Was ist Glück (4/5)

 In FEATURED, Gesundheit/Psyche

Gemeinschaft, Vertrauen, Freundschaft, Liebe – Glück können wir auf lange Sicht nicht einzeln finden, es braucht dazu die Verbundenheit mit anderen Menschen. Glückskiller Nummer eins ist somit auch ein Wirtschaftssystem, das auf Wettbewerb, Gier und Egoismus basiert und somit Gemeinschaft und Vertrauen zerstört. Denn es ist nicht allein ein wohlmeinendes Klischee, dass Geben seliger als Nehmen sei. Tatsächlich: Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft machen nicht nur dem Empfänger, sondern auch dem Geber Freude. Es wird dadurch eine „Kettenreaktion“ der Güte ausgelöst, und auch Glücksempfinden wirkt ansteckend…  Holger Wohlfahrt

Liebe deinen Nächsten

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ heißt eine altbekannte, reichlich vermessene Forderung im Neuen Testament. Ihre Umsetzung scheitert schon daran, dass die meisten Menschen sich nicht selbst lieben können. Zwar scheint der Mensch stets egoistisch auf seinen Vorteil bedacht zu sein, doch wahre Selbstliebe ist aggressiver Egoismus nicht. Im Gegenteil – er ist eher als Kompensationsmodell fehlender Selbstliebe zu betrachten.

Bereits Aristoteles macht in seiner „Nikomachischen Ethik“ – zweifelsohne einem der einflussreichsten Philosophiebücher der Menschheitsgeschichte – darauf aufmerksam, dass die Wurzel jeder Form von Liebe und Freundschaft die „Selbstliebe“ sei. Wer mit anderen gut klar kommen will, muss sich zunächst selbst gut Freund sein. Selbstliebe ist daher für Aristoteles nicht nur berechtigt, sondern sogar notwendig.

Wer sich und seine Bedürfnisse hingegen den Interessen anderer vollumfänglich unterordnet, kann keine wahre Selbstliebe empfinden. Er lebt vielmehr eine Form des Masochismus. Wer also beispielsweise Jobs nachgeht, die zwar Reichtum, in der Folge womöglich auch Anerkennung und Ansehen bringen, die aber dem eigenen Wesen nicht entsprechen und daher mit Leid verbunden sind, wird eher wenig Selbstliebe empfinden. Je weniger Selbstliebe vorhanden ist, desto stärker fällt der Versuch aus, sich die Liebe der Mitmenschen zu verdienen oder zu erobern.

Auch das in gewissen Kreisen durchaus häufige Phänomen der sogenannten Trophy Wives oder auch der Trophy Husbands fällt in diese Kategorie. Um die Bewunderung anderer zu bekommen und die fehlende Selbstliebe zu kompensieren, wird ein scheinbar perfekter, aber nicht wahrhaft geliebter Partner gesucht und allseits stolz präsentiert.

Eine derartige Anerkennungssucht ist nüchtern betrachtet nichts weiter als eine Spielart jenes menschlichen Egoismus, der einst einen Evolutionsvorteil darstellte. Im Überlebenskampf aller gegen alle schien derjenige, der als besonders einflussreich, mächtig und bewundernswert erschien, im Vorteil zu sein. Er brauchte weniger Angst davor zu haben, von den Mitmenschen ausgeschlossen zu werden. Im menschlichen Urzustand bedeutete der Ausschluss aus der Gruppe meist den sicheren Tod. Diese Angst sitzt tief in den menschlichen Genen und wirkt bis heute nach. Viele Anhänger sozialdarwinistischer Theorien gehen daher davon aus, dass menschlicher Egoismus immer über jeder Form von Liebe stehen wird.

Doch dabei wird übersehen, dass im Menschen noch eine zweite, mindestens so wichtige Eigenschaft angelegt ist, die in einem anarchischen Urzustand ebenfalls einen Überlebensvorteil darstellte und ihrerseits bis heute im menschlichen Wesen fortwirkt: Die Fähigkeit zu Kooperation, zu Mitgefühl, Mitleid und Freundschaft. Schließlich konnten und können Menschen besser überleben, wenn sie sich gegenseitig unterstützen.

Wer nun sehr achtsam und rücksichtsvoll mit sich selbst umgeht, wer also Formen wahrhafter Selbstliebe pflegt, der entwickelt nicht nur ein Gespür dafür, was ihm selbst, sondern auch dafür, was anderen fehlen könnte. Wer selbst Leid erfahren hat und sich selbst einen bewussten und achtsamen Umgang damit gestattet, der kann auch anderen in schwierigen Lebensphasen umso besser beistehen.

