50 – was, jetzt schon?

 In FEATURED, Gesundheit/Psyche, Roland Rottenfußer

Wer am Spätnachmittag des Lebens angelangt ist, darf Bilanz ziehen – zum Aufgeben allerdings ist es noch zu früh. „Manchmal, wenn ich Pläne mein Leben mache, erschrecke ich bei dem Gedanken, dass das bisschen Restleben zu kurz sein könnte für die lange Liste meiner Vorhaben. Der Tod, diese unbegreiflich, so ferne und so abstrakte Macht, die meine Großeltern und meinen Vater abberufen hat und inzwischen auch meiner Mutter bedrohlich nahe gekommen ist – dieser Tod soll mir nun deutlich näher sein als die Geburt!? Das ist gruselig. Ich ertappe mich dabei, dass ich mich verstärkt mit Reinkarnation beschäftige – die wohl einzige Chance, die jemand wie ich hat, um jemals wieder jung zu sein. Sicher, das ist nicht das Ende, nicht einmal der Anfang vom Ende, aber es ist definitiv das Ende vom Anfang.“  Roland Rottenfußer

„Ich bin für alles zu spät dran gewesen“, beschwert sich Ananda (51). Der freakig und unkonventionell wirkende Mann, der sogar an seinem Arbeitsplatz in einem Kleinverlag mit nacktem Oberkörper und selbst gebastelter Halskette herumläuft und gelegentlich gern „eine raucht“, ist gemessen an seine Wesensart biologisch schlicht zu jung: Er kam zu spät, um den politischen Aufbruch der 68er-Bewegung noch mitzubekommen, zu spät, um „Poona 1“ und seinen Meister Osho noch persönlich kennen gelernt zu haben. Zu spät für eine große Karriere ist es für Ananda natürlich auch. In vielen Jobs wird er „in dem Alter“ nicht mehr genommen. Aber das macht ihm nichts aus, er wollte in diesem System sowieso nie Karriere machen. Sagt er.

Manche 50-jährige strahlen wie Ananda eine nostalgische Sehnsucht nach einer Zeit aus, die sie selbst nie miterlebt haben. Sie würden den Funken der 68er-Revolte gern weiter tragen, aber sie fühlen sich dabei nicht mehr vom Spirit einer ganzen Generation getragen. Ihr revolutionärer Impuls ist schon angekränkelt von der Melancholie des Scheiterns, von der postmodernen Kunst des Ironisierens und Relativierens. Für einen 50-jährigen ist Politik nur mehr eines von vielen Themen. Deshalb verzettelt er sich gern angesichts der überwältigenden Vielfalt des Möglichen, so dass er am Ende nichts richtig und nichts mit ganzer Kraft macht.

So wie wir 50 bis 60-jährige für vieles zu spät dran sind, kamen wir für anderes zu früh. Die 70-jährigen konnten den Anforderungen der Computertechnologie noch rechtzeitig in die Frührente entfliehen, die 20-jährigen bekommen Computerkenntnisse im Vorschulkindergarten vermittelt. Bei uns setzt man diese Kenntnisse als selbstverständlich voraus, ohne dass wir sie je fundiert erlernen konnten. Wir sind zu alt, um uns nicht nach den schönen, breitflächigen LP-Covers zurückzusehnen – und wir sind zu jung, um den Segnungen des iPods und der Streaming-Dienste entrinnen zu können.

Wenn du 40 bist, erlebst du so etwas wie die Halbzeit deiner persönlichen Evolution, die Halbzeit des Vergreisungsprozesses. Mit 50 geht es dann schon in Richtung Lebensabend – zumindest Lebens-Spätnachmittag. Reinhard Mey schrieb in seinem Lied „50 – was, jetzt schon?“: „Selbst der größte Opimist weiß, dass das nicht die Halbzeit ist“. Aber wenn Du Glück hast, hast Du ungefähr noch die Hälfte der Zeit vor Dir, in der Du geistig-charakterlich voll entwickelt bist. Körperlich geht es eh abwärts. Für deinen Radiosender beginnt die Musikgeschichte irgendwann in den 80er Jahren, so als ob es, als du jung warst, keine Musik gegeben hätte. Neumodisches, steriles Zeug wie Duran Duran oder George Michael geht als „Rockklassiker“ durch. Hollywood-Schauspielerinnen, die dir gefallen, könnten deine Töchter sein, und junge Frauen dieser Altersgruppe würden dich höchstens dann noch anschauen, wenn sie unter einer pathologischen Vater-Übertragung leiden. Du wirst alt, wenn du beginnst, über Greisen-Trost-Parolen wie „Für immer jung“ von Ambros und Heller gerührt zu sein. Du wirst alt, wenn du beginnst, dein Alter zu ironisieren und dabei verstohlen auf ein Feedback hoffst, das dir bescheinigt, dass du noch recht jung aussiehst. Die Betonung liegt hier auf „noch“.

