Als der Kapitalismus angeblich noch gutmütig war

 in FEATURED, HdS-Klassiker, Politik, Wirtschaft

Vor einem guten Jahrzehnt: Oskar Negts merkwürdige Plaudereien über unsere Wirtschaftsordnung. Manchmal, so scheint es uns, sind Wiederveröffentlichungen älterer Beiträge auf unserer Website HdS erforderlich. Das könnte auch jetzt wieder geboten sein, wo in den Köpfen mancher Gegner der Maßnahmen gegen die sogenannte Corona-Pandemie Kritik am weltweit agierenden Kapitalismus überflüssig geworden ist. Tatsächlich? Bereits in meiner Auseinandersetzung im Juni 2010 mit Aussagen des renommierten Kapitalismus-Kritikers Oskar Negt, des „linken“ oder auch wirklich linken Systemkritikers aus Hannover, des emeritierten Soziologie-Professor dort an der Technischen Universität, habe ich zu zeigen versucht, auf welchen Fehleinschätzungen von Kapitalismus dieser Irrtum beruht. Nein, Kapitalismus hat niemals jene Menschenrechtsneutralität besessen, die ihm manche heute zuschreiben möchten. Kapitalismus war immer schon – und zwar seinem Wesen nach – eine Gesellschafts- und Wirtschaftsform, die ohne hemmungslose Brutalität gegenüber den arbeitenden (oder gar: arbeitslosen!) Menschen niemals funktionieren kann. Hiermit also der Versuch, einem verharmlosenden Bild von Kapitalismus schon damals mit aller Klarheit entgegenzutreten, vielleicht auch interessant für viele AnhängerInnen der neugegründeten hochsympathischen Partei „dieBasis“, in deren Diskussionen bislang das Thema Kapitalismus eher ausgespart worden ist. Holdger Platta

 

Wenn man der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (HAZ) vom 3. Juni des Jahres glauben darf, hat der emeritierte Philosophieprofessor Oskar Negt anläßlich der Vorstellung seines neuen Buches „Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform“ im hannoverschen Pavillon einen überaus kapitalismuskritischen Satz von sich gegeben: der Kapitalismus besäße inzwischen keinerlei „Beißhemmung“ mehr. In der Regionalausgabe der HAZ, dem „Göttinger Tageblatt“ (GT) vom 5. Juni 2010 (dort auf Seite 29), diente diese Aussage des Wissenschaftlers aus Hannover sogar als Überschrift: „Der Kapitalismus hat seine Beißhemmung verloren“. Stimmt natürlich, möchten wir da spontan als Linke sagen. Endlich hat Oskar Negt, nach allzulanger und merkwürdiger Duz-Beziehung zu Gerhard Schröder, wieder zurückgefunden zu seinem früheren Antikapitalismus. Doch ist er das wirklich, dieser Satz: antikapitalistisch?

So sehr ich den klugen Oskar Negt schätze, so sehr ich anerkenne, dass er dem Kapitalismus mit dieser Formulierung jetzt wieder jene gefährliche „Bissigkeit“ zuschreibt, die der Kapitalismus  auch tatsächlich besitzt: dieser scheinbar so kritische Satz des verdienten Sozialphilosophen aus Hannover ist dennoch bloßer Unfug und verharmlost den Kapitalismus gleich in mehrfacher Hinsicht. Diese Bewertung möchte ich zu begründen versuchen:

Was ist „Beißhemmung“ eigentlich?

Der Begriff „Beißhemmung“ unterstellt – man schaue in den einschlägigen Fachbüchern zum Aggressionsverhalten von Tieren nach! –, dass der Kapitalismus eigentlich von sich aus keine aggressiven Tendenzen besäße oder zumindest sofortest aufgeben würde, wenn er nicht mehr auf Widerstand trifft. Und Negts These vom „Verlust“ dieser Beißhemmung heißt: dass es dieses Wundertier mit Namen „friedfertiger Kapitalismus“ tatsächlich einmal gegeben hat, ergo, den harmlosen, braven, den gutmütigen Kapitalismus.

