Winterschlaf für die Seele

 In FEATURED, Gesundheit/Psyche, Roland Rottenfußer

Neue Wege aus der Winterdepression. Weihnachtshektik, Winterurlaubs-Stress und Silvesterabsturz sind Phänomene des modernen Lebens. Unsere Vorfahren versuchten eher, die Zeit um die Wintersonnwende und die geheimnisvollen „Rauhnächte“ als absolute Ruheperiode zu gestalten. Nicht umsonst, denn Körper und Seele melden „zwischen den Jahren“ ein größeres Ruhebedürfnis und  gesteigerte Sensibilität an – vergleichbar dem Winterschlaf bei Tieren. Wenn wir auf die Signale unserer Seele hören, können Krisensymptome wie Grippe, Winterdepression und Burnout vermieden werden. Ein bewusst geplantes Winter-Retreat schafft die besten Voraussetzungen, um das Neue Jahr erholt und kraftvoll zu beginnen.  Roland Rottenfußer

Wir nannten unseren Igel „Murmel“, und als wir ihn unter verwittertem Herbstlaub im Park fanden, war er klein und in recht erbarmungswürdigem Zustand. Igel-Experten wissen, dass Igelkinder, wenn sie zu klein und von ihrer Mutter getrennt sind, kaum Chancen haben, über den Winter zu kommen. Da meine damalige Freundin sich damit auskannte, wurde Murmel sogleich mit nach Hause genommen und mit Katzenmilch, Fencheltee und getrocknetem Igel-Futter hochgepäppelt. Als die eisigen Novemberwinde über das Land fegten, bauten wir ihm ein Haus aus zwei Lagen Karton. Der Innenraum wurde mit Papierschnipseln ausgefüllt. Das Ganze platzierten wir in einem großen Stall aus Pappe auf unserem Balkon. Wasser und Futter stellten wir ihm vorsichtshalber noch eine Weile hin. Dann warteten wir.

Nach wenigen Tagen war Murmel ganz in seinem Häuschen verschwunden und tauchte Monate lang nicht mehr auf. Ich äußerte die Angst, im Frühjahr nur noch ein Skelett vorzufinden. Wie sollte ein Lebewesen, das normalerweise ein kräftiger Esser war, so lange ohne Futter überleben können? Meine Freundin beruhigte mich: Winterschlaf. Das ist bei Igeln so. Winterschläfer senken ihre Körpertemperatur auf annähernd Außentemperatur ab, Igel von 39 auf ca. 7 Grad. Herzschlag und Atmung sind im Schlafzustand stark herabgesetzt. Der ganze Organismus brennt gleichsam auf Sparflamme. Als Nahrungsdepot dient der Winterspeck – ein Begriff, der bei Igeln eine ganz andere Bedeutung hat als bei Menschen, da er keine überflüssigen, sondern lebensnotwendige Pfunde bezeichnet. Der Igel stirbt während der Wintermonate einen „kleinen Tod“ und gibt sich ganz dem Ruhezustand hin – voll Vertrauen auf die Auferstehung im Frühjahr.

„Schaden bringende Weihnachtszeit“

Wie verläuft dem gegenüber ein typischer Menschenwinter? Dank Heizung und elektrischem Licht spüren wir kaum, dass überhaupt Winter ist. In der Adventszeit will Stimmung nicht so richtig aufkommen. In vielen Firmen müssen Jahresabschlussbilanzen gemacht werden. Alles läuft auf Hochtouren weiter, und die Betriebsweihnachtsfeste sind gemäß einer „guten alten“ Tradition Gelegenheit für ganze Kerle, einmal wieder ordentlich „abzustürzen“. Ist dann der Weihnachtstermin in bedrohliche Nähe gerückt, wird hektisch eine Atmosphäre von Stille und Besinnlichkeit erzeugt. Ein paar Kerzen hier, ein Tannenzweig da. Natürlich hat man wieder einmal keine Geschenke eingekauft, und es graust einem schon vorab vor dem Gedränge in den Kaufhäusern …

Weihnachten ist laut Statistik ein Fest des Unfriedens. Da man all seine Verwandten über die Feiertage sehen „muss“, kochen unbearbeitete, im Alltag verdrängte Konflikte hoch. Froh, die Pflichtbesuche absolviert zu haben, stürzt man sich dann befreit in einen Skiurlaub mit dichtem Animationsprogramm. Selbst wer zuhause bleibt, hat nur etwa vier Tage Zeit, um auszuspannen, denn die Silvesterparty muss vorbereitet werden, und da ist bekanntlich die Hölle los. Man ist über die Feiertage nicht zum Nachdenken gekommen und verwandelt die Ergebnisse dieses Nicht-Nachdenkens an Silvester schnell in ein paar oberflächliche und austauschbare Neujahrs-Wünsche: Erfolg im Beruf, Erfolg in der Liebe, gesund bleiben, ein paar Pfunde abspecken. Den 1. Januar kennen wir fast ausschließlich in Form eines quälenden Alkoholentzugs. Mit leisem Grauen sehen wir das Ende der Winterpause und das feiertagslose Ödland von Januar und Februar herannahen. Wenn wir dann am 2. oder 7. Januar völlig unerholt wieder bei unserem Arbeitgeber einrücken, begrüßt dieser einen mit der Ankündigung, man müsse jetzt kraftvoll durchstarten, denn es sei vieles aufzuarbeiten, was über die Feiertage liegen geblieben ist.

Der Winter als Krankheit

Diese Beschreibung einer typischen „Schaden bringenden Weihnachtszeit“ ist vielleicht überzeichnet, aber nicht ganz unrealistisch. Betrachtet man die Ratgeberartikel, die über den Winter in diversen Fernseh-, Freizeit- und Fachzeitschriften veröffentlicht werden, so entsteht das Schreckensbild einer dramatischen, kollektiven Winterkrise. „So bekämpfen Sie Müdigkeit und Winterdepression“, „So bleiben Sie fit trotz eisiger Temperaturen“, „So kommen Sie ohne Stress über die Feiertage“, „So bleiben Sie gesund trotz Grippewelle“ und etwas später dann: „So werden Sie ihre überflüssigen Winterpfunde wieder los“ (als nächstes im Jahreszyklus folgt dann: „Der Kampf gegen die Frühjahrsmüdigkeit“). Angesichts eines solchen Schreckensszenarios wünscht man sich im Winter manchmal ein Igel zu sein. Der muss sich mit all diesen Problemen nicht herumschlagen.

Die Ratgeberliteratur hat verschiedene Wege aufgezeigt, um Müdigkeit und Traurigkeit in der dunklen Jahreszeit zu überwinden; es käme aber darauf an, diese einfach zu akzeptieren. Der Zwang, immer gesund und fit sein zu müssen, macht erst recht krank und müde. Krankheiten entstehen ja oft gerade deshalb, weil wir gern den „Krankheitsgewinn“ einheimsen möchten. Bei schwerer Grippe liegt dieser „Gewinn“ oft darin, dass wir endlich mal in Ruhe im Bett bleiben können, die Decke über den Kopf ziehen, Trost, Schonung und Fürsorge unserer Angehörigen auf uns ziehen. Vielleicht wollen wir sogar insgeheim endlich mal „abstoßend“ sein, niesen, husten und rotzen, damit uns unser lieben Mitmenschen nicht ständig auf die Pelle rücken. Wenn dies das heimliche Ziel ist: Ruhe haben, Abstand, Schonung, dann wäre es doch sinnvoll zu überlegen, wie dieses Ziel auch ohne Krankheit erreicht werden kann. Ich vermute, dass die gefürchteten „Grippewellen“ verebben würde, wenn wir endlich die Lektion der Dualität lernen würden.

Eine Maske unablässiger Tatkraft

Der Mensch lebt in einer dualen Welt, in der alles Leben zwischen zwei Polen schwingt: Hell und Dunkel, Warm und Kalt, Glücklich und Traurig, Kraftvoll und Müde, Extrovertiert und Introvertiert, Tag und Nacht, Sommer und Winter. Das Problem ist nun: Der hellere der beiden Pole ist weitaus beliebter, weshalb man den dunklen fleißig verdrängt. Es ist, als ob man nur energiegeladen, frohgemut und extrovertiert sein dürfte. So wird über die winterliche Melancholie ein Dauerlachen geschminkt. Man macht (z.B. an Silvester) die Nacht zum Tag und den Winter zum Sommer. Heizung und Elektrizität machen es leichter, Partystimmung und Hyperaktivität auch über die „stille Zeit“ hinweg aufrecht zu erhalten. Teilweise ist dies natürlich eine Folge des Leistungsdrucks, dem wir durch unser Berufsleben ausgesetzt sind. Am Arbeitsplatz lernen wir, eine Maske unablässiger Tatkraft und Alarmbereitschaft zu kultivieren. Wir können diese in den (kurzen) Ferienperioden nicht immer ganz ablegen. Zumal wir fürchten, die Liebe und Zuwendung unserer Mitmenschen zu verlieren, wenn wir uns mal zurückziehen oder missmutig und verschlossen wirken. Oder es ist einfach der berüchtigte „innere Antreiber“ am Werk.

