Warum wir unbelehrbar sind, oder: das Kassandra Syndrom

 In FEATURED, Gesundheit/Psyche, Kultur, Politik

„Cassandra“ (1864) von Anthony Frederick Augustus Sandys

Die troische Seherin, die den Untergang ihrer Stadt vorhersah und kein Gehör fand – was hat diese scheinbar angestaubte Sagengestalt mit uns heutigen zu tun? Nun, die Menschheit rennt derzeit trotz deutlichster Warnungen vor Umweltkatastrophen und den Grenzen des Wachstums in den Untergang. Anstatt zuzuhören, bestraft man Whistleblower und „Nestbeschmutzer“, tötet die Überbringer schlechter Nachrichten, lädt biedermännisch sogar noch jene Brandstifter zu sich ein, die deutlichst bekennen: „Ich bin ein Brandstifter“. Was ist es, was uns so selbstzerstörerisch handeln lässt? Selbstgerechtigkeit, Verdrängung oder eine morbide Lust am Untergang? Der Tübinger Germanistik-Professor Jürgen Wertheimer fordert, dass wir alle mehr wie Kassandra werden – eine Kassandra-Massenbewegung.  Jürgen Wertheimer

 

Kein ganz unwichtiges Thema – nämlich das unserer  definitiven Unbelehrbarkeit. Mit uns meine ich uns alle und mit Unbelehrbarkeit meine ich nicht nur passive Unbelehrbarkeit, sondern auch aktive Beihilfe, unbelehrt und unbelehrbar zu bleiben, bleiben zu wollen. Eine der wichtigsten Europäischen Mythen handelt davon – der von Kassandra.

Ein fast vergessener Mythos. Antigone, Medea, Jeanne d`Arc – das alles lebt und man erinnert sich gerne wenngleich etwas wehmütig … Kassandra aber  bleibt irgendwie ungeliebt: notorische Schwarzseherin, Unke, Unheilsbotin – und was man ihr sonst noch alles nachsagt.

Das Schlimmste, was einem vorausschauenden Menschen geschehen kann, ist dass seine begründeten Warnungen als „Kassandrarufe“ eingestuft und damit meist abgetan oder zumindest belächelt werden. Das dunkle Erbe der Seherin, deren Begabung in die Zukunft blicken zu können zum Fluch wird, spukt noch immer durch unser kollektives Halbbewusstsein und wird als bewährte Abwehrstrategie gegen unerwünschte Warner und Warnungen eingesetzt. Ohnmächtig muss die Geschlagene zusehen, wie sich das von ihr vorhergesehene und vorausgesagte Schicksal erfüllt. In seiner Ballade „Kassandra“ lässt Friedrich Schiller die Unglückliche verzweifeln und gegen ihre fatale Berufung aufbegehren:

„Warum gabst du mir zu sehen,
Was ich doch nicht wenden kann?/…/

Apollos Fluch als Ursache dieses seherischen Debakels ist natürlich nur die mythologische Einkleidung für eine Eigenart unseres Verhaltens, die offenbar bereits in der griechischen Antike augenscheinlich war: unserer enormen Fähigkeit zur Unbelehrbarkeit bei allen entscheidenden Fragen.

Zugegeben, eine sehr generelle und nicht gerade aufbauende These.

Doch vielleicht ist es gerade deshalb sinnvoll, sich mit dem Phänomen unserer offensichtlichen Unfähig- und Unwilligkeit, begründete Warnungen ernst zu nehmen, auseinanderzusetzen: Denn die Frage nach der prinzipiellen Unbelehrbarkeit unserer Spezies rührt an den Nerv unseres Selbstverständnisses. Und es ist sicher kein Zufall, dass die unglückliche Seherin bereits in der Ilias eine Zentralfigur ist. Die Königstochter Kassandra warnte ihre Landsleute eindringlich vor den Griechen – die Trojaner schenkten ihr keinen Glauben und zogen das todbringende Pferd in die Stadt. Die europäische Kultur und nicht nur sie scheint dieser ehrwürdigen Tradition bis in die Gegenwart treu geblieben zu sein.