Doch beides ist, Verzeihung, Traumtänzerei! Seit eh und je agiert der Kapitalismus weltweit mit brutalster Rücksichtslosigkeit und mit  ungeheurer Destruktivität, mit einer Zerstörungskraft, die selbst vor dem Leben von Kindern nicht haltmacht. Alle fünf Sekunden stirbt auf dieser Welt ein Kind den Hungertod, obwohl das Vielfache des Ernährungsbedarfes für alle Menschen auf diesem Erdball zur Verfügung steht. „Jedes Kind, das auf dieser Welt an Hunger stirbt, ist ein ermordetes Kind“, hat deswegen Jean Ziegler diese Verbrechen bewertet –, jener Mann also, der bei der UNO viele Jahre lang als Sonderbeauftragter für das Recht auf Nahrung  gearbeitet hat.

Kurz: draußen in der Welt war der Kapitalismus schon immer alles andere als ein friedliebendes Tier. Doch das bedeutet im Blick auf Negts scheinkritische Beißhemmungs-Theorie: Dieser Emeritus aus Hannover schaut mit seinem merkwürdigen Satz weder zutreffend auf die Geschichte des Kapitalismus zurück noch auf dessen furchtbares Agieren jenseits der Grenzen unseres Kontinents bis auf den heutigen Tag.

Doch selbst wenn man Oskar Negts Beißhemmungs-Theorie lediglich aus bundesdeutscher Perspektive betrachtet, ist seine Aussage vollkommen falsch. Keine Frage: es dürfte richtig sein, dass der Kapitalismus bei uns bis vor rund drei Jahrzehnten noch nicht so richtig zuzuschlagen wagte – wieder zuzuschlagen wagte, sollte man zutreffenderweise formulieren, in Erinnerung nämlich an dessen Komplizenschaft mit dem Nationalsozialismus. Aber diese Friedlichkeit erklärt sich nicht daraus, dass der Kapitalismus von sich aus so friedlich gewesen wäre, sondern weil es damals noch eine andere Machtverteilung gab als in der Epoche jetzt.

Nicht „Beißhemmung“ also, nein, bestenfalls höchst widerwillig getragener „Maulkorb“ erklärt die damalige – übrigens: durchaus nur relativ zu nennende – Friedlichkeit des Kapitalismus bei uns. Und wieso sah das vor gut drei Jahrzehnten bei uns noch anders aus? Nun, dank stärkerer Gewerkschaften seinerzeit, dank einer Sozialdemokratie, die sich noch nicht eingeschworen hatte auf den Neoliberalismus der letzten beiden Jahrzehnte. Hinzukam, dass der Kapitalismus – bei uns in den Industrieländern jedenfalls – vor gut drei Jahrzehnten auch noch nicht mit dieser Brutalität zuschlagen mußte, wie er es heute tut, und zwar einfach deshalb nicht, weil bis zu diesem Datum, in puncto Konjunktur, alles so einigermaßen gut gelaufen war. Da ist, bei gefülltem Bauch, leicht friedfertig sein! Das gilt sogar für gesättigte Raubtiere jedweder Art – auf die später noch einmal zurückzukommen sein wird.

Oskar Negt unterstellt dem Kapitalismus eine Friedlichkeit, die der Kapitalismus  aus Systemgründen niemals besaß und aus Systemgründen auch niemals besitzen kann. Leider, es ist so: Oskar Negt will uns mit seiner Verlusttheorie zur angeblich vormals existenten „Beißhemmung“ des Kapitalismus einen weißen Rappen andrehen beziehungsweise ein Raubtier, das von Natur aus Vegetarier ist.

Was in der Ethologie – in der Erforschung des Verhaltens bei Tieren – als „Beißhemmung“ bezeichnet wird, das Einstellen aggressiver Kampfhandlungen, wenn das unterlegene Tier Demut und Niederlage signalisiert, Wehrlosigkeit oder Unterwerfung, das ist genau das, was dem Kapitalismus prinzipiell fehlt und immer gefehlt hat. Und um bei dieser Mangelanzeige nicht stehenzubleiben: für den Kapitalismus ist sogar das genaue Gegenteil typisch – unvermeidbar aufgrund der ihm strukturell vorgegebenen Eigengesetzlichkeiten (ich nenne hier nur seine alles dominierende Profitorientierung und sein alles beherrschendes Konkurrenzprinzip).