Das bekannteste Gedicht zum Thema „Hälfte des Lebens“ stammt von Friedrich Hölderlin und läutet die zweite Lebenshälfte bezeichnenderweise mit den Worten „Weh mir!“ ein. „Weh mir, wo nehm’ ich, wenn es Winter ist, die Blumen, und wo den Sonnenschein und Schatten der Erde?“ Es klingt, als ob das schöne, saftige Leben jenseits dieser Schwelle für immer vorbei wäre. Schon mit ca. 40, wohl gemerkt! Nur unverbesserliche Positivdenker suggerieren sich fast krampfhaft, dass das Glas „halb voll“ sei, nicht „halb leer“.

Manchmal, wenn ich Pläne mein Leben mache, erschrecke ich bei dem Gedanken, dass das bisschen Restleben zu kurz sein könnte für die lange Liste meiner Vorhaben. Der Tod, diese unbegreiflich, so ferne und so abstrakte Macht, die meine Großeltern und meinen Vater abberufen hat und inzwischen auch meiner Mutter bedrohlich nahe gekommen ist – dieser Tod soll mir nun deutlich näher sein als die Geburt!? Das ist gruselig. Ich ertappe mich dabei, dass ich mich verstärkt mit Reinkarnation beschäftige – die wohl einzige Chance, die jemand wie ich hat, um jemals wieder jung zu sein. Sicher, das ist nicht das Ende, nicht einmal der Anfang vom Ende, aber es ist definitiv das Ende vom Anfang.

Ein 50-jähriger gehört nirgendwo richtig hin. Es gibt Selbsterfahrungsgruppen, Interessensverbände und Minderheitenvertretungen für Frauen, Kinder, Jugendliche und Senioren, aber keine für Männer mittleren Alters. Von denen wird selbstverständlich erwartet, dass sie sich selber helfen. Dagegen darf er selbst nicht auf Schonung hoffen. Wenn im Nahen Osten Bomben auf eine Stadt abgeworfen werden, heißt es entsetzt, unter den Opfern seien auch Frauen, Kinder und ältere Menschen gewesen. Von Männern mittleren Alters ist nicht die Rede, so als sei es um die nicht schade und ihr Ableben nicht der Rede wert. Dabei sehe ich durchaus ein, dass man von uns etwas verlangen kann und muss, aber manchmal beschleicht mich die Angst, von den Anforderungen erdrückt zu werden. Als Hauptleistungsträger einer Gesellschaft und Stütze der Alterpyramide sind viele der heute 50-jährigen eine glatte Fehlbesetzung. Wir sind eben keine Generation der Pioniere, Trümmerfrauen und In-die-Hände-Spucker. Woher sollten wir das auch gelernt haben?

Der taffe Geld-Coach und Bestseller-Autor Bodo Schäfer schreibt über die unterschiedliche Prägung der Generationen. „Viele Männer, die das amerikanische Wirtschaftswunder mitbewirkt haben, hatten in ihrer Jugend die schwere Wirtschaftskrise durchlebt. Danach waren sie Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Sie hatten gelernt, mit Schwierigkeiten umzugehen.“ Die Generation der Baby-Boomer dagegen „ist ganz anders aufgewachsen. Sie haben keine Not erlebt. Ihre Eltern haben alle Schwierigkeiten von ihnen ferngehalten, denn sie wollten, dass ihre Kinder es besser haben. Als aber die Baby-Boomer die Firmen leiten sollten, da taten sie, was sie immer getan haben: Nämlich Problemen und Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Sie waren der Aufgabe nicht gewachsen.“ In Deutschland trat der Höhepunkt des Baby-Booms (die sog. geburtenstarken Jahrgänge) etwas später ein als in den USA: er betrifft vor allem die Jahrgänge zwischen 1960 und 1965.

