Zur Psychologie des Helfens und des Widerstands

 In FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

Dient humane Hilfe nur dazu, als „Gutmensch“ dazustehen?

153. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Wer Helfende als „Gutmenschen“ verspottet, muss sich nicht mit der Frage auseinandersetzen, warum er selbst nicht hilft. Er bleibt zur Not anderer auf „cooler“ und vermeintlich überlegener Distanz. In diesem Artikel beschäftig sich Holdger Platta mit möglichen Einwänden gegen unsere Griechenland-Hilfsaktion. Ja, die gibt es, aber – um dies vorwegzuschicken – sie sind nicht besonders überzeugend. Auch der vermeintlich „sozialistische“ Vorwurf, karitative Hilfe würde den revolutionären Widerstand einschläfern und nur die Eskalation des Elends führe zur Befreiung, hält nämlich einer genaueren Überprüfung nicht stand.  Holdger Platta

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

auch heute zunächst einmal die neuesten Spendenzahlen vorweg:

In der Vorwoche – Ihr erinnert Euch vielleicht – waren 590,- Euro auf unserem Spendenkonto eingegangen, überwiesen von 10 SpenderInnen an uns. Während der letzten sieben Tage wurde dieser Spendenbetrag sogar übertroffen: 7 UnterstützerInnen unter Euch stellten uns 640,- Euro an neuen Spendengeldern zur Verfügung! Das ist für die Zweitwoche in einem Monat ein erstaunlich gutes Ergebnis, und ich danke allen HelferInnen sehr! Es zeigt – tja, wie oft durfte ich dieses schon schreiben! –, dass Eure Hilfsbereitschaft von enormer Beharrlichkeit ist, denn – nicht alle unter Euch werden es wissen: seit dem August 2015 betreiben wir unsere Spendenaktion bereits, und wir befinden uns mittlerweile im vierten Jahr dieser Spendenaktion. Vielleicht ein Anlass, mal den einen oder anderen Einwand aufzugreifen, auf den unsere Spendenaktion hin und wieder stößt? – Nun, ich versuche es heute einmal!

Wenn mein Eindruck nicht täuscht, sind es im Kern vor allem drei Verdachtsfantasien, denen Hilfsaktionen wie die unsere ausgesetzt sind bzw. ausgesetzt sein können. Um es gleich zu Beginn festzustellen: alle drei Verdachtsfantasien halte ich für legitim! Sie sollten – immer wieder erneut – Anstoß für uns OrganisatorInnen sein, uns mit diesen Befürchtungen oder mit dieser Kritik von Skeptikern solcher Hilfsaktionen auseinanderzusetzen.

Die allererste, die grundlegende, Verdachtsfantasie kreist um die Sorge, dass all unsere Hilfsaktionen (oder zumindest ein Teil von ihnen) nur vorgetäuscht sind und/oder Hilfsgelder dazu missbraucht werden – partiell jedenfalls –, um uns Helfern selber die Taschen zu füllen. Heißt: bestenfalls ein Teil der Spendengelder käme bei den Hilfsbedürftigen an, ein mehr oder minder großer Betrag der gespendeten Gelder verbliebe hingegen bei uns.

Nun, um es vorwegzunehmen: sieht man von einer hochunerfreulichen Anfangsepisode ab – da hatten wir noch gar nicht loslegen können mit unserer Hilfstätigkeit! –, hat es diesen Verdacht uns gegenüber nie gegeben, zumindest ist er niemals geäußert worden gegen uns. Was ein enorm großes Vertrauen uns gegenüber signalisiert – vielfach übrigens auch mitgeteilt auf den Überweisungen oder in Mails und Briefen an uns. Selbstverständlich hat uns das mit sehr, sehr großer Dankbarkeit erfüllt. Und selbstverständlich – was Wunder, dass ich dieses nun äußere! – war dieses Vertrauen auch einschränkungslos gerechtfertigt, was unseren Umgang mit den Spendengeldern betrifft. Gleichwohl füge ich hinzu (und der eine oder die andere erinnert sich womöglich daran, dass ich darüber schon einmal vor längerer Zeit berichtet habe):