Die erste „Therapie“ gegen Traurigkeit, Müdigkeit und das Bedürfnis, sich zurückzuziehen besteht in der Anerkennung der Tatsache, dass diese Phänomene existieren. Ich gehe noch weiter: Wir müssen diesen Gemütsstimmungen nicht nur als gegeben akzeptieren, wir müssen ihnen sogar zustimmen. Sie gehören zu unserem Wesen ebenso wie Euphorie, Tatkraft und das Gefühl, „Bäume ausreißen zu können“. So gesehen sind Weihnachtsfeier, „eilige Nacht“, Fressmarathon, Skipisten-Spaß und Silvester-Absturz nur ein riesengroßes Verdrängungsprogramm gegen das andrängende Dunkle. Man ist vor Feierlaune „außer sich“ und versäumt dadurch, was gerade in der dunklen Jahreszeit wichtig wäre: zu sich zu kommen.

Die geheimnisvollen Rauhnächte

Was wäre dem gegenüber aber ein gesundes Verhalten, um nicht nur über den Winter zu kommen, sondern sogar menschlich von ihm zu profitieren? Wir finden Hinweise darauf, wenn wir das traditionelle Brauchtum betrachten, das sich um die Wintersonnwende (21. Dezember) und die anschließenden „Rauhnächte“ (24. Dezember bis 6. Januar) rankt. Unsere Vorfahren waren der Überzeugung, dass es mit diesen 12 Nächten eine besondere Bewandtnis hatte. (Siehe dazu den Kasten „Bräuche zwischen den Jahren“.) Die Rauhnächte verlangten einen achtsamen Umgang mit der in dieser Zeit gesteigerten emotionalen Sensibilität und dem labilen Gleichgewicht der Energien. Richtiger Umgang damit konnte Glück bringen, Fehler konnten zu Unglück und Krankheit führen. Versuchen wir einmal, diese traditionellen Bräuche und Glaubensvorstellungen nicht von vornherein als „Aberglauben“ abzutun! Vielleicht verbirgt sich dahinter eine psychologische Wahrheit, die wir – in eine moderne Sprache übersetzt – für uns nutzen können.

– In der „Nacht des Jahres“ können wie in der Nacht des Tages verstärkt negative Träume, aber auch (im Wachzustand) quälende Gedanken auftauchen. Themen, die das Jahr über (tagsüber) nicht „erlöst“, sondern verdrängt wurden, treten in der dunklen Zeit als innere Dämonen in den Vordergrund. Wer sich mit seinen dunklen Seiten schon vor Anbruch des Winters (der Nacht) auseinandersetzt, braucht nicht zu befürchten, dass ihm das Unterbewusstsein einen Streich spielt, sobald die Kräfte der Aktivität und des Tagesbewusstseins nachlassen.

– Genauso wie der Mensch den Feierabend und das Wochenende braucht, brauchte er eine Art „Feierabend des Jahres“, der zumindest die Tage zwischen Weihnachten und Heiligdreikönige umfasst und in denen er eine möglichst absolute Ruhe einhalten sollte. Was er in diesen Tagen dennoch an übermäßiger Aktivität unternimmt, „bringt Unglück“, d.h. es fordert seinen Tribut in Form von halbherziger Arbeit und mäßigen Ergebnissen, von Erschöpfung und Depression, die sich spätestens im Januar und Februar bemerkbar machen. Im übertragenen Sinn sind Rauhnächte, in denen man ohne Rücksicht auf die Zeitqualität Hektik verbreitet, wie schlaflose Nächte. 2006 bin ich, nachdem ich „zwischen den Jahren“ viel Stress hatte, viele Feiern und eine kurze, anstrengende Reise absolviert hatte, im Januar prompt an einer hartnäckigen Grippe erkrankt.

„Rückzug oder Saturnalien“

Der Mythos von den ruhigen, sensiblen, empfänglichen und zum Rückzug einladenden Rauhnächten wurde schon seit Jahrhunderten von einem zweiten, gegenteiligen Mythos überlagert. Im römischen Reich feierte man z.B. die so genannten „Saturnalien“, große Fressgelage, zu welchem Anlass sich die öffentliche Moral stark lockerte – nicht unähnlich den „christlichen“ Betriebsweihnachtsfeiern und Silvesterfestivitäten. Auch bei den Kelten gab es in der betreffenden Zeit oft lärmende Feste statt Stille. Der Hintergrund war u.a. die Vorstellung, sich für die karge Winterzeit sozusagen auf Vorrat etwas „anfressen“ zu können. Man muss dazu sehen, dass sich unsere Vorfahren in einer ungleich schwierigeren Situation befanden wie wir. Die Kälte und das Zur-Neige-Gehen der Wintervorräte waren buchstäblich lebensbedrohlich. Heute sorgen gut sortierte Supermärkte und Zentralheizung auch im Winter meist bestens für uns. Aus diesen und anderen Gründen rate ich, bei der Gestaltung der Weihnachtspause eher dem Mythos von den ruhigen Rauhnächten, als jenem von den ausschweifenden Saturnalien zu folgen.

Die Beobachtung der Natur gibt uns wertvolle Hinweise darauf, was die Winterzeit von uns „verlangt“, wenn wir nicht gegen sondern im Einklang mit unserem gefühlten inneren Rhythmus arbeiten wollen. Der Winter ist eine scheinbar karge, reizarme Zeit, in der sich das Leben ins Verborgene zurückzieht und darauf wartet, später wieder zum Vorschein zu kommen. Menschen bleiben gern zu Hause und im Kreis der Familie, Tiere halten ihren Winterschlaf, Pflanzen existieren nur noch als Samen, unsichtbar und tief in der Erde vergraben. Sie existieren gleichsam nur noch als Potenzial, als Möglichkeit, später wieder zur Pflanze zu werden. Die Lebenskraft der Natur befindet sich also in einem Zustand der Latenz. Wenn wir demnach „mit der Energie“ gehen wollen, empfiehlt es sich, Aktivitäten zu meiden, die nach außen, in die materielle Realität hinein wirken sollen.

Wer dieser vorherrschenden Grundstimmung Rechnung tragen will, wird seine Energie (dem Igel ähnlich) auf Sparflamme brennen lassen und tief in sein Innenleben eintauchen. Er wird zu sich kommen und Pläne in Ruhe reifen lassen, um später, wenn der richtige Zeitpunkt da ist, die Früchte seiner Geduld ernten. Nicht der Winter oder Weihnachten selbst stellen also ein Problem dar; vielmehr ist es so, dass die meisten Menschen verlernt haben, den Erfordernissen dieser Zeit gerecht zu werden. Man kämpft gleichsam ständig gegen den Gegenwind der vorherrschenden Energie an und vergeudet dadurch Kräfte, die man lieber sammeln und für bessere Zeiten aufsparen sollte.

Sinn des Winter-Retreats

– Das Winter-Retreat, das ich vorschlagen möchte erfüllt also eine ganze Reihe von Funktionen gleichzeitig:

– Prävention gegen Winterdepression, Grippe und Burnout

– Regeneration der Lebenskraft, damit diese sich in der warmen Jahreszeit umso besser entfalten kann

– Ausklinken aus dem Trubel der Alltags- und Berufswelt. Reduktion der beständigen Verfügbarkeit

– Zu sich kommen, Auseinandersetzung mit sonst vernachlässigten Aspekten der eigenen Seele

– Zeit, um die Bilanz des alten Jahres zu ziehen und Projekte für das neue zu schmieden

Hinspüren auf Hinweise aus dem eigene Unter- (oder Über-)Bewusstsein mit dem Ziel, Orientierung für zukünftige „Taten“ zu finden.

Das Winter-Retreat sollte mindestens die Rauhnächte vom 24. Dezember bis 6. Januar umfassen, nach Möglichkeit sogar länger sein. Hier ein paar grundlegende Tipps zur Gestaltung des Retreats:

Vorbereitung:

– Oft empfohlen, aber selten realisiert: Weihnachtsgeschenke möglichst im November oder Anfang Dezember kaufen.

