Wie eine Zwei-Drittel-Gesellschaft mit Eiseskälte ihre Wärme verteilt

 in FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

193. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Tatsächlich: der nachrichtenarmen Vorwoche ist eine spendenarme Woche während der letzten sieben Tage gefolgt. Dennoch ist über Dank zu berichten und über neue Projekte! Und neue Nachrichten gibt es auch wieder – im Mittelpunkt dieses Mal: die Frage, was eine gespaltene Gesellschaft aus sich selber macht. Holdger Platta

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

eigentlich rätseln wir ja immer: hängt die Höhe des Spendenaufkommens auch von der Qualität der Berichte ab? Was das Ergebnis der letzten Woche betrifft, muss man wohl befürchten, daß es diesen Zusammenhang gibt. Ihr erinnert Euch:

Vermutlich zum ersten Mal überhaupt konnte ich Euch vor sieben Tagen nichts Substantiell-Neues mitteilen, weder zu unseren Hilfsaktivitäten noch zur Situation in Griechenland selbst. Mit entsprechender Unerbittlichkeit schlug deshalb auch die Auswirkung zu: gerademal 55,- Euro gingen während der letzten Woche auf unserem Spendenkonto ein, überwiesen von 3 UnterstützerInnen an uns. Natürlich trotzdem sehr herzlichen Dank an die Spender! In der Vorwoche waren das noch 295,- Euro gewesen, und 5 HelferInnen hatten für dieses gute Ergebnis gesorgt. Nach der Überweisung der 2.000,- Euro für die Armen in und um Korydallos ist der Betrag auf unserem Hilfskonto also wieder zurückgegangen auf knapp über 3.200,- Euro, aber in dieser Woche kann doch wieder über einiges berichtet werden. Und fangen wir mal mit dem Positiven an:

Über Tassos Chatzatoglou haben mich gleich mehrere Danksagungen an Euch Helfer erreicht: von Leta K. aus Tinos zum Beispiel, von Alexander, dem arbeitslosen Schauspieler aus Athen, und auch von Panagiota K. aus Megara mit ihren drei Töchtern (die nun tatsächlich wieder vom Wohnungsverlust bedroht ist; aber versprochen: wir werden dieses Problem zu lösen verstehen).

Von neuerlichem Geldbedarf schrieb mir Tassos Chatzatoglou auch, und zwar, was die armen Senioren aus Andros betrifft. Vor allem die Anschaffung von Hygieneartikeln und Nahrungsmitteln (!) wird dort gefragt sein. Tassos prüft derzeit die Einzelheiten. Und im übrigen setzt sich fort, was Augenzeuge Tassos – und nicht nur er! – aus dem „neuen“ Griechenland der „Nea Dimokratia“ (ND), aus der „neuen Demokratie“ zu berichten hat: der Kälte-Kurs der Rechtskonservativen unter ihrem Regierungs-Chef Kyriakos Mitsotakis wird fortgesetzt. Tassos Chatzatoglou im Einzelnen dazu:

„In Griechenland weht mittlerweile dank der ND-Regierung ein eisiger Wind. Die neue Regierung macht klar, dass sie dazu geneigt ist, auch mit eiserner Faust durchzugreifen. Sie führt Aktionen durch, die in den Massenmedien Schlagzeilen machen. Die Räumung von Exarchia, die Verhinderung der Untersuchung gegen eine Reihe von Politikern der ND und die Einführung einer „Amnestie“ für Schwarzgelder-Bezieher ist der neue Stil ihres Regierens. Am Mittwoch hat die ND im Parlament ein Gesetz durchgeboxt, das in kurzer Form folgendes regelt: wenn innerhalb von 18 Monaten das Gericht kein Urteil wegen Korruption oder Steuerhinterziehung ausspricht, wird das Klageverfahren eingestellt. Politiker, Reeder und Staatsbeamten genießen damit einen besonderen Schutz.

Somit verteilt die Regierung Persilscheine an diejenigen, die sich durch Schmiergelder schuldig gemacht haben.

