Auf Seiten der Menschlichkeit: Jeannette Hagen

 In FEATURED, Poesie

Poesie und Widerstand: Die Lyrik-Reihe auf „Hinter den Schlagzeilen“, ausgewählt und kommentiert von Siljarosa Schletterer.

Grafik ‚THIS IS A HUMANITARIAN CRISIS – A CRISIS OF THE HEART AND A CRISIS OF THE SOUL.‘: Franz Wassermann

 

 

 

 

 

Sie sterben

Sie sterben. 
Während ich morgens aufwache, mich an meinen Mann anlehne, mein Kind streicheln kann. 
Sie sterben. In einem Meer. Ohne eine Hand, die sie hält. 
Ohne ein Lächeln, das ihnen sagt, dass alles wieder gut wird.

Sie sterben.
Während andere Beifall klatschen. Mauern bauen. Zäune ziehen. Grenzen absegnen, sich zunicken und mit dem Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, schlafen gehen. 
Sie sterben. In einem Meer. Ohne das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.
Ohne ein Lächeln, das ihnen sagt, dass sie gut sind.

Sie sterben.
Während andere schweigen. Oder shoppen. Oder fernsehen. Oder arbeiten.
Sie sterben. In einem Meer. Ohne das Gefühl, das Befriedigung heißt.
Ohne ein Lächeln, das ihnen sagt, dass Ablenkung für einen Moment alles gut macht.

Sie sterben.

 

 

Die anderen

Mal eben schnell nach Tokio fliegen,
auf Malle in der Sonne liegen.
Im Flugzeug schön aus Plastik speisen
und nächsten Monat wieder reisen.
Im SUV durchs Dörflein brettern,
auf Facebook über Ökos wettern.
Steak und Mett im Angebot, 
scheiß doch drauf, ist eh schon tot.

Die Kippe auf die Straße schnippen,
Farbe in den Ausguss kippen,
Jeans und Schuh aus Übersee,
den Müll zurück, tut hier nicht weh.
Nach immer noch mehr Wachstum jagen
und winters Katzenkragen tragen.
Die Kreuzfahrt schon für Mai gebucht
den Hausrat online ausgesucht.

Und wenn Du mich dann fragst, mein Kind
warum die Meere dreckig sind,
warum die Vögel nicht mehr singen
und Wale nicht mehr lustig springen.
Warum das Wasser stetig steigt
und wieso diese Trockenheit. 
Warum die Bienen nicht mehr fliegen
und Menschen Allergien kriegen.
Warum das Eis jetzt nur noch Meer 
und wo die Stürme kommen her.
Warum die Straßen voller Laster
und wenig Menschen mit viel Zaster.

Dann lass dir sagen, liebes Kind
dass Spaß und Jetzt uns wichtig sind.
Was euch mal blüht, liegt viel zu fern,
darüber reden wir nicht gern.
Was für uns zählt, heißt Augenblick, 
den hätten wir ganz gerne schick.
Ganz ohne Leid oder Gewissen
den kleinen Luxus nicht vermissen. 
Und eigentlich, mein liebes Kind und glaub mir mal, dass das so stimmt,
war alles nur zu eurem Besten, wir tragen völlig reine Westen. 
Die Politik, die hat’s versaut, weil die nur auf die Posten schaut. 

Und wenn wir euch ins Bett gebracht, 
gestreichelt und mit Kuss bedacht,
den Flatscreen in Betrieb genommen 
und dann vielleicht die Zweifel kommen,
da hilft ‘ne gute Flasche Wein,
nicht der, der schuldig ist, zu sein. 
Dann fällt es leicht, am Schluss zu denken,
dass andere das Schiff versenken.

 

 

Grafik ‚THIS IS A HUMANITARIAN CRISIS – A CRISIS OF THE HEART AND A CRISIS OF THE SOUL‘: Franz Wassermann

So wie damals

Ihr glaubt, ihr seid das Volk,
so wie damals, als der Feind der Jude war,
so wie damals, als man vom Tausendjährigen träumte.

Ihr glaubt, ihr habt die Macht,
so wie damals, als jeder, der anders dachte, um sein Leben fürchten musste,
so wie damals, als viele nur jubelten, weil sie Angst hatten.

Ihr glaubt, ihr kennt die Wahrheit.
so wie damals, als man die Presse mundtot schrie,
so wie damals, als Bücher brannten.

Ihr glaubt, ihr verteidigt das Recht,
so wie damals, als Spitzel verrieten, 
so wie damals, als Unrecht millionenfach tötete.

Doch ihr seid nicht das Volk, keine Macht, weder die Wahrheit, noch das Recht,
so wie damals, als Männer und Jungs Kanonenfutter für Verbrecher waren,
als Frauen für den Profit anderer schufteten,
als jene, die Gier im Sinn hatten, dem Volk einen Feind zum Fraß vorwarfen, um selbst davonzukommen.
So wie damals, als hinterher alle weinten und niemand wusste, warum das alles so war.

