Welche Zügel legt die Gemeinwohlökonomie den Großkonzernen an?

 in FEATURED, Wirtschaft

Die „Gemeinwohlmatrix“ würde dafür sorgen, dass nicht mehr Profite, sondern sozial- und umweltverträgliches Handeln die Firmenpolitik bestimmen. Ökonomie ist von Menschen für Menschen gemacht. Und doch herrscht im Wirtschaftsleben das glatte Gegenteil der Werte, die wir bräuchten, um ein glückliches Leben zu führen. Unsere Ökonomie, so Christian Felber, basiert auf Konkurrenz und Profit. So ist es kein Wunder, dass Ängste und Burnout zunehmen, während das Vertrauen in die Zwischenmenschlichkeit abnimmt. An der menschlichen Natur liegt’s nicht, behauptet er. Die birgt Potenziale in beide Richtungen: Konkurrenz wie Kooperation. Wir müssen also ein Anreizsystem schaffen, das eher die humanen Verhaltensweisen belohnt. 2. Teil der Serie „Gemeinwohlökonomie“ von Franz Mühlbauer.

Die Ablösung der neo-frühkapitalistischen  unsozialen Marktwirtschaft durch die Gemeinwohlökonomie (GWÖ) bedeutet einen radikalen Paradigmenwechsel  der Wirtschafsordnungspolitik: Nicht mehr die Gewinnmaximierung, konkret die Ausschüttung maximaler Dividenden an die Aktionäre, sondern der maximale Beitrag eines Unternehmens zum Gemeinwohl stellt das höchste Ziel wirtschaftlichen Handelns von Unternehmen dar. Vergliche man das mit den Regeln des Fußballspiels, würde nicht wie bisher die Mannschaft siegen, welche die meisten Tore schießt, sondern diejenige, die besonders fair spielt, in der sich Spieler wohl fühlen und gut bezahlt werden.

Der Erfolg von Unternehmen wird nicht mehr mit der herkömmlichen Finanzbilanz mit Aktiva und Passiva gemessen, sondern mit der Gemeinwohlmatrix. Auf der horizontalen Linie dieser Matrix erscheinen als Werteposten – gewissermaßen als neue Aktiva:

  • Würde der Menschen und Tiere
  • Solidarität und Gerechtigkeit unter allen Menschen, die im Unternehmen arbeiten – einschließlich des Leitungsgremiums
  • Ökologische Nachhaltigkeit in allen Unternehmensabläufen
  • Transparenz der Entscheidungsprozesse und Mitentscheidung aller Unternehmensangehörigen – jede/r Mitarbeiter/in entscheidet z.B. mit, wer für eine bestimmte Zeit in das Leitungsgremium entsandt wird. So wird in den Gemeinwohlunternehmen lebendige Basisdemokratie gelebt.

In der vertikalen Linie der Matrix finden sich die sog. Berührungsgruppen, mit denen die o.g. Gemeinwohl-Werteposten in konkretes Handeln umgesetzt werden:

  • Lieferanten und Lieferantinnen
  • Eigentümer und Eigentümerinnen – als Rechtsform für Gemeinwohl-Unternehmen bietet sich die Genossenschaft an. Für die Zeichnung von Genossenschafts-Anteilen legt das Unternehmen eine Obergrenze fest, um das Eigenkapital des Unternehmens möglichst breit zu streuen.
  • Mitarbeitende – konkret alle Personen, die im Unternehmen arbeiten, von den Auszubildenden bis zu den Mitgliedern des Leitungsgremiums
  • Kunden und Kundinnen
  • Partner-Unternehmen.

Im weiteren Sinn stellt auch das gesellschaftliche Umfeld eine Berührungsgruppe  dar; konkret wären das z.B. die Kommune, Vereine und andere Gruppen am Unternehmensstandort.

Die Messung des vom Unternehmen realisierten Gemeinwohl-Beitrags findet am Schnittpunkt zwischen horizontalem Werteposten und vertikaler Berührungsgruppe statt – z.B. geht es am Schnittpunkt von Menschenwürde (horizontal) und der Berührungsgruppe Mitarbeitende (vertikal) um die Menschenwürde am Arbeitsplatz. Jedes Unternehmen entscheidet individuell über die konkreten Messkriterien. Das Messergebnis wird mit Punkten bewertet. Die Summe aller Bewertungen der Schnittpunkte von horizontalen Werteposten und Berührungsgruppen kann maximal 1.000  Punkte betragen.

Auch in der GWÖ dürfen und sollen die Unternehmen Gewinne erzielen. Diese dürfen aber nur für gemeinwohlmehrende Aktivitäten  verwendet werden. Beispiele für gemeinwohlmehrende Investitionen können sein:

– die Gewinnung erneuerbarer  Energie, ausgenommen Biogasanlagen, welche durch die hierfür benötigten Mais-Monokulturen der Artenvielfalt extrem schaden

– Erzeugung echter Bio-Lebensmittel – im Lebensmittelhandel finden wir heute überwiegend Pseudobioprodukte aus allen Ecken der Welt.

– Bau von Ställen in bäuerlichen Familienbetrieben, die den Nutztieren artgerechte Verhaltensweisen ermöglichen, z.B. Freilandhaltung von Hühnern.

