Weihnachten hat es immer geschneit

 in Holdger Platta, Kurzgeschichte/Satire
Nur zur Erinnerung: das ist Schnee

Nur zur Erinnerung: das ist Schnee

Die kleine Geschichte von Holdger Platta lässt hinter der Kindheitsidylle einige Brüche erahnen: Routine-Besinnlichkeit, eine eher maskenhafte Frömmigkeit, der Wurstgeruch der Spießigkeit und die Abgründe unverhohlener Fremdenfeindlichkeit, der durch die Wände ins weihnachtlich geschmückte Zimmer dringt. Tatsächlich ist die Geschichte 1949 angesiedelt, und die „Fremden“, die anzufeinden man für nötig hielt, waren „Polacken“, sprich: deutsche Flüchtlinge aus den Ostgebieten. Holdger erzählt, dass damit er selbst und seine Familie gemeint waren. Na, gut, dass diese finstere Zeit des Flüchtlingshasses jetzt vorbei ist!

1

In meinem Kopf brannten schon seit dem frühen Morgen die Kerzen am Baum. Abends, das wußte ich, denn ich war ja schon fünf, würde sich Mutter wieder in ein Messingglöckchen verwandeln, und Vater würde daneben stehen mit einem Gesicht, so ratlos wie eine Schafherde auf Weihnachtspapier.

Störend war eigentlich immer nur mein Bruder dabei, der schief aus den Augen grinste, wenn er mich ansah, und auch Weihnachten immer sechs Jahre älter war als ich.

Den ganzen Tag über war unsere Wohnung erfüllt von Backofenduft, von Gerüchen, warm wie ein Bärenfell aus dem tiefsten russischen Winter. Nicht mal das Tuscheln war heute zu hören aus der Wohnung gleich nebenan.

Endlich wurde es dunkel. Ab und zu hörte man noch das Fauchen der Güterzüge vom Bahndamm, und wie ein Großvatergesicht sah die Nacht zur Küche herein. Die ganze Stadt lag versunken im Schnee, und ihr Leuchten war wie Apfelsinengeruch mit zwei, drei brennenden Hochöfen darin, weit weg hinter der Ruhr. Nun bekamen Vater und Mutter ihre Kirchengesichter. Fromm zogen wir unsere Strickjacken an, unsere Schuhe und Mäntel, fromm, mit den Wollhandschuhen über den Fäusten, kratzbürstig wie bissiges Katzenvolk, verließen wir über den düsteren Korridor unsere Wohnung.

Der Pfarrer, schwarz wie ein Gesangbuch, hielt eine hallende Predigt über Gott und die Liebe und das Fremdsein in dieser Welt. Die Menschen mit ihren Truthahngesichtern sangen rosige Lieder dazu wie „Stille Nacht, heilige Nacht“. Der beerdigungsschwarze Klingelbeutel wurde von Bank zu Bank schwärzer, und ich dachte schon lange an die elektrische Eisenbahn draussen bei uns daheim zwischen den Wiesen.

2

Beim Verlassen der Kirche noch essigsaure Grüße dahin und dorthin, dann knurrte der Schnee wieder unter den Schuhen, und wir schleppten eintausend Schneeflocken nach Hause, vorbei an der Hütte, wo sie den alten Sawicki zusammengeschlagen hatten vor einiger Zeit, weil er so gebrochen sprach.

Der Pastor war jetzt längst schon zu einem Glanzbild geworden, nur das liebe Jesuskind würde mit an meinem Trafo stehen und freundlich zuschauen, wie ich neue Viehwaggons über die Schienen trieb. Mütter würde auf dem Eichenstuhl thronen, vor dem Klavier, und mit Bücklingsglanz in der Stimme würden wir die Weihnachtslieder singen: „Tochter Zion, freue dich…!“

Mein Bruder, auch an diesem Tag acht Schuhnummern größer als ich, würde vor seinem vernünftigen Stabilbaukasten stehen, Vater seine neuen Socken betrachten und Mutter wie ein gekochter Schinken aussehen. Dann würden wir rübergehen in die Küche, um nach den Würstchen zu schauen, in dieses Zimmer mit der bösartigen Wand. Ich aber würde den Bahnhofsvorsteher wegtragen, von der Verladerampe vor das Rathaus mit dem Dach aus Sperrholz und Lokuspapier. Und dann würden wir alle am Wohnzimmertisch sitzen, als ob er ein zweiter Weihnachtsbaum wäre, und würden, das feierliche Sonntagsbesteck in der Hand, Bockwürste essen mit selbstgemachtem Kartoffelsalat und Düsseldorfer Löwensenf, extra scharf, wie ein Kettenhund.

Hinter der Küchenwand aber würde nun wieder dies Wispern zu hören sein, dies schwarze Getuschel, und manchmal würde man durch die Tapete im Kerzenglanz sogar ein Wort verstehen oder auch zwei: „Polackenbrut! Ausländerpack!“

Aus der Hütte fiel immer noch Krippenlicht auf den Schnee, durch Fensterkreuz und Haselnußstrauch, und ich sah in Gedanken den alten Sawicki vor mir in seinem Verschlag ohne die Nachbarn.

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