Wer in der Sache nichts zu entgegnen weiß, greift zu Unterstellungen

 In FEATURED, Holdger Platta, Politik (Inland)

Nicht alle Hilfsbedürftigen sind politisch verfolgt.

Merkwürdigkeiten bei der Debatte um die Sammlungsbewegung „Aufstehen“. (Holdger Platta)

Eigentlich – sollte man meinen – ist doch alles klar: die Sammlungsbewegung „Aufstehen“ um Sahra Wagenknecht herum tritt weiterhin einschränkungslos für das Asylrecht für politisch Verfolgte ein – und erkennt damit auch ihrerseits unseren (eh nicht veränderbaren!) Grundgesetz-Artikel Nummer 16a an. Doch mit gleicher Klarheit lehnt diese Sammlungsbewegung Soforthilfe für Hunger- und Klimaflüchtlinge, für Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlinge ab. Wir haben auf HdS mehrfach darüber berichtet, zum Beleg dieses doppelten Tatbestandes nahezu alle dementsprechenden Äußerungen von Sahra Wagenknecht und aus den Aufrufen der Sammlungsbewegung „aufstehen“ zitiert und mit ebensolcher Klarheit dagegen Stellung bezogen. Mitmenschlichkeit gegenüber Flüchtlingen, die um Leib und Leben bangen müssen, darf nicht teilbar sein, so unsere Position, sie darf nicht den einen Flüchtlingen gewährt werden und den anderen nicht. Kurz: es darf keine Unterscheidung geben zwischen vom Tode bedrohten Menschen erster und zweiter Klasse. Und das bedeutet:

Die von der Sammlungsbewegung „Aufstehen“ ausschließlich (!) vertretene Forderung der Fluchtursachenbekämpfung darf nicht in einen Pseudogegensatz gerückt werden zur Hilfe für Menschen, die sich jetzt schon in Not befinden, für Menschen, die schon jetzt vor dem brutalen Hungertod fliehen müssen, vor der Existenzvernichtung aufgrund des Klimawandels (etwa in Niger und Mali) oder vor den Kriegs- und Bürgerkriegskatastrophen in Syrien, im Jemen und in Afghanistan. Ergo: beides ist erforderlich – Fluchtursachenbekämpfung und Nothilfe sofort. Aber was machen die Spalter dieser ungeteilten Mitmenschlichkeit daraus?

Sie, die Humanitätshalbierer, konstruieren den Vorwurf daraus, daß wir die Spalter seien, nicht sie. Und: sie greifen im wachsenden Maße anstelle einer argumentativen Auseinandersetzung mit unserer Position zu Unterstellungen, die so unbewiesen wie haltlos sind. Der Eindruck wächst: wer zur Sache nichts Substantielles zu entgegnen weiß, verlegt sich mehr und mehr auf Psychologisierungen. Auf Ferndiagnosen mit eindeutig diffamierendem Charakter – auf den Vorwurf etwa, wir seien persönlich beleidigt, weil wir von Sahra Wagenknecht nicht befragt worden seien, wir nähmen Sahra Wagenknecht ihren Promi-Status übel, oder – der neueste Vorwurf in Richtung HdS –, wir litten pathologischerweise an einem „Helfersyndrom“. Der unfreiwillige Witz bei all diesen Unterstellungen ist: selbst wenn all diese Vorwürfe zutreffen würden, sagte Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Vorwürfe nichts, aber auch gar nichts über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit unserer Argumente aus! Aber nehmen wir diese Vorwürfe der Meinungsgegner noch etwas genauer unter die Lupe:

Wer uns abtut als Neurotiker, die unter dem Zwang eines „Helfersyndroms“ stehen, muß sich  fragen lassen, was stattdessen für ihn so etwas wie psychische Gesundheit ist: Empathielosigkeit etwa, kaltes Herz, Selbstspaltung in Helferimpulse dort und Nichthelferimpulse da, ein „Seelenleben“, das nur aus „Sachlichkeit“ bestünde, aus völliger Absenz eines Helfenwollens und und und?

Mir scheint, dass viel eher diese Eigenschaften einer Psyche als pathologisch zu bezeichnen wären, nicht aber die Empathiefähigkeit oder die Hilfsbereitschaft von Menschen. Nachgefragt also: welcher „Idealzustand“, welches Gesundheitsverständnis wird da eigentlich dem angeblich zu diagnostizierenden „Helfersyndrom“ gegenübergestellt, an welchen Maßstäben urplötzlich die Menschlichkeit gemessen? Am „Ideal“ völliger Gefühllosigkeit etwa? Oder am „Ideal“ einer Halbierung unserer Mitmenschlichkeit?