Bisweilen spricht man schon vom „Kassandra-Syndrom“ und einem damit verbundenen „Alarmismus“. Tenor: das schwere Erbe düsterer Prophezeiungen führe uns zu notorischer Schwarzseherei, ja zur Lust an Katastrophenszenarien. Man täte gut daran wegzuhören, wenn sie ihre düster menetekelnde Stimme erhebt – und folgerichtig hört man in der Tat weg.

Und so verhallen selbst greifbare, ja sogar messbare Phänomene wie der sogenannte Klimawandel dennoch ohne gravierende Gegenmaßnamen. Manche verschließen sich den Fakten auch aus Prinzip.

Bereits Jean-Jacques Rousseau und Voltaire warnten Jahre vor dem verheerenden Erdbeben von Lissabon Mitte des 18. Jahrhunderts davor, die tektonisch gefährdeten Zonen immer intensiver zu bebauen – ohne jeden Erfolg.

Serien von Eisbergwarnungen konnten die Titanic nicht von ihrer Fahrt in den Untergang abhalten. Sie hielt Kurs ins Verderben.

Israelische Geheimdienste warnten jahrelang vor dem Entstehen eines „Islamischen Staats“. Nichts geschah von Seiten der Politik.

Bei nahezu jedem Terroranschlag heißt es im Nachhinein, man hätte den späteren Täter lange schon im Visier gehabt – nichts geschah jedoch, um ihn vor der Tat zu neutralisieren.

Das Phänomen der Unbelehrbarkeit ist umso gravierender und paradoxer, als der  Abwehr unerwünschter Vorhersagen seit der Antike ein boomender Markt von Orakeln, Propheten und Horoskopen gegenübersteht. Das Delphische Orakel erreichte geradezu staatserhaltende Dignität. Druiden und professionelle Seher wurden zu Kultfiguren. Und inzwischen ist professionelle, big data-gestützte Prognostik ein strategisches Zentrum unserer Maßnahmen. Ganz offensichtlich sind wir Zukunftssüchtig und -scheu zugleich. Es ist sicher kein Zufall, dass mit Kassandra und Pythia gleich zwei Profis des vorausschauenden Gewerbes bereits am Anfang unserer kulturellen Entwicklung stehen. Denn wir suchen nicht nur Rat, wir sind förmlich süchtig danach. Und wir sind sogar bereit dafür zu zahlen.

Wie wir mit den erworbenen oder aufoktroyierten Ratschlägen dann umgehen, ist eine andere, weit schwierigere Frage. Die Spannweite der Möglichkeiten reicht vom Ignorieren bis zum sklavischen Befolgen, von vehementem Zurückweisen bis zu blindem Darauf-Bauen. Es ist sogar zu beobachten, dass die selben Menschen, die angebrachte, faktengestützte Warnungen von sich weisen, gleichzeitig abstrusesten Hirngespinsten und wirren Verschwörungsphantasien absoluten Glauben schenken. Mir persönlich unvergesslich ist der Fall eines auf Pferdewetten spezialisieren hochkompetenten Spielers, der sich dem Tipp eines fragwürdigen „Insiders“ anschloss, obwohl das Tier an diesem Tag – selbst für den Laien erkennbar – lahmte. Ein dreistelliger Verlust war die unmittelbare Folge.