Je weniger Widerstand der Kapitalismus spürt, desto brutaler schlägt er zu. Je machtloser die Menschen sind, desto inhumaner beutet der Kapitalismus sie aus. Hat Oskar Negt das alles vergessen? Und wenn er bei der oben erwähnten Veranstaltung, dem Bericht der HAZ und des GT zufolge,  zusätzlich noch den Satz geäußert hat: „Ohne Optimismus kann man nicht vernünftig denken“, dann kann man auch dieser törichten These lediglich eine andere und bessere entgegenhalten: „Nur ohne Beschönigungen hat man die Chance, die Welt realistisch zu sehen.“

Wieso ist auch der Ausdruck „Raubtierkapitalismus“ falsch?

Mir scheint: Oskar Negt hat seinen Realismus ausgetauscht gegen diese Beschönigungstendenz – weltvergessen und vergangenheitsvergessen zugleich. Sein scheinbar so kapitalismuskritischer Satz – ganz orientiert an den Exzessen dieser Weltwirtschaftsordnung seit mehr als drei Jahrzenten – entlarvt sich bei genauerer Analyse zumindest als Freispruch für den angeblich braven Kapitalismus von einst oder sogar als Deklaration eines normalerweise friedlichen Kapitalismus an sich.  Negts Metaphorik von der „Beißhemmung“, die sich ja aufs direkteste zurückbezieht auf den „Raubtierkapitalismus“, den in einem ZEIT-Interview vom 21. April 2010 der verstorbene Ex-Kanzler Helmut Schmidt ins Gespräch brachte, ist so scheinkritisch, wie bereits Schmidts Vokabel scheinkritisch war. Was hier ebenfalls kurz erläutert werden soll.

Zunächst: in der Tat klang ja auch Schmidts  „Raubtierkapitalismus“ auf Anhieb ganz so, als wolle hier – mit dem Begriffszusatz „Raubtier“ – sogar ein Ex-Politiker der SPD nunmehr das wahre Wesen des „Kapitalismus“ entlarven. Aber sorry, Schmidt war Sozialdemokrat, ergo kein Antikapitalist. Außerdem wäre „Raubtierkapitalismus“ dann so doppeltgemoppelt wie ein „Weißschimmel“ oder ein „fettleibiger Dickwanst“. Nein, Schmidt hatte mit diesem Ausdruck etwas ganz anderes gemeint und angreifen wollen: nicht den Kapitalismus an sich, sondern  das Ausrasten des gegenwärtigen Kapitalismus als Ausnahmezustand, die Brutalität des Kapitalismus als dessen Extrem– und Entstellungsvariante, die Destruktivität des Kapitalismus als atypischen Fall!

Und damit hatte auch Schmidt von seiner Seite aus die Sache Kapitalismus als per se destruktive Wirtschafts- und Gesellschaftsform wegformuliert aus der Debatte und zumindest indirekt suggeriert, dass normaler Kapitalismus in Wahrheit etwas viel besseres wäre, etwas durchaus Nettes und Positives, Regulierbares und Bezähmbares. Kurz: qualitative, substantielle Kritik am Kapitalismus wurde damit vom damaligen Ex-Kanzler eben gerade nicht geübt, auch Strukturkritik nicht. Es war lediglich graduelle Kritik, Kritik an den „Übertreibungen“ des Kapitalismus, ganz so, als ob es einen Normalfall Kapitalismus geben könnte, einen Kapitalismus, der durchaus segensreich ist. Und Schmidt hatte seine Kritik so formuliert, dass typisch sozialdemokratischerweise seiner Ansicht nach ein bißchen Regulierung, ein bißchen mehr Staat, dem Kapitalismus schon wieder zu seiner eigentlichen Menschlichkeit zurückverhelfen würde.

Dieselbe Fantasie, dasselbe Wunschdenken, ist aber auch bei Negts „Beißhemmung“ am Werk: das Wunschbild von einem Kapitalismus, der doch eigentlich, seinem Wesen und seiner Struktur nach, überhaupt nicht böse sei. Das also ist für mich die brav-sozialdemokratische Gemeinsamkeit von Helmut Schmidts „Raubtierkapitalismus“ mit der „Beißhemmung“ von Negt. Ergo: wo bereits in der Begrifflichkeit des elder statesman aus Hamburg das eigentliche Wesen des Kapitalismus nicht als Raubtier, sondern als Kuschelkatze fantasiert worden war, da geisterte auch in Negts Metaphorik von der „Beißhemmung“ des Kapitalismus ein politökonomisches Verständnis im Kopf herum, das ebenfalls diesem Kapitalismus einen „von Natur aus“  guten und friedlichen Charakter zuspricht, das Bild von einem Kapitalismus, der sofort und mit Sicherheit innehalten würde, wenn er Schwäche spürt und keinen Widerstand mehr.