– Nehmen Sie möglichst keine unerledigten Aufgaben, keine belastenden Konflikte mit ins Retreat. Versuchen Sie vorher zu erledigen, was erledigt werden kann. Das gilt insbesondere auch für Beziehungen zu Personen, die Sie über Weihnachten treffen werden.

– Säubern Sie Ihre Wohnung möglichst vorher, kaufen Sie genug ein und besorgen Sie alle notwendigen Accessoirs (z.B. Kerzen).

– Sagen Sie möglichst vielen Menschen in Ihrem Umfeld, dass Sie dieses Retreat planen und warum Sie es planen. Wer viel Freude an Treffen mit Freunden hat, der kann sich dies durchaus gönnen (sofern es entspannend ist), ich empfehle aber, Termine sparsam zu vergeben. Hinterlassen Sie Abwesenheitsnachrichten auf Anrufbeantworter und im Email-Postfach.

Das Retreat selbst

– Machen Sie nach Möglichkeit schon vor Weihnachten ein paar Tage frei, damit Sie einigermaßen entspannt in die Feiertage gehen (vor allem, falls die Festvorbereitungen bei Ihnen liegt).

– Es ist gut, zu Beginn dieser Phase ein Fest (Weihnachten) zu feiern, das Ihr Bedürfnis nach den einfachen Freuden des Lebens (gut essen, trinken, Gemeinschaft, Geschenke bekommen) erst einmal stillt. Dadurch haben Sie in der kommenden stilleren Zeit nicht so sehr das Gefühl, etwas zu versäumen. Verpassen Sie aber nicht den Übergang in eine wirklich ruhigere, zurückgezogene Zeit und versuchen Sie die Intensität der Festivitäten zu dosieren.

– Verzichten Sie nach Möglichkeit auf große Silvesterpartys, da diese die schöne Energie, die ungefähr in der Mitte des Retreats aufkommen kann, stören und unterbrechen würden. Gönnen Sie sich das in unserer Kultur nahezu unbekannte Gefühl, am Neujahrsmorgen ohne Kater, voller Frische und mit einem guten Körpergefühl aufzuwachen.

– Nehmen Sie sich für die Tage des Retreats wenig, nach Möglichkeit nichts vor, damit kein „Handlungsdruck“ infolge eines vollen Terminkalenders entsteht. Ab und zu ein Ausflug ist o.k., es sollte aber darauf geachtet werden, dass dies stressfrei geschieht.

– Verlangsamen Sie insgesamt das Tempo bei allen Ihren Aktivitäten (z.B. Essen zubereiten und verzehren, Tee trinken, Gehen, Hausarbeiten …) und spüren Sie den körperlichen und psychischen Effekten dieser Verlangsamung nach. Versuchen Sie während der Aktivitäten gelegentlich Gedankenstille herzustellen und die Bewegungen und Sinneseindrücke dabei genau wahrzunehmen.

– Wählen Sie die Bücher, die Sie während des Retreats lesen, die Filme, die Sie ansehen, die CDs, die Sie hören, sorgfältig aus. Verstörende, gewaltträchtige oder zu stark stimulierende „Kulturerzeugnisse“ sind kontraproduktiv. Üben Sie Vertiefung und Geduld, Qualitäten, die im Internetzeitalter mehr und mehr verloren gehen. Lesen Sie z.B. während des Retreats lieber ein wirklich gutes und längeres Buch als 5 schlechte und kurze. Verzichten Sie nach Möglichkeit auf zerstreuende Aktivitäten wie „Surfen“ und „Zappen“.

– Schlafen Sie so lange Sie wollen und legen Sie auch tagsüber Ruhepausen ein, wenn Ihnen danach ist. (Man kann allerdings auch zu lange schlafen.)

– Nach chinesischer Ernährungslehre isst man in der kalten Zeit ausreichend, warm und eher schwer. Ausschließlich Salat und Obst erfüllen nicht die Bedürfnisse, die Sie gerade im Winter haben dürften. Gelegentlich einen heißen Punsch oder ein Glas Wein müssen Sie sich nicht unbedingt verkneifen. Dennoch ist es gut, Maß zu halten und sich in dieser sensitiven Phase nicht unnötig selbst zu vergiften.

– Gewöhnen Sie sich an eine Übungsroutine, je nachdem welche Körper-, Atem- oder Meditationsübungen Sie beherrschen (z.B. Yoga, Gymnastik, autogenes Training, Meditation in Stille, bewusstes, tiefes Atmen). Versuchen Sie diese Übungen täglich durchzuführen und ihren stärkenden bzw. beruhigenden Effekt zu genießen. Besonders empfehle ich auch den Saunabesuch, der zu einer tiefen Entspannung führt.

– Unternehmen Sie aufmerksame, meditative Spaziergänge. Das Motto sollte heißen: „Nicht gehen, um anzukommen, sondern gehen, um zu gehen“.

– Achten Sie auf Ihre Träume in der Nacht, auf Impulse, Eingebungen und Fantasien bei Tag. Notieren Sie wichtige Gedanken und Bilder, damit diese nicht verloren gehen. Wem dies liegt, der kann auch Tagebuch führen.

– Versuchen Sie in ruhigen Stunden eine Bilanz aus dem zu Ende gehenden Jahr zu ziehen und zugleich herauszufinden, was für Sie im kommenden Jahr wirklich wichtig ist.

– Wenn Sie religiös sind und um Führung im Neuen Jahr bitten möchten, ist dies eine gute Zeit dafür.

– Falls Sie Müdigkeit verspüren, versuchen Sie diese auf keinen Fall zu vertreiben. Geben Sie sich Ihrer Mattigkeit einfach hin und ruhen Sie aus. Wenn Traurigkeit oder negative Gedanken hochkommen, drängen Sie diese nicht weg, sondern gehen Sie ihnen auf den Grund. Nehmen Sie diese Gefühle als etwas hin, was einfach da sein darf. In vielen Fällen hat die Traurigkeit mit Krankheit nichts zu tun. Sie will einfach „durchwandert werden“, da sie im Alltag oft keinen Platz hat, sich zu entfalten und dem Menschen ihre spezielle „Botschaft“ zu überbringen.

– Ideal ist ein Retreat, das von zwei Gleichgesinnten (z.B. Mann und Frau) übereinstimmend geplant und durchgeführt wird. Beide können dann über das Erlebte reflektieren, sich gegenseitig stützen und beraten. Andererseits ist es besser, das Retreat nicht zu einem Debattierclub zu machen. Reden Sie eher weniger als im Alltag und planen Sie Zeiten des Schweigens und des Alleinseins ein.

– Falls Kinder im Haus sind, wird man von dem hier entworfenen „Idealprogramm“ Abstriche machen müssen. Beziehen Sie Kinder in Ihre Pläne mit ein, erklären Sie Ihnen den Sinn des Retreats und schließen Sie Kompromisse mit deren wahrscheinlich größerer Lebhaftigkeit.

– Falls Sie ganz allein in Ihrem Haushalt leben, empfehlen sich gelegentliche Anrufe, Besuche bei Freunden und andere Aktivitäten, die jedoch nicht in Stress ausarten sollten. Allein zu sein ist vielleicht die „reinste“ Form von Retreat, und besitzt daher ein großes Potenzial. Es muss aber so gut dosiert sein, dass krank machende Gefühle der Einsamkeit vermieden werden.

Nachbereitung

– Wenn es beruflich irgendwie möglich ist, lassen Sie den Alltag im Januar langsam angehen, damit der Wechsel in einen neuen, aktiveren Lebensmodus nicht „schockartig“ erfolgt. Versuchen Sie, falls sich Arbeitsbelastung nicht vermeiden lässt, wenigstens etwas von dem Geist des Retreats in den Januar hinüberzuretten. Wenn Sie bisher alles richtig gemacht haben, werden Kräfte und Aktivitätsschub von allein wieder kommen, ohne dass Sie diese forcieren müssen.

Mehr Tipps kann ich für Ihr persönliches Winter-Retreat nicht geben, da jeder seine eigenen Vorlieben und Bedürfnisse hat und meine Anregungen entsprechend variieren wird. Es sollte klar geworden sein, dass ich dieses Programm nicht entwickelt habe, um aus meinen Lesern und Leserinnen Mönche und Nonnen, Leisetreter und Stubenhocker zu machen. Im Gegenteil glaube ich, dass ein „richtig“ gelebter Winter die beste Voraussetzung dafür darstellt, dass wir die warme und heitere Jahreszeit später in vollen Zügen genießen können. Wer ein Winterretreat absolviert hat, startet optimal ins Neue Jahr, denn er hat Kräfte gesammelt, sich mit seiner inneren Führung verbunden und sich seinen Schattenzonen gestellt.