Dass sich ein klug reflektierter Lernprozess, ein durchdachter Verhaltensplan an den Beratungsvorgang anschlösse, ist eher die Ausnahme. Statt dessen bevorzugen wir es, uns mit ganzen Serien banaler Halbwahrheiten zu umgeben: Wir sind geradezu darauf abonniert, als Kunden in den Supermärkten der Illusionen herumzuirren, uns dort auf Lebenszeit wohnlich einzurichten:

Kaum mehr eine Institution ohne externen Consulting-Appendix – vorzugsweise bedient man sich dabei solcher Agenturen, die dem jeweiligen Metier fremd bis feindlich gegenüberstehen. Und was den sogenannten „Schatz der Erfahrung“ betrifft, den findet man allenfalls auf der Mülldeponie des Besserwissens. Verschleudert nach dem Motto: jeder hat das Recht auf seine eigenen Irrtümer.

Nein, es steht nicht sonderlich gut um unsere Fähigkeit, Eindrücke und Informationen unbeeinflusst zu sammeln, Wahrnehmungen klug zu verarbeiten, um dann daraus die optimalen Schlüsse für unser Verhalten zu ziehen. Tendenz sinkend.

Sucht man nach Gründen für die renitente Versteifung auf unser jeweiliges Fehlurteil, wird man rasch fündig. Allerdings liegen die Ursachen weniger bei den Göttern, die die historische Kassandra durch den Fluch bestraften. In der Mehrzahl der Fälle sind wir unser eigener Fluch.

Es ist wahr: guter Rat ist teuer – schlechter jedoch häufig auch. Immer schon war das Voraussagewesen ein gut bezahltes Metier. Die Kunden der delphischen oder anderer Orakel gaben gutes Gold für fragwürdige Hinweise. In jüngster Zeit hat sich die Schere diesbezüglich noch etwas weiter geöffnet.

Fragwürdigste Expertise wird hoch bezahlt. Privat und – dies scheint überaus suspekt – kostenfrei gegebene Ratschläge werden allenfalls nachsichtig zur Kenntnis genommen oder als bedrängend empfunden. Man könnte versucht sein, eine Gleichung aufzustellen und Investment und Glaubwürdigkeit in ein unmittelbares Verhältnis zueinander zu setzen  – was Einiges für sich hätte… De facto freilich ist das Prinzip, die Glaubwürdigkeit an der Höhe des dafür eingesetzten finanziellen Aufwands festzumachen der sicherste Weg in den Abgrund. Derzeit ist eine ganze Kultur im Begriff, Lemmingen gleich diesen Weg zu gehen. Und sich dabei überaus wohl und hoch professionell zu fühlen.

Und selbst wenn es mit den Voraussagen nicht so recht klappen sollte – kein Problem: Denn die Rolle dessen, der sich überrascht gibt, ist bei näherer Betrachtung eine Traumrolle. Sie befreit von Verantwortung und entbindet von der sonst unausweichlichen Notwendigkeit, selber aktiv zu werden, eingreifen zu müssen. Der Überraschte ist letztlich immer im Recht. Wir ersticken zwar in Infos, Fakten und Daten. Wissen seit Jahrzehnten alles über die Not in Afrika, bekommen die Prognosen über mögliche Flüchtlingszahlen und drohende Hungerkatastrophen regelmäßig frei Haus geliefert – und vermögen es dennoch, uns immer wieder aufs Neue als von den jeweiligen Entwicklungen „Überraschte“ zu geben.

Doch jeder bösen Überraschung geht ein beachtlicher Vorlauf voraus, eine Phase  wahrnehmungs-psychologischer Abschottungspolitik. Kollektiv wie individuell. In Max Frischs Stück „Biedermann und Brandstifter“  kann man die Stadien dieser Selbstblockade minutiös verfolgen und die Faktoren heraus destillieren, die uns daran hindern, präventiv zu agieren. Hochmut, Trägheit und Eitelkeit spielen dabei auf frappierende Art zusammen: Schließlich wollen wir  uns doch nicht so verhalten wie alle anderen:

„Wenn man jedermann für einen Brandstifter hält, wo führt das hin? Man muss auch ein bißchen Vertrauen haben. Ein bißchen Vertrauen.“

