Was bedeutet es, wenn zwei Geldautomaten verschwunden sind?

 in FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

142. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ „Not leidende Banken“ – dieser Begriff ist während der Finanzkrise in Deutschland zum eher ironisch gebrauchten geflügelten Wort geworden. Banken setzen knallhart ihre Interessen durch, geben sich aber gern wehleidig, wenn es mal nicht so klappt mit dem Profitieren. Dann soll der Steuerzahler ran. In Griechenland scheint es den Banken aber infolge der desaströsen EU-Verarmungspolitik tatsächlich schlecht zu gehen. Geldautomaten werden abgebaut, und das kann bedeuten: Menschen haben zwar theoretisch Anspruch auf ihr Erspartes, müssen aber weit reisen, um der Gnade teilhaftig zu werden, es auch tatsächlich ausgezahlt zu bekommen. Zum Glück haben viele unserer Leserinnen und Leser begriffen: Not leidend sind vor allem Menschen – und zur Hilfe sind wir alle aufgerufen. (Holdger Platta)

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

wie zumeist in meinen Berichten zu unseren Hilfsaktionen in Griechenland erstmal die neuesten Spendenzahlen vorweg:

Während der letzten sieben Tage wurden 265,- Euro auf unserem Spendenkonto eingezahlt, überwiesen von insgesamt 6 Unterstützerinnen und Unterstützern an uns. In der Vorwoche hatten uns 14 HdS-LeserInnen – darunter zahlreiche DauerhelferInnen – 965,- Euro an weiteren Hilfsgeldern für unsere Spendenaktion zur Verfügung gestellt. Erneut danke ich allen Helferinnen und Helfern sehr, auch im Namen des gesamten Organisationsteams!

Die „Vorräte“ auf unserem Spendenkonto sind damit deutlich zusammengeschmolzen, weil wir in der Vorwoche 2.900,- Euro an unser Reiseteam Evi und Tassos Chatzatoglou überwiesen haben – über die einzelnen Hilfsprojekte hatte ich Euch in meinem letzten Bericht informiert. Aber trotzdem werden wir imstande sein, auch noch einen weiteren Hilfsbetrag in den nächsten Tagen auf die Reise zu schicken, nämlich 1.500,- Euro für verarmte Familien und Einzelpersonen in der Gemeinde Korydallos. Sie gehören zu den seit längerem von uns betreuten Menschen in Griechenland, und diese Gelder werden die Betroffenen ebenfalls über Evi und Tassos Chatzatoglou erreichen, als eine Art von „Weihnachtsgeld“, wenn Ihr so wollt.

Die Sozialstation in Korydallos kümmert sich seit längerem um rund 200 verarmte Menschen und rund 80 verarmte Familien in ihrem Bezirk. Es handelt sich nahezu ausnahmslos um Opfer der nach wie vor andauernden dramatischen Arbeitslosigkeit in Griechenland. Gerne hätten wir den Menschen mit einem höheren Betrag unter die Arme gegriffen, doch dieses lässt unsere Finanzsituation derzeit nicht zu. Doch vielleicht ermöglicht uns der Spendeneingang während der kommenden Wochen noch eine Nachüberweisung nach Korydallos. Natürlich würden wir HelferInnen uns sehr über diese Möglichkeit freuen.

Ansonsten möchte ich Euch heute über ein anderes Problem informieren, das vielen Griechinnen und Griechen mehr und mehr zu schaffen macht. Es betrifft die Banken in Griechenland.

Ich weiß, das klingt sehr abstrakt und klingt nach Problemen, die nur „ganz oben“ angesiedelt sind. Doch wahrnehmbar werden diese Probleme für die Griechinnen und Griechen mehr und mehr auch im eigenen Alltag – und letzteres kann man ganz wörtlich nehmen.

Deswegen zunächst auch ganz konkret:

Im wachsenden Maße wird für viele Griechen zum Problem, Bargeld von ihren Bankkonten abheben zu können, und zwar aus dem banalen Grund, dass immer weniger Geldautomaten den griechischen Bankkunden zur Verfügung stehen. Ein Beispiel:

Bis vor kurzem konnten die Athener im Eingangsbereich des Supermarktes Sklavenitis an der Vouliagmenis-Avenue in der griechischen Hauptstadt noch bei drei der vier griechischen Großbanken Gelder abheben, schlicht deshalb, weil dort deren Geldautomaten standen. Doch seit einer guten Woche bietet dort nur eine Bank noch diesen Service an. Blechplatten verdecken seither die Löcher in der Supermarkt-Fassade. Grund für den Abbau der Geldautomaten: die griechischen Banken müssen Geld sparen, selbst bei ihrem apparativen Service, selbst bei der Ausgabe von Geld, das bei den Banken vorhanden ist. Und was seit kurzem beim Einkaufs-Center Sklavenitis in Athen zu besichtigen ist, das ist kein belangloser Einzelfall.

