Auslaufmodell Toleranz, Teil 1/2

 in Politik (Inland), Roland Rottenfußer
Angehörige der Leitkultur, Eindringling: "Herr Tschabobo" mit Polt und Schneeberger.

Angehörige der Leitkultur, Eindringling: „Herr Tschabobo“ mit Polt und Schneeberger.

Die Integrationsdebatte vor fünf Jahren (Stichwort: Sarrazin) und die Pegida-Demonstrationen 2014/2015 kündigten über 60 Jahre Nachkriegskonsens auf, der durch einen achtsamen Umgang mit Minderheiten geprägt gewesen war. Besagte Akteure machen der Mehrheitsgesellschaft ein niedrigschwelliges Angebot, nach rechts zu rücken, was viele begierig aufgreifen. Die Dabatte beruht überdies auf einer peinlichen Selbstüberschätzung der „Leitkultur“. Wir können Rechtspopulisten nicht bekämpfen, indem wir uns deren Argumente präventiv aneignen – nach dem Motto „Die Sorgen der Menschen ernst nehmen“. Wenn wir in zentralen Fragen unsere Position der Menschlichkeit und Toleranz aufgeben, fachen wir das Feuer, das wir auspusten wollen, nur noch mehr an. (Roland Rottenfußer)

2010, auf dem Höhepunkt der Sarrazin-Hysterie, konnte man im Fernsehen eine Hinrichtung verfolgen. Hinrichtungsstätte war die Sendung „Menschen bei Maischberger“. Der Delinquent war Christian Ströbele, wackerer Exponent der Protestkultur, hier als Vertreter einer „naiven Ausländerfreundlichkeit“ zum Abschuss freigegeben. Zum Thema „Schleier und Scharia“ diskutierten neben einer zaghaften Kopftuchträgerin Alice Schwarzer, Heinz Buschkowsky (SPD) Joachim Herrmann (CSU) und die „moderne“ Türkin Güner Balci. Ströbele, schon recht kraftlos und eingeschüchtert, hatte nur auf einige Selbstverständlichkeiten hingewiesen. Z.B. dass Ehrenmorde unter in Deutschland lebenden Muslimen nur Einzelfälle sind. Die Vier stürzten sich daraufhin keifend auf den linken Grünen und unterbrachen ihn bei jedem Versuch, zu Wort zu kommen. Schwarzer sprach von „Kitsch“, wenn es darum ging, Musliminnen selbst bestimmen zu lassen, ob sie ein Kopftuch tragen wollen. Balci warf Ströbele vor, er habe dazu aufgerufen, auf Migranten zuzugehen (!). Wer Muslime zu Opfern stilisiere, entwürdige sie und verstoße gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung.

Inhaltlich kann man über verschiedene Thesen der Ströbele-Gegner durchaus diskutieren. Erschreckt hat mich aber das Ausmaß an Aggressivität, die sich hier gegen einen Aufruf zur Toleranz mit anderen Kulturen richtete. Mir schien, als solle mit Ströbele eine ganze Kultur in Nachkriegsdeutschland mundtot gemacht werden: ein Grundkonsens, der besagt: „In Verantwortung vor der Geschichte bekennen wir uns zur Toleranz und zum Schutz von Minderheiten vor Diskriminierung. Wir hüten uns vor Verallgemeinerungen und suchen den Fehler im Zweifelsfall auch bei uns.“ Ein solcher Geist wurde in der Talkshow mit Billigung der Moderatorin als rückwärtsgewandt und naiv abgekanzelt. So als seien Toleranz und Minderheitenschutz skurrile Privat-Marotten einiger Alt-68er, die heute so deplatziert wirken wie Ho Chi Minh-Rufe.