Umgekehrt versteht es die andere Seite sehr gut, mit einer unserer eigentümlichsten Verhaltensweisen, der Lust, Fakten zu ignorieren, ihr Spiel zu treiben, denn, so die Formulierung eines der späteren Brandstifter:

„Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste ist Sentimentalität. Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.“

Wissenschaftliche Studien belegen es: wenn wir entschlossen sind, Fehler begehen zu wollen und das Risiko zu steigern, kann man uns nur sehr schwer davon abzubringen. Abschreckungsversuche und Schocktherapien sind im Gegenteil allenfalls weitere Motivation. Potentiell möglicherweise vorhandene  Bedenken als Faktoren der Warnung anzuerkennen, ist schlicht „uncool“. Sehr viel attraktiver scheint es demgegenüber, die latent durchaus vorhandenen Ängste durch noch so fragwürdige Mutproben zu überwinden: Tiefschneefahrt bei Lawinenwarnstufe „violett“, Zigarettengenuss trotz Horrorbildern auf der Rückseite der Packung. Selbst Teufels- und Todesdrohung schrecken uns nicht, wenn es darum geht, in unser Schicksal zu rennen, das ja dann tatsächlich zu unserem Schicksal wird.  Allenfalls der Ekel, nicht die Warnung vor etwas vermag, uns bisweilen zu bändigen. Der Körper, nicht der Kopf zieht die Notbremse und rettet – manchmal – unser Leben.

Und wenn nicht Ekel, dann Zwang. Kassandra agierte gleichsam als Privatperson im familiären Umfeld. Ihr Rat war unerwünscht und er wurde nicht ernst genommen oder abgewehrt, vielleicht gerade weil die Personen, an die er gerichtet war, genau wussten, dass die Ratgeberin sie gut, sehr gut kannte.

Wie geht die Literatur damit um und auf welche Weise gelingt es ihr, sich  über Jahrtausende hinweg ins kollektive Gedächtnis zu graben? Nun, zum Beispiel so: Sie erfindet die einzige Seherin, der keiner glaubt

In dieser Verdoppelung der Absurdität wird das Verfahren als Ganzes, also in seiner ganzen Schizophrenie erkennbar. Wir sind zukunftssüchtig, erforschen auf der Basis immer elaborierter werdender Methoden kommende Entwicklungen, erheben immer umfassendere Datensätze auf allen Sektoren. Wir werten aus, prognostizieren, spekulieren ohne Ende.

Vieles entzieht sich unserem Blick, anderes tritt bereits im Vorfeld klar heraus, ist unübersehbar. Doch dann, wenn die Datensätze schließlich vor uns liegen, wenn eine wie Kassandra explizit warnt, vor der List der Griechen, vor Helena, vor dem hölzernen Pferd, blättern wir um oder hören weg.

Ich meine: das kann einfach nicht so weiter gehen.

Deshalb haben wir zusammem mit dem nigerianischen Literaturpreisträger Wole Soyinka, der deutschen Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, dem algerischen Friedenspreisträger Boualem Sansal und dem Kosovarischen Autor und Diplomanten Beque Cufaj eine Bewegung ins Leben gerufen, die erklärtermaßen den Fluch der Kassandra zu brechen versucht.

Unser Medium hierbei – seltsamerweise – die Literatur. Die Literatur als Simulationsraum. Als dem größten Archiv der Geschichte. Als Speicher der Gefühle und dessen was uns wirklich antreibt. Gefühle, Erinnerung, Gedächtnis. Im Schwimmbecken der Erinnerung treiben Tote. Solche, die bereits verfallen sind und solche, die noch leben. Die Literatur sieht genau hin. So genau wie Kassandra, die eben keine Phantastin, keine Seherin, sondern eine genau Hinseherin war. Und die das getan hat was nicht üblich ist: zu sagen, was das Resultat dieses bösen, genauen Hinsehens ist.