Seit 2010 haben die griechischen Bankinstitute die Anzahl ihrer Geldautomaten von 8.650 auf 5.300 reduziert. Doch das ist noch längst nicht alles, was an Sparmaßnahmen bei den griechischen Banken zu beobachten ist. Aber der Reihe nach:

• Seit 1997 ist die Zahl der griechischen Banken von 18 auf 4 sogenannte „Groß“-Banken geschrumpft.

• Seit 2008, dem Beginn der Krisenjahre in Griechenland, verringerte sich die Anzahl der Zweigstellen der griechischen Banken von 4.130 auf 1.972.

• Im gleichen Zeitraum ging die Anzahl der Beschäftigten im griechischen Bankensektor von 68.000 MitarbeiterInnen auf 40.000 zurück.

• Heute sind an sogenannt-systemrelevanten Banken lediglich vier Institute noch übriggeblieben: die Piraeus Bank, die Eurobank, die National Bank of Greece und die Alpha Bank.

• Ausländische Banken gibt es im sogenannten Privatkundengeschäft in Griechenland gar nicht mehr.

Und der Hintergrund dieser Entwicklungen:

Die griechischen Geldinstitute kämpfen seit längerem mit immensen Kreditrisiken. Bei fast 48 Prozent aller Kredite handelt es sich um Forderungen, die von den „Schuldnern“ nicht mehr „bedient“ werden können. Was in den vergangenen Jahren wieder und wieder als „Rettung“ auch des griechischen Bankenwesens ausgegeben worden ist, hat zu einer Zerrüttung der griechischen Finanzwirtschaft geführt, nicht zuletzt im Bankenbereich. Und: mit dem Ende der fatalen „Rettungs“-Politik von Seiten der Euro-Staaten gegenüber Griechenland ist auch für die griechischen Banken die Krise noch längst nicht vorbei. Ganz im Gegenteil:

Die verbliebenen griechischen Großbanken haben mittlerweile alles auf den Prüfstand gestellt: Geschäftsstellenzahl und Anzahl der Geldautomaten, Personalstärke und Gehälter, Arbeitszeiten und ihren Service generell. Der Umstand, dass die Erträge der griechischen Banken zurückgefallen sind auf das Vorkrisenzeitenniveau des Jahres 2003, hat dazu geführt, dass die griechischen Banken – an der Spitze die Piraeus-Bank – derzeit mit folgenden „Planspielen“ beschäftigt sind:

• In den nächsten drei Jahren sollen weitere 800 Zweigstellen geschlossen werden.

• Es sollen weitere 10.000 Beschäftigte entlassen werden.

• Gegebenenfalls soll die Anzahl der vier verbliebenen Großbanken in Griechenland nochmals verkleinert werden.

• Und die Piraeus-Bank hat in der vorletzten Woche den Gewerkschaften allen Ernstes vorgeschlagen, dass zahlreiche Vollzeitstellen in Teilzeitstellen umgewandelt werden oder die Beschäftigten – alle? ein Teil von ihnen? – pro Monat zwölf Tage „unbezahlten Urlaub“ akzeptieren sollen.

Heißt: was fast harmlos auszusehen scheint – vor dem Supermarkt Sklavenitis in Athen verschwinden zwei von drei Geldautomaten –, das signalisiert in Wahrheit weitere Gefährdung von Arbeitsplätzen und weitere Vernichtung der Überlebensmöglichkeiten für viele Menschen in Griechenland insgesamt! Konfrontiert mit der Kombination von sogenannt-„faulen“ Krediten und Ertragsschwund – beides aufs drastischste mitverursacht von der Eurostaaten-Politik gegenüber Griechenland – sehen die verbliebenen Banken keinen anderen Ausweg mehr als beizutragen zu einem weiteren Niedergang der Volkswirtschaft in Griechenland. Was der Selbstrettung dienen soll, trägt noch mehr zur Zerstörung Griechenlands bei. Auf der Strecke bleiben so oder so viele weitere Menschen in Griechenland.

Noch ist unbekannt, wie die griechische Regierung auf diese Entwicklungsprozesse zu reagieren gedenkt. Und unbekannt natürlich auch, ob Europa dieses Mal den Griechen wirklich helfen will. Zu befürchten ist, dass die europäische „Wertegemeinschaft“ erneut auf ganzer Linie versagen wird.

Und damit, wieder einmal, meine abschließende Bitte um weitere Unterstützung unserer Spendenaktion.

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“ auf das Konto:

Inhaber: IHW
IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“, ist immer wieder erneut auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „IHW“ versehen. Wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets
Euer Holdger Platta

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