Minderheitenschutz – noch immer notwendig

Zunächst ein paar Fakten: Es ist in Deutschland wie im bräunlicher werdenden Europa nach wie vor notwendig, sich schützend vor Minderheiten zu stellen. Während Mediendeutschland erregt über deutsche Kinder diskutiert, die in Grüppchen einsam auf dem Schulhof herumstehen, weil ihre türkischen Mitschüler sie nicht mögen, setzen sich gewalttätige Übergriffe gegen Migranten unvermindert fort. Eine Anfrage der Partei „Die Linke“ bezüglich politisch motivierter Straftaten (rechts) im Juni 2010 wurde von der Bundesregierung wie folgt beantwortet: 78 Gewalttaten, 1056 sonstige Straftaten. 37 der Gewalttaten werden als reine „Hasskriminalität“ gegen Ausländer eingestuft – wohlgemerkt nur im Monat Juni. 137 Menschen starben (!) seit 1990 durch rechte Gewalt (Quelle: www.zeit.de) Das ist, wohl gemerkt, schon fünf Jahre her. Die NSU-Morde wurden erst hernach aufgeklärt, und im Juli 2014 gab es im Zusammenhang mit der Gaza-Initiative Israels wieder antisemitische Paraolen auf deutschen Straßen. Für 2013 wird die Zahl der fremdenfeindlichen Straftaten von der Bundesregierung mit 3149 angegeben. Im Januar 2015 vermeldete die „Zeit“: „Seit den ersten Pegida-Demonstrationen Ende Oktober habe sich die Zahl rassistisch motivierter Übergriffe gegenüber dem vorigen Dreimonatszeitraum verdoppelt, berichtet das ARD-Magazin Report Mainz. Während es in den drei Monaten vor Pegida bundesweit 33 Übergriffe auf Migranten und Flüchtlinge gegeben habe, seien es innerhalb der vergangenen drei Monate 76 Taten gewesen.“

Während der Sarrazin- und Buschkowsky-Welle war viel von deutschstämmige Schülern die Rede, die sich in ihren Schulen diskriminiert fühlten, weil sie sich gegen eine Mehrheit von Migrantenkindern nicht behaupten konnten. Natürlich sollten wir diese Schüler nicht mit ihrem Problem allein lassen. Eltern, Lehrer und Politik sind hier gefordert. Auch wir, die wir einen kleinen Einfluss auf das „Meinungsklima“ haben. Jeder Form der Ausgrenzung und des Mobbings ist schäbig und fordert unsere Solidarität mit den Opfern. Gefährlich ist allerdings der Eindruck, der durch eine konzertierte Medienaktion entsteht: dass nämlich Migranten, vor allem Türken, über einen besonders schlechten „Nationalcharakter“ verfügten und daher in unserem sauberen Land „nichts zu suchen“ hätten. Diskriminierung kommt vor, wo immer Menschen auf Menschen treffen. Ihre Ursachen sind Dummheit, Herzlosigkeit und eine ungesunde Identifizierung mit der eigenen „Herde“. Vor allem aber ist es Machtausübung, die aus zunächst harmlosen geistigen Verirrungen erniedrigende Situationen kreiert.

Diese Abgründe des menschlichen Charakters können wohl nie ganz zugeschüttet werden. Aufklärung und Bildung können aber helfen, sie zu vermindern. Vor allem auch eine Sozialpolitik, die jedem – Abstammungsdeutschen, Deutsch-Türken, Saisonarbeitern oder Asylanten – ein menschenwürdiges Leben garantiert. Neid und das Bedürfnis nach Sündenböcken kommt am ehesten dort auf, wo es Menschen schlecht geht, wo finanzieller Mangel und das Gefühl der Demütigung bedrängend werden. Die neoliberale Wirtschaftsordnung tut ihr „Bestes“, um Verelendungstendenzen zu fördern

Engstirnigkeit und Fanatismus? Immer nur bei den Anderen

Auffällig bei Debatten über negative Verhaltensweisen von „Ausländern“ ist die Heuchelei der Politiker und Fernsehmacher. Der besorgte Regionalpolitiker, die adrette Moderatorin geben sich distanziert und objektiv. Sie haben ja nichts gegen Migranten. Gleichzeitig bieten sie aber Scharfmachern ein Forum, um vor einem Millionenpublikum Geschichtensammlungen über böse Migranten auszubreiten. Der Türkenproll, der für die Ehre seiner Schwester jemanden abstechen würde. Der in Bushido-Deutsch stammelnde gewaltbereite Jugendliche. Der islamistische Patriarch, der seine Tochter vom Schwimmunterricht fernhält. Es sind Mediengestalten, die sich tief in die Köpfe der Zuschauer einprägen. Dazu Bilder von wimmelnden Massen von Kopftuchträgerinnen, die sich durch deutsche Innenstädte wälzen. All diese Gestalten gibt es wirklich. Aber man kann auch mit der Wahrheit lügen, wenn man durch einseitige Selektion der Bilder und Geschichten einen schiefen Gesamteindruck erzeugt.