Es ist an der Zeit, sich dem Erbe der Kassandra zu stellen und es ernst zu nehmen, die Literatur ernst zu nehmen – als eine textgewordene Frühwarnstation für drohende, im Entstehen begriffene Konflikte. Früher, weil im Rückspiegel der Geschichte die alten Bruchlinien schärfer gezeichnet sind als im Normalverkehr. Der Serbischen Autor Ivo Andric hat auf diese Weise den gesamten Balkankrieg vordefiniert. Hätte man reagiert als Milosevic und Karadzic ihre ersten Hetzreden schwangen – man hätte viel Schreckliches verhindern können. Hätte man die Literatur Catalaniens wahrgenommen, man hätte niemals derart provokative, verständnislose, konfliktgenerierende Bemerkungen getan wie die damalige spanische Regierung…

Tempi passati? Mitnichten. Unsere eingebauten Abwehrmechanismen bestehend aus einer diffusen Mischung von Sachzwängen, Mainstreamdiktat und Ängstlichkeit, hindern uns noch immer nachhaltig daran zu klug zu werden – zu werden wie wir es sein könnten. Deshalb können auch heute noch gerade hochprofessionelle Akteure in den Medien, der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Politik sehr viele bedrohliche Phänomene unverhältnismäßig lange ausblenden und unthematisiert belassen – solange sie keinen Neuigkeitswert haben, keine theoretische Herausforderung darstellen oder keine bindenden politischen Entscheidungen erfordern. Insgesamt  haben Politiker metierbedingt die Neigung, Probleme erst dann und nur dann wahrzunehmen, wenn sie bereits eine vermutlich akzeptable, d.h. mehrheitsfähige Lösung parat zu haben behaupten. In dieser Phase suchen Lösungen nach dazu passenden Problemen – einer kafkaesken Logik gehorchend, wonach die Strafe nach einer geeigneten Schuld sucht. Derart geschlossene Systeme negieren Überraschungen, werden aus Prinzip  betriebsblind für Unerwünschtes.

Christa Wolf fasst in Ihrer faszinierenden Erzählung Kassandra die Stadien dieses strategischen „Erblindungsprozesses“ anschaulich zusammen. Zwei Grundannahmen scheinen uns dabei zu lenken. Zum einen die Tatsache, dass „wir lieber den, der die Tat benennt, als den, der sie begeht“ zum Objekt unserer Reaktionen machen und uns häufig sogar dahinter verbergen, um nicht selbst aktiv werden zu müssen. Zum anderen die Erfahrung, dass gerade „diejenigen Wünsche in uns übermächtig werden, die auf Irrtümern beruhen“. Unter diesen Prämissen werden viele weitere Abläufe verständlich. Wolfs Kassandra memoriert:

„Das habe ich lange nicht begriffen, dass nicht alle sehen konnten, was ich sah. Aber sie glaubten  ja nur sich selbst!!“

Dieses Eingebundensein in die Monade des eigenen Glaubens muss als eine der stärksten Hemmnisse auf dem Weg der Früherkennung gesehen werden. Mittlerweile glaubt die Gehirnforschung sogar zu wissen, dass wir ohnehin nicht die Welt wahrnehmen, sondern nur ein Phantasiebild, das sich allenfalls punktuell mit ihr deckt. Es ist als ob man eine unsichtbare Wand zwischen sich und die Wirklichkeit zöge und den leeren Raum dazwischen mit eigenen Wünschen und Worten füllte. Ein weiteres Mal O-Ton Christa Wolf:

„Sie glaubten das, was man ihnen und sie sich selbst wieder und wieder vorgesagt hatten.“