Doch leider: in Wirklichkeit ist das genaue Gegenteil richtig. Allein das dem Kapitalismus inhärente Konkurrenzprinzip sowie dessen systemunvermeidbare Gewinnorientierung verhindern diese Güte und Rücksichtnahme, dieses animalische Innehalten bei Aggression, das selbst die Raubtiere zeigen.  Und ein homo politicus wie Negt, der die „Demokratie als Lebensform“ befördern will – siehe den Titel seines gleichnamigen Buches aus dem April des Jahres 2010! –, hätte das eigentlich wissen sollen,  er hätte das wissen sollen wie wir und nicht mit verqueren Metaphern vergessen machen.

Nein, Kollege Negt, der Kapitalismus hat nie eine „Beißhemmung“ besessen, die ihn zum Abbruch seiner Aggressionen zwang oder zwingt, wenn das Opfer wehrlos oder besiegt ist. Im Gegenteil: der Kapitalismus hat stets dann und gerade dann, wenn sein Gegner am Boden lag und sozusagen die Kehle zeigte, seine ganze bösartige Aggressivität an den Tag gelegt! Etwas netter formuliert: Das relativ „gute Benehmen“ des Kapitalismus für einige Nachkriegsjahrzehnte bei uns war nie etwas anderes gewesen als Resultat seiner Hemmung von außen her, ergo bildlich gesprochen: das Ergebnis der Tatsache, dass es da, für einige bundesrepublikanische Jahrzehnte, so etwas wie eine „Gouvernante“ gab, die auf das einigermaßen sittsame Benehmen des Kapitalismus zu achten verstand.

Und – merkwürdig genug! – im Grunde weiß dieses natürlich auch Oskar Negt selbst. Denn wenn man der Darstellung seines damaligen Auftritts in Hannover im „Göttinger Tageblatt“ glauben darf, äußerte er auf derselben Veranstaltung auch das Folgende noch: „Nach dem Mauerfall habe das Kapital seine Beißhemmung verloren.“ Sorry, aber das ist Widerlegung dieser Beißhemmungs-These sogar durch deren Urheber selbst: Die Aggressivität des Kapitalismus war auch Negts Auffassung nach lediglich von außen her in Schach gehalten worden, nicht aber von einem im Kapitalismus-Innern selber angelegten Friedlichkeitsdrang, sie war in Schach gehalten worden von der Existenz solcher Nachkriegsrealitäten wie DDR und Warschauer Pakt, vor allem aber von der Existenz der Sowjetunion. Was zwischenbilanzierend heißt:

Man sollte dem Kapitalismus keine Friedfertigkeit zuschreiben, die er nie besessen hat – und dies im Kern sogar Oskar Negts eigener Einschätzung nach. Noch jede Safari in die Wildgehege der Kapitalismus-Vergangenheit zeigt dies, noch jede Safari heute – irgendwo draußen in der weiten Welt – führt uns dieses auf blutigste Weise vor Augen: der Kapitalismus war nie etwa anderes gewesen und kann nie etwas anderes sein als die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln: des Krieges gegen die Menschen und gegen die Menschlichkeit!

Wen schont die „Beißhemmung“ des „Raubtierkapitalismus“ und wen nicht?

Aber es gibt noch einen allerletzten Punkt, der im Zusammenhang mit Negts „Beißhemmungs“-Theorie anzusprechen ist – ein Irrtum sozusagen hinter dem Irrtum. War Negts animalische Naturalisierungsmetapher bereits als solche falsch, so war sie von ihm auch noch völlig falsch ausgelegt worden. Negt war das Opfer eines Denkfehlers geworden, dessen Offenlegung die Sache noch schlechter macht, als sie damals bereits war. Denn wem gilt die „Beißhemmung“ im Tierreich eigentlich? Der Nahrungsbeute oder dem Rivalen im eigenen Rudel? Rückübersetzt in unseren Zusammenhang: dem Klassengegner oder dem Klassenkumpan? Der lohnabhängigen Arbeitskraft oder dem Ausbeuterkollegen?