Der Trägerverein dieser Hilfsaktion, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“, unterliegt – wie jeder andere gemeinnützige Verein – der Kontrolle des zuständigen Finanzamtes am Wohnsitz des Vereins. In unserem Fall ist das Göttingen, und im vergangenen Jahr 2018 hat es auch in unserem Fall diese Überprüfung all unserer Finanzen – inklusive unserer Hilfsaktion für die Menschen in Griechenland – durch das Göttinger Finanzamt gegeben, rückwirkend bis Beginn der Spendenaktion im Sommer 2015. Resultat: es gab keinerlei Beanstandungen für die überprüften Jahre 2015 bis 2017 (was die Jahre 2018 bis 2020 angeht, steht die nächste Überprüfung allerspätestens 2021 an). Doch ich füge noch zwei weitere Informationen zu diesem Themenkomplex hinzu:

Zusätzlich zu dieser Finanzamtsüberprüfung hatten wir das erste (knappe) Halbjahr 2015 unserer Spendenaktion auch durch einen Göttinger Notar überprüfen lassen. Anfang 2016 war das und veranlasst unter anderem in Reaktion auf die kurz erwähnte Anfangsepisode, in der ich mit telefonischen Verdächtigungen einer Person überhäuft worden war, mir und allen anderen Mitakteuren völlig unbekannt, von auswärts zudem, und zwar mit der Unterstellung, wir „Helfer“ wollten uns mit dieser Aktion lediglich selber Geldbeträge erschwindeln. Nun, die betreffende Person – rhetorisch durchaus „gut zu Fuß“ und „bei Sinnen“, keineswegs also irgendein irgendwie „spinnerter“ Mitmensch – hat sich danach nie wieder bei mir gemeldet und auch bei keinem anderen von uns. Doch abschließend zu diesem Themenkomplex „Zweckentfremdung von Spendengeldern“ noch ein weiterer Hinweis (auch diese Tatsache vielleicht für die eine oder den anderen unter Euch neu):

Über die – obligaten, alle drei Jahr stattfindenden – Überprüfungen von gemeinnützigen Vereinen durch die zuständigen Finanzämter hinaus kann es jederzeit auch ganz kurzfristig anberaumte „Betriebsprüfungen“ durch die zuständigen Finanzämter geben. Was bedeutet: wir gemeinnützig tätigen Vereine tun gut daran, auch ganz kontinuierlich für lückenlose Überprüfbarkeit unseres Finanzgebarens zu sorgen. Und wir von der IHW tun dies selbstverständlich auch – präziser gesagt: seit einem knappen Jahr tut dies unser neuer Kassenwart Henry Royeck, dessen Namen Ihr jedesmal am Ende meiner Hilfsberichte lesen könnt.

Das also zum Thema einer sachlich und rechtlich korrekten „Spendenverwaltung“ ganz grundlegend und ganz generell. Aber es gibt noch eine ganz andere Art von Verdachtsfantasien, die Hilfsaktionen wie die unsere auf sich zu ziehen vermögen, und mit dieser Art von Verdächtigungen sind wir durchaus schon einige Male konfrontiert worden, auch hier, im Kommentarteil von HdS. Diese Verdachtsfantasien kreisen um einen Vorstellungskomplex, den ich mal – mit einem eigenen Wort – als „Gutmenschen-Narzißmus“ bezeichnen will. Was ist darunter zu verstehen? Und wie sieht es in dieser Hinsicht mit uns Akteuren der Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ aus?

Nun, gemeint mit diesen Vorwürfen ist vor allem zweierlei: wir Aktiven dieser Spendenhilfe bildeten uns sonst was auf unsere Hilfsaktionen ein – dieses ganz subjektiv –, und wir überschätzten maßlos die Größe und/oder Wirksamkeit unserer Hilfsaktionen – dieses die angeblich objektive Fehleinschätzung der eigenen Tätigkeit. Tja, gibt‘s in dieser Hinsicht eine Trefferquote bei uns?