Die Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen und ihnen beizustehen, ist tief im Menschen verankert. Vielleicht wäre die Gattung Mensch ohne diese Fähigkeit längst ausgestorben. Der italienische Neurophysiologe Giacomo Rizzolatti beschrieb 1992 als erster das neuronale Prinzip für diese menschliche Eigenschaft. Es liegt in den sogenannten Spiegelneuronen begründet. Diese Nervenzellen sorgen dafür, dass beim bloßen Betrachten eines äußeren Vorgangs im Gehirn eine ähnliche Reaktion ausgelöst wird, wie beim tatsächlich eigenständigen Erleben. Die Spiegelneuronen sind also unter anderem dafür verantwortlich, dass man selbst in eine gewisse Stresssituation kommt, wenn man dem Kommissar in einem Fernseh-Krimi dabei zuschaut, wie er in eine Falle läuft.

Diese Spiegelneuronen waren und sind sicher ein wesentlicher Grund für die Bereitschaft, für Andere einzutreten. Das Betrachten von Schmerz und Elend der Mitmenschen kann aufgrund dieser Nervenzellen auch in unmittelbarer Form am eigenen Körper ein Stück weit nachgefühlt werden. Von jeher war es daher ein Anliegen der Menschen, den Anblick von Elend zu vermeiden oder ihm vorzubeugen. Glaubt man dem aktuellen Forschungsstand der Evolutionsbiologie, war es aber nicht allein diese neuronale Besonderheit, die eine Kooperations- und Hilfsbereitschaft der Menschen bedingte. Es gibt daneben auch eine pragmatische Ebene, die offenkundig so viele äußere Vorteile brachte, dass sie sich über Jahrtausende bewährt hat.

So zeigt etwa der US-amerikanische Anthropologe Michael Tomasello in seinem bahnbrechenden Werk „Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral“, wie die Frühmenschen in Folge eines Klimawandels vor zwei Millionen Jahren das Kooperieren lernen mussten. Die einzige Chance zum Überleben bestand für sie darin, zusammen auf gemeinsame Ziele hinzuarbeiten. Dabei ging es nicht um Kategorien von „Ich“ und „Du“, sondern allein um ein übergeordnetes „Wir“. Der Nächste wurde überlebenswichtig. Das heißt, dass man nicht nur mit ihm fühlte, sondern dass man auch begann, ihn als gleichwertig anzuerkennen.

Aristoteles erkannte schon im vierten vorchristlichen Jahrhundert ganz im Einklang mit jener Einsicht Tomasellos, dass der Mensch ein „Zoon politikon“ ist, ein auf Gemeinschaft angelegtes Wesen, das stets sozial und politisch agiert. Ohne die ihn umgebende Gemeinschaft, die der Mensch auch immer zu gestalten bestrebt ist, kann er als Gattung nicht überleben. Das galt für den evolutionären Urzustand genauso wie es noch heute gilt. Aristoteles sieht daher in der Freundschaft das entscheidende menschliche Kriterium überhaupt. Dieser Begriff ist bei ihm allerdings sehr weit gefasst. Er umfasst auch das, was heute als Liebe bezeichnet wird, beispielsweise die Liebe der Eltern zu ihren Kindern, die Liebe zwischen zwei Partnern oder die Geschwisterliebe. Der Begriff bezeichnet aber ebenso eine übergeordnete Kooperationsbereitschaft etwa unter den Bürgern eines Staates oder auch zwischen verschiedenen Staaten. Man könnte sagen, dass Aristoteles einen tief sitzenden „Willen zur Freundschaft“ als eine zentrale menschliche Eigenheit erkannte.

In der modernen Glücksforschung wird als entscheidende Komponente für nachhaltiges Glücksempfinden eben das genannt, was Aristoteles unter dem weiten Begriff der Freundschaft zusammenfasste. Das heute zwar oft nur noch unterbewusste, aber eben doch vorhandene Wissen um die Unfähigkeit, ohne andere überleben zu können, macht aus dem Menschen ein zutiefst soziales Wesen. Ohne gute Beziehungen zu anderen fühlt er sich daher zwangsläufig schlecht. Für das individuelle Glück werden die Mitmenschen und der Umgang mit ihnen als elementar erkannt. Psychologen aus aller Welt sind sich hierin einig.

David G. Myers vom Hope College in Michigan, von vielen als Mister Glücksforschung schlechthin bezeichnet, schreibt: „Geben Sie engen Beziehungen den Vorzug vor Erfolg.“ Hein Zegers von der Universität Leuven meint: „Wo auch immer Sie herkommen – andere Menschen sind entscheidend für Ihr Glück.“ Graciela Tonon de Toscano von der Universität Palermo ergänzt: „Freunde sind als Mittel zu einer höheren Lebensqualität und mehr Glück zu sehen.“ Christopher Peterson von der Universität Michigan: „Suchen Sie das Glück nicht in sich selbst, sondern in Ihren Beziehungen zu anderen.“ Peter T Reker, emeritierter Professor der Trent University in Kanada: „Untersuchungen zeigen, dass nichts größere Auswirkungen auf das Glück hat als enge liebevolle Beziehungen, enge Freundschaften oder enge Familienbande.“ José L. Zaccagnini von der Universität Málaga: „Aus psychologischer Sicht können wir heute sagen, dass wir die Menschen lieben müssen – nicht nur, weil sie es brauchen, sondern weil wir es brauchen, um glücklich zu sein.“ Und Christoph Bjornskov von der Universität Aarhus schreibt schließlich: „Setzen Sie ein hohes Maß an Vertrauen in ihre Mitmenschen.“