Die Antwort dürfte klar sein, einschränkungslos klar, was das Tierreich betrifft: Natürlich greift die „Beißhemmung“ bei den Raubtieren nur, wenn es sich bei dem Gegner um den Rivalen aus dem eigenen Rudel handelt, um einen Artgenossen, der durch Demutsgesten seine Kampfaufgabe signalisiert. Vom fremden Beutetier aber läßt das Raubtier erst ab, wenn sein Hunger gestillt ist. Das bedeutet jedoch für unseren Zusammenhang: Bis vor drei, vier Jahrzehnten hat der Kapitalismus nur Frieden gehalten innerhalb der eigenen Reihen – so einigermaßen jedenfalls –, Frieden gegenüber dem Klassengegner aber aber gab es in Wirklichkeit nie.

Nur im Binnenverhältnis mag es beim Kapitalismus hin und wieder so etwas wie relative Friedlichkeit gegeben haben, niemals aber gegenüber seinen Ausbeutungsobjekten. Was den Krieg gegen die Lohnabhängigen betrifft, tobt dieser Krieg des Kapitalismus seit ewigen Zeiten beziehungsweise von Anfang an. Lediglich die Schlachtfelder dieses Krieges wechselten oft ihren Schauplatz, waren mal vorrangig in England, Frankreich und Deutschland zu finden und mal in den Kolonien, mal in den Ländern der sogenannten Ersten und Zweiten Welt, mal vorrangig oder gleichbleibend in den sogenannten Dritt- und Viertländern auf diesem Erdball. Und heute bzw. seit einigen Jahrzehnten? –

Nun, je weniger die vormaligen Konjunkturherrlichkeiten aufrechterhalten werden konnten, desto stärker schlug die kapitalismustypische Brutalität auch in den Ursprungsländern des Kapitalismus zu. „Beißhemmung“ gab und gibt es gegenüber Beutetieren nie! Und Negts „Ende der Beißhemmung“ erweist sich im Lichte dieser Erkenntnis noch stärker als ideologischer Verharmlosungsquatsch. Mag hie und da auch zwischen den Kapitalfraktionen Kriegszustand herrschen, ein Ende der „Beißhemmung“ also auch zwischen den Angehörigen des eigenen Rudels, mag es vor allem so sein, dass die kleinen und kleinsten Unternehmen immer häufiger kaputtkonkurriert werden, mag das alles so sein – zeitweilig jedenfalls: eine „Ende der Beißhemmung“ gegenüber dem Klassengegner gab es in Wirklichkeit nie.

Sehr wohl aber gibt es seit Jahren Verschärfung des Kampfes gegen die Lohnabhängigen weltweit. Schlicht deshalb, weil der kapitalistische Mehrwert-Hunger gar nichts anderes erlaubt. Aus Renditesicht zählt der einzelne Mensch, der Lohnabhängige, gar nichts. Er gehört dem Rudel der Kapitaleigner nicht an, sondern hat als Beute deren Hunger zu stillen, bis diese satt sind. Und Ruhe gibt es für bestimmte Lohnabhängige nur dann, wenn das Rudel gerademal woanders seinen Hunger stillt. „Kehle“ zeigen hilft da gar nichts, sondern einzig und allein energischer Widerstand. Oder anders gesagt:

Wer sich da auf „Beißhemmungen“ des Kapitalismus verlässt, wird mit Sicherheit am Ende der „Gebissene“ sein. Einerseits wusste und weiß das auch ein Oskar Negt, doch andererseits wusste und weiß das ein Oskar Negt offenkundig auch nicht.

 

 

Showing 3 comments
  • Freiherr
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    Stimmt ! –

    …war immer ein Ausbeutungs- und Ausplünderungsstaat, diese BRD,

    eine Sklavenhalterideologie bundesdeutscher Prägung, eine Zwangsarbeitsdiktatur und damit der Bürger aus diesem Zwang nicht herauskam, keine Befreiung daraus gelingen konnte – hat man die Entlohnung so niedrig angesetzt, andererseits die Besteuerung so hoch…

    …um mit diesem Raubrittertum die Unterwefung unter die Sklavenhalterei zu sichern.