Voilà, ich denke, was Letzteres betrifft – wir überschätzten das objektive Ausmaß unserer Hilfsarbeit –, so legen hoffentlich meine eigenen Berichte Zeugnis dafür ab, dass es sich nicht so verhält, und zwar von Anfang an nicht! Wieder und wieder – fast möchte ich sagen: in jedem dritten oder vierten Bericht – spreche ich die quälende Begrenztheit unserer Hilfsbemühungen an. Nahezu in jedem Bericht teile ich Euch jeweils neueste Informationen zum Riesenausmaß der humanen und sozialen, der ökonomischen und finanziellen Probleme mit, unter denen Griechenland und die GriechInnen seit nunmehr einem ganzen Jahrzehnt zu leiden haben.

Wer, wenn nicht Evelyn und Tassos Chatzatoglou sowie Uschi und Kalle Apel bekamen und bekommen das furchtbare Ausmaß des Elends in Griechenland mit, in konkreter Begegnung mit konkreten Menschen in konkreter Not. Wo, wenn nicht in unseren Berichten ist mit konsequentester Akribie über die Lebensnot von Menschen ganz unten in Griechenland berichtet worden und wird nahezu in jedem Bericht weiter berichtet? Nicht zuletzt auch für mich bedeutet dies: jedesmal, wenn ich über das Unmaß der Nöte in Griechenland schreiben muss, schreibe ich auch, mit unausweichlicher Notwendigkeit, über das bescheidene Ausmaß unserer Hilfsmöglichkeiten, das wir diesen Problemen entgegenzusetzen vermögen. Und damit bin ich auch beim anderen Aspekt dieser Vorwürfe, die um die Verdachtsfantasie „Gutmenschen-Narzißmus“ angesiedelt sind:

Nein, niemand von uns hat inzwischen abgehoben und schwebt im Himmelreich seiner selbst! Niemand von uns ist geistig, seelisch oder ganz real damit beschäftigt, sich selber auf die Schulter zu klopfen oder Bestzeugnisse auszustellen in puncto Mitmenschlichkeit! Es tut gut, Gutes zu tun, wohl wahr! Und wir sind tatsächlich überzeugt, in allerkleinstem Maßstab Gutes zu tun, auch dieses trifft zu! Aber dieses „Narzißmus“ zu nennen, käme der Tatsache gleich, Menschen vorzuwerfen, in Übereinstimmung mit sich selber, mit ihren eigenen ethischen Grundüberzeugungen, leben zu wollen. Dies zu dem einen Punkt. Und was dieses – reaktionäre! – „Gutmenschen“-Gequassel angeht:

Was, bitteschön, wäre die gute, die nichtnarzißtische Gegenposition dazu? – Bewußt und mit Absicht auf „Schlechtmensch“ zu machen? Weder Sympathie noch Empathie walten zu lassen in seinen Beziehungen zu anderen Menschen? Auf Egoismus zu setzen statt auf Solidarität? Den Mitmenschen den Krieg zu erklären statt helfen zu wollen und beizutragen zum Frieden auf dieser Welt? Ich jedenfalls habe bislang noch keine Textstelle lesen können oder Äußerung hören müssen, wo die Vorwurfs-Vokabel „Gutmensch“ nicht zurückverwiesen hätte auf „Ideale“ der menschlichen Kälte oder Gleichgültigkeit und letztlich der Antimenschlichkeit! Traurig, dass Menschen glauben, zu diesen „Idealen“ Zuflucht nehmen zu müssen. Vermutlich prügeln vor allem Selber-Geprügelte damit auf andere Mitmenschen ein! Was abstoßend wirkt und abstoßend ist, dieses Anti-„Gutmenschen“-Gefasel, das zeigt, dass diese Menschen im Menschlichen nicht mal bei sich selber zuhause sind.