Das von Bjornskov angesprochene Vertrauen scheint die entscheidende Komponente zu sein, will man eine gute Beziehung zu seinen Mitmenschen führen. Richard Layard von der London School of Economics schreibt hierzu: „Der wichtigste Faktor, mit dem man Schwankungen des Glücks erklären kann, ist die Qualität der persönlichen Beziehungen. Und das Schlüsselelement jeder Beziehung ist Vertrauen.“ Er zeigt in seinen Studien, dass vertrauensvolle Menschen tatsächlich höhere Glücksniveaus aufweisen. Für viele Glücksforscher ist das der Grund, warum skandinavische Gesellschaften besonders hohe Glückswerte haben. In repräsentativen Umfragen geben Skandinavier an, hohes Vertrauen in ihre Mitmenschen und die sie umgebende Gesellschaft zu haben. Womöglich liegt das auch darin begründet, dass es in den skandinavischen Ländern bis in die jüngste Vergangenheit hinein einen besonders ausgeprägten Sozialstaat gab, der vergleichsweise wenig Ungleichverteilung, Neid und folglich auch Misstrauen in andere zuließ.

Genau dieses glücksspendende Vertrauen wird in modernen Gesellschaften jedoch zusehends untergraben. So beantworteten in einer in den USA und in Großbritannien durchgeführten repräsentativen Studie nur etwa 30% der Menschen die Frage, ob sie anderen trauen würden, mit ja. Vor fünfzig Jahren bejahten die Frage in beiden Ländern noch ca. 60% der Menschen.

Grund für diesen Vertrauensverlust ist für Layard der übermäßige Fokus auf den Wettbewerb, der heutigen Menschen quasi vom Kleinkindesalter an vermittelt wird. Wer nicht in einen mehrsprachigen Kindergarten geht, wird es in der Zukunft schwer haben, heißt es immer öfter. Wer in der Schule keine Bestleistungen bringt, wird später unter die Räder kommen. Besser zu sein als die anderen ist eine zentrale Devise der Moderne! Im Namen von höherer Effizienz und mehr Wohlstand werden somit Solidarität und Gemeinschaftsgefühl langsam aber sicher zerstört. Statt sich über die Gemeinschaft der Mitmenschen zu freuen, wird sie vielfach als anstrengend, mühsam oder gar bedrohlich empfunden.

Dass der Verlust von Solidarität und Gemeinschaftsgefühl tatsächlich ein Phänomen der industrialisierten, wettbewerbsorientierten Welt der westlichen Neuzeit ist, zeigt der Psychologe Hein Zegers. In seinen Büchern thematisiert er immer wieder, wie in vielen sogenannten Entwicklungsländern der einzelne Interviewte die Frage nach dem Glück nicht gelöst von der ihn umgebenden Gemeinschaft beantworten kann. In vielen dörflichen Strukturen Afrikas wird also auf die Frage nach dem individuellen Glück stets geantwortet, dass man sich insgesamt für die Mitglieder der Dorfgemeinschaft Gutes wünsche.

Zegers erinnert damit auch an jene Aufzeichnungen des französischen Siedlers Hector de Crèvecoeur, der davon berichtete, dass schon während der Zeit der massenhaften Besiedlung Nordamerikas tausende Europäer, die ja bereits vom modernen Lebensstil geprägt waren,  sich den indianischen Urvölkern anschlossen. Andersherum gab es laut de Crèvecoeur nicht ein einziges Beispiel für einen Ureinwohner, der freiwillig Europäern geworden wäre. Dieses Phänomen war für viele Siedler, die von der Überlegenheit ihrer Lebensform überzeugt waren, zutiefst irritierend. De Crèvecoeur schrieb als Erklärung: „Der soziale Zusammenhalt der Indianer muss etwas einzigartig Faszinierendes gehabt haben, das bei Weitem alles übertraf, dessen wir uns rühmen konnten.“

Kein Wunder, dass infolge des omnipräsenten Wettbewerbsdenkens Menschen der westlich geprägten Gegenwart besonders stark darunter leiden, wenn andere erfolgreicher sind als sie. Eine Schlussfolgerung, die etwa die Wirtschaftswissenschaftlerin und Glücksforscherin Claudia Senik von der Sorbonne in Paris aus diesem Sachverhalt zieht, ist, sich im Namen des individuellen Glücks gar nicht erst mit anderen zu vergleichen. Sie empfiehlt, Vergleichsmaßstäbe von sich fern zu halten und sich stattdessen verstärkt auf eigene Pläne und die daran zu messende eigene Entwicklung zu konzentrieren.

