Wenn Widerstand heilig wird

 In FEATURED, Friedenspolitik, Spiritualität

Der Ansatz des ‚Sacred Activism‘ erobert die Welt. Immer öfter berufen sich Aktivist*innen gegen die Zerstörung von Natur und Lebensqualität darauf, für die „Heiligkeit des Lebens“ zu kämpfen. Diese Widerstandsform gewinnt an Kraft, wo Spiritualität nicht mehr als Flucht in einen paradiesischen Himmel verstanden wird, sondern die Welt selbst zum Schauplatz innerer Wandlung wird. Man könnte von einer sozialen Mystik sprechen, die in der Aktion entsteht.   Geseko von Lüpke

Eine Demonstration im Herzen von San Francisco, Kalifornien. Menschen strömen zusammen, um gegen die Macht der Konzerne zu protestieren, gegen die Wall Street und die Verflechtung von Konzernen und Militär. Es sind die Monate der sogenannten Occupy-Bewegung im Herbst 2011, in der Aktivist(inn)en in aller Welt auf die Straße gehen, um die Souveränität über ihr Leben zurückzugewinnen. Die US-Polizei, martialisch ausgerüstet und gepanzert wie Eishockey-Spieler, mit Schlagstock, Schusswaffen, heruntergeklapptem Visier, rückt vor. Da geschieht etwas Unerwartetes. Die Demonstranten weichen nicht zurück. Vielmehr rollen sie kleine Teppiche aus, lassen sich nieder, manche im Lotussitz, schließen die Augen, konzentrieren sich auf ihren Atem und gehen in Meditation. Irritation und Zögern auf Seiten der Staatsmacht. Räumungsaufforderungen. Von den Meditierenden reagiert niemand, höchstens ein entrücktes Lächeln. Dann die mühsame Räumung. Das Bild geht um die Welt, wie hochgerüstete Polizisten schwitzend meditierende Aktivisten wegtragen, wie Buddha-Statuen, lächelnd, im Lotussitz. Staatsmacht versus innere Kraft.

Herbst 2018, Hambacher Forst bei Köln. An der Kante zum Tagebau der RWE eröffnet sich ein Blick in die Unterwelt: 250 Meter tief haben sich die gigantischen Schaufelbagger bereits gegraben, zehn Kilometer lang ist der Tagebau, gigantisch wie der Grand Canyon, überwältigend, erschreckend. Rund herum ein Anblick von Zerstörun: umgerissene Bäume, Krater wie nach einem Bombenangriff.

Dahinter: rauschender Wald, 12.000 Jahre alt, an den Hainbuchen hängen Stofftransparente: „Hambi bleibt!“. Bis vor kurzem: Ein Widerstandsdorf in den Bäumen, Waldmenschen mit Klettergurten. Parolen:  „Accept Existence or expect Resistance!“ („Akzeptiert die Schöpfung oder erwartet Widerstand!“) Sechs Jahre haben hier Aktivist(inn)en ausgeharrt, um gegen den klimaschädigenden Abbau der Braunkohle zu protestieren. Bis die Bewegung im Herbst 2018 plötzlich in die Gesellschaft schwappt, Zehntausende demonstrieren, kommen zum Waldspaziergang, fordern: „Rodungsstopp, Ausstieg aus der Braunkohle. Jetzt!“

Es sind die ersten Sprösslinge einer neuen Form des politischen Widerstands, die da überall auf dem Planeten auftauchen. Eine Suche nach tieferen Wurzeln des Engagements, nach politischer Aktion jenseits von Ideologie, ein Versuch, buchstäblich Schöpfung zu bewahren. Was passiert da? „Ich nehme eine sehr große Politikverdrossenheit wahr bei den jungen Menschen, die ihre Zukunft mitgestalten wollen, die nach mehr Tiefe und Ganzheitlichkeit in ihrem politischen Wirken suchen“, sagt Andrea Schaupp von der Jugendorganisation des BUND. „Dass wir feststellen: ‚Es geht eigentlich um das Leben an sich!‘ Und um die Frage, ob wir als Menschheit in eine neue Daseinsform finden, aus der wir mit den Ressourcen, die zur Verfügung stehen, wirklich grundlegend neue Umgangsformen finden.“

Immer öfter berufen sich Aktivist(inn)en gegen die Zerstörung von Natur und Lebensqualität deshalb darauf, für die „Heiligkeit des Lebens“ zu kämpfen. Das Stichwort vom „Sacred Activism“ macht die Runde: Politisch-ökologischer Widerstand bekommt damit eine spirituelle Komponente, die auch die Form des Protestes verändert. „Ich beobachte, das es vielfach wirklich eigentlich die klassisch spirituellen Werte sind, die sich jetzt nicht mehr im Gottesdienst äußern, sondern die in einem Baumhaus vorhanden sind.“ sagt Harald Schwaetzer, Philosophieprofessor und Gründer der Cusanus-Hochschule.