Einige aus diesen Jahrgängen haben Väter, die noch im Krieg waren oder Mütter, die als Kinder aus den deutschen Ostgebieten fliehen mussten. Über dem „Energiefeld“ dieser Familien lastete noch lange der Schatten eines oft unaussprechlichen Grauens – Krieg, Unterdrückung, Hunger, Gefangenschaft, Lebensgefahr … Unsere Eltern, sofern sie den Krieg noch bewusst erlebt haben, waren im Gegensatz zu den Eltern der 68er eher Opfer ihrer Zeit als Täter. Die Seelenspuren ihres frühen Leidens bedrückten auch uns Nachgeborenen.

Gegen jemanden, der so Schweres erlebt hatte, durfte man als Kind einer komfortableren Zeit nicht guten Gewissens rebellieren – vor allem, wenn man seinen Lebensstandard den Lebensleistungen eben dieser Elterngeneration verdankte. Manche von uns haben das im Unbewussten der Väter und Mütter tief vergrabene Trauma stellvertretend für sie therapeutisch aufgearbeitet – und mussten sich dafür den Vorwurf übermäßiger Empfindsamkeit gefallen lassen. Der Boom der (auch spirituellen) Therapien in den 80er-Jahren war ein notwendiger Pendelausschlag, der die Verhärtungen einer großen Verdränger-Generation kompensierte.

Da wir gegen solche Eltern nicht rebellieren wollten, wohin dann mit unserem aggressiven Potenzial? Teilweise wendete es sich autoaggressiv gegen uns selbst – in Form analytischer Selbstzerstückelung. Von einer grüblerisch in sich selbst verhedderten Seelenlage zeugten auch viele Kultlieder unserer Jugend, wie z.B. dieses: „I know, it sounds absurd, but please tell me who I am!“ (aus „The Logical Song“, Supertramp). Überhaupt war der Fluchtweg in unsere Innenwelten mit trostreichem Liedgut gepflastert. Nichts mehr von „Power to the People“ oder „Working Class Hero“, die erfolgreichste Band unserer Jugend hieß ABBA, und die sangen – nicht untypisch –: „I have a dream, a fantasy to help me through reality“.

Unser Heldentum war ein Maul- und Gedankenheldentum. Statt konkreten politischen Botschaften grölten wir (auf Partys im Hobbykeller unserer Eltern): „We don’t need no education, we don’t need no thought-control“ (aus „The Wall“, Pink Floyd). Die „Mauer“, die uns umgab, war aber weniger eine von der Gesellschaft errichtete, es waren vielmehr jene Seelenkäfige, in die wir uns selbst eingeschlossen hatten. Unser Aufbegehren blieb unbestimmt, eher ein dumpfes Murren, das darauf abzielte, dass man uns mit lästigen Anforderungen und Einschränkungen bitte in Ruhe lassen möge.

So hingen wir denn zwischen allen Stühlen, nicht unzufrieden genug, um aufzubegehren und nicht zufrieden genug, um die gesellschaftliche Situation, wie sie sich uns bot, klaglos hinzunehmen. Wenn von „Besitzstandswahrern“ die Rede ist oder davon, dass in Deutschland zu viel geklagt wird, dann ist häufig unsere Generation gemeint. Unsere Tragik besteht darin, dass wir mit 30, 40 Jahren in eine wirtschaftliche und stimmungsmäßige Abwärtsbewegung hineingeraten sind. Sie peinigte unsere zarten Gemüter, weil wir die deutlich „heilere“ Welt der 70er Jahre, den Höhepunkt des Wachstums- und Demokratie-Optimismus, noch bewusst erlebt haben. Unser vorherrschendes Gefühl ist, dass man uns rauben will, was uns von Natur aus zusteht, eben weil wir es von Kindheit an gewöhnt sind: Wohlstand und ein stabiles Gesellschaftssystem.