Aktuell bilanzieren nur Kleinunternehmen nach den Vorgaben der Gemeinwohlmatrix, z.B. Fahrradhändler. In der Datei www.ecogood taucht kein einziges größeres Industrie- oder Handelsunternehmen auf. Bei realistischer Betrachtung  lässt sich  – leider – kein Großunternehmen die Zügel der GWÖ anlegen. Deshalb müssen sie durch neue Gesetze, welche die GWÖ als neue Wirtschaftsordnung installieren, dazu gezwungen werden. Mit den derzeit regierenden Parteien und ihren lobbyhörigen Politikern ist dies sicher nicht zu machen. Es bedarf eines quasi-revolutionären Drucks von unten, um der GWÖ zum Durchbruch zu verhelfen – wie das genau gehen kann – dazu im letzen Beitrag mehr.

 

 

 

Showing 3 comments
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    Ruth
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    Bei einem Besuch eines landwirtschaftlichen Frauenprojektes der FES auf der Insel Sumatra habe ich erfahren dürfen, wie eine Genossenschaft arbeitet und auch Gewinn erwirtschaftet.

    Frauen ermöglichten ihren Familien eine zukunftsfähige, lebenswerte Perspektive. Die Genossenschaft hat nicht nur die Wirtschaftlichkeit des Entwicklungsprojektes gefördert und unterstützt, sondern den Frauen Respekt und Anerkennung!

    Vertrauen und Wertschätzung, das ist der Schlüssel für’s Gemeinwohl und garantiert ökonomischen Erfolg und Zufriedenheit für alle Beteiligten!

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      Ruth
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      Es handelte sich um ein landwirtschaftliches Genossenschaftsprojekt.

      Die gesamte Region und darüber hinaus -Zielsetzung – wurde mit den Produkten beliefert. Damit veränderte sich die Infrastruktur und neue Arbeitsplätze konnten entstehen. Kinder konnten zur Schule gehen, weil die Schulkosten gesichert waren. Die gesundheitliche Situation verbesserte sich, da Medikamente nun zugänglich waren.

      Dieses Projekt hat mich   überzeugt, es war Hilfe zur Selbsthilfe, nachhaltig!

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    Roswitha Halverscheid
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    „….An der menschlichen Natur liegt’s nicht, behauptet er. Die birgt Potenziale in beide Richtungen: Konkurrenz wie Kooperation. Wir müssen also ein Anreizsystem schaffen, das eher die humanen Verhaltensweisen belohnt……..“

    Liegt es tatsächlich nur am Anreizsystem, das eher humane Verhaltensweisen belohnt? Ob Machteliten oder arme Leute, ob Durchschnittsverdiener*innen oder Firmenbosse, viele Menschen sind mehr und mehr Produkte unserer Zeit, d.h. an schneller Bedürfnisbefriedigung, an sofortigem Erfolg, an baldiger Behebung der Misere interessiert.

    Wenn früher eine Generation Bäume anpflanzte und sich abrackerte, um diese Bäume groß zu ziehen, dann hatte sie nichts vom Ertrag aus diesen Bäumen. Es war eine Arbeit für zukünftige Generationen, die daraus den Profit ziehen konnte. Dies oder z.B. ein banales Beispiel – das Warten auf Weihnachten, wo die Mehrheit der Geschenke aus meist fälligen Anziehsachen inkl. Pantoffeln bestand, macht mir bewusst, wie viele Menschen sich abrackerten oder Wohlverhalten zeigten, obwohl die Belohnung entweder gar nicht greifbar war oder sehr bescheiden ausfiel. Nicht, das ich im nachhinein etwas schön finde, worunter ich in der Kindheit manchmal gelitten habe, aber ich will damit verdeutlichen, dass es ganz und gar nicht so einfach ist mit dem Zutrauen in menschliches Wohlverhalten dank Anreizen, wenn viele Menschen das Jetzt und Sofort mit kurzem Belohnungs-, Event- und Spaßcharakter dem langen Warten auf vielleicht sich einstellenden Erfolg mit vielleicht erfolgender „Belohnung“  vorziehen.

    Dieser Aspekt ist angesichts des Klimawandels und der damit verbundenen Notwendigkeit eines völlig anderen Wirtschaftens äußerst wichtig: Wir werden eine lange Durststrecke vor uns haben, bis wir die Wirtschaft zugunsten des Gemeinwohls (das Modell an sich besticht) und uns selbst geändert haben. Wir werden über Jahre dank einer maroden Infrastruktur in überfüllten Bahnen sitzen oder aber für sehr teures Geld das komfortablere Auto nehmen. So mancher wird die Reichen, die sich frei kaufen können von vielen Einschränkungen, noch mehr verfluchen und gegen die Armen, die vielleicht ein kostenloses Ticket bekommen, noch mehr hetzen. Wir alle werden uns immer wieder fragen, ob wir es denn in dreißig Jahren geschafft haben werden, die Erde mit unserer Einhaltung von Geboten und mit den von uns an den Tag zu legenden humanen Verhaltensweisen retten zu können. Wie viele werden, so wie sie sozialisiert sind – mehrheitlich schnelllebig – , an den nächsten Jahren verzweifeln? Kein Anreiz und keine Belohnung wird diese Menschen davon abhalten zu denken: Nach uns die Sintflut.

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