Zwischen „Terrorismusnähe“ und „Drogengeschäften“: Wahlkampfgezeter in Griechenland

 In FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

167. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Gedanken zu einem guten Spendenergebnis, Mitteilungen über die Erlebnisse von Uschi und Kalle in einem griechischen Krankenhaus und Informationen zu den Abstrusitäten des Kampfs um Wählerstimmen in Griechenland.  Holdger Platta

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

tatsächlich: ich kann für die letzte Woche ein hocherfreuliches Spendenergebnis vermelden! Insgesamt 460,- Euro gingen auf unser Konto für die GriechInnenhilfe ein, davon 80,- Euro nochmals als Spende für die Organisationskosten, die uns bei der Durchführung unserer Hilfsaktionen entstehen. Nochmal sei angemerkt: Ausgaben, die unvermeidbar entstehen, für Fahrtkosten etwa. Dieser hohe Spendenbetrag um die Monatsmitte ist um so erstaunlicher, als es lediglich 3 Spenderinnen waren – jawohl: ausschließlich Spenderinnen! –, die für dieses sehr gute Ergebnis sorgten. Wobei mir ausdrücklich „untersagt“ worden ist, hier Namen zu nennen.

Es ist wirklich nicht dahergeredet, wenn ich dazu bemerken möchte, dass mich diese Treue zu unserer Hilfsaktion sehr bewegt! Und unser Dank – der Dank des gesamten Organisationsteams – von ganzem Herzen kommt! Diese Beharrlichkeit ist keinesfalls selbstverständlich, wenn man auf die Dauer unserer Hilfsbemühungen blickt sowie auf die relativ eng begrenzten Möglichkeiten, mit deren Hilfe wir für unsere Unterstützungsaktionen in Griechenland zu werben vermögen. Eigentlich ja fast nur auf HdS – sieht man einmal von unserer Facebook-Seite ab (anzuklicken unter „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“), und dieses seit dem Juli 2015. Heißt:

In zwei Monaten blicken wir auf 4 Jahre Hilfstätigkeit für die bedürftigen Menschen in Griechenland zurück! Sage also keiner, dass nicht auch einige wenige Menschen – mit Euch, den SpenderInnen! – beitragen können dazu, dass es auf diesem Kontinent etwas menschlicher zugeht – etwas! –, was Beistand für Menschen in Not betrifft! Für mich jedenfalls ist das ein Beleg für die Tatsache, dass wir alle nicht resignieren müssen, wenn es um die Humanisierung der Verhältnisse auf diesem Erdball geht. Und ausdrücklich schließe ich in diese Feststellung auch die zahlreichen anderen Hilfsorganisationen mit ein, egal, in welcher „Sache“ und in welcher Weltregion diese anderen Organisationen tätig sind. Anlass für ein Versinken in Mutlosigkeit besteht also nicht – selbst wenn die „große“ Politik – gleichviel, in welchem Land – immer wieder Anlässe für ein solches Verzagen zu geben scheint. Es liegt an uns, dem nicht einfach nur zuzuschauen, es liegt an uns, dieser „großen“ Politik unseren Widerstand entgegenzusetzen, nicht mit Worten nur, sondern auch mit dem, was wir tun! Möge es daher so weitergehen! Und bleiben wir – um aus einem Gedicht des verstorbenen Lyrikers Peter Rühmkorf zu zitieren – „erschütterbar und widerstehen“!

Nachtragen möchte ich heute noch ein paar weitere Informationen zu Uschi, unserer „Außenhelferin“ und Griechenland-Reisenden aus Rosche bei Uelzen, die mit Kalle, ihrem Ehemann, von Anfang an mit dabei ist bei unserer Hilfsaktion – neben unserem zweiten „Außenteam“ Evi und Tassos Chatzatoglou. Was Uschi, nach ihrem schweren Unfall in der Südpeloponnes, widerfahren ist, im Krankenhaus Sparti, zeigt, wie verheerend nach wie vor die Verhältnisse im griechischen Krankenversorgungssystem sind. Kalle hat mir darüber ausführlicher berichtet.

Am Samstag, den 4. Mai, zog Uschi sich ihren schweren Unfall zu, einen Oberschenkelbruch. Doch als Kalle sie mit Freunden und griechischen Nachbarn ins 100 km weit entfernte Krankenhaus von Sparti brachte, wurden sie dort mit Zuständen konfrontiert, die sie auf ärztliche Hilfe dort verzichten ließen. Eine ganze Woche hätte Uschi vermutlich auf ihre Operation warten müssen, in den überfüllten Patientenzimmern herrschte Infektionsgefahr, da blieb kein anderer Ausweg, als sie lieber nach Deutschland bringen zu lassen – in ihrem Fall mit dem Flieger von Athen nach Hamburg-Eppendorf –, wo sie inzwischen die Operation gut überstanden hat und auf dem Weg der Besserung ist. Bevor dieses aber möglich war, mussten in Griechenland auch noch bürokratische Hürden genommen werden, Entlassungspapiere besorgt werden für den Transport nach Deutschland und und und.

Zum Glück hatten Uschi und Kalle für solche Notfälle eine zusätzliche Reiseversicherung abgeschlossen. Sonst wäre alles noch schwieriger gewesen. Doch für die griechischen PatientInnen in Sparti (und anderswo!) existieren solche Auswege und Hilfsmöglichkeiten in aller Regel ja nicht. Uschi und Kalle haben also buchstäblich am eigenen Leibe erlebt, was es in Griechenland derzeit bedeutet, auf ärztliche Hilfe dringendst angewiesen zu sein: Konfrontation eher mit Chaos als mit Hilfe, Konfrontation eher mit einem selber „erkrankten“ Gesundheitssystem als mit funktionierender, mit menschenwürdiger und professioneller, Patientenversorgung im Krankheitsfall! Dass wir – gerade mit Hilfe von Uschi und Kalle! – einen Teil unserer Spendengelder aufwenden zur Beseitigung von dramatischen Engpässen im griechischen Gesundheitssystem – in der Kreisarztpraxis von Kyparissi und im Kreiskrankenhaus Neapolis –, diese Erforderlichkeit wurde nun ausgerechnet auch unseren darauf spezialisierten HelferInnen Uschi und Kalle vor Augen geführt!

