griechenland würde sich ab August dieses Jahres wieder „eigenständig“ auf dem weltweiten Kapitalmarkt „refinanzieren“ können, nichts anderes als dumme Zweckpropaganda ist. Gerd Höhler in seinem Bericht wörtlich: „(…) daran ist im Moment nicht zu denken. (…); Und dass sich die Kurse der griechischen Schuldpapiere erholen, ist unwahrscheinlich, so lange die Ungewissheit über die Entwicklung in Italien anhält“. Mit anderen Worten: das „Narrativ ‚vom sauberen Ausstieg‘“, so Gerd Höhler, aus dem von den Euro-Staaten über Griechenland verhängten „Austeritäts-“, sprich: Verelendungsprogramm, diese Weissagung von Alexis Tsipras vom Berge Sinai aus könnte bereits morgen Schnee von gestern sein – und alles begänne in Griechenland nochmal von vorn. Das Land kehrte, um im biblischen Bilde zu bleiben, sozusagen in die ägyptische Gefangenschaft wieder zurück. Doch ob sich in diesem Fall nochmals das Rote Meer auf menschengütige Weise teilt? – Das darf, das muss bezweifelt werden. Auf diesem Wege der Rückkehr dürfte ein ganzes Volk wohl vollends untergehen. Es würde nicht mal mehr zurückkehren in die vormalige Gefangenschaft.

Womit ich wieder einmal bei meinen obligaten Schlußbemerkungen bin:

Wer uns bei unserer Hilfe für Menschen in Griechenland unterstützen will, unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“,  der überweise uns bitte Spendengelder auf das Konto:

Inhaber: IHW

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 200,- Euro erforderlich -, wende sich bitte an unseren neuen Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“, wäre eigentlich sehr dringend mal wieder auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „IHW“ versehen. Wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets

Euer Holdger Platta

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