Er wird den Frühling mit derselben Frische und Lebendigkeit erleben wie unser Igel Murmel, der im März zwar abgemagert, aber putzmunter aus seinem Häuschen hervorlugte. In den folgenden Wochen fraß er von unserer Spezialmischung aus Igel-Trockenfutter und Katzenfutter wie ein Scheunendrescher, und im April konnten wir ihn schließlich ausgewachsen und in bestem Gesundheitszustand in die freie Natur entlassen. So können auch wir darauf vertrauen, dass der Winterschlaf der Seele zu gegebener Zeit sein Ende findet, dass die Kräfte, die während der Rauhnächte verborgen in uns geschlummert haben, bald nach Erprobung im praktischen Leben drängen werden.

 

 

 

 

 

 

 

Anzeige von 33 kommentaren
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    Goodman
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    Sehr schöner, lohnenswerter Text mit wunderbaren Ideen. Vielen Dank dafür
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    Ein ausgezeichneter Text oben; meinen besten Dank daher an den Autor! – Und damit verbunden der Wunsch, daß möglichst viele Leser den Text oben lesen, seinen hohen Wert erkennen und auch möglichst viel davon umsetzen können!

    Ergänzend zu diesem auf innere Einkehr, Erholung und Ruhe zielenden Text oben möchte ich dazu noch Folgendes zum Thema Ruhen sagen:

    Es sollte uns nachdenklich stimmen, daß das Wort „ruhig“ auf Niederländisch „rustig“ heißt (was jedoch „rüstig“ bzw. genauer „rüstich“ ausgesprochen wird), und daß uns dieses Wort wiederum – an das bei uns im Deutschen gebräuchliche Wort „Rüstung“ erinnert! – Eine (äußerliche) Rüstung anzulegen (bzw. Rüstung zu betreiben) soll uns Ruhe und Gelassenheit vermitteln (was jedoch äußerst fragwürdig ist, zeigt uns unsere bisherige Geschichte doch immer wieder, daß äußerlich betriebene Rüstung nur allzuoft in fortschreitende Aufrüstung mündete und bislang auch immer wieder zu verheerenden Kriegen führte).

    Winterruhe (nichts Anders als eine saisonal bedingte Form besonders betonter innerer Ruhe) zu halten, stellt daher eine wichtige Form der Erholung und der Selbstbesinnung dar, die wir eigentlich zu allen Jahreszeiten, also immer wieder praktizieren sollten, denn ohne inneren Frieden wird es auch keinen äußeren Frieden geben können. –

    Jenen Menschen jedoch, die glauben andauernd streiten zu müssen, um im Leben erfolgreich (auf ihrem Recht) bestehen und so ihr Leben „bestreiten“ (!!!) zu können, möchte ich am Ende gerne noch Folgendes sagen:

    Die WIRKLICH KUNSTVOLLE ART sich ständig steigernder Streitlust lautet (richtig geschrieben & auch richtig verstanden) „STREIT‘ LUSTIGER“!

    Auf diese Weise streiten zu können, setzt freilich Einiges an Humor, Gelassenheit und damit auch an Selbstbesonnenheit, Selbsthinterfragung und Selbstironie voraus, womit wir wiederum bei dem im Text oben angesprochen Thema bei dem es ja eigentlich um innere Ruhe und inneren Frieden geht angelangt sind.

    Menschen die hierzu (noch) nicht fähig sind, tragen ihren inneren Widerstreit bislang immer wieder nach außen, suchen und finden bislang auch noch immer jede Menge Gleichgesinnte (Freunde wie auch Feinde) und sorgen zum Nachteil aller bis heute für immer mehr Streit, Verwirrung und Krieg auf unserer Welt. FRIEDEN UND DIE DAMIT EINHERGEHENDE GERECHTIGKEIT mit Gewalt (oder durch fortgesetzte Aufrüstung) erzwingen zu wollen, ist jedoch – unmöglich und gerade INNERE RUHE läßt uns das stets ganz genau erkennen.

    Lernen wir also besser Pfadfinder zu werden und bei unseren naturgemäß vielen Meinungsverschiedenheiten einen friedlichen Lösungsweg zu finden, statt wie bisher so oft immer erbitterter miteinander zu streiten; – der Anfang dieses Weges ist am Besten wohl immer zuerst in uns selbst, in unserer eigenen inneren Ruhe und Gelassenheit zu finden.

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      Ich bin zwar – kein Buddhist, möchte hier aber doch einmal zu einer meines Erachtens sehr wertvollen buddhistischen Achtsamkeitsmeditation anregen, die uns – nicht nur im Winter, sondern zu allen Jahreszeiten immer wieder bewußt praktiziert – dazu verhelfen kann, ruhig und gelassen zu leben und so auf all die vielen momentan oft noch so verstörenden Ereignisse in der Welt – aus unserer eigenen Mitte heraus die jeweils richtige lebensbejahende Antwort zu finden. Dazu nun folgender Link:

       

      https://www.youtube.com/watch?v=GwaAKovTQ4c

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        Nachtrag zu meinem letzten Kommentar:

        Ich sollte vielleicht doch zusätzlich darauf aufmerksam machen, daß es noch zwei weitere Hörbücher zum Thema buddhistische Achtsamkeitslehre (Achtsamkeits-Psychologie/Achtsamkeitsphilosopie) gibt, die meines Erachtens sehr wertvolle Ergänzungen zu dem oben von mir bereits erwähnten Hörbuch bieten. Das erste trägt die Überschrift „Bewußtsein & Geist“ und ist unter folgendem Direktlink zu erreichen:

        https://www.youtube.com/watch?v=jU1HOAS-mJs

        Das zweite trägt den Titel „Weisheit & Mitgefühl“ und ist unter folgendem Direktlink zu erreichen:

        https://www.youtube.com/watch?reload=9&v=cnyAf8HSJbw

         

         

        P.S. (Zu meiner gestrigen Anmerkung oben „kein Buddhist zu sein“):

        Ich meine übrigens, daß es überhaupt keine Rolle spielt, unter welchem Etikett ein Mensch „firmiert“ (Mann oder Frau, Kind oder Erwachsener, Buddhist, Christ, Moslem oder Atheist usw.), sondern daß IN WIRKLICHKEIT vielmehr stets sein persönliches Denken, Fühlen und Handeln sowohl sich selbst wie auch Anderen gegenüber VON TATSÄCHLICHER BEDEUTUNG ist. Wir sollten uns ALLE daher wirklich freundlich & verständnisbereit begegnen, denn das altüberlieferte Schubladendenken und die daraus bisher so oft entstandenen Feindbilder – sorgten – schon viel zu lange für kurzsichtige Ausgrenzung, Haß, Streit und dann auch noch unzählige mörderische Kriege unter uns.

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    FrauAnti
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    Der ( das ? ) letzte ‚retreat‘ im Jahr als Betthupferl für den Winterschlaf !

    Im Frühjahr hat man dann wieder mehr Kraft für die Rebellion… ausgeschlafen und hungrig geht man sie an, sollte man meinen, glaubte man wahren rebellischen Absichten, jedoch folgt dann kurz nach dem Erwachen schon das ‚Schweige-Retreat‘ und zieht sich durchs Jahr bis zum nächsten Winterschlaf.

    Untätig ist man nicht ( ganz ), die Redaktion füllt die Zeit zwischen den Winterschlafzeiten mit Erbaulichem aus Kunst und Kultur, spirituellen Salbungen und zugegeben reichlich Hinweisen auf die Mißstände, Sorgen und Nöte all jener, die sich Erholung nicht leisten können, „treated real bad “ ohne Unterbrechung bis zur körperlichen und seelischen Erschöpfung.

    Wäre es da nicht die Hauptaufgabe und auch erste Pflicht einer Redaktion für Rebellion, eine Kampfschrift zu sein, sich kämpferisch einzusetzen, damit die Revolte entfacht werden kann ?

    Ich denke schon, das ungeheuere Ausmaß bestehender Unterdrückung, Verarmung, Entrechtung und Entfreiheitlichung sollte der Redaktion bekannt sein.

    Es darf ein Jeder sich seelisch pflegen, keine Frage, aber zunächst mal muss es um den Kampf gegen diese verheerenden Mißstände gehen.

    Wenn das ausbleibt, muß die Frage gestellt werden ob man schon redaktionell für oder gegen die Revolte ist, ob man vielleicht eher geneigt ist, sich mit den zunehmend drastischen Verschlechterungen abzufinden, dennoch auf Mißstände lediglich hinzuweisen.