Transzendenz im Baumhaus? Heiliger Widerstand? Das mag fast blasphemisch klingen. Tatsächlich aber ist die Verbindung von religiösen Werten und politischem Bewusstsein etwas Uraltes: Jesus von Nazareth war vor 2000 Jahren zuallererst ein Aktivist, der gegen Fremdbestimmung, römische Kolonisatoren und eine korrumpierte Priesterschaft aufbegehrte, bevor er zum Messias wurde. Buddha bekämpfte scharf das Kastenwesen und die soziale Ungleichheit in Indien. Mohamed musste aus Mekka fliehen, weil seine Ideen die alte Ordnung bedrohten. In den noch älteren indigenen Kulturen waren spirituelle Werte und weltliches Handeln überhaupt nicht zu trennen.

So erstaunt es kaum, dass die Wiederentdeckung eines „heiligen Widerstands“ von indianischen Aktivisten im US-Bundesstaat North Dakota ausging, die gegen den Bau der Dakota Access Pipeline, einer unterirdischen Öl-Leitung auf Indianer(innen)gebiet protestierten. Der Widerstand, an dem sich bald 200 nordamerikanische indigene Nationen beteiligten, wendete sich politisch zwar gegen die Ölindustrie und die Verschmutzung des Wassers, stand aber unter dem ganz unpolitischen Slogan „Defend the Sacred“, um das Wasser als »heilig« zu verteidigen.

Der indianische Widerstand wurde mit dem Amtsantritt von Donald Trump und der Räumung des Camps formal zwar beendet, die Idee aber, politischen Aktivismus mit tiefsten ethischen und spirituellen Werten zu begründen, verbreitete sich von Standing Rock um den ganzen Globus.

Es ist der Versuch, der Dynamik der globalen Zerstörung eine Kraft entgegenzusetzen, die größer ist als Politik, persönlicher Überzeugung und nackte Rationalität: die Liebe zum Leben, die Verbundenheit mit der mehr-als-menschlichen-Welt, das Wunder der Schöpfung, die Freude kreativ eine zukunftsfähige Welt zu bauen, dem Größeren zu dienen. Derart »innere« Werte werden in der Regel als privat diffamiert und selten eingestanden, sagt Thomas Hohn, Campaigner bei Greenpeace Deutschland. Doch sie sind für ihn der eigentliche Kern jeder Aktion:  „Diese Wertehaltung ist das, was uns alle antreibt und das Herzblut von unserer Organisation weltweit. Letztendlich ist in allem das Heilige und ein Aktivismus ohne Werte ist einfach sinnfrei!“

Grundlage scheint eine andere Definition des Wortes heilig. Da geht es nicht um die ‚Heiligen‘ im Kirchenkalender, nicht um konfessionellen Dogmatismus, nicht um religiöse Institutionen. Eher schon um die Erinnerung an die innersten ethischen Werte der großen Religionen, denen ja eigentlich Ausbeutung, Naturzerstörung, Rassismus, Ungerechtigkeit und Menschenrechtsverletzungen zuwiderlaufen. Und die Orientierung an historischen Vorbildern wie Dietrich Bohnhöfer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Desmond Tutu, deren soziales und politisches Handeln im »Heiligen« wurzelte.

Statt theologischen Winkelzügen rückt die Verbundenheit und Zugehörigkeit in den Mittelpunkt: der Wunsch zu schützen, zu pflegen und zu hegen, was Menschen lieben. Es nicht wütend und voller Hass zu verteidigen, sondern in Liebe vorbildlich zu gestalten. Man könnte von einer sozialen Mystik sprechen, die in der Aktion entsteht. Wo Spiritualität nicht mehr als Flucht in einen paradiesischen Himmel verstanden wird, sondern die Welt selbst zum Schauplatz innerer Wandlung wird. WER? „Wir stehen auf für das Leben, weil uns das Leben heilig ist. Was wir machen, ist eine gleichzeitig politische Aktion und ‚Sacred Activism‘,“ sagt der Aktivist Martin Winiecki.  Er leitet im portugiesischen Ökodörf ‚Tamera‘ das ‚Institut für globale Friedensarbeit‘ und organisierte im August 2018 erfolgreich den zivilen Widerstand gegen Ölbohrungen in der Tiefsee vor der Atlantikküste. „Wir wollen weg von einem nur anthropozentrischen Weltbild, zu einem Weltbild, wo wir sehen, wir sind nicht der Kern des Lebens, sondern der Kern ist das Leben selbst. “