(@) Jeannette Hagen 2018

 

 

 

Wie Poesie Hammer und Spiegel zugleich sein kann. Vom Engagement, von der Verantwortung und Notwendigkeit der Kunst: Gedanken mit einem Aufruf zu den Gedichten von Jeannette Hagen (Siljarosa Schletterer)

Wie im Bild „We are going to change the fate of humanity“ von Franz Wassermann tituliert ist, stellt sich die Frage, wie und ob wir dieses Schicksal noch ändern können. Eine Mögliche Antwort darauf ist: JA! Durch Kunst. Durch Statements. Durch solche Zeilen. Auf Karl Marx ist auch der Ausspruch zurückzuführen: „Kunst ist nicht ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält, sondern der Hammer, mit dem man sie gestaltet.“ Ich denke Kunst kann beides sein: ein Spiegel und ein Hammer. In seltenen Fällen ist sie auch beides zugleich, denn ein guter Spiegel kann dazu auffordern durch das „Wiedergespiegelte“ das Eigentliche zu ändern. Und genau das kann und sollte uns mit den Zeilen von Jeannette Hagen passieren. In ihrem Gedichten trifft das grausame Sterben im Mittelmeer auf eine vermeintlich sichere „Realität“ am Festland. In ihren Gedichten werden Parallelen zu „damals“ wieder erschreckend deutlich. In ihren Gedichten fragt ein Kind nach den Folgen dieser Klimakatastrophe, nach dem „warum.“

Gerde dieses Gedicht ist aktueller denn je. In einer Zeit in der Schüler_innen uns vor Augen führen müssen wie wichtig es ist, endlich ein Standing zu beweisen und Handlungen zu setzen um die größte Krise abzuwenden, die die Menschheit bisher selbst verschuldet hat. Die Schüler_innen werden mittlerweile unter anderem endlich auch  von Wissenschaftler_innen und Eltern (Parents for Future) und Künstler_innen (Artists for Future) unterstützt. Für letztgenannte Gruppe engagiert sich auch Konstantin Wecker. Die Bewegung Fridays for Future ruft übermorgen weltweit zur Demonstration auf. Wir stehen nämlich vor einem Klima-Notstand. Wir möchten dies zum Anlass nehmen, darauf hinzuweisen! In zwei Tagen kann Mensch ein Zeichen setzten auf der Straße und in vier Tagen an der Wahlurne. Es liegt in unsrer aller Verantwortung. NUTZEN WIR UNSRE STIMMEN JETZT!

Hagens Gedichte schreien auf gegen den Irrsinn,  die Lieblosigkeit und den Egoismus dieser Zeit. Und damit sind sie Hammer und Spiegel zugleich: sie schaffen Bewusstsein und öffnen hoffentlich Wege zur Veränderung. Die Autorin, ist auch Dozenten, Initiatorin, Organisatorin und Coach. Neben oder besser gesagt durch diese ganzen Engagements setzt sie sich aktiv für Menschenrechte ein. Sie war auch als Helferin 2016 auf Lesbos und in Idomeni und hat gemeinsam mit ihrem Mann einen Hilfsgütertransport nach Griechenland organisiert. Weitergeführt wird ihr Engagement durch die Firmengründung von „Kunst für Demokratie“. Diese hat sich zum Ziel gesetzt mit Kunst die Welt zu verändern und sich für Demokratie, Freiheit und Vielfalt einsetzen, denn – so kann man auf der Website lesen – die „Kunst denkt mehrdimensional, denkt quer, denkt freier und kann damit Anstöße geben, Wege aufzeigen, Zeichen setzen oder auch mal den Finger in die Wunde legen.“ Die Autorin glaubt – wie sie selbst sagt und diesem Optimismus kann mensch sich nur anschließen– „dass wir es gemeinsam schaffen, diese Erde zu einem friedlichen und liebevollen Ort für alle zu gestalten. Ganz ohne Ressourcen-Verschwendung, Umweltverschmutzung, Krieg und Ausbeutung. Dafür stehe ich jeden Morgen auf.“ Und auch deswegen sollten wir aufstehen und ihre Werke lesen! Damit wir uns immer wieder daran erinnern.

Mehr Informationen sind unter: www.jeannette-hagen.de oder http://www.diespaziergaengerin.com zu finden.

www.kunst-fuer-demokratie.de

Konstantin Weckers zu Artist for Future: https://hinter-den-schlagzeilen.de/konstantin-wecker-zu-artists-for-future 

Konstantin Wecker über das Engagement der Bewegung  https://hinter-den-schlagzeilen.de/zeigs-ihnen-greta

 

Anzeige von 3 kommentaren
  • Avatar
    Claudia Diehl
    Antworten
    Hallo Ihr Lieben,

    vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag von Jeanette Hagen und Euren couragierten Internetauftritt. Weiter so!

    Ja, die Würde des Menschen ist sein Konjuktiv (Wiglaf Droske) und wir sollten weiterhin alle Möglichkeiten nutzen, um aufzurütteln…

    Eure Mitstreiterin, Claudia

    • Avatar
      Siljarosa Schletterer
      Antworten

      Herzlichen Dank für deine Worte! Wie wahr! Gerade jetzt!
      HG
      Siljarosa Schletterer für das HdS Team und die Lyrikreihe

    • Avatar
      Piranha
      Antworten
      Wiglaf Droste, dieser große Satiriker, den ich 2005 zum ersten Mal in der Scheibenwischer Gala gesehen hatte, ist vor einer Woche gestorben. Friede seiner Leber.

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