    Die Pflege einer Journalie allein wird nichts entfachen, Dagegenhalten muss zwangsläufig auch Aktion sein. Und man kann auch redaktionell aktiv sein, nicht nur passiv, wie hier leider vorgeführt.

    Ich meine, es ist schade, dass man kein aktives Organ für die Rebellion sein will, nicht deutlich zum tatsächlichen Widerstand aufrufen will, Angst davor wäre der schlechteste Ratgeber und einer polizeistaatlichen Repression darf man sich nicht beugen.

    So wäre fürs Neue Jahr dringend zu wünschen, dass sich die Redaktion auf das Wesentliche besinnt.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

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      @FrauAnti: Gehen Sie einmal aufmerksam die verschiedenen Beiträge hier auf diesen Seiten durch und Sie werden dann sehen, daß hier auch immer wieder viel ausgesprochen Wertvolles zum Thema Weltverbesserung geleistet wird. Der Focus liegt hier allerdings auf Aufklärung und konstruktiv Förderliches und nicht so sehr auf kampfbetontes Vorgehen gegen „XYZ“. Ich finde, das ist auch ausgesprochen klug und daher auch gut so (und viele wohldurchdachte Begründungen hierfür finden Sie ebenfalls immer wieder hier auf diesen Seiten).
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    heike
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    Und wie soll die Redaktion „das Wesentliche“ umsetzen? „Alle gelbe Westen an und morgen 16 Uhr stürmen wir das Kanzleramt!“ ? Und dann?

     

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      FrauAnti
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      Da haben sie es genauestens begriffen, Heike

      „alle die *Revolutionswesten* an und stürmen ! “

      Mehr muss man dazu eigentlich nicht mehr sagen.

      Bravo Heike !

       

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    heike
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    Man muss den Begriff Retreat ja nicht unbedingt mögen – bei mir ist er aus irgendeinem Grund auch nicht besonders positiv unterlegt. Wahrscheinlich habe ich diesselben Assoziationen, wie auch andere: abgehobene Leute, denen die wirklich Armen oder grundsätzlich andere Menschen im Grunde genommen egal sind , so ungefäjr wohl. Aber das hält man doch mal aus… Irgendwo auf dieser Seite stand der sehr schöne Satz, dass man zwischen Reflex (Retreat!!! So ein Scheißßßß!) und Reaktion eine Pause einlegen kann. Wenn es geht. Kann man üben.

    Und letztendlich waren die Hinweise von Roland gut gemeint: zum Kraftschöpfen.

     

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    heike
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    FrauAnti, ich bin ja mehr für eine Unterstützung der Hambacher Forst-Aktivisten, gerne kombiniert mit einer Stürmung des Bundesumweltamtes – und zwar aus folgenden Gründen:

    Wenn die aktuell global praktizierte Klimapolitik so wie bisher fortgesetzt wird, würde das zu einer Erderwärmung um etwa 3°Celsius führen. Schon eine Erwärmung um 1,5° Celsius führt beispielsweise zu einem Absterben der Korallenriffe in den Ozeanen zu 70 bis 90 Prozent, bei 2° Celsius zu 99 Prozent.

    Im Grunde genommen wissen Wissenschaftler, Politiker und Wirtschaftsunternehmen schon seit 1979 über die Gefährlichkeit der Treibhausgase für unser Weltklima Bescheid, damals fand die 1. Weltklimakonferenz in Genf statt.

    Auf der Toronto-Konferenz im Jahr 1988 versprachen die Regierungen z.B., ihren Kohlendioxidausstoß bis 2005 um 20 Prozent zu reduzieren. Und was ist daraus geworden? Die UN-Klimakonferenz in Paris 2015 (COP 21) hatte die Begrenzung der globalen Erwärmung auf möglichst unter 1,5° Celsius beschlossen. Drei Jahre später (Katowice) sind wir schon bei einer Begrenzung auf unter 2° Celsius angekommen…

    Eine in Folge des IPCC-Sonderberichtes erstellte Studie des Berliner Forschungsinstituts Climate analytics konstatierte, dass Deutschland zur Erreichung des 1,5°-Ziels seine Kohleverstromung bis 2030 aufgeben muss.

     

     

     

  • Avatar
    Piranha
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    Rückzug vom Alltag zu ritualisieren – ob für die Zeit der Rauhnächte oder im Jahresverlauf, ist eine wunderbare Erholung für Geist und Seele. Ganz zu sich selbst zu kommen, sich mit den Aspekten des eigenen Lebens – den seelischen wie den körperlichen, zu befassen ohne Störungen, schenkt Kraft und Lebendigkeit.

    Niemand, wirklich niemand kann den Blick immer nur nach außen richten, wenn er ihn nicht auch von Zeit zu Zeit nach innen richtet. Genauso wenig, wie niemand stets nur aktiv sein kann ohne Ruhepausen.

    An Weihnachten gelingt es mir stundenweise. Für Silvester habe ich es schon vor Jahren eingeführt, die meiste Zeit des Tages und der angehenden Nacht allein zu sein, das Jahr Revue passieren zu lassen, mir Notizen zu machen anhand meines umfangreichen Kalenders, mir berufliche und private Höhepunkte, aber auch weniger schöne Ereignisse zu vergegenwärtigen. Ich räume meinen Schreibtisch und bringe überflüssig Gewordenes zur Papiertonne, nachdem ich es zuvor geschreddert habe. (aus Datenschutzgründen, aber auch als Ritual 😉 )

    Symbolisch nehmen die (keltischen) Geister der Rauhnächte alles mit, was die Menschen über Bord geworfen haben.

    Ich mache mir Gedanken zum kommenden Jahr und weiß, wie zerbrechlich jedes Leben sein kann. Jedes Vorhaben, jede Idee kann wie eine Seifenblase platzen, wenn Unfall oder Krankheit oder Tod uns einen Strich durch die Rechnung machen.

    Und dann bin ich dankbar für das, was ich werden durfte und auch für das, was ich habe; dankbar für meine Lieblingsmenschen und ihre Zuneigung.

    Ich weiß, dass ich die Welt nicht retten kann. Aber ich kann in bescheidenem Rahmen ein bisschen helfen, dass sie nicht jeden Tag noch schlechter wird.

    Auf ins Jahr 2019.

    Ich wünsche allen einen wundervoll gelingenden Start.

     

     

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    heike
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    Noch eine Nachbemerkung zum Korallensterben, das nur eine Folge des unverantwortlichen Ausstoßes von Kohlendioxid ist.

    Etwa die Hälfte des durch menschliche Aktivitäten freigesetzten Kohlendioxids wird von den Ozeanen aufgenommen. Das hat zu einer schleichenden Versauerung des Meerwassers geführt, wie sie seit 20 Millionen Jahren nicht mehr stattgefunden hat. Der Säurewert des Meeres ist, seitdem Menschen begonnen haben in großem Maße Kohle zu verbrennen, um 30 Prozent gestiegen. Eine Folge davon ist, dass in den letzten dreißig Jahren z.B. 80 Prozent der Korallenriffe in der Karibik abgestorben sind.

    Es gibt mittlerweile Korallenschulen, die die zähesten und gegen diese Übersäuerung und Verschmutzung der Meere widerstandsfähigsten Korallen in Korallenschulen aufziehen und wieder auf die Riffe pflanzen. Das ist ein guter Ansatz, um noch einiges zu retten. Aber wichtiger wäre es, die Übersäuerungsgründe sofort zu stoppen, statt in Kauf zu nehmen das 80 oder 90 Prozent der „weniger robusten“ Korallenarten auf Nimmerwiedersehen von diesem Planeten verschwinden.

    Der Kohlendioxid-Ausstoß weltweit muss umgehend reduziert werden, auch wenn das mit Einschränkungen unserer gewohnten Bequemlichkeiten einhergeht.

    Dafür kann man RWE stürmen, das Kanzleramt, alles was den Ausstieg aus den fossilen Energien bewusst verhindert und verzögert – und damit den Untergang der vielfältigen Schönheit unseres Planeten zu verantworten hat.