Im Zeitalter von Facebook und Instagram fällt genau dieser Verzicht des Vergleichs natürlich schwer. Plattformen wie die genannten bauen sogar wesentlich auf dem bestehenden Konkurrenzmodell auf. Jeder kann dort sein Ego breit inszenieren. Vielen ist dabei gar nicht bewusst, dass ihre eigene Selbstinszenierung nichts weiter ist als der Versuch, den eigenen Neid angesichts der erdrückenden, jedoch meist nur scheinbaren Erfolge, Leistungen und Erlebnisse anderer zu kaschieren. Gleichzeitig wird bei anderen neuer Neid geschürt. So entsteht ein wahrer Teufelskreis der Selbstinszenierung. Die Reduzierung oder am besten gleich der gänzliche Verzicht auf derartige Medien kann also durchaus glücksfördernd sein.

Die Vermeidung jeglichen Vergleichs ist letztlich aber natürlich nur eine Symptombekämpfung. Wer wahre Freundschaft oder gar Liebe zu einem Mitmenschen empfindet, der beneidet diesen nicht um seine Erfolge. Er freut sich mit ihm. Die vertrauensvolle, zutiefst mitfühlende Freude, die in unserer Gesellschaft verloren zu gehen droht, gilt es daher zu fördern. Schon in Schulen sollten deshalb verstärkt kooperative Programme etabliert werden. Leistungsmäßige Wettkämpfe, die Kinder durchaus genießen, könnten selbst in klassischen Fächern wie Mathematik oder Deutsch verstärkt in Teamform stattfinden. Die herkömmliche Notenvergabe sollte ohnehin auch jenseits reformpädagogischer Kreise dringend hinterfragt werden.

Indem mehr Wert auf soziale Belange, auf Gemeinschaftssinn, auch auf Empathie und gegenseitige Wertschätzung gelegt wird, kann es gelingen, den Mitmenschen verstärkt um seiner selbst willen wahrzunehmen und zu schätzen. Wem das gelingt, der scheint ganz nah dran zu sein am großen Glück. Am Glück der Liebe.

Bei Hermann Hesse heißt es hierzu: „Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.“ Doch wie drückt sich diese glücksspendende Form der Liebe konkret aus?

Aristoteles unterscheidet zwischen verschiedenen Formen der Freundschaft oder Liebe (wie gesagt, er trennt diese Kategorien noch nicht voneinander). So gibt es für ihn Freundschaft und Liebe aus Gründen der individuellen Lustgewinnung. Und es gibt Freundschaft und Liebe, die des äußeren Nutzens wegen gelebt werden. Aristoteles meint, dass junge Menschen oft dazu neigen, Freundschaft und Liebe allein der Lust wegen zu suchen, während alte Menschen Freundschaft und Liebe aus Nutzenerwägungen erstreben. In der heutigen Zeit scheint beides unabhängig vom Alter insgesamt überwiegend aus Lust und Nutzenkalkül gelebt zu werden. Ist die Lust erschöpft, steht die Trennung oder die Scheidung an. Bringt der Freund keinen Nutzen oder Mehrwert mehr, wendet man sich einem anderen zu. Auch die Mitmenschen sind also zum Mittel für die eigenen Zwecke geworden.

Demgegenüber steht für Aristoteles die dritte und höchste Form der Liebe, die Tugendliebe. Diese schließt Lust und Nutzen zwar nicht aus. Vor allem geht es bei ihr aber darum, den anderen um seiner selbst willen so zu nehmen und so zu lieben, wie er ist.

Auch der Sozialpsychologe und Philosoph Erich Fromm macht in seinem Werk „Die Kunst des Liebens“ darauf aufmerksam, dass Liebe nicht einfach nur ein schönes Gefühl ist, dem man sich blindlings hingibt. Das wäre, um mit Aristoteles zu sprechen, nichts weiter als eine Form der Lusterfüllung. Liebe ist für Fromm daher zu trennen von dem bloßen Verliebt-Sein. Fromm meint, dass Liebe eine Kunstform ist, die erlernt sein will. Wer danach trachtet, sie zu beherrschen, benötigt Selbstdisziplin, Konzentration, Geduld, das Wichtignehmen dieser Kunst und ein Gespür für sich selbst. Dann wird es möglich, sich und seine eigenen Bedürfnisse zu respektieren (und damit die eingangs besprochene Selbstliebe zu pflegen), aus der gewonnenen Selbstachtung heraus auch die Bedürfnisse des Mitmenschen gelten zu lassen, sich ihnen konzentriert zu widmen, dem Mitmenschen zuzuhören, ihn ausreden zu lassen, ihn in seiner Andersheit als bereichernd wahrzunehmen, ihn wertzuschätzen und ihn schließlich um seiner selbst willen zu lieben.

Die Ausführungen Fromms sind zwar intellektuell gut nachvollziehbar. Aber ihre Übertragung aus der Theorie in die Praxis scheint vielen, gerade innerhalb des strukturellen Rahmens in dem sie sich bewegen, nur schwer möglich. Wie also kann der Einzelne, der in unserer effizienzgetrimmten Welt bereits strukturell zu egoistischem Individualismus und tiefem Misstrauen erzogen wurde, dahin kommen, wahre Freundschaft oder gar Liebe auf eine glücksstiftende Art und Weise zu empfinden?

