„Alles, was passiert, muss bekannt sein“

 In Buchtipp, Kultur, Politik (Ausland), Politik (Inland), Roland Rottenfußer
Skurrile Überwachungsanlage in Terry Gilliams Film "Brazil"

Skurrile Überwachungsanlage in Terry Gilliams Film „Brazil“

„Der Circle“ und die Privatisierung des Überwachungsstaats. Um den Titel eines „neuen George Orwell“ haben sich schon viele bemüht. Es liegt nahe im Zeitalter der NSA-Skandale und Überwachungskameras. Keiner kam dieser Nachfolgerschaft aber wohl so nahe wie Dave Eggers mit seinem Bestseller „Der Circle“. Eggers Geniestreich ist, dass er die globale Machtverschiebung weg von staatlichen Institutionen hin zu mächtigen internationalen Kommunikationskonzernen gedanklich auf die Spitze treibt. Die nächste und vielleicht endgültige Diktatur wird nicht in den Marschstiefeln des Militärs daher kommen, sie wird privat organisiert sein. Sie wird uns nicht aufgezwungen werden, sondern wir werden unseren Nacken freiwillig, gar begeistert beugen, damit man uns die Kette überstreifen kann. Sicherheit, Transparenz, ja Freundschaft werden die Lockmittel sein, mit denen wir uns den letzten Rest von Freiheit und Privatsphäre abkaufen lassen. Was heißt „werden“? – Wir stecken schon mitten drin in diesem dystopischen Alptraum. (Roland Rottenfußer)

Mae Holland ist eine glückliche Frau, denn sie hat ihren Traumjob im größten Kommunikationsunternehmen der Welt ergattert: dem „Circle“. Ein Konzernriese, der die Funktionen von Google, Facebook, Amazon, einem Smartphone- und einem Überwachungskamera-Hersteller (und noch einige andere) in sich vereinigt. Alle Kollegen dort sind irrsinnig hilfsbereit und nice, alle sind per Du und verbringen ihre Freizeit miteinander. Die Firma tut wirklich alles für die „ihren“, bietet Sportplätze, Restaurants, Übernachtungsquartiere und Privatkonzerte bekannter Popstars. Man fühlt sich als technische und gesellschaftliche Elite, die Avantgarde des Planeten. Nur am Anfang fremdelt Mae ein bisschen mit der fürsorglichen Belagerung durch ihre Kollegen und Vorgesetzten. Sie merkt: Der „Circle“ fordert nicht nur begrenzten Einsatz in begrenzter Arbeitszeit; er will dich ganz: deine Freizeit, deine Seele, deine letzten Geheimnisse.

Mae eckt anfangs ein bisschen bei ihren Aufpassern an, denn sie schwänzt diverse Circle-Parties und wagt es, das Wochenende bei ihren Eltern zu verbringen – oder einfach beim Kanu Fahren und Robben Beobachten an der Küste. Aber Mae ist ehrgeizig, und sie ist lernfähig. Bald hat sie den Dreh raus und steigt im „Partizipations-Ranking“ auf. Gemeint ist die Summe aller Kommunikationsvorgänge, an denen man teilhatte – in Relation zu allen anderen „Circlern“. Maes Tagesbilanz liest sich dann etwa so: „Ihr zweiter Bildschirm zeigte die Zahl von Nachrichten, die andere Mitarbeiter an dem Tag geschickt hatten, 1.192, und die Zahl der Nachrichten, die sie gelesen hatte, 239, und die Zahl, auf die sie reagiert hatte, 88. Er zeigte die Zahl von neuen Einladungen zu Circle-Events, 41, und die Zahl, auf die sie geantwortet hatte, 28. Er zeigte die Zahl der Besucher von Circle-Websites an dem Tag, 3,2 Milliarden, und die Zahl von Seitenaufrufen, 88,7 Milliarden, und die Zahl von Freunden in Maes Outer Circle, 762, und die der offenen Anfragen von denjenigen, die ihr Freund werden wollten, 27. Er zeigte die Zahl der Zinger, denen sie folgte, 10.343, die Zahl der Zinger, die ihr folgten, 18.198 ….“