Die Wiederentdeckung der tiefsten Wurzeln des politischen Engagements ist oft das Ergebnis einer persönlichen Krise. Aktivist(inn)en sind nicht selten mit übermächtigen Gegner(inne)n konfrontiert, mit staatlicher Gewalt, mit Aussichtslosigkeit und Rückschlägen.  “Wenn Dir deutlich wird, vor welchen Problemen die Welt steht, fühlst Du Dich davon wie erschlagen“, sagt der englische Öko-Psychologe Rupert Marquez. Er begleitet erschöpfte Change-Maker aus aller Welt in den spanischen Pyrenäen darin, den Burn-Out und das Gefühl der Isolation und Überforderung in Naturerfahrung, Meditation und Achtsamkeitstrainings zu überwinden. Nach Jahren als Aktivist ist er heute Mitarbeiter der Gemeinschaft Eco Dharma, die sich in der Tradition des engagierten Buddhismus der Verbindung von Spiritualität und Aktion widmet. „Dabei geht es darum, die Sichtweise eines „Ich allein gegen die feindliche Welt‘ so zu verändern, dass daraus ein „Das Leben, von dem ich ein Teil bin, handelt durch mich!“ Das ist eine ganz andere Quelle für kraftvolle Aktionen.“

Wenn es  gelingt, diese tiefere Quelle anzuzapfen, dann entstehen oft ganz neue politischen Strategien, die nicht nur von einer verzweifelten Verteidigung schützenswertem Leben gekennzeichnet sind, sondern gleichzeitig vom Aufbau von modellhaften Alternativen. Dazu kann der Aufbau von alternativen Gemeinschaften gehören, die Entwicklung ökologischer Landwirtschaft, die Erfindung komplementärer regionaler Währungen, die Renaturierung von zerstörten Landschaften. Wer in etwas Größeres vertraut, hat einen längeren Atem, mehr Resilienz, größere Visionskraft. Sami Awad, palästinensischer Friedensaktivist und Gründer des Holy Land Trust spricht von einem pro-aktive‘ Ansatz, der gute Zukunft erschafft, anstatt nur auf negative Entwicklungen zu reagieren.  „Proaktiv in die Zukunft zu agieren bedeutet, eine Vision zu setzen, welche die Vergangenheit ehrt und aus ihr lernen will.“

Um die Quellen des Lebens freizulegen, braucht es neue Werkzeuge: Beim Bund Naturschutz in Nordrhein-Westfalen versuchen junge Menschen der BUND-Jugend, ihr großes Engagement für eine ökologische Zukunft tiefer als bisher im lebendigen Netz des Lebens zu verankern. In dem Pilotprojekt „Visionen für die Zukunft“ wird die nächste Generation von Naturschützer(inne)n nicht nur ökologisch, politisch und analytisch geschult, sondern auch ganz unmittelbar  in die Natur geschickt, um die es geht. Fastend und alleine verbringen sie Tage und Nächte in der Wildnis, um sich körperlich und seelisch so zu verbinden, dass ihr Engagement tief wurzelt und nachhaltig bleibt.  „Es geht darum das, was uns heilig ist, mit dem, wofür uns aktiv einsetzen, in eine ausbalancierte Verbindung zu bringen“, beschreibt Bildungsreferentin Andrea Schaupp den radikalen Ansatz.

Mittel, Formen, Strategien verändern sich, wenn sich die Quelle des Handelns verschiebt: Aus Sitt-Inn’s können spontane Meditationen werden, Demonstrationen können zu Pilgerwegen zu Orten der Zerstörung werden, wie sie auch in kirchlichen Umweltgruppen praktiziert werden. Statt angemeldeter Kundgebungen können Flashmobs‘ eingesetzt werden, bei denen große Gruppen von Individuen im öffentlichen Raum plötzlich mit einer gemeinsamen Performance theatralisch auf ein Thema hinweisen. In der Firmenzentrale von Bayer-Monsanto, die für zahlreiche Umweltgifte verantwortlich sind, tauchte unlängst eine kreischende Horde von französischen Aktivist(inn)en in Eisbär-, Bienen-, Schmetterlings- und Affenkostümen auf, leerten Säcke von Laub im feinen Foyer ab, riefen gemeinsam einmal laut und deutlich: „Wir sind Natur, die sich selbst verteidigt!“ und verschwanden wieder.

Am Strand von Lissabon kamen im August 2018 rund 1.000 Aktivisten zu einer Kunstaktion gegen Tiefsee-Ölbohrungen zusammen und formten mit ihren Körpern gemeinsam das riesige Bild einer Delfinmutter mit Baby und dem Appell „Defend the Sacred!“. Das Bild der – in wahrsten Sinne – verkörperten Forderung ging durch die Medien. Die Aktion trug dazu bei, dass das Parlament von Portugal im letzten Moment die gefährlichen Ölbohrungen in einer tektonischen Zone verbot.