Am einfachsten ist es, die Kraft des intuitiven Verliebt-Seins zu nutzen. Aus diesem menschlichen Urfeuer kann eine Partnerschaft zwischen zwei Menschen entstehen. Wem es gelingt, diese kleinstmögliche Verbindung in Form einer Partnerschaft zu kultivieren, gemeinsame Interessen und Hobbys zu entwickeln, sich auch gegenseitigen Freiraum zuzugestehen, Herausforderungen gemeinsam anzugehen und sich gemeinsame Ziele zu setzen, der wird trotz gelegentlicher Ungereimtheiten und Streitigkeiten insgesamt emotional stabiler sein. Er hat schließlich stets das Gefühl, von einer vertrauten Person unterstützt zu werden. Und so verwundert es nicht, dass eine über 22 Jahre durchgeführte Studie unter Leitung von Leonard Cargan von der Wright State University in Dayton, Ohio, ergab, dass verheiratete oder zumindest in vergleichbaren Verhältnissen lebende Menschen höhere Glücksniveaus aufweisen als Langzeitsingles.

Auch jede Form von Zärtlichkeit und überhaupt jede Form von inniger Berührung, die besonders stark dieser Urkraft des Verliebt-Seins entwachsen, sind glücksspendend. Neurowissenschaftler erklären das mit dem Oxytocin, im Volksmund auch Kuschelhormon genannt. Es wird bei körperlicher Berührung verstärkt frei gesetzt. Es dockt in der Amygdala an und dämpft Angstgefühle. Gleichzeitig stärkt es das gegenseitige Vertrauen. Durch die Produktion von Oxytocin entsteht ein wohliger Moment, der wahre Glücksgefühle auslöst.

Über diese engste Möglichkeit der Gruppierung in Form einer Partnerschaft hinausgehend, kann, wer glücksspendende Freude an Gemeinschaft sucht, Vereinigungen beitreten, die sich für eine Sache einsetzen, die man als wichtig erachtet. So lohnt es sich beispielsweise, gemeinschaftlich für gesellschaftliche Ziele einzutreten. Gemeinsame Ziele wirken verbindend.

Selbst eine banale Gruppierung, wie etwa in Form eines Fußballvereins, geht gemeinsam einem Ziel nach, nämlich dem Streben nach sportlichem Erfolg. Bei diesem Streben kann natürlich auch innerhalb der Gemeinschaft eine Konkurrenzsituation unter den einzelnen Mitgliedern auftreten. Erfolgreiche Gruppierungen oder, wie es neudeutsch heißt, Teams, zeichnen sich daher meist dadurch aus, dass jedem einzelnen Mitglied eine große Bedeutung zugesprochen wird und jeder Einzelne somit das Gefühl bekommt, besonders wichtig für die Erreichung des übergeordneten Ziels zu sein. Die Konkurrenzsituation wird dann dem gemeinsamen Ziel gerne untergeordnet. Je größer das gemeinsame Ziel erscheint, desto größer wird in der Regel auch die Bereitschaft, sich mit den anderen Verfechtern dieses Ziels gemein zu machen.

Gleichzeitig droht allerdings stets die Gefahr, sich von anderen Menschen, die für andere oder für keine Ziele eintreten, umso stärker zu entfremden. Das gilt für politische Gruppierungen, erst recht für ideologische oder religiöse Vereinigungen.  Im schlimmsten Fall kann es passieren, dass man sich mit Seinesgleichen in eine Scheinwelt zurückzieht und in jedem Andersdenkenden einen Feind erkennt, von dem eine Bedrohung ausgeht. Ganz im Sinne Jean-Paul Sartres: „Die Hölle, das sind die Anderen.“

Um so etwas wie grundlegende und bedingungslose Menschenliebe zu entwickeln, empfehlen daher immer mehr Glücksforscher eine harmlose, aber konkrete Methode: das sogenannte Cognitive Based Compassion Training. Dabei handelt es sich um eine Meditationsform, bei der Liebe und Freundlichkeit individuell und auf vermeintlich einfache Art und Weise geschult werden. Bei dieser Meditation setzt man zunächst bei sich selbst an, visualisiert das eigene fröhliche Gesicht, den eigenen Körper, wie er beispielsweise in strahlendem Sonnenschein schönen und angenehmen Dingen nachgeht. Man äußert gedanklich Sätze wie: „Möge ich glücklich und in Frieden sein.“ Sodann dehnt man diese Gedanken für mehrere Minuten auf Menschen, die einem nahe stehen aus: „Möge dieser Mensch glücklich und gesund sein.“ Schließlich bezieht man Menschen, die einem eigentlich gar nichts bedeuten, mit ein: „Möge auch dieser Mensch glücklich und in Frieden sein.“

Man könnte also fast schon im Einklang mit dem eingangs zitierten Bibelzitat sagen: Ausgehend von der unterbewussten Schulung in Sachen Selbstliebe wird die Nächstenliebe forciert.