Spätestens bei solchen Romanpassagen geht dem Leser auf, dass er sich mit seinen zahlreichen Aktivitäten als Mailender, Postender, Twitternder, Simsender, Surfender, Sharender, Votender oder Likender, als User, Viewer, Player, Blogger oder Follower, Als Newsletter-Bezieher und Unterschreiber von Aufrufen, als Clubmitglied, Friend, registrierter Kunde oder Downloader diverser Apps und Updates nur noch sehr unwesentlich von jenem (fiktiven) Kommunikationsgenie Mae Holland unterscheidet. So langweilig derartige Aufzählungen auf den ersten Blick wirken, der Roman ist auch ohne Gewaltszenen ungemein spannend und in seiner unterkühlten Art gruselig. Gerade durch seine Präzision im Detail arbeitet er wesentliche Merkmale des Homo Digitalis heraus:

Konformismus. Der Wahn, bei möglichst vielen anzukommen, bekannt zu sein, gemocht zu werden. Eine schon jämmerliche Scheu davor, allein zu sein, sich von seinen Mitmenschen zu unterscheiden oder von ihnen missbilligt zu werden. „Ich gefalle, also bin ich“. Im Grunde Feigheit als Kulturideal.

Feedback-Terror. Die Sucht, für alles, was man tut, von anderen bewertet zu werden. Kunden dürfen die Callcenter-Mitarbeiter beim „Circle“ auf einer Skala von 1 bis 100 bewerten. Sind es mal „nur“ 97 Punkte, fragt der Mitarbeiter nach, wie es denn zu dem Punktabzug kommen konnte. Es zeigt sich eine Kritikunverträglichkeit, der man nur durch Perfektionierung von Konformismus begegnen kann.

Ranking-Wahn. Der Versuch, alles in Zahlen auf einer Skala auszudrücken und alles mit allem zu vergleichen. Also die Übertragung des Wettbewerbsgedankens auf alle Lebensbereiche, einschließlich des Privatlebens. Satirisch wirkt eine Szene, in dem ein Liebhaber Maes sie nach dem Sex um ihr Ranking zwischen 1 und 100 bittet.

Multitasking-Overkill. Circle-Mitarbeiter müssen auf mehreren Bildschirmen gleichzeitig dutzende verschiedener Informationskanäle bedienen und Informationen verarbeiten. Um dies zu bewältigen, müssen sie in wachsender Geschwindigkeit zunehmend kurze und oberflächliche Informationseinheiten aussenden und verarbeiten.

Dies sind aber noch vergleichsweise harmlose Alltagsbeobachtungen, die dem Leser ein wissendes Lächeln aufs Gesicht zaubern könnten. Daneben werden im Roman viele brisante Themen unserer Zeit aufgegriffen. Etwa die Auflösung der Grenze zwischen Beruflichem und Privatem. Die Tatsache, dass zunehmend nicht mehr Staaten sondern Privatfirmen die treibende Kraft der Weltgeschichte sind. Oder die Zerstörung jeglichen Rechts auf Vergessen. Denn im „Circle“ gibt es keine Löschtaste. Alle Text- und Bildaufzeichnungen über einen Menschen sind buchstäblich unsterblich.

Eine der wirklich gefährlichen „satirischen“ Ideen im Roman ist das „SeeChange“-Programm, billige Mini-Kameras, die jede Privatperson an beliebiger Stelle heimlich anbringen kann. Die Bilder werden per Satellit auf den heimischen Computer oder das Smartphone übertragen. Diese Privatkameras kann man auch mit Vernetzungsfreunden „sharen“, diese also an dem aufgenommenen Videostream teilhaben lassen, so dass in einer vernetzten Welt zunehmend jeder jeden beobacht. Vorbild sind die heutigen Webcams, die etwa einen Strand beobachten, damit man aus der Ferne das Wetter dort erkunden kann.

Auch Menschenrechtsverletzungen müssen als Vorwand für dieses crowdgesourcte Totalüberwachungsprogramm herhalten. Der Regierungssoldat, der bei einer Demonstration eine wehrlose Frau misshandelt, „er sollte diese Kameras fürchten. Er sollte SeeChange fürchten“, sagt Firmenchef Bailey bei einer Präsentation. Damit ist eine wesentliche Funktion der grenzenlosen Transparenz benannt: Verhaltenssteuerung durch Angst. „Alles was passiert, muss bekannt sein“ ist das Mantra des Firmenpatrons. Dem sollen sich im Verlauf der Handlung weitere einprägsame Leitsätze beigesellen: „Geheimnisse sind Lügen.“ „Teilen ist Heilen.“ „Alles Private ist Diebstahl.“ Gemeint ist jedoch nicht Privateigentum, sondern die Anmaßung des Einzelnen, der Allgemeinheit seine Erlebnis und Erkenntnisse vorzuenthalten. Dies gilt in der Circle-Philosophie als Wissens- bzw. Erlebnisgeiz, gar als Signal für mangelndes Selbstbewusstsein, denn nur Loser können annehmen: „Was ich zu sage habe, tut nichts zur Sache“. Wer sich also nicht dem Vorwurf des Selbstwertmangels aussetzen will, muss jeden WC-Aufenthalt, jeder Frühstückssemmel, jede noch so flüchtige Gemütsregung mit Followern sharen. Eine wahrhaft verstörende Science fiction-Vision? Nun ja, eigentlich nur die jetzt schon gängige Realität unter Facebook-Usern.