Nun, die beiden bedurften dieser Belehrung wahrlich nicht. Sie waren schon vorher zur Genüge informiert darüber, wie es in griechischen Krankenhäusern zugeht. Doch nun waren sie selber, die Helfer, zu Opfern jener Verhältnisse geworden, gegen die wir in Griechenland anzukämpfen bemüht sind, seit Beginn unserer Hilfsaktionen. Es versteht sich von selbst, dass wir weiterhin tätig bleiben werden an dieser Front. Und wer sich an der militaristischen Metaphorik stört, an dieser Kriegs-Vokabel „Front“: jawohl, es ist eine „Front“, und es ist ein „Kampf“, der – auch – an dieser Front zu führen ist!

Abschließend noch ein paar Informationen zur politischen „Großwetterlage“ in Griechenland.

Zunächst: Premierminister Alexis Tsipras hat die Vertrauensfrage, die er am Freitag, den 10. Mai, dem griechischen Parlament gestellt hatte, für sich entscheiden können. 153 Abgeordnete stimmten für ihn – 151 waren erforderlich –, darunter, natürlich, die 145 Stimmen der eigenen, der SYRIZA-Fraktion; weitere 8 Stimmen kamen von unabhängigen Abgeordneten, die als Mitglieder der ANEL vorher zum Regierungsbündnis gezählt hatten oder der Kleinpartei „Zentrumsunion“ angehörten.

Außerdem legte die SYRIZA bei den neuesten Umfragen zu – vermutet wird: wegen der zahlreichen Wahlgeschenke (über die ich bereits in der letzten Woche ausführlicher berichtet hatte). Das Institut „Vox Pop Analysis“ sieht SYRIZA und Nea Dimokratia mittlerweile fast gleichauf, lediglich mit 2,5 Prozentpunkten liegen demzufolge die Konservativen derzeit noch vor der SYRIZA. Unentschlossen sind nach wie vor – je nach Umfrageergebnis – 10 bis 20 Prozent aller Wahlberechtigten in Griechenland. Nicht auszuschließen mithin, dass am kommenden Sonntag, den 26. Mai, bei den Europa- und Kommunalwahlen in Griechenland die Tsipras-Partei das Rennen machen wird!

Beim derzeit tobenden Wahlkampf in Griechenland schenken sich dabei die beiden Hauptgegner – die „Radikale Linke“ und die „Neue Demokratie“ – nichts: Kyriakos Mitsotakis wirft der SYRIZA vor, aus „Lügnern“ und „Heuchlern“ zu bestehen, mit Terroristen zu sympathisieren und vom „venezolanischen Diktator“ Maduro finanziert zu werden; Alexis Tsipras kontert mit den Vorwürfen, dass die Mitsotakis-Partei von Drogenhändlern unterstützt werde und aus „korrupten“ Leuten bestehe. Nach Einschätzung der „Griechenland Zeitung“ (GZ) gefällt dieses aber der Mehrheit der griechischen Wähler nicht, abzulesen zum Beispiel daran, dass es längst nicht mehr auf dem Syntagma-Platz in Athen Wahlversammlungen von mehr als 200.000 Menschen gibt, wie früher einmal – wenn heute 50.000 Zuschauer kommen, ist das schon viel –, abzulesen aber auch daran, dass die Einschaltquoten sinken, wenn im griechischen Fernsehen Politik-Debatten übertragen werden. Nun, in einer Woche werden wir alle schlauer sein. Fakt jedenfalls ist:

Die Aufgeregtheiten der Spitzenpolitiker gehen wohl über die Köpfe der meisten Griechinnen und Griechen hinweg. Deren Sorgen sind nicht identisch mit den Sorgen des politischen Spitzenpersonals. Wie ja selbst mein eigener heutiger Bericht ganz an Anfang gezeigt hat: was, bitteschön, sollen überfüllte Krankenhäuser mit dramatischem Ärztemangel zu tun haben mit „Terroristen“ und einem umstrittenen Maduro im fernen Südamerika, was mit griechischem Drogenhandel und mit Korruption (wobei ich hier weder das eine noch das andere für inexistent erklären will, aus bundesdeutscher Ferne schon gar nicht). Auffällig jedenfalls ist: von den eigentlichen Problemen im Land, von Verelendung und Armut und Notständen vielfältigster Art, von Austeritäts-Gehorsam und Links-Schwenks in letzter Minute, scheint weniger bei dieser Art von Wahlkämpfen die Rede zu sein. Vor lauter Beleidigungen des politischen Gegners vergisst man ein weiteres Mal die Ärmsten der Armen in diesem Land. Und vielleicht ist ja dieses der Grund dafür, dass es wenige Tage vor den Wahlen in Griechenland immer noch so viele unentschiedene Wähler gibt. Aber wie gesagt: in einer Woche wissen wir mehr!

Womit ich wieder einmal bei meiner abschließenden Bitte um Spenden zugunsten unserer Hilfsaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ bin:

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“ auf das Konto:

Inhaber: IHW

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer, wie gesagt, noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“, ist immer wieder erneut auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „IHW“ versehen. Es sei wiederholt: wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets

Euer Holdger Platta

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