Kassandra durchschaut das Prinzip, die innere Mechanik dieses unbewussten Selbstschutz-Verfahrens genau. Sie begreift, dass man es so vermeidet, reagieren zu müssen. Ein jüngster Fall aus dem Bereich militärischer Interventionen liefert ein Schulbeispiele für diese offenbar über Jahrtausende hinweg tradierte Haltung. Wie antwortete ein ranghoher Offizier kürzlich auf die Frage, weshalb man auf einen dramatischen Vorfall nicht reagiert hätte: „Wir haben nicht wegesehen. Wir haben das einfach nicht geglaubt!“

Aber im Ernst, wie kann, wie könnte man den Fluch der Kassandra brechen? Wie könnte man über dieses ewige, erstaunte „Wie konnte das passieren?“ hinauskommen? Weshalb legt sich Kassandras Fluch noch immer über das Schicksal der Menschen? Warum schlägt der Versuch, die Gesellschaft vor drohenden Katastrophen zu schützen, immer wieder fehl? Es genügt nicht, Kassandra einfach in neue Kleider zu stecken und sie zu aktualisieren; das wäre nichts anderes als das Problem zu übertünchen.

Warum bringen wir nicht Kassandras Kinder, ihre geistigen Nachfahren stärker ins Spiel: die Autoren? Theaterleute? Kritischen Geister? Es ist an der Zeit, Kassandra aus ihrer Einzelhaft zu befreien und das Kassandra-Prinzip zu einem Massenphänomen werden zu lassen. So etwas wie einen Kassandra-Chor oder eine Kassandra-Fußballmannschaft ins Leben zu rufen. Oder irgendetwas anderes, das geeignet ist, Kassandra aus ihrer 2000-jährigen Isolation zu erlösen und sie zu sozialisieren. Vielleicht wäre es bereits ein erster Schritt in die richtige Richtung, die moderne Form der Kassandras, die „Whistleblower“, nicht als Verräter, Nestbeschmutzer und Verbrecher zu diffamieren und drakonisch zu bestrafen, sondern sie als Aufklärer, die auf eklatante Missstände hinweisen, ernst zu nehmen – anstatt über sie den Stab selbstgerechter Ausgrenzung zu brechen.

Schließlich hat sich der Typus des Kassandra-Außenseiters seit jeher als heilsame Nervensäge, als kreativer Nestbeschmutzer bemerkbar gemacht. Und dennoch, gerade deshalb gehört er dazu – sei es als Priester, Seher, Schamane, Wahrsager, Sangoma oder auch nur einfach als profaner blickscharfer Be-Schreiber, dessen Vorhersagen nicht weniger zutreffend sind als die vieler moderner Prognostiker. Man könnte sogar sagen, dass Wissen oder Voraussicht ohne Skepsis – oder gar unverblümte Ablehnung – gar nicht vollständig sind. Die einzige Absicherung gegen den Reflex des Sich-austernartig-Verschließens ist es, sich den Strömungen und Bewegungen der externen Welt auszusetzen, sich ihnen trotz aller Irritationen oder Ambivalenzen  mutig zu öffnen.

Leicht hingesagt aber schwer realisierbar, wird man in Anbetracht einer Welt einwenden, die zunehmend in Schwarz-Weiss-Schemata denkt und Kritik generell bereits mit Subversion gleichzusetzen beginnt. Viele sind sich der Abwesenheit dieser Werte gar nicht mehr bewusst. Das Zurückweisen derjenigen, die sich dem „Wahr-Sagen“ verschrieben haben, selbst wenn sie möglicherweise Gefahr laufen, falsch zu liegen, ist ein verhängnisvoller Fehler. Denn jedes Innehalten, Nachdenken, Reflektieren über den Weg, den man sich gerade – alternativlos – anschickt zu gehen, ist ein entscheidender Zeitgewinn. Beziehen wir, insbesondere in Zeiten wie dieser, möglichst viele dieser Kassandrastimmen in unserer Gespräche und Überlegungen mit ein, statt sie zu exkludieren.

