Burger für Don Giovanni

 In Kurzgeschichte/Satire, Roland Rottenfußer
Szenenbild aus "Don Giovanni"

Szenenbild aus „Don Giovanni“

Der öffentliche Raum wird immer mehr zur Werbefläche für private Anbieter. Da wäre es schon ein Wunder, wenn der Bereich der Hochkultur davon verschont bliebe. Im Land der Dichter und Denker, der Heimat Bachs und Beethovens, ist man verständlicherweise besonders empfindsam, was die Durchmischung erhabener künstlerischer Botschaften mit knallharten Wirtschaftsinteressen betrifft. Die Schonzeit für Schöngeister scheint jetzt allerdings vorbei zu sein. Auch die Oper ist dabei, aus dem wolkigen Wallhall herabzusteigen und in der Realität anzukommen. (Roland Rottenfußer)

 

Ein dumpfes Klopfen an der Pforte. Leporello zuckt zusammen: »Gnäd’ger Herr! O Schreck und Graus, gehet ja nicht dort hinaus.« Die Zuschauer ahnen, was nun bevorsteht: namenloses Grauen, die Rache aus der Geisterwelt, Vergeltung für die zahllosen Sünden, die Leporellos lüsterner Herr in all den Jahren auf sich geladen hatte. »Nun, man klopfet. Öffne!«, befiehlt Don Giovanni unbeeindruckt. Leporello verkriecht sich unter dem Tisch. »Ich bebe«, wimmert er, doch sein Herr bleibt hart: »Memme! Dies Gaukelspiel zu enden, will ich selbst zu öffnen gehen.« Aus dem Orchester tönen nun wuchtige Stöße in d-moll. Die Tür öffnet sich, und die Aufmerksamkeit der Zuschauer ist aufs äußerste gespannt …

Das Orchester setzt aus, und ein Vorhang entrollt sich von oben herab vor der Szene: »Wird es Don Giovanni gelingen, der Rache des unheimlichen steinernen Gastes zu entrinnen?«, ist mit meterhohen Lettern auf das Tuch projiziert. »Gleich geht’s weiter!« Unruhiges, teilweise verärgertes Murmeln unter den Zuschauern. Nicht alle haben sich bereits an die neuen Sitten bei den Privatopern gewöhnt. Als der Vorhang sich hebt, ist ein Ballett aus 12 schmucken, grell geschminkten Frauen zu sehen, die um die Taille breite Cheeseburger aus Pappmachee tragen – Papp-Sesamsemmel, Rinderhack, Gurkenscheiben und Ketchup inclusive. Die Burger-Girls schwingen kokett die Beine und stimmen dabei ein Lied an, dessen Ästhektik an die frühen Modern Talking erinnert: »Hast du mit den Frauen Ärger, schalt mal ab bei Quickie-Burger!« Männer nähern sich mit begehrlichen Blicken den Girls und umtänzeln sie: »Quickie-Burger – zum Anbeißen gut!«, singen alle Anwesenden im Schlusschor.

»Wolfgang Amadeus Mozarts Meisterwerk Don Giovanni wird Ihnen präsentiert von Quickie-Burger«, steht auf dem nun wieder herabgelassenen Vorhang. Als er sich hebt, steht eine eindrucksvolle Gestalt in grauem Gewand in der Tür. »Don Giovanni, du hast gerufen!«, poltert bedrohlich ein wahrhaft furchterregender Bass … Das furiose Finale nimmt nun seinen Lauf – bis zum im wahrsten Sinn des Wortes teuflisch guten Ende.