Das Universitätsasyl – der nach dem Obristenregime für die politische Opposition eingerichtete Schutz vor staatlicher Verfolgung – wurde aufgehoben und das Tor der juristischen Fakultät mit einem Vorhängeschloss versperrt. Die Polizei ist mit erweiterten Befugnissen ausgestattet. Bei den Feiern der Wiederkehr des Aufstands am Athener Polytechnikum wird nach eigenen Angaben der Regierung für Recht und Ordnung gesorgt. Von der erforderlichen Verbesserung der Krankenhäuser oder der Leistungen der Sozialversicherung spricht jedoch niemand. Das passt nicht ins Law-and-Order-Konzept. Kurzum: die ND-Regierung zeigt und verwirklicht mit aller Härte, was sie vor den Wahlen versprochen hat.“

Diese Auskünfte von Tassos Chatzatoglou sind gleich in mehrfacher Hinsicht von großem Gewicht:

Sie zeigen, dass Politik gegen die Ärmsten der Armen auch hier mal wieder untrennbar verbunden ist mit Privilegierung der sogenannten (!) Eliten und mit politischer Repression – egal, ob es Anarchisten, Studenten oder Gewerkschafter betrifft. Und sie zeigen, diese Auskünfte von Tassos Chatzatoglou, indirekt auch an, dass sich in Griechenland etwas zu befestigen beginnt, was wir bereits aus anderen Ländern in Europa kennen, aus Italien etwa und Spanien – und nicht zuletzt auch aus der Bundesrepublik: die Etablierung einer sogenannten Zwei-Drittel-Gesellschaft. Dem unteren Drittel der Bevölkerung geht es schlechter und schlechter, ein mittleres Drittel kann – wenn auch unter Mühen oft – den gewohnten Lebensstandard noch so einigermaßen aufrechterhalten, und nur für das obere Drittel der Gesellschaft macht die Politik noch Politik. Aber genauer noch:

Vielleicht entsinnt sich der eine oder die andere noch: der Begriff der „Zwei-Drittel-Gesellschaft“ kam zu Beginn der 80er Jahre in Deutschland auf (ja, tatsächlich, so lange ist das schon her!). Gemeint war mit diesem Neubegriff, der vom SPD-Politiker Peter Glotz stammen soll, dass in Deutschland eine bis dato ungewohnte Armut aufkommen würde, eine Armut, die etwa die unteren 30 Prozent der Bevölkerung betreffen dürfte – trotz weiteren Wirtschaftswachstums ganz generell und ungeachtet der Tatsache, dass Zweidrittel der Menschen in der Bundesrepublik unbehelligt bleiben würden von diesem Niedergang. Schon damals – rückblickend glaubt man es kaum! – wurde von etwas verständigeren Soziologen und Wirtschaftswissenschaftlern erkannt, dass die kapitalistische Globalisierung immer mehr Opfer fordern würde und dauerhafte Verelendung für die meisten Betroffenen auch. Ein Drittel der arbeitsfähigen Menschen würden hinfort ohne Beschäftigung sein, ein Drittel aller Menschen würden in ihrem Lebensstandard unter die Armutsgrenze sinken, ein Drittel der Gesamtbevölkerung würde zukünftig eine neue soziale Unterschicht bilden und zum „Prekariat“ gerechnet werden müssen. Und Peter Glotz, erstaunlich genug, teilte in seinem Buch „Die Arbeit der Zuspitzung“, 1984 erschienen, sogar mit, dass die anderen zwei Drittel der Gesellschaft diese neue Armut durchaus dulden würden!

Was ein Peter Glotz nicht ahnen konnte zu dieser Zeit: dass es ausgerechnet ein Parteigenosse sein würde, der dann spätestens ab 2003, energisch und konsequent, diese Degradierungspolitik gegenüber den Abzuhängenden durchsetzen sollte: Gerhard Schröder, in diesem Jahr 1984 noch einfacher Abgeordneter im Bonner Bundestag. Das „Großwerk“, das diese Politik auf brutale Weise Wirklichkeit werden ließ, bekam das „Großwort“ Agenda 2010 verpasst und trat dann mit den Hartz-IV-Gesetzen zum 1. Januar 2005 in Kraft. Mit der Folge allerdings – ich verkneife mir diese Bemerkung nicht -, dass auch die SPD damit ihren Niedergang einzuleiten begann und seither mit ihrer Selbstdrittelung beschäftigt ist. Ehre, wem Ehre gebührt!

