Weiterer Sozialabbau in Griechenland. Stimmen dem 38,8 Prozent der GriechInnen zu?

 in FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

209. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Allein schon wegen des ungekürzten Abdrucks eines Offenen Briefes aus Deutschland und Österreich gegen die Zwangsschließung der Sozialklinik „Helleniko“ in Athen lohnt die Lektüre dieses Berichts. Ansonsten gibt es nichts Gutes mitzuteilen aus Griechenland. Und von unserer Hilfsaktion? – Nun, lest selbst. Holdger Platta

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

leider: die gute Spendenentwicklung für unsere Hilfsaktion hielt in der letzten Woche nicht an. Hatten wir in den sieben Tagen davor, überwiesen von 6 UnterstützerInnen, 1.140,- Euro an neuen Überweisungen auf unserem Spendenkonto verzeichnen dürfen, so gingen vom 10. bis 16. März lediglich 50,- Euro bei uns ein, 3 SpenderInnen sorgten für dieses Ergebnis. Selbstverständlich gilt ihnen unser herzlicher Dank, aber wir sind damit immer noch nicht in der Lage, allen von uns betreuten Notleidenden die erforderliche Hilfe zukommen zu lassen. Weiteres Zuwarten ist also angesagt.

Eine Dauerhilfe hatte ich übrigens während der letzten Wochen nicht erneut in Erinnerung gerufen: die monatlich 220,- Euro, die wir an Mietkosten für Panagiota K. aus Megara mit ihren drei Töchtern übernommen haben. 100,- Euro davon kommen übrigens monatlich von Bettina Beckröge, die eine Art von Patenschaft für die Familie von Panagiota K. übernommen hat. Sie – wie eine ganze Reihe weiterer DauerspenderInnen – sorgt dafür, dass wir den größten Teil unserer Hilfsaktionen nach wie vor nicht einstellen müssen. Besonderer Dank also heute einmal an diese Garanten für die Beständigkeit unserer GriechInnenhilfe ganz generell!

Ansonsten zeigen die neuesten Nachrichten aus Griechenland erneut kein gutes Bild von der Situation in diesem halb strangulierten Staat.

Zwar vermeldet die „Griechenland Zeitung“ (GZ) in ihrer neuesten Ausgabe einen weiteren Rückgang der Arbeitslosigkeit. Gegenüber dem Vorjahresmonat Dezember 2018 mit einer Erwerbslosenquote von 18,5 Prozent ging die Anzahl der Arbeitslosen im Dezember 2019 auf einen Prozentsatz von 16,5 zurück – so die staatliche Statistikbehörde ELSTAT. Doch wiederum unerwähnt bleibt in diesem Kurzbericht der GZ der Umstand, dass die meisten der neuen Beschäftigten lediglich Teilzeitjobs bekamen und zu Niedrigstlöhnen arbeiten müssen. Was hier stattfindet, ist also nichts anderes als der Wechsel von der Armut ohne Arbeit in die Armut mit einem Brosamenverdienst. Soziale und humaner Fortschritt sähe anders aus!

Erschreckend in diesem Zusammenhang sind auch noch andere Zahlen. Für die Krisenjahre 2009 bis 2015 hat der griechische Psychiater Professor Konstantinos Fountoulakis einen dramatischen Anstieg der Suizidziffern in Griechenland festgestellt. Im genannten Zeitraum hatte sich die Anzahl der Selbsttötungen in Griechenland um 33 Prozent erhöht. Auf einer Fachkonferenz der Medizinischen Fakultät der Aristoteles-Universität Thessaloniki am Freitag, den 6. März, teilte der Wissenschaftler zu diesem Resultat seiner Untersuchungen mit, dass ein Drittel dieser Suizide auf Arbeitslosigkeit zurückzuführen sei, ein weiteres Drittel auf „andere mit der Rezession zusammenhängende Faktoren“ (so die SZ in ihrer Ausgabe vom 11. März). Zumindest, was diesen Zeitraum 2009 bis 2015 betrifft, ist also das erschreckende Fazit zu ziehen, dass die europäische Austeritätspolitik gegenüber Griechenland im wachsenden Maße Menschen in den Selbstmord getrieben hat.