     

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      Imago
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      @ Heike: Das Kanzleramt „stürmen“ würde ich zwar nicht, stelle mir aber schon seit einiger Zeit immer wieder vor, daß z. B. im kommenden Frühjahr Hunderttausende oder gar 1-2 Millionen Menschen abwechselnd das Kanzleramt – wenn es sein muß wochen- oder monatelang – GANZ UND GAR FRIEDLICH belagern und dabei ganz klar entschieden fordern, daß speziell auch dort endlich eine wirklich gerechte, sowohl menschen- wie auch umweltfreundliche Innen und Außenpolitik FÜR DIE GESAMTE BEVÖLKERUNG gemacht wird. Dabei würde ich dann auch gerne persönlich mitmachen. Es wäre eine im wahrsten Sinnes des Wortes großartige Sache, wenn Deutschland gerade hierbei endlich einmal zu einem wirklich guten Vorbild für die gesamte Welt werden würde!
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        Imago
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        Wir entfernen uns nun zwar immer mehr von dem im Aufsatz oben behandelten Thema, da der „Winterschlaf“ uns unsere bösen „Träume“ aber offenbar nicht vergessen läßt, hier auch noch eine Ergänzung zu dem, was ich in meiner Antwort an Heike oben schrieb:

        https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wie-wird-der-neoliberalismus-enden

        Für mich steht fest, daß das Ende des offenbar durch und durch materialistischen Neoliberalismus bald bevorsteht, die Frage ist nur, wann das genau sein wird und wie es vonstatten geht: Wir können uns als seine willigen Opfer bis zum (schrecklichen) Ende vor diesen Henkerkarren spannen lassen (und somit auch immer wieder selbst mit daran arbeiten, daß dies Wirklichkeit wird), oder wir können gemeinsam noch rechtzeitig klar entschieden, friedlich und offen gegen all das vorgehen, was inzwischen immer mehr  von uns (inzwischen auch viele „normale Bürger“) als ganz und gar verderblich erkennen.

        Ich jedenfalls bin schon lange nicht mehr bereit, diese inzwischen nun weltweit verbreitete menschen- und umweltverachtende Politik unwidersprochen hinzunehmen, wehre mich nun seit einiger Zeit schon auch öffentlich dagegen und unterstütze vor allem all die verschiedenen Arten von Unmenschlichkeit auch schon lange – überhaupt nicht mehr.

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    heike
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    Ja Imago – jeden Tag kommen Leute aus einer anderen Stadt, mit A kann man anfangen. Wieviele Städte hat Deutschland?
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    Imago
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    @Heike: Es ist schön, daß Du meiner Idee zustimmst, aber wie kommst Du denn auf den Gedanken, daß dabei die Einwohner der Städte Deutschlands von A – Z nacheinander an einer solchen Aktion teilnehmen sollten (und was gilt dann für die Landbewohner, sind die nicht auch von all dem betroffen?) und – wäre das alles dann nicht auch schon wieder ein sehr bürokratisches Vorgehen, das nur allzusehr dem zumeist sehr geist- und seelenlosen automatischen Organisieren eines behördlichen Verwaltungsapparates entspricht?

    Ich setze GRUNDSÄTZLICH auf weitgehende SELBSTORGANISATION der Menschen, daß sich die Idee erst einmal RICHTIG HERUMSPRICHT, viel echte Zustimmung erfährt und daß sich dann einige kompetente Leute ganz bewußt zusammentun, um dies alles dann auch gut zu organisieren. Ich wäre wenn gewünscht auch da mit dabei, kann dies aber unmöglich allein anleiern und stemmen und verfüge als (übrigens gerade auch finanziell zeitweise immer wieder ziemlich gestreßter) Hartz4-Bezieher zudem auch nicht über die dazu nötige technische Ausrüstung und all das hierzu nötige  (computer)-technische Wissen, um all dies allein zu bewerkstelligen.

    Als Einzelner kann man auf dieser Welt höchstens etwas Positives anregen und wenn sich dann endlich einmal tatsächlich etwas Sinnvolles tut – dann MIT ANDEREN ZUSAMMEN daran gemeinschaftlich mitarbeiten und das ist sowohl DER WEG wie auch DAS ZIEL und obendrein auch der positive Vorgeschmack darauf, wie diese nun so orientierungslos zerstreute Gesellschaft endlich wieder in positiver Weise zusammenzubringen ist.

    Nicht allein die ohnehin noch oft so zerstrittene Linke („Aufstehen“ etc.), sondern möglichst alle friedfertigen Menschen sollten übrigens daran teilnehmen und etwaige Störer und Trolls, die dann auf destruktive Weise das Ganze verhindern wollen (womit aller Wahrscheinlichkeit nach gerade auch in diesem Fall zu rechnen ist) sind dann eben friedlich aber ganz entschieden abzuweisen und ich bin überzeugt davon, daß in all dem – wenn es tatsächlich dazu kommt und dann auch klug, umsichtig und verantwortungsvoll betrieben wird, auch eine wirklich große Zukunftschance FÜR UNS ALLE liegt.

    (Den im Artikel oben zurecht gepriesenen „Winterschlaf für die Seele“ könnten wir trotzdem führen und uns dabei ganz bewußt erst einmal ein wenig erholen und das wäre dann auch die Zeit, ebenfalls sich ganz bewußt und erst einmal entspannt zu überlegen, wie alles darauf Folgende dann auf beste Weise geschehen kann.)

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    heike
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    War einfach eine schöne Idee von mir. Aus allen Städten kommen die Organisationen und Vereine, auch einzelne Leute und bringen mit, was sie sich von der Politik erhoffen: Agrarwende, Kohleausstieg, höhere Mindestlöhne, gerechtere Steuern, keine Einweg-Becher mehr, Glyphosat-Verbot… Zum Beispiel gibt es schon eine Anzahl von Städten und Gemeinden, die freiwillig auf die Anwendung von Glyphosat auf ihren öffentlichen Flächen verzichten, auf der BUND-Seite im Internet kann man nachschauen, welche dazugehören.

    Die Dorfbewohner können sich einer Stadt im näheren Umfeld anschließen.

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    heike
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    In diesem Land gibt es keine Zukunft außer der verordneten, weil dieses Land unsere Kinder frisst. Andere sind kooperationsbereiter als ich. Die machen, was sie sollen. Weiß nicht, ob jemand außer mir seit mehr als drei Jahren j e d e verdammte Nacht seine Kinder schreien hört. Ich kann nichts anderes und mache nichts anderes, als was ich bisher gemacht habe. Dann sind sie eben tot. Oder ich. Hoffentlich bald. Fresst euch alle richtig satt. Schmeckt gut.

    Lecker.

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      Imago
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      @Heike: Klingt gar nicht gut, was Du da oben geschrieben hast. Brauchst Du gerade Hilfe und kann ich Dir von hier aus irgendwie helfen?
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    Imago
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    @Heike: Klingt gar nicht gut, was Du da oben geschrieben hast. Brauchst Du gerade dringend Hilfe und kann ich Dir von hier aus irgendwie helfen? (Falls Du jemanden brauchst um Dich auszusprechen; ich werde der Redaktion meine Tel.-Nr. mitteilen und sie bitten, diese an Dich weiterzugeben, sofern Du Gebrauch davon machen willst.)
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    heike
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    Nein, für mich kommt jede Hilfe zu spät. Frohes Neues Jahr.

    Unbedingt veröffentlichen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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      Imago
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      @Heike: Ich weiß zwar so gut wie gar nicht, was gerade wirklich bei Dir los ist, aber mach‘ jetzt keinen Unsinn! Es könnte sein, daß Du sozusagen dabei bist, aus einer momentan verzweifelten Stimmung in die Du Dich hineinsteigerst, womöglich wenige Meter vor dem rettenden Ufer aufzugeben. Was ist dann mit Deinen Kindern; willst Du nun etwa „gehen“ und sie dabei womöglich „mitnehmen“? – Ruf‘ mich an und wir reden erst mal!

      (ich will übrigens auch nicht, daß hier nun eine öffentliche Showveranstaltung daraus wird und werde Dir hier auf dieser Website auch nicht weiter in aller Öffentlichkeit antworten)

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      Piranha
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      Vollkommen respekt- und empathieloser Umgang mit Imago.

      Ist es Dir nicht peinlich?

       

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    Volker
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    @Imago, keine gute Idee, als Laie therapeutische Hilfe anzubieten, dazu noch per Telefon unbekannterweise.

    Es könnte sein, daß Du sozusagen dabei bist, aus einer momentan verzweifelten Stimmung in die Du Dich hineinsteigerst, womöglich wenige Meter vor dem rettenden Ufer aufzugeben.

    Du spekulierst ins Blaue hinein und schreibst gleichwohl über: (…) öffentliche Showveranstaltung (…) sogar von einem Hineinsteigern.