Warum ich das erzähle? Was das alles zu tun hat mit Griechenland? – Nun, neueste Umfragezahlen aus dem südöstlichen Mittelmeerstaat belegen mit geradezu verblüffender Genauigkeit, dass auch dort der Weg in die Zwei-Drittel-Gesellschaft angetreten worden ist und dass auch dort offenkundig zwei Drittel der Gesellschaft – Mittel- und Oberschicht „natürlich“ – mit diesem Verelendungskurs gegenüber dem armen Drittel durchaus einverstanden ist! Zahlen? – Ja, Zahlen:

Einem Bericht der „Griechenland Zeitung“ (GZ) aus der Vorwoche zufolge kann sich der rechtskonservative Mitsotakis mit seiner „neuen Demokratie“ vor Zustimmung nicht retten. Er steht inzwischen noch besser da als zur Zeit seines Machtantritts am 7. Juli des Jahres. Aber: fast durchgängig sind es Zustimmungswerte, die sich in eben jenem Zweidrittelbereich bewegen, von welchem hier die Rede ist, also bereits als Anzeichen einer in Griechenland existierenden Zwei-Drittel-Gesellschaft interpretiert werden kann. Konkret:

• Laut Umfrageergebnissen des Instituts Kapa Resarch glauben inzwischen zwei von drei befragten Griechen, dass ihr Land die Krise jetzt hinter sich lasse. Zum Jahresbeginn 2019 sahen sieben von zehn Griechen ihr Land noch „auf dem falschen Weg“.

• Eine Erhebung der Demoskopen von „Marc“ ergab, dass sieben von zehn Befragten der Ansicht seien, Mitsotakis mache als neuer Regierungs-Chef „seine Sache besser als erwartet“. Und weiter:

• Zwei von drei Griechen glauben inzwischen, dass ihr Land „die Gefahrenzone hinter sich gelassen“ habe. Und schließlich auch dieses noch:

• „Mehr als sechs von zehn Griechen sind überzeugt“, so Gerd Höhler in seinem GZ-Bericht über aktuelle Umfrageergebnisse, „dass ihr Land in Zukunft wieder auf eigenen Beinen stehen“ werde. Vor fünf Jahren war nur jeder zweite Grieche dieser Hoffnung gewesen.

Zwischenfazit zu dem allen: das Land der Kälte und Brutalität, das Griechenland für das untere Bevölkerungsdrittel ist, das Land, das nach wie vor Sanierung des Gesundheitswesens und Re-Etablierung eines menschenwürdigen Lebensstandards für alle Griechen nur als Fremdwörter kennt, dieses Land der Zwei-Drittel-Gesellschaft darf auf eine Zwei-Drittel-Zustimmung schauen und macht dicht, was Elend und Unglück im unteren Drittel des eigenen Landes betrifft. Nach der Betrugs-Phase einer SYRIZA-Politik gegenüber den armen Menschen ganz unten in diesem Mittelmeerstaat etabliert sich nun die ND-Politik völliger Mitleidslosigkeit gegenüber den Armen im eigenen Land. Der „eisige Wind“, von dem Tassos Chatzatoglou in seiner Mail spricht, weht unten in diesem Staat. Oben jedoch ist man in den Sphären der angedrehten Wärme zuhaus‘, oben hat man genügend Geld, um für beheizte Räume zu sorgen, und auch das Bezahlen der Stromkosten fällt oben wahrlich nicht schwer! Die Degradierung des unteren Bevölkerungsdrittels geht mit der Dehumanisierung der Zweidrittel oben einher. Aus meiner Sicht füge ich freilich hinzu, und diese Prognose wage ich nun zu äußern:

Auch das mittlere Drittel der griechischen Gesellschaft wird sich noch wundern, wo es eines Tages gelandet sein wird – genau bei jenen Menschen nämlich, auf die es bislang noch hinabsieht. Und dann wird es auch das mittlere Drittel der griechischen Gesellschaft sein, das seine Strom- und Heizungsrechnungen nicht mehr bezahlen kann. Dann wird es auch für die Mittelklassen vorbei sein mit leicht anzudrehender Wärme noch jetzt…

Und damit erneut zu meinem Aufruf zu Spenden für unsere Hilfsaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“.

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“ auf das Konto:

Inhaber: IHW
IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer, wie gesagt, noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“, ist immer wieder erneut auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „GR-IHW“ versehen. Es sei wiederholt: wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets
Euer Holdger Platta

Comments
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    Volker
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    Und Peter Glotz, erstaunlich genug, teilte in seinem Buch „Die Arbeit der Zuspitzung“, 1984 erschienen, sogar mit, dass die anderen zwei Drittel der Gesellschaft diese neue Armut durchaus dulden würden!

    Das war vor 35 Jahren. Da stellt sich mir die Frage, warum nicht rechtzeitig dagegen gesteuert wurde, sollte/durfte wohl nicht sein. Heute fällt es mir schwer, irgendwelchen Hoffnungen nachzuhängen, schon gar nicht nach 15 Jahren aufgezwungener Verarmungspolitik sowie gesellschaftlicher Ausgrenzung.
    Ob Deutschland, Griechenland oder sonstwo – wird schlimmer kommen noch.

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