Wir 50-jährigen fühlen uns „aus dem Paradies vertrieben“. Zugleich tragen wir schwer an einer unterschwelligen Scham, nie wirklich etwas erlitten, nie an wirklichen Herausforderungen gereift zu sein. Viele in meiner Generation betrachteten es als normal, sehr weich gebettet zu sein. Und da wir ohne eigenes Verdienst gleich ganz oben angefangen hatten, war die „Fallhöhe“ für uns umso größer. Als wir – ungefähr im Alter von 35 oder 40 – aufwachten, registrierten wir, dass unsere Zeit vorbei war, kaum dass sie richtig begonnen hatte. Der Arbeitsmarkt spie uns aus und sagte uns ins Gesicht, dass er die meisten von uns nicht brauchen konnte. Unser Handicap war nicht, dass wir in den Krieg ziehen mussten oder dass uns strenge Väter in Armut und Unterdrückung hielten. Unser einziges Handicap bestand darin, dass wir so verdammt viele waren. Wir teilten uns die Welt mit Heerscharen von Gleichaltrigen – das heißt nach der vorherrschenden Marktlogik auch: Heerscharen von Konkurrenten. Mit unserer Generation begann das Gefühl, überzählig, überflüssig zu sein.

Als ich 20 war, war es üblich, dass Ältere uns bei fast allen beruflichen Weichenstellungen entmutigten. Selbst bei ausreichendem Fleiß und entsprechender Begabung schien die Lage nach optimistischer Einschätzung schwierig, realistisch betrachtet aussichtslos. Wir hatten keine Chance, doch man drängte uns sie zu nutzen. Die Zukunft erschien wie ein drohendes schwarzes Loch, in das unsere schöne Jugend mit dem Vergehen der Zeit unwiederbringlich hinein gesogen würde. Viele von uns lernten auf diese Weise die Zukunft auszublenden und unsere „Jugend“ über Gebühr zu verlängern, schon aus Angst vor einer „Härte“ des Schicksals, auf die wir uns nichts hatte vorbereiten können.

„Waren andere Zeiten damals. Wir hatten alle noch Ideale. Wir wollten die Welt verändern“ – So lamentiert eine Gruppe von bürgerlich gewordenen Alt-68ern in einem Bühnensketch von Konstantin Wecker. Dieses karikaturhafte Generationenporträt hieß sinnigerweise „40-jährige unter sich“ und ist mittlerweile gut 30 Jahre alt. Wenn sich heute 50-jährige treffen, könnten sie nicht einmal auf eine glorreiche Vergangenheit als Ex-Idealisten zurück blicken. Viele in der Altersgruppe von Gerhard Schröder haben ihren hochfliegenden Idealismus verraten und die von ihnen selbst geweckten Erwartungen bitter enttäuscht. Unsere Generation hat niemanden enttäuscht – weil von Anfang an nicht sehr viel von uns zu erwarten war. Nach dem Abtreten der meisten 68er von der politischen Bühne (etwa der rot-grünen Regierung in Deutschland), hieß es in der Presse, nun seien die etwas Jüngeren dran, das Geschick unseres Planeten an führender Stelle mitzugestalten. Ich weiß nicht, ob das eine gute Nachricht ist. Was eigentlich haben wir dieser Welt zu geben?

In der Tatsache, dass wir keine so schillernde Vergangenheit haben, kann für mein Gefühl aber auch eine Chance liegen. Dies könnte ja auch bedeuten, dass bei uns – anders als bei „typischen“ 68ern – der Lebensschwerpunkt eben nicht in der ersten, sondern in der zweiten Hälfte liegt. Die Herausforderungen, die bereits die nahe Zukunft an uns stellen dürfte – etwa der zu erwartende Zusammenbruch des Weltwirtschaftssystems oder die zunehmend schlimme Klimakatastrophen – werden härter sein als alles, was wir in unseren persönlichen Biografien bisher erlebt haben. Wir, die Generation der überversorgten Grübler und Zauderer, werden im Strudel der Ereignisse über uns hinaus wachsen müssen – oder wir werden scheitern.

Vielleicht haben wir auch einfach noch einmal Lust auf Zukunft, Lust, unserem Leben doch noch ein wenig Gewicht zu geben und nicht als „unbedeutendste Generation der jüngeren Geschichte“ in die Annalen einzugehen. Wie wär’s mit einer „Generation der Spätberufenen“? Wir sind doch inzwischen zu alt, um unser Leben zu verträumen, aber noch viel zu jung, um aufzugeben.