Transparenz als Bringschuld des Einzelnen. Eine fundamentale Umwertung der Werte findet statt, deren Zeuge wir jetzt schon in der Realität sind: Nicht mehr das übergriffige Spanner- und Spitzeltum gilt als Verbrechen, sondern der Versuch, sich diesem zu entziehen, die Verweigerung von Partizipation und Transparenz. Das Recht des Einzelnen auf Schutz und Selbstentfaltung wird durch die Pflicht ersetzt, sich der Gemeinschaft als Objekt von Ausspähung und oberflächlicher Pflichtkameraderie zur Verfügung zu stellen. Dies ist im Grunde eher DDR-Mentalität als Demokratie und Humanismus, die kapitalistische Version kollektivistischer Verfolgungbetreuung. Mae bekommt das am eigenen Leib zu spüren, denn als sie einmal ausbüchst und sich ein Ruderboot „ausleiht“ (es also vorübergehend stiehlt), wird sie am nächsten Tag zu ihrem Chef zitiert. Mehrere Überwachungskameras haben die „Tat“ aufgezeichnet.

Faszinierend an Eggers Buch ist, dass es bis zu einem gewissen Grad vermag, uns zu der Ideologie der digitalen „Großen Brüder“ zu verführen. Firmenchef Bailey will dem Guten zum Durchbruch verhelfen – durch einen Zwang zum Guten, der die Freiheit, das Schlechte zu wählen, auschließt. „Wer würde noch etwas Unethisches oder Unmoralisches oder Illegales tun, wenn er beobachtet würde? (…) Wenn sein Überfall auf die Tankstelle von einem Dutzend Kameras gefilmt und gleichzeitig seine Netzhaut identifiziert würde? Wenn seine außerehelichen Affären auf vielerlei Weise dokumentiert würden?“ Und als Fazit: „Mae, wir wären endlich gezwungen, bessere Menschen zu sein. Und ich glaube, die Leute wären erleichtert.“ Die Passagen beleuchten noch weitere Merkmale der von Eggers gezeichneten „Schönen neuen Welt“.

Spießertum 2.0. Die „Circler“ halten keinerlei kritische Distanz zur Staatsmacht. Bad Guys gehören hinter Schloss und Riegel, und was man als Bürger tun kann, um ihnen das Handwerk zu legen, sollte man tun. Der Legitimität bestimmter Gesetzen wird ebenso wenig in Frage gestellt, wie die Ursachen nicht-konformen Verhaltens mitfühlend erwogen werden. Recht und Gerechtigkeit fallen in diesem Neo-Spießer-Weltbild zusammen. Ein gefährliche Spitzel- und Freizeitpolizisten-Mentalität schleicht sich bei der Community der Digital Natives ein. Technisch mit Siebenmeilenstiefeln voraneilend, schalten sie politisch eher auf Rückwärtsgang. Auch eine missionarische Ader im Sinne des religiösen Fundamentalismus haftet der Circle-Ideologie an. „Du und deine Leute beim Circle, ihr werdet alle Seelen retten. Ihr werdet sie alle sammeln, ihr werde sie alle das Gleiche lehren. Es wird eine einzige Moral geben, ein einziges Regelwerk.“ Das allsehende Auge Gottes, das seine Sünderlein sogar bis unter die Bettdecke verfolgt – es hat seine moderne säkulare Entsprechung in der globalen Community und ihren hoch entwickelten Überwachungs-Tools gefunden.

Die Zukunft beschreibt einer der wenigen „Systemgegner“ im Buch, Maes dicklicher Schuldfreund Mercer, treffend so: „Du und deinesgleichen werden bereitwillig und mit Freuden unter permanenter Überwachung leben, ihr werden euch ständig gegenseitig beobachten, euch gegenseitig kommentieren, voten und liken und disliken, Smiles und Frowns verteilen und ansonsten nicht viel anderes machen.“ Mercer wird sich später in einer dramatischen Szene mit seinem Auto von einer Brück stürzen, nachdem ihn die Viewer-Gemeinschaft mit auf Drohnen montierten Kameras verfolgt hat. Die Absicht bei der von Mae inszenierten digitalen Menschenjagd war jedoch eine „gute“: Technik-Muffel Mercer, der sich in die Wald-Einsamkeit zurückgezogen hatte, sollte mit Hilfe des Menschen-Suchprogramms „SoulSearch“ zur Gemeinschaft der Technik-Gläubigen zwangsbekehrt werden. Eine aggressive und vereinnahmende Form von Gemeinschaftsgeist zeigt sich da. „Gib endlich auf! Sei unser Freund!“ – das Facebook-Prinzip.