    Sollte Heike psychologische Hilfe benötigen, wird sie diese Entscheidung selbst treffen müssen.
    Gruß Volker

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    Imago
    Antworten

    Ein paar grundsätzliche Überlegungen zum Umgang miteinander:

    Jeder Mensch, der hier einen Artikel oder aber einen Kommentar schreibt, betritt hier sozusagen eine öffentliche Bühne und – zumindest anfangs kann niemand von uns wissen, was den Anderen dabei wirklich bewegt bzw. was er womöglich gar „im Schilde führt“. Diese Plattform hier ist für mich sehr wertvoll aufgrund ihres Inhalts, der neben der in alternativen Kreisen gewöhnlich geäußerten Zeitkritik immer wieder auch die geistig-seelischen Hintergründe auszuleuchten zum Ziel hat. Einer der wichtigsten Aspekte der dabei stets mitschwingt und für uns alle eigentlich von sehr großer Wichtigkeit ist, ist das sich gegenseitig vertrauen bzw. sich gegenseitig vertrauen können (sowie übrigens auch das wohl noch wichtigere richtige Selbstvertrauen).

    Demgegenüber stellt das gegenwärtig so weitverbreitete Mißtrauen (für das es inzwischen leider oft viele Gründe gibt) nun längst mit eine der wichtigsten Ursachen unserer nun so unzähligen gesellschaftlichen Probleme dar, die dann ihrerseits viele weitere Probleme wie die inzwischen mehr und mehr zunehmende Vereinsamung und infolgedessen dann z. B. sehr häufig einen gedankenlosen Konsum als Frustrationskompensation und dann wiederum weitere, vielfach sehr schädliche Folgeerscheinungen nach sich ziehen.

    Für mich stellen neben anderen wichtigen Tugenden gerade auch Offenheit und Ehrlichkeit mit die wichtigsten Grundvoraussetzungen dar, um hier (oder auch anderswo im Leben) auch wirklich miteinander kommunizieren zu können und das bedeutet vor allem für mich selbst, immer wieder ganz offen, ehrlich und auch vertrauensvoll auf andere Menschen zuzugehen. Das erwies sich in meinem bisherigen Leben im Nachhinein zwar nicht selten als naiv, hindert mich aber dennoch nicht daran, auch weiterhin so zu handeln.

    Nicht grundsätzliches Mißtrauen, sondern besser Skepsis und daraus resultierendes vorsichtiges Handeln ist daher in heutiger Zeit angebracht. Sie würde uns nicht daran hindern, dem Anderen zumindest ein wenig Vertrauen entgegenzubringen (wieviel davon jeweils, mag jeder für sich selbst entscheiden) und den Anderen und sein Anliegen somit zumindest anfangs erst einmal auch wirklich ernst zu nehmen.

    – – – – – – – –

    Speziell an Volker: Du unterstellst mir, „therapeutische“ Hilfe anbieten zu wollen; Du irrst Dich jedoch, denn ich habe Hilfe von Mensch zu Mensch, nämlich – erst einmal miteinander zu reden angeboten, was ein deutlicher Unterschied ist! – Ein paar Fragen hierzu:

    Was soll man beispielsweise tun, wenn man Zeuge wird, wie ein Mensch sich an einer einsamen Stelle womöglich von einer Felsenklippe herunterstürzen will, wenn gerade niemand sonst in der Nähe ist und man kein Handy dabei hat? Schweigen, sich einfach umdrehen und sich ansonsten „seinen Teil dazu denken“? Ist es dann etwa falsches Handeln, auf den Anderen zuzugehen und mit ihm zu sprechen zu versuchen? Hat der „Laie“ (s. Dein Kommentar oben), der für Dich (allem Anschein nach) offenbar geradezu grundsätzlich inkompetent ist, also grundsätzlich untätig zu bleiben und geduldig zu warten, bis endlich ein „zugelassener Profi“ auf der Bildfläche erscheint (und glaubst etwa tatsächlich, daß die Profis aufgrund ihrer Ausbildung dann auch schon unfehlbar sind)?

    In unserer Welt gibt es inzwischen sehr viele völlig vereinsamte und auch völlig verzweifelte Menschen, die nun alle möglichen Verzweiflungstaten begehen und die Medien berichten nun fast täglich davon; sie berichten aber auch darüber, daß inzwischen sehr viele von uns als Zeugen dabei völlig untätig bleiben und nur gaffen, ja die Rettungsarbeiten sogar immer häufiger behindern, wenn sie Zeuge eines Notfalls werden. Das aber ist eigentlich nichts anderes als eine weitere Verschärfung der Erbarmungslosigkeit, die inzwischen nun immer wieder allgemein (und wenn ich mich richtig erinnere übrigens auch immer wieder hier von Dir) durchaus zurecht beklagt wird.

    Wo also bleibt da bei Deiner aktuellen Kritik oben eigentlich die Logik – und wo die wie gesagt auch von Dir immer wieder eingeforderte Mitmenschlichkeit?

     

     

    • Avatar
      Piranha
      Antworten
      Hallo Imago,

      bevor ich mich in meine eher kontemplativen Stunden zurückziehe, noch eine kleine Anmerkung (die heike mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch lesen wird).

      Die Gemeinte hat von Zeit zu Zeit einen Hang zur überbordenden Dramatik, soweit man es hier feststellen kann. Zuletzt hatte sie ein multiples Organversagen beschrieben, worauf gottseidank nur Palantir reagiert hatte. Sinngemäß: es gäbe für jedes Organ einen Arzt; wo der nicht mehr helfen könne, gäbe es den Seelendoktor. Worauf sie sich beleidigt zurückzog, wenn ich es noch richtig entsinne.

      Sie hatte zudem hier eine gewisse „BB“, die ihr schon früher zu Hilfe eilte. Wie es in der Beziehung weiterging kann ich nur vermuten; ich habe aber auch keine Lust, mich damit weiter zu befassen.

      Dass sie das Thema in eurer Unterhaltung abrupt gewechselt hat und dann auch dein Hilfsangebot so unerzogen (oder nenne es nassforsch) zurückgewiesen hat – nun, ich nannte es gestern „empathie- und respektlos“. Das sehe ich auch immer noch so, denn mindestens wäre doch ein „Nein, aber danke für dein Angebot“ angemessen gewesen, oder?

      Volker in seiner gut gemeinten Vorsicht versuchte Dir auch zu sagen: die Frau ist erwachsen und sollte mithin in der Lage sein sich psychologische Hilfe zu holen – ob bei der Telefonseelsorge (die MA dort sind alle ausgebildet) oder beim Psychiater. Ganz so, wie Palantir ihr zum Kardiologen … riet.

       

      Bewahre Dir Dein gutes Herz, Imago. Deine Beiträge sind durch die langen Schachtelsätze, die vielen fetten Einfügungen und Klammersätze zwar schwer zu lesen, aber es tönt das Wesentliche durch.

      In diesem Sinne ein gutes neues Jahr.

      P.

       

       

       
       
       

      • Avatar
        Imago
        Antworten
        Hallo Piranha,

        keine Sorge, ich habe Volkers Kritik ebenso und somit also nicht als persönlichen Angriff verstanden. Mit meiner Antwort wollte ich vielmehr vor allem auch die Gelegenheit nutzen, generell zu mehr Sensibilität, Hilfsbereitschaft und Zivilcourage zu ermuntern, sowie die wichtigsten Gründe hierfür und auch einige wohl ziemlich weitverbreitete Denkfehler hierbei zumindest einmal kurz ansprechen.

        Was Deine Kritik an meinen langen Schachtelsätze, vielen Hervorhebungen usw. betrifft, so hast Du damit auf jeden Fall recht. Ich bemühe mich schon seit einiger Zeit darum dies zu ändern und es ist auch schon ein wenig besser geworden, passiert mir aber leider doch noch immer wieder. Ich will aber versuchen, daß es noch deutlich besser wird.

        Ansonsten vielen Dank für Deine freundliche Antwort und Deine wie gesagt auch wirklich berechtigte Kritik!

        Imago

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    Volker
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    @Imago, ich schließe mich erst einmal dem Kommentar von Piranha an.
    Meine Kritik zu Deinem Vorschlag betreff Heike hätte ich wohl näher erläutern sollen, um Missverständnisse zu vermeiden.
    Verstehe es bitte so: Es geht mir nicht darum, persönliche Gespräche abzutun oder Hilfsbereitschaft im sozialen Umfeld in Frage zu stellen. Bitte vergesse dabei nicht, dass dies nur Sinn macht, wenn man einen Menschen persönlich kennt, ihm gegenüber sitzt, in die Augen sehen- und seine Körpersprache aufnehmen kann.
    Alles andere wäre m.E. nicht zu verantworten, ich würde mich jedenfalls nicht darauf einlassen wollen, per Telefon mit einem mir völlig unbekannten Menschen derart tiefgreifende Gespräche zu führen.