Nun ist mir durchaus bewußt, dass da vor langer Zeit das Buch eines Münchener Psychoanalytikers auf den Markt kam, das dieser psychologisierenden Verurteilung von helfenden Menschen Vorschub zu leisten schien. Ich spreche vom Buch „Die hilflosen Helfer“ von Wolfgang Schmidbauer, das 1977, bei Rowohlt als Hardcover-Ausgabe herausgebracht, rasch zum Bestseller wurde. Aber können sich unsere Kritiker mit ihrem pathologisierenden  Begriff „Helfersyndrom“ tatsächlich auf den Münchener Buchautor beziehen?

Nun, zweifelsfrei ist, dass es auch im Kreise hilfsbereiter Menschen „Neurotiker“ gibt, zweifelsfrei auch, dass von manchen Menschen die Helferrolle eingenommen wird, um Selbstaufwertung verspüren zu dürfen oder eigene Isolation überwinden zu können, zweifelsfrei schließlich, dass selbstverständlich auch unter den Helferpersönlichkeiten auf diesem Erdball egozentrische Motive auffindbar sind. Aber was hat Wolfgang Schmidbauer – übrigens der Erfinder der Wortneuschöpfung „Helfersyndrom“ – mit seinem Buch seinerzeit eigentlich dargelegt, was war das eigentliche Thema seiner Veröffentlichung? – Nun, hören wir ihm doch selber zu (statt daß ich nun etwas in ihn hineinprojiziere), und lesen wir nach, was er selber, Wolfgang Schmidbauer, auf seiner höchsteigenen Website zu seinem Bestseller sagt, der, nebenbei, auch heute noch erhältlich ist:

„Das damals von mir geprägte Wort vom ‚Helfersyndrom‘ ist inzwischen, oft völlig aus diesem Kontext gelöst, Teil der Alltagssprache geworden. Allerdings wird meine These dabei meist plakativ missverstanden, etwa in dem Sinn, dass Helfer neurotisch sind oder auch nur aus egoistischen Motiven handeln.

In Wahrheit geht es darum, die besonderen seelischen Risiken der helfenden Berufe genauer zu erkennen, nicht zuletzt aus psychohygienischen Gründen. Denn die in persönlichen Problemen wurzelnde und daher zwanghaft und ohne Realitätsorientierung funktionierende Helferhaltung ist eine wesentliche Ursache der etwas später zuerst in den USA beschriebenen burnout-Erscheinungen, dem ‚Ausbrennen‘ einst engagierter und idealistischer Helfer.“

Selbst für den oberflächlichen Leser dürfte unübersehbar sein: keinesfalls hat der Münchener Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer Hilfsimpulse pauschal in Frage gestellt und allen HelferInnen einen Neurosenstempel aufgedrückt. Ganz im Gegenteil: helfen sollte dieses Buch den HelferInnen, Schutz vor Selbstüberforderung zur Debatte stellen! Und allen Ernstes gefragt:

Wo gäbe es bei Roland Rottenfußer und bei mir Signale und Symptome, Indizien und Hinweise, die auf ein deformiertes, neurotisches oder gar egozentrisches „Helfersyndrom“ hindeuten würden? Wieso sollte unser Hinweis auf die Tatsache, dass es jetzt bereits flüchtende Menschen gibt, die unserer Hilfe bedürfen, Menschen, die nicht warten können auf den Sankt-Nimmerleins-Tag erfolgreicher „Fluchtursachenbekämpfung“, wieso sollte dieser Hinweis ein unverkennbares Krankheitsmerkmal sein? –  Nun, ich denke: in der entsprechenden Beweispflicht stehen da weder Roland Rottenfußer noch ich. In der Beweispflicht steht derjenige, der pseudoanalytisch diesen Vorwurf erhebt – auf dem Wege einer Ferndiagnose, die aller Ernsthaftigkeit spottet. Und ich werde den Teufel tun, um hier die eigene Neurosefreiheit (die es im übrigen nicht gibt!) unter Beweis zu stellen! Meines Erachtens liegt ein anderer Verdacht viel näher, um nicht zu sagen, dieser Verdacht liegt eigentlich auf der Hand:

Dieser Pathologisierungsversuch „muss“ erhoben werden, wenn man sich selber in der Bredouille sieht, wenn einem selber die rationalen Argumente ausgegangen sind, oder mehr noch: wenn man sich mit psychologischen Verschiebungstricks aus einer eigenen emotionalen Klemme befreien will, aus der Konfrontation nämlich mit dem von einem selber als ungut empfundenen Tatbestand, womöglich mitverantwortlich zu werden für den Tod der Flüchtlinge in der Sahelzone oder im Mittelmeer.