Ich bin damit bei der dritten Verdachtsfantasie angelangt, der Hilfsaktionen wie unsere immer mal wieder ausgesetzt sind. Vermutlich handelt es sich um das „politischste“, um das – auf den ersten Blick jedenfalls – „rationalste“ Bedenken, das man Hilfsversuchen wie dem unseren entgegenbringen kann: wir würden damit das tatsächliche Elend verschleiern helfen, womöglich auch die Ursachen dafür, und wir würden per Menschenhilfe Menschen erlahmen lassen in ihrem Kampf gegen das Unrecht. Widerstandspotential würde gleichsam durch Hilfe narkotisiert. Nur der Mensch in wirklicher und furchtbarster Not sei imstande und willens dazu, aufzubegehren gegen Unterdrückung und Not. Hier spuken zum Teil noch alte „Verelendungstheorien“ herum, zum Teil auch missverstandene – die eines Lenin zum Beispiel.

Nun, dass unsere kleinen Hilfsaktionen dazu beitragen würden, den Blick auf die Gründe des Elends zu verstellen, darf ich vielleicht als widerlegt bezeichnen aus Gründen, die ich vorher schon anzusprechen versuchte. Nirgendwo sonst, soweit ich weiß, sind die Ursachen der Not in Griechenland derart oft und gründlich angesprochen worden wie hier auf HdS im direkten Zusammenhang mit unserer Hilfsaktion! Da mag vieles unzureichend geblieben sein. Doch dass wir aufgrund unserer Hilfsbemühungen und der Berichte darüber uns ausgeschwiegen hätten über die Ursachen des Elends in Griechenland, das wird wohl nur einer behaupten können, der diese Berichte nicht wirklich gelesen hat! Wie gesagt: Unvollkommenheiten mag man meinen Texten über Griechenland wieder und wieder vorwerfen können, ein Verschweigen nicht.

Und was das andere betrifft, die These nämlich, Hilfe würde Menschen einschläfern statt gleichsam fit zu machen für den Aufstand gegen ein ausbeuterisches und/oder unterdrückerisches System: den Vertretern dieser These würde ich erst einmal empfehlen, sich kundig zu machen, was die „Apathie“-Forschung der Psychologen, Soziologen und Politologen zu dieser Thematik zutage gefördert hat, nämlich das genaue Gegenteil!

Verarmung, Verelendung und Not machen aus Menschen keine Revolutionäre, sondern lassen die meisten von ihnen absacken in Depressionen, völlige Mutlosigkeit und Apathie. Wer den Menschen materiell zerstört, der zerstört auch seine seelisch-geistige Widerstandskraft. Das ist der tatsächlich existierende Kausalzusammenhang. Und man sehe sich doch einmal – über alle Kontinente hinweg – in der Welt der Revolutionäre um: die materiell am Boden Zerstörten findet man unter ihnen nicht! Oder soll ich jetzt die Biografien der Marx und Engels herunterbeten, der Luxemburgs und Lenins, der Castros und Guevaras? Wer Menschen hilft, wie wir es tun – in sehr bescheidenem Ausmaß, ich betone es nochmal! –, leistet keinen Beitrag zur Widerstandslosigkeit dieser Menschen, sondern ganz im Gegenteil, er leistet einen Beitrag dazu, dass sie wieder zu Kräften kommen, ein wenig jedenfalls, und aus diesem Wiederwachen der Kräfte heraus vielleicht auch wieder Kraft gewinnen, sich endlich wieder einzumischen in den politischen Kampf. Psychisch aufstehen kann nur, wer auch physisch nicht mehr am Boden liegt. Alles andere ist missverstandene Revolutionstheorie, vor allem aber – missverstandene Menschlichkeit!

Und damit wieder zu meiner Bitte um Unterstützung unserer Spendenaktion.

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“ auf das Konto:

Inhaber: IHW
IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“, ist immer wieder erneut auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „IHW“ versehen. Wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets

Euer Holdger Platta

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