Der Hirnforscher Richard Davidson fand heraus, dass gerade diese Form der Freundlichkeitsmeditation kognitive Höchstleistungen bei seinen Probanden hervorrief. Wahrscheinlich konnten durch die starke freundliche Visualisierung Anderer soziale Ängste abgebaut werden. Statt anderen gegenüber skeptisch und misstrauisch zu sein, stellte sich Vertrauen ein, was das Gefühl von Entspanntheit erzeugte und konzentrierten Hirnaktivitäten die volle Entfaltung ermöglichte.

Im zweiten Schritt geht es beim Cognitive Based Compassion Training darum, sich zu vergegenwärtigen, wie eng wir mit allen anderen Menschen verbunden sind. Wie verschieden wir äußerlich auch erscheinen mögen – jeder Einzelne will in seinem tiefsten Inneren vor allem nach eigenem Gutdünken glücklich sein. In diesem Streben unterscheiden wir uns nicht von unseren Mitmenschen.

In meditativ entspanntem Zustand darüber nachzudenken, was uns vereint und wie abhängig wir von anderen sind, schafft ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Schließlich verbindet uns selbst das einfachste Objekt des Alltags, wie das Glas aus dem wir trinken, wie eine Zahnbürste oder wie ein einfaches Sandwich mit anderen Menschen. Ohne Mitmenschen könnten wir unseren Lebensstil jedenfalls nicht pflegen. Der moderne Mensch würde wahrscheinlich sogar innerhalb kürzester Zeit verhungern.

Wenn man die Erkenntnis der individuellen Abhängigkeit ausdehnt auf all die Dinge, die man im Laufe eines Tages benutzt, wird deutlich, wie stark jeder Einzelne auf seine Mitmenschen angewiesen ist.

Tenzin Negi von der Emori University in Tibet beobachtet an seinen Probanden, dass ein intensives Training dieser Gedanken letztlich dazu führt, dass wir anderen „mit größerer Empathie und Dankbarkeit“ begegnen. Das Misstrauen gegenüber den Mitmenschen schwindet, das Glücksempfinden nimmt zu.

Wie immer bei meditativen Übungen so zeitigt allerdings auch das Cognitive Based Compassion Training erst nach ausdauernd langer und regelmäßiger Anwendung Erfolge in Form der intendierten Wirkung. Es ist also kein Zaubermittel, das von heute auf morgen zu tiefer Nächstenliebe führt.

Großangelegte Meta-Studien zum Cognitive Based Compassion Training gibt es aktuell auch noch keine. Aber dennoch: Die vorhandenen Einzelstudien wirken vielversprechend. Einen Versuch scheint es gerade in unserer egomanischen Welt also zweifelsohne wert zu sein!

 

Großzügigkeit

Eng verbunden mit der Nächstenliebe ist jene Tugend, die als Großzügigkeit oder Generosität bezeichnet wird. Der französische Philosoph René Descartes sieht in ihr die Fähigkeit, sich ein Stück weit von sich selbst zu befreien, also frei von der Enge der Selbstbezogenheit zu werden. Stattdessen lässt man den Mitmenschen eine Leistung oder einen Wert zukommen, der das Maß des Erwartbaren oder des als normal Eingestuften überschreitet. Wahre Großzügigkeit wird dabei weder aus Berechnung noch aus Zwang gelebt.

Søren Kierkegaard setzt wahre Großzügigkeit sogar mit Liebe gleich. Er meint, dass radikale Liebe auf kompletten Überfluss ausgerichtet sei. Wahre Liebe „rechne eben nicht“, schreibt der dänische Philosoph.

Damit nähert er sich den Kategorien des Aristoteles an. Dieser geht schließlich davon aus, dass Nutzenfreundschaften oder auch Freundschaften, die des Lustgewinns wegen geführt werden, auf gegenseitiger Berechnung aufbauen. In ihnen kann es keine Großzügigkeit geben. Alles ist pure Kalkulation. Geben und Nehmen. Sobald diese Gleichung in ein Ungleichgewicht zu geraten droht, droht auch die Freundschaft (oder Beziehung) zu zerbrechen.

Anders verhält es sich in der Tugendfreundschaft (bzw. Tugendliebe). In dieser wäre es sogar völlig verfehlt, Handlungsweisen oder Gaben in Rechnung zu stellen. Sie erfolgen um ihrer selbst willen, aus Liebe dem Nächsten wegen. Würde man Gegenleistungen erwarten, würde dies die Art der Freundschaft (oder Liebe) ändern. Es wäre dann eben keine wahre Freundschaft (oder Liebe) mehr, sondern nur noch eine Nutzenfreundschaft (oder Nutzenliebe).