Keine Rede ist dabei von der Engstirnigkeit bayerischer Dörfer und ihrem archaischen Festhalten an den Werten der bäuerlichen Familie, der Kirche und der CSU. Niemand ergeht sich in Selbstvorwürfen, weil er dem gleichen Volksstamm angehört wie prügelnde Neonazis und gierige Banker. Man würde sich solche Pauschalisierungen verbitten, Muslimen werden sie aber ständig zugemutet. Emin Capraz, Rechtsanwalt in Köln, sagte im „Stern“: „Hier denken die Leute immer noch in Schubladen, ich stehe unter einem permanenten Rechtfertigungsdruck. Man muss herhalten für Ehrenmorde, für Entwicklungen in unserer Religion, mir ist das zuwider.“ Capraz ist inzwischen nach Istanbul „geflohen“.

Deutschland ist ein Auswanderungsland, das über die Einwanderer schimpft. Auch die Debatte über notwendige ausländische Fachkräfte geht mir gelegentlich auf die Nerven. Vor allem die Vorzeige-Migranten der Talkshows: telegene, topintegrierte und vor Leistungsbereitschaft schier berstende junge Türkinnen und Türken. Für meinen Geschmack wird da ein bisschen zu sehr zwischen „brauchbarem“ und „unbrauchbarem“ Migrantenmaterial unterschieden. Trotzdem ist es erfreulich, dass diese Negativfolge der Integrationsdebatte bemerkt wird: Migranten reagieren zunehmend genervt und laufen davon. Auch die, die manche Casting-Jury aus Politik und Wirtschaft gern hier behalten würde. Es entsteht der Eindruck: Da hat ein Land, kaum zu globaler Größe angeschwollen, wieder zu seiner alten Kleinlichkeit zurückgefunden.

Die Rechten bekämpfen, indem man wird wie sie?

Eine weitere verheerende Folge der „Man-wird-doch-wohl-noch-sagen-dürfen“-Debatte liegt in der Aufwertung rechter Themen und Argumentationsstrategien. Alice Schwarzer sagte bei „Maischberger“: „Je mehr wir das berechtigte Unbehagen der Bevölkerung ignorieren, umso mehr werden wir die Menschen in die Arme der Rechtspopulisten treiben.“ Wer also ist schuld, wenn Rechtspopulisten und Neonazis demnächst wieder mehr Zulauf bekommen? Wir (also alle, die gegen Diskriminierung und Pauschalverurteilung anderer Kulturen sind). Um ganz sicher zu gehen, dass keine rechtspopulistischen Parteien entstehen, müssen wir uns deren mögliche Parolen schon präventiv aneignen. Bis zur Gründung der AfD pflegten Altparteien dann befriedigt zu konstatieren, dass eine neue rechtspopulistische Bewegung verhindert werden konnte. Sie war wohl bis vor kurzem auch nicht nötig, weil die etablierten Medien und Parteien deren Job schon selbst erledigt hatten, indem sie Migranten penetrant attackieren. Heute ist diese Saat aufgegangen: in den Parlamenten und auf deutschen Straßen.

Warum ist das so gefährlich? Erstens wird Neonazis so ein übermäßiger Einfluss, ja Meinungsführerschaft zugestanden. Selbst Menschen, die von Natur aus gar nicht ausländerfeindlich denken, übernehmen vorsichtshalber ein paar ihrer Parolen, um zu zeigen, dass sie auf der Höhe der Debatte sind. Zweitens werden durch den Zuspruch aus dem Mainstream echte Rassisten und Xenophobiker ermutigt, zu glauben dass ihre Zeit nun endlich gekommen sei. Wer sich noch keine klare Meinung gebildet hat, wird durch die von den Medien ausgebreitete Sammlung von Negativbeispielen garantiert zum überzeugten Ausländerfeind. Es ist m.E. ein fataler Irrtum, einen Rechtsruck in der Politik verhindern zu wollen, indem man „die Ängste der Bevölkerung ernst nimmt“. Die gleiche Mühe, die man jetzt investiert, diese Ängste zu pflegen, könnte man verwenden, um sie zu therapieren, indem man die Wahrheit dagegen setzt. Die jetzige Debatte facht das Feuer, das man angeblich auspusten will, nur noch mehr an.