Werbeunterbrechungen bei Opern- und Theateraufführungen sind die Zukunft der internationalen Kulturlandschaft. Darin waren sich der Superindendant der Münchner Theater Wieland Würzler und Quickie-Burger Deutschland-Chef Stuss einig, die das neue Konzept zur Sanierung der deutschen Theater bei einer gemeinsamen Pressekonferenz im Hotel »Bayerische Post« vorstellten. »Die öffentlichen Kassen stehen unter Sparzwang«, erklärte Würzler. »Und bei der Kultur wird eben als erstes gestrichen. Ist ja auch verständlich. Sind wir doch ehrlich, brauchen die Menschen Don Giovanni, Carmen oder Toska wirklich? Die sind doch froh, wenn sie sich einen Aldi-Einkauf leisten können. Oper ist Luxus für eine schwindende Minderheit von Bildungsbürgern. Der Staat ist nicht dafür da, denen ihren elitären Kunstgenuss zu finanzieren.«

»Für das Geld, das eine ‚Tosca‘ kostet, könnte man statt dessen die längst überfällige Aufstockung des Militärhaushalts ein Stück voranbringen«, ergänzt Burger-Chef Stuss.

Nach dem Verkauf der einst öffentlich subventionierten Opernhäuser an zahlungskräftige Privatunternehmen mussten neue Finanzierungswege für teure Produktionen gefunden werden. Mit der drastischen Reduzierung der Gehälter für alle Bühnenarbeiter allein konnten beispielsweise die Münchener Theater nicht in die schwarzen Zahlen kommen. Werbeunterbrechungen waren insofern eine naheliegende Konsequenz aus der Finanzmisere. »Opernzuschauer sind die idealen Werbekonsumenten«, schwärmt Stuss. »Sie sind hoch konzentriert und können sich wegen der engen räumlichen Verhältnisse während der Pausen kaum von ihren Plätzen wegbewegen. Davon kann die TV-Werbungsbranche nur träumen. Da gehen die Leute ja bei der Quickie-Burger-Werbung zum Pinkeln oder Bier holen raus

»Gab es wegen der Werbeunterbrechungen nicht eine Flut von Zuschauerprotesten?«, fragte ein Journalistenkollege.

»Der ‚Tristan‘ vor gut zwei Jahren war eine Pionierleistung mit Signalcharakter für die ganze Branche«, erzählt Würzler. »Drei Werbeunterbrechungen, eine als Tristan und Isolde den Liebestrank zu sich nehmen, eine im zweiten Akt beim Liebesduett ‚Oh sink hernieder, Nacht der Liebe‘, eine dritte unmittelbar vor Isoldes Liebestod – das war natürlich eine Provokation für die Schöngeister. Der Regisseur warnte mich. Er sagte: ‚das akzeptieren die Zuschauer nie und nimmer‘, die lieben die Oper. Aber ich sagte: ‚Wartens Sie’s ab, Herr Kruvczyk! Die Herde ist träge und duldsam. Nach ein paar Monaten Umgewöhnungszeit schlucken die alles. Die Werbeunterbrechung bei Spielfilmen war auch erst mal neu. Heute kann man sich Filme ohne Werbung kaum mehr vorstellen.‘

Richtig Ärger gab’s eigentlich nur einmal mit den Kirchen. Wir spielten ‚Matthäus-Passion‘. Jesus war gerade gekreuzigt worden, und der Chor sollte »Wir setzen uns in Tränen nieder« singen. In diesem Moment wurde ein DigiPhone-Werbeplakat entrollt, und eine Computerstimme sagte: ‚Den folgenden Song können Sie auch als Klingenton für Ihr Handy herunterladen‘. Da haben sich ein paar Bischöfe beschwert, das sei geschmacklos. Seither bringen wir bei geistlicher Musik nur noch seriöse Sachen: Autos, Fruchsaftgetränke oder Hartwurst.«