In vertrauensarmen Gesellschaften wie der unseren wird versucht, alles in Regeln zu fassen. Selbst die Freuden des Schenkens verkümmern innerhalb eines unausgesprochenen Ordnungssystems, das möglichst an Prinzipien einer undefinierten Gerechtigkeitsvorstellung orientiert sein soll. Selbst Schenken wird damit zur bloßen Pflichterfüllung. Oder gar zum Zwang: Da man selbst beschenkt wurde, muss man ja zurückschenken. Der eigentliche Sinn des Schenkens wird genau damit aber vollkommen verfehlt. Der Akt der Großzügigkeit degeneriert zu einer verkümmerten Spielart des Kosten-Nutzen-Denkens.

Daher nimmt die Bereitschaft, über berechnende Gaben hinausgehende Spenden zu tätigen, zusehends ab. Wer dennoch freimütig gibt, erwartet wenigstens Anerkennung oder Bewunderung. Doch das großzügige Schenken (damit ist auch das immaterielle Schenken gemeint – etwa in Form von Gnadengewährung oder Vergebung) kann im Menschen mehr bewirken als äußere Anerkennung. Schenken ist, wie Studien zeigen, Anlass für tiefes Glücksempfinden.

Aufsehen erregend war vor allem eine repräsentative Studie von Forschern der Universitäten Lübeck und Zürich sowie der Feinberg School of Medicine in Chicago unter Leitung von Soyoung Park. In dem Experiment der Psychologen erhielten Versuchspersonen vier Wochen lang Geld. Die eine Hälfte der Probanden wurde gebeten, das Geld für sich selbst auszugeben. Die andere Hälfte sollte den Betrag für Freunde und Bekannte ausgeben.

Alle Probanden mussten während und auch nach dieser Zeit Fragebögen ausfüllen, mit deren Hilfe das subjektive Glücksempfinden nachvollzogen werden konnte. Parallel dazu wurde im Magnetresonanztomographen untersucht, wie die Gehirne der Versuchsteilnehmer reagierten. Als Ergebnis kam heraus, dass diejenigen Probanden, die ihr Geld verschenkten, sich subjektiv besser fühlten als die Vergleichsgruppe. Tatsächlich konnte gemessen werden, dass die Schenker eine erhöhte Aktivierung im temporoparietalen Kortex aufwiesen. Durch diese erhöhte Aktivierung änderte sich die Konnektivität mit dem ventralen Striatum. Es wurden Belohnungsbotenstoffe produziert, welche einen direkten Anstieg des Glücksgefühls mit sich brachten. Bei den schenkenden Probanden entstand somit ein Gefühl, das von den Forschern als „warm flow“ bezeichnet wurde – ein wohliges Glücksgefühl, das auch über den Moment des unmittelbaren Schenkens hinaus anhielt.

Eine Erklärung für diesen Sachverhalt liegt womöglich wieder in der Evolutionsgeschichte begründet. Wer anderen Gutes widerfahren ließ, konnte damit die ihn umgebende Gruppe insgesamt stärken und dazu beitragen, dass ihr Überleben insgesamt besser möglich wurde.

Wer anderen Gutes tut, muss aber auch selbst weniger Mitleid empfinden und kann sich somit selbst besser und stärker fühlen.

Die quasi triebartige Veranlagung zur Großzügigkeit, die durch das mit ihr einhergehende Glücksgefühl mehr oder weniger automatisch ausgelöst wird, bedingte somit möglicherweise einen Evolutionsvorteil.

Jede Form von Großzügigkeit stellt aber auch ein selbstermächtigendes Momentum der Freiheit dar. Schließlich löst man sich, wie ja schon Descartes meinte, im Akt der Großzügigkeit von sich selbst. Im Verschenken des eigenen Besitzes verabschiedet man sich kurzzeitig von egoistischen Motiven, wie etwa dem Bedürfnis nach Besitzanhäufung oder -wahrung. Großzügigkeit ist somit immer auch eine Form gelebter Freiheit.

Es lässt sich festhalten: Glücklich machen macht glücklich. Oder wie der französische Literaturnobelpreisträger André Gide schreibt: „Das Geheimnis des Glücks liegt nicht im Besitz, sondern im Geben. Wer andere glücklich macht, wird glücklich.“

Vielleicht war es diese Erkenntnis, die in manchen Kulturen wahre Schenkorgien bedingte. Bekannt sind vor allem die Potlachfeste amerikanischer Indianer. Bei einem Potlach wurde fast der komplette eigene Besitz an die Mitmenschen verschenkt. Indem der Veranstalter eines Potlach nahezu alles, was er besaß, verschenkte, wurde nicht nur jeder Form von gesellschaftlicher Ungleichverteilung vorgebaut, sondern es wurde auch ein hohes Maß an Glück gestiftet.

Doch schon bei den Indianern drohte der Akt des großzügigen Schenkens rituell zu erstarren. Außerdem wurden die Schenkorgien zumindest kurz vor ihrem Verbot durch weiße Siedler immer mehr zum Machtgebaren. Wer besonders viel verschenkte, erhielt eine gesellschaftlich besonders hohe Bedeutung. Schenken wurde letztlich zu einer Art Statussymbol. Es war somit nicht mehr frei von Nutzenkalkülen und damit im eigentlichen Sinn nicht mehr großzügig. Doch letztlich bewegt man sich hier im Gebiet der Wortklauberei. Es lässt sich wohl kaum ein schöneres Statussymbol denken als das jener Potlachindianer!