Mae erklärt sich schließlich bereit, an einem Programm freiwilliger Rundum-Überwachung teilzunehmen. Alles, was sie tagsüber tut, sieht und erlebt, wird im Livestream übertragen. Die Folge ist: Auch alle Menschen, denen sie begegnet, werden unfreiwillig Teil ihres „Films“. So etwa Maes Eltern, die vor Publikum beim Sex überrascht werden. Maes Videostream wird Kult, sie selbst zum Idol eines zu Tausenden partizipierenden Spanner-Publikums. Es zeigen sich gegen Ende des Buchs weitere Merkmale der „neuen Zeit“, die man ohne weiteres auch in unserer Realität beobachten kann.

Aufdringlichkeit und allumfassender Anspruch der digitalen Avantgarde. Mercer, der im Buch so etwas wie das mahnende Sprachrohr des Autors ist, sagt treffend: „Ihr wollt nicht bloß eure Daten, ihr brauch auch meine. Ohne seid ihr nicht vollständig. Das ist eine Krankheit“. Computer- und Kommunikationsspielzeug ist, wie heute schon feststellbar, nicht nur eines von vielen skurrilen Interessengebieten, denen man frönen, denen man sich aber auch entziehen kann. Die Vorantreiber derartiger Technologien versuchen diese den Uninteressierten aggressiv aufzuzwingen, sie für alle Menschen verbindlich zu machen und Verweigerer abzustrafen, indem sie diese von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausschließen. Jeder der sich dem Neuen anschließt, trägt als Innovations-Opportunist und unbezahlter Werbeträger der Innovations-Anbieter dazu bei, die noch Unabhängigen an den Rand zu drängen.

Das vollkommene Fehlen von Widerstand. Dazu Mercer: „Die Überwachung kann noch so sehr zunehmen, es interessiert keinen, es führt zu keinerlei Widerstand.“ In der Tat ist das auffälligste Phänomen an unserer Epoche nicht die Tatsache, dass eine kleine Clique technikverrückter und profitgeiler Bastler ein paar wahnwitzige Ideen ausbrütet. Was wirklich Angst macht, ist die Tatsache, dass dergleichen von der Mehrheit acht- und widerstandslos durchgewunken wird.

Dieses Phänomen wird besonders deutlich im abschließenden Gespräch Maes mit Ty, dem Gründer der Firma „The Circle“. Ty ist durch Erkenntnis zum vehementesten Gegner der neuen privaten Überwachungstechnologie geworden und würde die Geister, die er rief, nun am liebsten wieder los werden: „Mae, eine ganze Menge von den Sachen, die ich erfunden habe, hab ich ehrlich aus Spaß gemacht, aus einer spielerischen Neugier heraus, ob sie funktionieren würden oder nicht, ob Leute sie benutzen würden. Ich meine, es war, als würde man auf dem Marktplatz eine Guillotine aufstellen. Du rechnest doch nicht damit, dass zig Leute Schlange stehen, um den Kopf reinzulegen.“

Ein totaler Überwachungsstaat, das Ende jeder Privatsphäre – kann so etwas quasi aus einem spielerischen Impuls heraus entstehen – aus Versehen? An ein Versehen kann ich, was unsere realen Zustände betrifft, nicht glauben. Sicher ist aber: Wir müssen unsere Hälse schleunigst von der Guillotine nehmen – sonst rennen wir kopflos in unser eigenes Verderben!

Dave Eggers: Der Circle, Verlag Kiepenhauer & Witsch, 560 Seiten, € 22,99

Weitere empfehlenswerte dystopische Romane zum Thema „Überwachungsstaat“:

Thomas Sautner: Fremdes Land, Aufbau Taschenbuch Verlag, 256 Seiten, € 8,99

Marc Elsberg: Zero – Sie wissen, was du tust, Blanvalet Verlag, 480 Seiten, € 19,99

Andreas Eschbach: Black*out, Time*out, Hide*out (Trilogie), jeweils ca. 500 Seiten, € 12.99

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