Islam-Debatte ohne Islam-Kenntnis

Kennzeichen der Islam-Debatte ist auch mangelnde Kenntnis über den Islam. Muslime sind das einzige Feinbild, auf das sich „konservative“ und „alternative“ Kultur mühelos einigen können. Alice Schwarzer und moderne Türkinnen stehen hier Seit an Seit mit einem Sarrazin oder Seehofer. Gerade das macht die Anti-Islam-Kampagne so gefährlich: Die traditionelle Wachsamkeit der sozialen, ökologischen und feministischen Strömungen gegenüber Diskriminierung wird aufgeweicht, indem negative Eigenschaften eines Teils der Muslime in den Vordergrund gespielt werden (der spießige, frömmelnde, ewig gestrige, lust- und frauenfeindliche Patriarch). Wer auf diesen Teilaspekt der Migrantenkultur hinweist, ist deshalb noch kein „Nazi“. Ungefährlich ist die Entwicklung trotzdem nicht. „Coole“, sympathische Xenophobiker oder solche, die man sonst aus einem „linken“ Kontext kennt, bieten Medienbürgern ein niedrigschwelliges Angebot, ein Stück nach rechts zu rücken.

Dabei geht es gar nicht darum, die „dunklen Seiten“ des Islam, etwa die Unterdrückung der Frau in islamistisch geprägten Ländern, zu beschönigen. Es käme nur darauf an, dass wir uns eine gewisse geistige Freiheit bewahren und die von interessierten Kreisen verbreiteten Halbwahrheiten über den Islam ergänzen zu einem vollständigeren Bild, das die Schönheit und Würde dieser Religion zur Kenntnis nimmt. Wer sich umfassender über den Islam informiert, vorzugsweise auch aus Quellen, die von Muslimen selbst stammen, immunisiert sich gegen einen Hass, der sich durch Provokation und Gegenprovokation zu einem neuen Kulturkampf aufschaukeln könnte.

Positiv im Koran sind zum Beispiel die vielen explizit toleranten Stellen: „All denen – seien es Gläubige, Juden, Christen oder Sabäer –, wenn sie nur an Gott glauben, an den Jüngsten Tag und das Rechte tun, wird einst Lohn von ihrem Herrn, und weder Furcht noch Traurigkeit wird über sie kommen.“ (Sure 2, 63) Der islamische Mystiker Ibn Arabi (12./13. Jh.) sagte: „Mein Herz hat sich allen Formen geöffnet, es ist eine Weide für die Gazellen und ein Kloster christlicher Mönche, es ist ein Götzentempel und ist die Kaaba des Pilgers und die Tafeln der Thora und das Buch des Koran. Ich übe die Religion der Liebe aus, in welche Richtung seine Karawanen auch ziehe mögen.“ Es kostet nur wenig Mühe, in der islamischen Kultur viel Liebe, Weisheit und gedankliche Weite aufzuspüren, vorausgesetzt, man ist dafür offen. Wenn man dergleichen finden will. Bequemer ist es natürlich, die „schlimmen“ Stellen des Koran wiederzukäuen („Tötet die Ungläubigen, wo ihr sie findet“).

Der mir persönlich bekannte Sufi-Meister André Ahmed al Habib schrieb zum Thema Koran-Exegese: „Dunkle Charaktere lesen im Koran die Aufforderung zu Engstirnigkeit und Fanatismus, wohingegen helle Charaktere im Koran die Aufforderung zu Toleranz, zu aktiver Gottes- und Nächstenliebe sowie zur unmittelbaren Erkenntnis der Schöpfung und des höchsten Seins erkennen.“ Daran gemessen sieht es momentan düster aus: in den Köpfen von Islamisten, aber auch in denen vieler Integrationsdebattierer.

(Am kommenden Mittwoch erscheint zum Thema „Integrationsdebatte“ auf dieser Seite: Wozu brachen wir Feindbilder? Selbstüberschätzung der „Leitkultur“. Die Angst der Politik vor Machtkonkurrenz.)

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