Anzeige von 3 kommentaren
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    Hope
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    Ich muss zugeben. Ich bin ein Babyboomer der 60’er Generation und kein Fingernagelbabyboomer der heutigen Generation und ganz wichtig: Ich habe überlebt. Heutige Fingernagelbabyboomer würden mich wohl erstaunt fragen: Was hast du denn überlebt?

    https://www.youtube.com/watch?v=bTR-97Ze6dg

    Vor ein paar Wochen drehte ich mich zur Seite um einzuschlafen. Und da ging es los. Alles drehte sich immer schneller. Und ich dachte: Jetzt ist es so weit. Jetzt muss ich gehen. Später stellte sich heraus, mein Innenohr hatte Gleichgewichtsstörungen verursacht. Meine neue Hausärztin an meinem neuen Wohnort lies mich wissen: “ Sie sind jetzt 62. Das Leben ist eigentlich mit 50 Jahren schon vorbei. Sie müssen das Leben genießen so lange es noch geht.“ Und ich dachte: Klasse Hausärztin, Sie spricht wenigstens Klartext.

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    Bettina
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    Interessanter Beitrag, ehrlich, melancholisch. Die Melancholie gehört vermutlich zum Altern dazu. Sie hat ja auch was positives : die Reflektion seines Lebens.

    Auch ich gehöre zur „Baby Boom“ Zeit, bewusst wird es mir erst jetzt, beim Lesen.

    Vermutlich empfinden Frauen anders, als Männer. Frauen der Generation hatten, gegenüber den Männern den Vorteil der gesellschaftlich anerkannten Babypause. Ohne dieser, hätte mich das Altern vermutlich viel mehr beschäftigt, doch so war mein Leben rhythmisiert. Die Auszeit im Berufsleben und die ganz neuen Erfahrungen mit dem Glück meines Sohnes hat mir neue Perspektiven eröffnet und mich mit Glück erfüllt. Ein Jahr Unterbrechung, ein Jahr zum Einstieg in ein neues Leben, das war für mich der Beginn des Ausstiegs aus dem Leistungs-Mühlrad. Ein Kind fragt nicht nach Leistung, ein Kind bedarf der Liebe und Zuwendung.

    Ich hatte das Glück, mein Ex-Mann nicht. Er hat durchgearbeitet und sich nie die Chance einer Auszeit genommen.

    Heute ist das gesetzlich besser vorgesehen. Die Möglichkeit, dass sich Mann und Frau die Erziehungszeit teilen ist gegeben und wird auch praktiziert.

    Der Wiedereinstieg ins Berufsleben war für mich wieder etwas Neues. PC Fortbildungen waren für meinen Beruf unabdingbar geworden, doch damals gab es noch gute finanzielle Unterstützungen dafür vom Arbeitsamt.

    Mein Lebenslauf liest sich alles andere als geradlinig, doch für mein Leben waren die vielen Umwege wichtige Nahrung. So war die Schwelle zum 50 werden für mich eine Freude. Eine neue Etappe im Leben, dessen Ende im Geiste noch lange nicht in Sicht war.

    Vielleicht würde mich heute der Blick auf die sich nahenden 60 beunruhigen, wenn da nicht ein ganz gravierender Einschnitt in meinem Leben passiert wäre, der mich das tiefste Tal meines Lebenswegs durchschreiten ließ. Seinerzeit, mittendrin im Loch, hätte ich nie vom „Glück des Scheiterns“ gesprochen, doch heute, mit Abstand zurückgeblickt, kann ich es anders nicht bezeichnen.

    All die vielen Umwege, die belebende Auszeit, die Sackgassen, Tiefschläge und Neubeginn führen bei mir dazu, dass ich mich nicht alt fühle, wenngleich ich es, objektiv gesehen, bin. Nach einem mäandrierenden Leben durch Höhen und Tiefen und immer wieder Neubeginn freue ich mich auf das Altern und die Möglichkeit, dann vielleicht etwas mehr Ruhe in mein Leben zu bringen: die Schwünge langsam ausgleiten lassen.

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    The Road not taken

    Robert Frost

    https://youtu.be/KUaQgRiJukA

     

     

     

     

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    Ruth
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    „Mit 66sechzig Jahren, da fängt das Leben an“, so sang Udo Jürgens.

    Mein Leben begann nochmal mit fünfzig Jahren, sehr schmerzhaft, aber ich hab’s geschafft.

    Von vielen Menschen und Heim habe ich mich verabschiedet, bin einen schwierigen beruflichen Weg in die Kanzlei meines Mannes gegangen, habe mich örtlich umorientiert und neue Freundschaften geschlossen; ein langer Weg mit Niederschlägen.

    Jetzt, mit fast siebzig Jahren und viel Erfahrung kann ich sagen: „Ich bin eine Kämpferin und werde es hoffentlich auch bleiben!“

     

     

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