Bleibt zu hoffen, dass diese Warnung nicht bereits zu spät kommt und im allgemeinen Rauschen des Rufs nach mehr Sicherheit und Eindeutigkeit untergeht. Mehr „Vorratsdatenspeicherung“ ist jedenfalls nicht die richtige Methode, um Kassandra zu befreien. Weit sinnvoller erscheint es mir, die Suchmaschine in unserem Kopf anzuwerfen und unsere Fähigkeit zu schulen, informativen Schrott von Wichtigem zu trennen. Kassandra hat nur dann eine Chance, wenn wir bereit sind, uns dem Potential ihrer Warnungen willentlich zu öffnen. Nur dann würde sich etwas für sie ändern und sie müsste sich nicht mehr wie noch bei Schiller diese verfluchte, frustrierende Gabe vom Halse wünschen.

„Meine Blindheit gib mir wieder
Und den fröhlich dunkeln Sinn,
Nimmer sang ich freudge Lieder,
Seit ich deine Stimme bin.
Zukunft hast du mir gegeben,
Doch du nahmst den Augenblick,
Nahmst der Stunde fröhlich Leben,
Nimm dein falsch Geschenk zurück!“

Bevor es dazu kommt, liebe Freundinnen und Freunde, lassen Sie uns an einer Kassandra-Massenbewegung arbeiten. Erlösen wir Kassandra aus Ihrer Isolationshaft ! Werden wir selbst zu Kassandra und stecken wir Tausende mit dem Virus genau hinzusehen und gegen gesellschaftliche Einwicklungsverfahren lautstark zu protestieren an. Brechen wir gemeinsam den Fluch der Kassandra und verwandeln wir ihr Potential in positive Energie!

Anzeige von 2 kommentaren
  • Avatar
    heike
    Antworten
    Christa Wolfs Kassandra hat gesehen, dass die Macht lieber ihre Kinder tötet als sich selbst zu ändern. Um die Welt zum Besseren zu ändern, dann muss man sie mit den Augen der Kinder sehen. Und man muss mit den Kindern fühlen. Dort schmerzt der Schmerz noch un sie verstehen keine Ironie. Das schützt sie zu einem gewissen Grad. Bis zu dem Punkt, an dem sie das erste Mal gegen sie gerichtete Boshaftigkeit erkennen.

    Christa Wolfs Kassandra hat auch gesehen, dass die Menschen liebr mit und in einer Lüge leben als sie zu benemmen. Viele sind nicht mal in der Lage, die Lüge zu erkennen. Wenn die Lüge einmal das Gehirn überschwemmt hat wird sie zur subjektiben WSahrheit, die dann am leichtesten und angenehmsten ist, wenn sie von vielen geteilt wird. Da gießt sich so ein süßer, schmieriger, angenehmer Strom des Vergessens über das Bewusstsein. Wer um die Wahrheit kämpfen will, braucht viel Kraft.

    Und erbraucht einen Südpol-

  • Avatar
    bibi
    Antworten
    Lieber Herr Wertheimer hinter den Schlagzeilen, liebe Heike,

     

    Ja: ich finde auch: es ist an der Zeit für eine Kassandra-Bewegung!

    Ebenso ist es Zeit für eine Kassandra-Stiftung/ einen Kassandra-Fond mit dessen Geldern für Whistleblower, Aufklärer und Gegen-Windmülen-Kämpfer eine minimale Lebensgrundlage geschaffen wird. Für Hilfe bei Repressionen wie aktuell für Manning und Assange zum Beispiel.

    Damit kännte man diesen mutigen Menschen ihre kargen Gefängnis-Alltage zumindest etwas leichter machen und ihnen auf diese Weise signalisieren, dass es da draussen Menschen gibt die auf ihrer Seite sind und an sie denken.

    Wer könnte so einen Fond denn ins Leben rufen?

    Liebe Grüsse,

    Bibi

    P.S.: Und hier noch eine andere Sicht auf das Kassandra-Ayndrom: http://uncut-news.ch/?s=dergeistigeholo

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