Die Zukunft sieht Wieland Würzler allerdings im, wie er es nennt, »Cultural Commercializing« (CC). Opern sollen nicht länger in ihrer Originalversion aufgeführt werden, sondern, mit leichten auf die Wünsche des Sponsors abgestimmten Änderungen in Musik und Libretto. Im Theaterbereich waren diesbezügliche Pilotprojekte bereits erfolgreich über die Bühne gegangen. So war der berühmte Satz des Marquis Posa in Schillers Don Carlos, »Geben Sie Gedankenfreiheit« bei einer Aufführung in Frankfurt durch »Geben Sie Handelsfreiheit« ersetzt worden. Außer ein paar ästhetischen Puristen, »weltfremde Germanisten vermutlich«, sagt Würzler, habe es niemand bemerkt. Dies eröffnet Würzler zufolge völlig neue Möglichkeiten für Synergien zwischen Wirtschaft und Kultur. »Denken Sie an Wagners ‚Ring des Nibelungen‘. Da wird andauernd gegen Geld und Macht gewettert. Ein Werbetexter und ein Komponist sind gerade dabei das Stück in einem etwas wirtschaftsfreundlichen Sinn umzuschreiben.« Und er verordnet der Kunst mehr Realitätsnähe. »Das letzte Wort wird künftig nicht das musikalische Leitmotiv der Liebe haben, sondern die in Wagners Instrumentierungsstil umgesetzte Werbefanfare des RenditeAktienfonds RAf. Das Gold wird siegen, nicht die Liebe – so wie ja auch im wirklichen Leben.«

 

 

 

 

 

 

 

 

Anzeige von 3 kommentaren
  • Volker
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    Dazu passt auch ohne Gitarrenspiel:

    Damals – Offenbach am Main, Hausnummer 60.

    Firmenwohnungen einer Firmenwohnsiedlung: zwei Stockwerke, sechs Familien, Keller, Speicher, Rasenflächen, Trauerweiden, Vogelnester, Wäscheleinen, Fahrradständer, Landeanflüge im Aufschwung über versteckte Trümmer aus einem Weltkrieg.

    In der Waschküche des Kellers wurde nach Waschplan Wäsche gewaschen. Waschtrog mit Holzbefeuerung, nachbarschaftliches Geschwätz aus Kittelschürzen und klammer Lohntütenarbeit.
    Im Keller lagerten Eierkohlen und Briketts neben Kartoffeln und Eingemachtem aus dem Schrebergarten, in Steinguttöpfen gährten Bohnen und Kraut für kommende Wintertage. Man mußte über die Runden kommen, irgendwie –
    Bis auf den blühenden Gärten ein Neubaugebiet errichtet wurde, die erste Aldifilliale in Offenbach eröffnete.

    An manchen Tagen wehte der Geruch von faulen Eiern aus der frankfurter Müllverbrennungsanlage nach Offenbach, setzte sich fest, lies Nasen rümpfen. »Monte Scherbelino«, ein Abfallgebirge, stank nach Großstadtmüll und Wirtschaftswunder, begleitet vom Motorengeheul einfliegender Maschinen im Minutentakt, die – zum Greifen nah – Menschen erzittern liesen.

    Um die Ecke gab es einen Konsum, einen Metzgerladen und ein Kiosk, dessen Betreiberin Laufmaschen aller benachbarten Damenstrümpfe flickte, uns Kinder Wackelbildchen und Plastikflieger mit Gummiringen verkaufte, die wir zwischen den Häusern herumfliegen liesen, bis sie von Mauern verschluckt wurden.

    Im Winter bauten wir angegraute Schneemänner vor der Haustür, bewarfen uns mit Schneebällen, unsere vereisten Hände glühten, eingepackt in selbstverstrickter Wolle, den Rollkragen über die Nase gezogen, lachten über Mützen mit Bommeln, unter denen sich Mamasöhnchen versteckten, vor einbrechender Dunkelheit sandmännchenbehütet eingefangen wurden.

    In Hausnummer 62 verstarb einer von uns an Krebs, ein Junge von nebenan, eine Tür weiter, den wir nur selten sahen, nicht einmal im Freibad während den Sommerferien –

  • Volker
    Antworten
    Nachtrag:
    sorry, der Text ist versehentlich im falschen Beitrag gelandet.
  • kevin_sondermuelller
    Antworten
    Kultur ist in der »Brave New World« ja sowas von sperrig
    und im (Handels-)Wege! Da muss man sie eben sanft erdrosseln –
    nicht so wie in Aldous Huxley´s Roman durch gewaltsame Elimination
    der »Kulturenthusiasten«, sondern eben gewinnbringender durch
    den Würgegriff der Kommerzialisierung.

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