    Vertrauen entsteht durch persönlichen Kontakt, erst dann kann ich versuchen, meinem Gegenüber hilfreich zu sein. Allerdings auch nur in einem begrenzten Umfang, alles andere gehört nun wirklich in die Hände eines zugelassenen Therapeuten.

    Ich rieb mich an Deinem unüberlegten Telefon-Kontaktangebot, zu einer Dir fremden Frau mit Kinder (?), aufgrund einiger Kommentare, die man so oder so deuten kann – ich muß das wohl nicht weiter erklären.

    Wo also bleibt da bei Deiner aktuellen Kritik oben eigentlich die Logik – und wo die wie gesagt auch von Dir immer wieder eingeforderte Mitmenschlichkeit?

    Da, wo ich ich etwas bewirken kann, und sei es nur einmal in meinem Leben.

    Gruß Volker

  • Avatar
    Imago
    Antworten
    @ Volker: Ich hatte, wie oben schon Piranha gegenüber gesagt – keine Probleme mit Deiner Kritik; sie war schon okay, reizte mich aber sozusagen – wie Du oben ja sehen konntest – zum Widerspruch. Und auch jetzt möchte ich Deinem letzten Schreiben – der Wahrheit zuliebe – noch einmal in Folgendem widersprechen:

    Du schriebst oben: „Vertrauen entsteht durch persönlichen Kontakt, erst dann kann ich versuchen, meinem Gegenüber hilfreich zu sein.“ – Meine Antwort: Vertrauen* (sowie auch genügend Vertrauen) kann durchaus auch bereits beim ersten Mal entstehen, wenn ich mich (von Angesicht zu Angesicht, mündlich oder telefonisch oder auch schriftlich) direkt an jemanden wende. Psychologisch gänzlich oder nur wenig unerfahrenen Personen ist selbstverständlich davon abzuraten so zu arbeiten, was in meinem Fall jedoch nicht zutrifft, da ich vor einiger Zeit schon sehr erfolgreich zwar nicht als studierter Psychologe, dafür aber als praktisch tätiger Erzieher für verhaltensauffällige Jugendliche gearbeitet habe und gerade auch von diesen in all der Zeit sehr geschätzt wurde (was Du jedoch bis jetzt allerdings noch nicht wissen konntest).

    Du irrst Dich daher oben also auch noch in einem zweiten Punkt, denn ich habe meine Hilfe nicht „unüberlegt angeboten“ (und hatte übrigens auch so meine Zweifel, ob das auch wirklich angemessen und richtig wäre). Was mich dann doch zur Entscheidung führte, war – erstens mein nach wie vor vorhandener Wunsch wenn möglich zu helfen, – zweitens ein gewisses Selbstvertrauen, was sowohl aus meiner Erzieherzeit wie auch aus meinen nun recht langjährigen Lebenserfahrung stammt und drittens – ein humanistischer Grundsatz, der eigentlich der Juristerei entstammt und besagt, daß man „im Zweifelsfall stets zugunsten des Angeklagten“ (bzw. sinngemäß des von Gefahr Bedrohten) entscheiden sollte und den ich mir für mein gesamtes Leben zu eigen gemacht habe. Besonders wohl war mir bei der ganzen Sache nicht, doch auch weil ich vor allem H. (aber auch die Leser und mich selbst) davor schützen wollte, daß sie sich immer mehr hineinsteigert und dann womöglich ihr gesamtes Leid mehr und mehr vor aller Öffentlichkeit ausbreitet, habe ich ihr daher angeboten, mich anzurufen.

    (Ich sage das alles übrigens nicht um mich hier zu rechtfertigen, sondern – weil die ganze Sache, die ja öffentlich ablief –  damit das Geschehen und mein Handeln nun für alle Zeugen davon eine somit auch nachvollziehbare Erklärung findet.)

    Was nun wirklich hinter der ganzen Angelegenheit steckt weiß wohl nur Heike, doch sie schweigt. Ich hoffe für sie, daß nicht doch etwas Schlimmes passiert ist und daß sie nun endlich ärztliche Hilfe aufgesucht hat, denn die scheint auch mir dringend geboten zu sein.

    – – – – – – – –

    *Zum Stichwort „bereits vorhandenes Vertrauen“: Wenn man einmal genauer über dies nachdenkt, kann man sehen, daß auch bereits vorhandenes Vertrauen beschädigt oder gar zerstört werden kann. Auch ein lange Zeit stabil und souverän wirkender Mensch z. B. kann durch irgendwelche Ereignisse z. B. eine schwere Erkrankung auf einmal sehr instabil und zerbrechlich werden! Nur allzuleicht kann man somit – auch mit den besten Absichten – mitunter selbst gut vertrauten Personen gegenüber „ins Fettnäppchen treten“. Die menschliche Geschichte (wie auch die Geschichte der Psychologier und Psychiatrie) ist darüberhinaus voll von unzähligen Irrtümern und daran zerbrochenem Vertrauen und somit gibt es daher – auch für psychologisch bestens ausgebildete Fachkräfte – keine Garantie dafür, mit ihrer Vorgehensweise auch tatsächlich immer „richtig zu liegen“.

    Mein Fazit daher: Wir alle können im Leben unmöglich alles wissen und sollten daher möglichst bewußt erkennen lernen, daß wir – immer wieder auch mit einem gewissen Risiko zu leben haben. Es ist gewiß gut und richtig, so vorsichtig wie möglich zu sein; zuviel davon aber würde das Leben – nur sinnlos lähmen.

    Wieviel Mut und wieviel Vorsicht im Leben jeweils gerade notwendig sind, muß jeder von uns immer wieder selbst auf‘ s Neue seiner Natur und seinem aktuellen Wissensstand gemäß entscheiden.

     

     

  • Avatar
    heike
    Antworten
    Ich möchte ein Lebenszeichen von mir geben und Imago für sein Gesprächsangebot sehr herzlich danken und mich gleichzeitig für meine brüske Zurückweisung bei ihm entschuldigen. Ich wollte ihn damit nicht verletzen. Ich war auch sehr glücklich, dass er auf diesen Seiten mit mir ins Gespräch gekommen ist. Das hat mir sehr gut getan und mich gefreut. Ich hatte mir einen ähnlichen Dialog auch mit anderen Kommentatoren hier erhofft.

    Ebenso hat mir das telefonische  Gespräch mit Bettina sehr gut getan, die ähnliche Erfahrungen wie ich mit der „Humanität“ einiger Kommentatoren hier machen musste. Anderswo nennt man ein solches Verhalten Mobbing.

    Ich möchte mich an dieser Stelle bei all denen bedanken, die für mich da waren, für die Beiträge, die mein Herz berührt haben und verabschiede mich von euch.

     

     

    • Avatar
      Imago
      Antworten
      @ Heike: Ich empfand Deine Ablehnung gar nicht als brüsk (im Sinn von unhöflich oder gar unfreundlich) und war daher auch gar nicht verletzt. Jeder Mensch hat das Recht, ein Angebot auch abzulehnen und muß dafür – gerade auch in Streßsituationen – nicht unbedingt seine Gründe nennen oder sich für seine Ablehnung entschuldigen. Von meiner Seite her war und ist daher also alles okay. Es war schön, noch einmal von Dir zu hören und ich wünsche Dir nun alles Gute und viel Erfolg auf Deinem weiteren Lebensweg!
      • Avatar
        Piranha
        Antworten
        Das Autorenquartett Alexander Vier hat das Buch „Ich mobbe gern“  Die 10 ultimativen Strategien für mehr Lebensglück“ geschrieben.

        Neben anderen wird Dagobert Duck darin als Profimobber entlarvt: mit Mobbing macht das Leben mehr Spaß.

        Und nein! Bei Piranha leuchtet nie und niemals die Satirelampe.

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    Volker
    Antworten
    @Piranha, danke, hätte es fast vergessen: Ich muß noch einen neuen Wischmop kaufen, damit ich den Holzparkettboden meiner zukünftigen Luxuswohnung standesgemäß mobben kann, ohne aus der Hängematte zu plumpsen. ++glucks++

    Und Ja! Im kommenden Sommer werde ich auf meiner Edelterasse! faul herumliegen, satirischen Gedanken nachhängen und Stechmücken mobben, bevor ich abgrundgesichert  – zwei Beine in Richtung Ausgangstür – aus meiner Luxushängematte gemobbt werde.

    Und Nein! Mein Vermögen mopst die Staatskasse nicht. Kann sie nicht, wird sie nicht, habe eh nix zu verschenken, außer gepflegte Hängematte, Socken mit Löchern, Dosenpfand, Leistungsbescheide und, klar, einen Wischmop zwecks Pflege meines Existenzminimums.

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