Jeder Form von gelebter Großzügigkeit lebt jedoch tatsächlich immer der Verdacht der Unaufrichtigkeit inne. Der Religionsphilosoph und Theologe Romano Guardini weist zurecht darauf hin, dass es „eine Art von Herrschwillen“ gibt, der nur „eine Verkleidung des Neides“ ist und sich in übertriebener Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit ausdrückt. Indem man anderen vorgeblich Gutes tut, erhebt man sich über sie und kaschiert den eigenen Neid vor ihnen. Man wertet sich auf und die anderen ab.

In politikwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Kreisen wird daher immer öfter die Bedeutung vieler Hilfsorganisationen hinterfragt, vor allem wenn diese international operieren. Oft lassen diese sich in landschaftlich ansprechenden, somit auf gewisse Art beneidenswerten Weltregionen nieder und verteilen bereitwillig eingesammelte Hilfs- und Spendengelder an vorgeblich benachteiligte Menschen. Selbst ohne die durchaus häufig damit einhergehenden Missionsversuche im Sinne des rational-technischen oder auch noch immer eines kirchlichen Weltbildes stellen derartige Unterfangen immer auch eine gewisse Erhebung über die Hilfs- und Spendenempfänger dar. Nicht selten empfinden diese das Einmischen fremder Hilfsorganisationen als demütigend – gerade wenn um gar keine Hilfe gebeten wurde. Ob punktuelle Hilfestellungen tatsächlich einen nachhaltigen Mehrwert haben oder ob sie nicht oft erst Anlass für neue Probleme (z.B. aufgrund wachsender Differenzen zwischen den wenigen Unterstützten und den nicht Unterstützten) auf anderer Ebene darstellen, muss ohnehin kritisch hinterfragt werden.

Wer also großzügig sein will und zugleich möglichst sicher gehen will, damit keinen ungewollten Schaden anzurichten, kann sich vielleicht am spätantiken Philosophen und Kirchenvater Augustinus orientieren. Er erscheint mit manchen seiner Aussagen sicher etwas aus der Zeit gefallen zu sein. Seine Redlichkeit lässt sich aber nicht bezweifeln. Augustinus meinte nun also in seinem Werk „Die christliche Bildung“: „Alle Menschen müssen gleich geliebt werden. Da du aber nicht allen nützen kannst, musst du in erster Linie für diejenigen sorgen, die aufgrund von Umständen des Ortes und der Zeit oder jedweder Verhältnisse dir gleichsam durch ein gewisses Los enger verbunden sind.“

Großzügigkeit lässt sich also vielleicht am besten im unmittelbaren Alltag und in Bezug auf die unmittelbare Umgebung leben. Das heißt nicht, dass man die Augen vor den Übeln in entfernteren Regionen verschließen soll. Bevor man sich aber großzügig weit entfernten, in ihrer Fremdheit womöglich nicht ganz verstehbaren Missständen widmet oder aber aus Überforderung vor der Vielfalt und Größe des menschlichen Elends in Lähmung und Apathie erstarrt, sollte man sich vielleicht in einem ersten Schritt den tatsächlich Nächsten widmen und sich diesen gegenüber großzügig zeigen.

Indem man das tut, setzt man zugleich etwas in Gang, das der Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut und Philosoph Paul Watzlawick die „Kettenreaktion des Guten“ bezeichnet. Gelebte Großzügigkeit erhält dabei nämlich Vorbildcharakter und wird von anderen oft unbewusst imitiert.

Watzlawick verdeutlicht das an einem Bild, das eher für Güte und Hilfsbereitschaft steht, letztlich aber auch die schönste Form immaterieller Großzügigkeit darstellt. Er beschreibt einen Autofahrer, der an einem regnerischen Tag an einem Parkplatz vorbeifährt und sieht, wie ein anderer seinen Wagen parkt, aussteigt und dabei vergisst das Autolicht auszuschalten (für die jüngeren Leser: zur Lebenszeit Watzlawicks in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es Autos, bei denen so etwas noch möglich war und tatsächlich oft vorkam). Der Autofahrer parkt daraufhin seinerseits, läuft dem anderen ohne Jacke und Schirm 300 Meter durch strömenden Regen nach und sagt: „Entschuldigen Sie, aber Sie haben ihr Licht angelassen.“ Der andere wird, wie wohl fast jeder halbwegs normale Mensch, nicht umhin kommen, dieses Verhalten als hochanständig anzuerkennen. Und mehr noch: Er wird sich, sollte er je in eine vergleichbare Situation kommen, nahezu verpflichtet fühlen, gleich zu handeln. Und so entsteht, wie Watzlawick schließt, eine Kettenreaktion, die der Welt ein wenig Menschlichkeit und Glück zu bringen vermag.

 

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