    Schon Artikel 1 dieser Scheinverfassung für eine angebliche Demokratie fällt da um, die weiteren Artikel wie die Dominos.

    Man muss aber in diesem Zusammehang ebenso die bisherigen kommunistischen und sozialistischen Herrschaftsformen in gleicher Weise kritisieren –

    auch dort herrschte das Kapital, nur „anders “ verteilt und der Arbeitszwang noch brutaler ausgeführt ( Ameisenstaat ), Scheinsozialismus, Scheinkommunismus –

    ob nun falsche Demokratie, falscher Sozialismus oder falscher Kommunismus, wo das Kapital herrscht, werden Freiheit und Gerechtigkeit unterdrückt, damit fällt das Menschenrecht.

    Heute herrschen Superraubtierbestien, eine fast logische Entwicklung zu diesem Superkapitalismus als durchgeführter brutaler Krieg ohne jegliche Hemmung.

    Ein weiterer furchtbarer Kriegsschauplatz nun die Entvölkerungsstrategie eines geistenkranken Gates unter dem Vorwand “ Soziale Gerechtigkeit “ für alle dann Überlebenden einzurichten.

    Tja… dieBasis hat da ganz gute Ansätze, vor allem wenigstens der Wille einer Zurückkführung zum Regionalen Kommunalen Konstrukt, immer öfter spricht man es nun aus, auch zur Förderung des Handwerks, zur Wiederbelebung des Handwerks.

    Ich füge hinzu:

    Ein Zahlungswert das einen realen Gegenwert hat – einen Tauschwert auch

    und eine Bank hat ausschliesslich die Aufgabe vorhandenes kommunales Kapital zu verwalten, darf niemals Gewinn mit dem Kapital machen !- der Zins (!!) muss abgeschafft werden.

    Und der Faule muss faul sein dürfen ohne dass er sozial benachteiligt wird nur deswegen.

    Und die individuelle Freiheit muss immer jedem zugestanden sein.

    Ohne die Freiheit muss alles scheitern.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

  • Peter+Boettel
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    Dass der Kapitalismus gutmütig sein könnte, kann allenfalls dem Hirn von Neoliberalen entsprungen sein.

    Der Grundwiderspruch des Kapitalismus ist bekanntlich der Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion einerseits und der privatkapitalistischen Aneignung der Ergebnisse der Produktion andererseits.

    Daran ändern auch manche schöngesichtigen Darstellungsweisen oder Beschwichtigungsformen nichts.

  • Cetzer
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    Wir haben die Bestie nie totgeschlagen oder wenigstens gezähmt, nur ruhig gefüttert. So wie große Würgeschlangen erstaunlich defensiv sind, wenn mit Verdauung beschäftigt (in manchen Ländern machen sich Halbstarke daraus einen Spaß).

    Immer scheiße, wenn der große Sensenmann weit ausholt, das Wetzen der Schlachtermesser Zahnschmerz-laut wird und die Geiger-Müller-Zähler das hohe C erreichen. Ich wohne am Rand der Weserrenaissance (ab 1530?), zunächst ein Begriff der Architekturgeschichte, aber einige Historiker sagen, dass es auch den kleinen Leuten besser ging, sie jedenfalls viel mehr Aufstiegschancen und Freiheitsgrade hatten. Das Ende der Weserrenaissance ist übrigens unstrittig der Beginn des Dreißigjährigen Krieges(1618-1648) und dann ging es krass bergab. Meines Wissens wurden dort alle Waffen eingesetzt, die irgendwie zur Verfügung standen und sei es in mühsamer Handarbeit (Magdeburger Hochzeit, vergl. den Genozid in Ruanda 1994). Ich glaube nicht, dass in den Kriegszuckungen des Vor-Kollapses auf Atombömbchen verzichtet werden wird, so wie ausnahmsweise Giftgas im 2 WK. der Menschlichkeit geopfert wurde.

    Eigentlich zweitrangig, ob Faschismus, also die hässliche Medaillenseite des Kapitalismus – vielleicht mit Zwischenstation Autoritäre Demokratie (Singapur) – oder GG-Parlamentarismus mit bürgerlichen Freiheiten bis zum Abwinken, den formalen Rahmen eines totalen ZivilisationsCrashs darstellen werden.

    Immortan Joe liebt euch doch alle!

     

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