Das ist der Punkt: ausschließlich von „Fluchtursachenbekämpfung“ reden zu wollen, dient dem Motiv, die unabweisbare und nicht widerlegbare Erforderlichkeit der humanen Nothilfe jetzt aus der politisch-menschlichen Debatte hinausdiskutieren zu wollen. Und „spalterisch“ – noch einmal sei es gesagt – ist nicht das Bestehen darauf, dass Hilfe unaufgespalten zu leisten ist, nein, spalterisch ist das Bestreben, Hilfe nur noch einer bestimmten Gruppe von Menschen zuerkennen zu wollen, lediglich den politisch Verfolgten noch, nicht aber mehr den Bürgerkriegs- und Klimaflüchtlingen, nicht mehr den Flüchtigen vor Hunger und Krieg. Wir von der Website HdS sind gegen Hilfsselektionen, gegen jedwede Helferwillkür, wir von HdS treten für eine Mitmenschlichkeit ein, die sich nicht aufspalten lässt in ein warmes, in ein mitfühlendes und in ein eiskaltes, in ein versteinertes Herz. Wir vertreten Nichtspaltung der Humanität, und es sind unsere Meinungsgegner, die womöglich das genaue Gegenteil durchsetzen wollen. Und deshalb sage ich mit aller Deutlichkeit:

Sahra Wagenknecht, die bestimmte Opfergruppen offenbar ausschließen will von Hilfe und Beistand, vertritt damit einen Marxismus – dem sie sich ja immer noch verbunden sieht – der partiellen Seelenlosigkeit. Man lese das bitte präzise und richtig: ich spreche ihrem Marxismus nicht Mitgefühl zur Gänze ab. Ich vermisse jedoch einen konsequenten und  einschränkungslosen, einen unhalbierten Marxismus bei ihr. Und werfe ihr stattdessen einen Marxismus vor, der aus Mitgefühlswillkür besteht, einen Marxismus mit dem Charakter einer  Solidaritätslotterie.

Und des weiteren – auch bei diesem Punkt bitte ich präzise zu bleiben bei der Rezeption meiner Kritik: ich werfe diese Halbierung bzw. Selbstspaltung ausdrücklich nicht der Person – weder der politischen, noch gar der privaten Person – Sahra Wagenknecht vor, ich kritisiere die Halbierung bzw. Selbstspaltung dieser Aussagen und dieses Denkens bei Sahra Wagenknecht. Und füge hinzu, zusätzlich noch: diese Verkehrtheiten und Kälte können durchaus Hand in Hand gehen mit einer ansonsten liebenswerten und liebevollen Persönlichkeitsstruktur.

Keinesfalls also, um es deutlich zu sagen, ist Sahra Wagenknecht für mich zu einer halben Faschistin mutiert (wie hier und da schon zu lesen war), zu einer Politikerin, die mittlerweile in der AfD besser aufgehoben wäre als in der Linkspartei, zu einem Menschen, von dem Fremdenfeindlichkeit Besitz ergriffen hätte und und und. Aber: ihr Sprechen und Denken bewegt sich zu einem Teil auf solche Verkehrtheiten und Kälte zu, und dieses muss man mit aller Differenzierung und Klarheit wahrnehmen, aussprechen und kritisieren dürfen, ohne dass man damit den ganzen Menschen in Verruf bringt oder selber dem Vorwurf ausgesetzt wird, genau dieses Verkehrte zu tun, nämlich pauschal und totalisierend auf einen anderen Menschen loszugehen.

Anders und allgemeiner formuliert:  

Wir kennen es im Grunde alle, die Tatsache nämlich, dass es hin und wieder ein Denken und Sprechen unterhalb des Niveaus der eigenen Mitmenschlichkeit gibt! Und wir kennen dieses von uns! Wir alle haben es hin und wieder mit einem höchstpersönlichen Denken und Sprechen zu tun, das sich gegen die eigenen humanen Empfindungen zu stellen vermag, ja, mit einem höchstpersönlichen Denken und Sprechen, das sich immer mal wieder sogar über die eigenen mitmenschlichen Empfindungen stellt! Und ebenso präzise wissen wir – nochmal! – aus eigener Erfahrung mit uns selbst: um so wichtiger werden in solchen Situationen dann die korrigierenden Hinweise anderer Menschen aus dem eigenen Umkreis. Das hat Gültigkeit für uns alle, das hat Gültigkeit für Roland Rottenfußer und mich, das hat Gültigkeit auch für eine Sahra Wagenknecht. Was bedeutet:

Korrigierende Hinweise dieser Art könnten gerade in der jetzigen Situation auch für eine Sahra Wagenknecht von enormer Wichtigkeit sein. Für sie auf jeden Fall und nicht weniger für ihre MitstreiterInnen, die womöglich dem Irrglauben erlegen sind, wir wären es, die ihnen irgendwas Fragwürdiges aufschwatzen wollten. Nicht um Fragwürdiges bei uns geht es hier, sondern um Positionen, die bei unseren Meinungsgegnern fragwürdig – besser:  befragungswürdig – sind.

Vor allem aber: es geht um eine Mitmenschlichkeit, die nicht zu einem Selektionsmechanismus verkommt und nicht zu pathologisierenden Unterstellungen greifen muss. Was, nebenbei, für beide Seiten bei diesem Meinungsstreit gilt!

 

 

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