Nicht verschweigen möchte ich an dieser Stelle, daß Kyriakos Mitsotakis, Chef der ultrakonservativen „Nea Dimokratia“ (ND) und derzeit Premierminister von Griechenland, wachsende Zustimmungsraten für sich verbuchen darf. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Opion Poll käme die ND in diesen Tagen auf 38,8 Prozent aller Stimmen in Griechenland. Lediglich 20,8 Prozent würden im Falle einer Parlamentswahl jetzt der SYRIZA ihre Stimme geben, gefolgt von der leninistisch-kommunistischen KKE mit 5 Prozent und der PASOK-Nachfolgepartei „Bewegung der Veränderung“ mit 4,5 Prozent. Und die Partei von Yanis Varoufakis, die MeRA25, wäre mit 2,7 Prozent Wählerstimmenanteil nichtmal mehr im neuen Parlament vertreten. Erklärungen dafür? Ich habe keine. Und auch die „Griechenland Zeitung“ schweigt sich zu dieser Frage aus.

Konstantin Costa-Gavras, der griechisch-französische Filmregisseur, hat anlässlich einer Preisverleihung an ihn in Belgrad, am Sonntag, den 8. März, geäußert, dass es in Europa heute zwar keine diktatorischen Regimes mehr gäbe, wohl aber eine Diktatur des Geldes. Costa-Gavras wörtlich: „Die Gründerväter der Europäischen Union wollten Europa als einen Ort, an dem die Kultur, die Bildung und die sozialen Belange vorherrschen, aber es ist etwas anderes dabei herausgekommen“. Am Bewusstsein der 38,8 Prozent griechischer WählerInnen, die derzeit Mitsotakis ihre Stimmen geben würden, scheint diese Tatsache vorbeizugehen. Wirklich, es stellt sich die Frage, warum!

Gibt es also gar nichts Positives mitzuteilen in meinem heutigen Bericht? – Nun, sieht man vom bestürzenden Anlass ab – was schwer genug fällt! –, dann vielleicht dieses doch: ein beeindruckendes Bündnis von humanitär engagierten Organisationen und 80 Einzelpersonen aus Deutschland und Österreich haben am 12. März ein Protestschreiben veröffentlicht, das sich gegen die Zwangsschließung der Sozialklinik „Helleniko“ in Athen zu wehren versucht. „Medico International“ ist dabei, der „Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte“, der „Paritätische Wohlfahrtsverband“. Wobei es um diese Protestaktion geht, könnt Ihr dem folgenden Offenen Brief entnehmen, den ich im Folgenden ungekürzt wiedergebe für Euch. Ich habe dem Protestschreiben den Link angefügt, dem Ihr auch die Namen aller Unterzeichner entnehmen könnt. Ich denke, der Brief zeigt aufs deutlichste, welcher Art die Politik der neuen Regierung in Griechenland ist: Sie geht auch weiterhin, ohne Rücksicht auf Verluste, auf die Ärmsten der Armen los – mit Zustimmung der erwähnten 38,8 Prozent aller GriechInnen.

„OFFENER BRIEF
GEGEN DEN VERSUCH DER ZWANGSRÄUMUNG DER SOZIALKLINIK HELLINIKO IN ATHEN!

FÜR EIN ENDE DER LEBENSBEDROHLICHEN SPARMAßNAHMEN GEGENÜBER
GRIECHENLAND!