Die Idee, große Mengen von Passanten, Touristen und Aktivisten in einer rituellen Aktion zu einem gemeinsamen Symbol zusammenzubringen, stammt von dem amerikanischen Arial-Art-Künstler John Quigley, der auch schon vor der UN-Zentrale in New York und in Paris während der Klimaverhandlungen Protestkunstwerke schuf, die durch die Weltpresse gingen. „Es gibt viele Formen des Widerstands, aber wenn Du Dein ganzes körperliches ‘Sein’ einsetzt, geht das tiefer“ sagt der Symbol- und Fotokünstler

Aktionen gegen Konzerne, Protest gegen staatliche Politik, erst Recht in autokratischen Staaten, bleiben ein Risiko für die Aktivist(inn)en. Wer Methoden des zivilen Widerstands wählt, setzt sich auch hier »der harten Hand« aus: Pfefferspray, Wasserwerfer, Tränengas, Knüppel, Inhaftierung, erkennungsdienstliche Behandlung. Aber auch angesichts solcher Ausnahme-Situationen entdecken die Aktivist(inn)en der Gegenwart den Wert von Spiritualität und Achtsamkeit: In autonomen Zentren und Protestcamps wird mittlerweile immer öfter meditiert, in der Szene gründen sich Initiativen wie die Dharma- und Yoga-Punks, Protestler sitzen in Zen-Sesshins oder üben sich in Gewaltfreier Kommunikation. Die Erkenntnis macht sich breit, dass Achtsamkeits-Training dazu dient, in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren, Gefühle wie Wut und Angst kontrollieren zu können, und den Frieden, für den man kämpft, erst einmal in sich zu finden.  „Ich glaube, dass wir mit Wissen aus spirituellen Traditionen, die ich als komplementär sehe zu aufgeklärtem Bewusstsein, viel mehr erreichen können“, sagt Timo Luthmann, Mitbegründer der Klima-Initiativen Ende Gelände und ‚ausgeCo(2)hlt‘. „Diese transformativen Elemente, die in der Spiritualität liegen, sind für mich der Joker. Das ist  das Element, was das Potenzial loskitzelt, das wir brauchen, um in der bestehenden Krise wirklich handlungsfähiger zu sein.“ (vgl. S. XX Rezension des Buches)

Die Rodung am Hambacher Forst ist ausgesetzt, und gibt Raum zur Reflexion. Deutlich aber ist: Die Zeiten, in denen aktive ‚Change Maker‘ naserümpfend auf die ‚Spiris‘ herunterblickten und die innerlich Suchenden den Aktivisten mangelnde Tiefe und Visionskraft vorwarfen, scheinen vorbei. Man nährt sich an! Und immer öfter werden die tiefsten inneren Wertehaltungen benannt und mutig vertreten. Damit wird die Politik weicher und die Spiritualität bekommt politische Konturen. Und mit dem neuen Ansatz des ‚Sacred Activism‘ oder ‚Heiligem Widerstand‘ schwingt eine neue Tiefe und Visionskraft durch die globale Zivilgesellschaft.

Das bleibt nicht unentdeckt in Wissenschaft und Politik. Mittlerweile untersucht auch das von der Bundesregierung finanzierte Potsdamer Institut für Fortschrittliche Nachhaltigkeitsforschung, kurz ‚IASS‘, das Phänomen. Thomas Bruhn, Physiker und am IASS Forscher an den ethischen Grundlagen der Nachhaltigkeit, würdigt die neue Synthese von Spiritualität und Politik: “Ich persönlich finde es schwierig, die beiden voneinander zu trennen. Ich glaube, wir können nicht der Erde einen Eigenwert zugestehen, ohne dass das auch spirituelle Fragen berührt.  Wenn es mir nicht ans Herz geht, werde ich nicht eine veränderte Beziehung zu dem Ganzen entwickeln. Es geht eigentlich um ein Erkennen der Heiligkeit, die in uns Menschen ist, die sich spiegelt in der Welt von der wir Teil sind.“

Und die neue Protestbewegung steht erst am Anfang, den ‚heiligen Widerstand‘ auf die Straße zu bringen. In der ökologischen Gemeinschaft Sulzbrunn, südlich von Kempten im Allgäu werden im Mai dieses Jahres, Aktivist(innen) aus aller Welt für eine Woche treffen, um als ‚Rebellen des Friedens‘ die ethisch-spirituellen Wurzeln zivilgesellschaftlichen Handeln zu vertiefen und neue Aktionsformen zu entwickeln. Man darf gespannt sein auf die Demos der Zukunft …

 

Erstveröffentlichung dieses Artikels in der Zeitschrift „Politische Ökologie“ des Oekom-Verlags.

 

 

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