Zum zweiten Mal in wenigen Jahren ist die „Metropolitan Community Clinic at Helleniko“ in Athen von einer Zwangsräumung bedroht. Die Klinik soll bis zum 15. März die Räumlichkeiten auf dem alten Flughafengelände im Athener Süden verlassen. Und das trotz gegenteiliger, schriftlicher Versicherungen der staatlichen Institutionen nach dem ersten Räumungsversuch und den darauffolgenden europaweiten Protesten im Jahr 2018. Die Folgen wären katastrophal, denn noch immer stellen die solidarischen, selbstverwalteten Kliniken für viele Menschen in Griechenland die einzige Möglichkeit dar, die notwendigen Medikamente oder Babynahrung zu erhalten. Die neue griechische Regierung unter dem Ministerpräsidenten Mitsotakis hat außerdem nicht-registrierten Geflüchteten den Zugang zu öffentlicher Gesundheitsversorgung wieder entzogen. Diese Menschen sind auf die solidarischen Initiativen im Gesundheitsbereich angewiesen.

Wir, die Erstunterzeichnenden dieses Offenen Briefes sowie zahlreiche solidarische Menschen in ganz Europa, stellen uns wie schon im Mai 2018 entschieden gegen den Versuch, die solidarische Klinik „Helliniko“ zu räumen. Mit diesem Offenen Brief unterstützen wir deshalb die Forderung der Klinik „Helliniko“ nach angemessenen Räumlichkeiten, die kostenlos und selbstverwaltet genutzt werden können.

Die größte und wahrscheinlich bekannteste Sozialklinik, die „Metropolitan Community Clinic at Helliniko“ in Athen, steht aktuell vor dem Aus, weil das einst städtische Areal im Zuge der Privatisierungsmaßnahmen an ein Konsortium von griechischen und ausländischen Investoren verkauft werden musste. Seit Dezember 2011 wurden in der selbstverwalteten und komplett ehrenamtlich betriebenen Sozialklinik „Helliniko“ ber 72.000 Menschen untersucht und mehr als 7.500 Patientinnen und Patienten kostenlos behandelt. Neben der kostenlosen Medikamentenausgabe liegt ihr Schwerpunkt derzeit auf Vorsorgeuntersuchungen und der Babynahrung.

Somit leistet die Sozialklinik „Helliniko“ seit Jahren überlebenswichtige Arbeit für viele Menschen griechischer und nicht-griechischer Staatsbürgerschaft in Athen und darüber hinaus. Deshalb darf die für den 15. März 2020 angesetzte Zwangsräumung nicht zugelassen werden. Die griechische Regierung, die Institutionen in Brüssel und das Investorenkonsortium sollen wissen, dass nicht nur in Athen die Menschen protestieren und sich der Räumung widersetzen werden, sondern auch in Deutschland und ganz Europa viele Menschen solidarisch mit der Klinik „Helliniko“ sind.

FORDERUNGEN:

* Wir fordern das Investorenkonsortium Hellinikon SA dazu auf, seine Räumungsaufforderung an die Klinik zurückzunehmen.

* Wir fordern die griechische Regierung dazu auf, eine Lösung für den Verbleib der Klinik in ihren Räumlichkeiten zu finden oder alternativ einen anderen, ebenso geeigneten Platz bereitzustellen.

* Darüber hinaus fordern wir die europäischen Institutionen dazu auf, die Austeritätsmaßnahmen im Gesundheitsbereich, die unter anderem zu einer Halbierung des Gesundheitsbudgets geführt haben, zurückzunehmen. Gesundheit darf keine Ware sein! Sparpolitik im Gesundheitssektor ist tödlich.

* Für ein Ende der zerstörerischen und lebensbedrohlichen Austeritätspolitik und ein solidarisches Europa.

* Gesundheit ist ein Menschenrecht!

http://solidarityeurope.blogsport.eu.“

Und damit erneut zu meinem Aufruf zu Spenden für unsere Hilfsaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“. Also:
Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“ auf das Konto:

Inhaber: IHW
IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer, wie gesagt, noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“, ist immer wieder erneut auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „GR-IHW“ versehen. Es sei wiederholt: wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets
Euer Holdger Platta

Comments
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    Piranha
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    „… weil das einst städtische Areal im Zuge der Privatisierungsmaßnahmen an ein Konsortium von griechischen und ausländischen Investoren verkauft…“

    ich könnte vor Empörung kotzen. Es hat gleichzeitig damit zu tun, dass ich frontale21  vom 10. März gesehen habe…

     

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