Comeback einer Klischeefigur

 in FEATURED, Politik, Roland Rottenfußer

Piraten sind Medienstars, gefürchtete Verbrecher und manchmal auch Volkshelden. Trifft die europäische Militäraktion gegen die somalischen Seeräuber den Kern des Problems? Was treibt zuvor harmlose afrikanische Fischer zu ihren abenteuerlichen Unternehmungen? Und welches sind die wahren Motive der Ordnungshüter, die mit ihrem Feldzug gegen die Piraten die Militarisierung der Weltmeere vorantreiben? Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel ist aus dem Jahr 2009, viele der dargestellten politischen und ökonomischen Strukturen sind jedoch nach wie vor aktuell. Roland Rottenfußer

 

Das Comeback der Piraterie deutete sich als erstes im Kino an. Jahrzehntelang galten Piratenfilme als Kassengift – ein historisch überholtes Genre aus den Zeiten der Schauspiel-Oldies Errol Flynn („Der Herr der Sieben Meere“) und Burt Lancaster („Der rote Korsar“). Renny Harlin mit „Die Piratenbraut“ und sogar Regiemeister Roman Polanski mit „Piraten“ bissen sich die Zähne aus an der scheinbar infantilen und klischeebeladenen Abenteuerromantik des Genres. Beide Filme floppten an den Kinokassen. Bis Johnny Depp kam, der als Captain Sparrow in der überaus erfolgreichen Kinotrilogie „Piraten der Karibik“ den Freibeutern zu neuen Ehren verhalf. Ohne Augenklappe, dafür mit Cajal-Stift.

Als ob es die Kinomacher geahnt hatten! Kaum war die Trilogie aus den Kinos verschwunden, flimmerten Nachrichten über den Äther, die für die meisten ahnungslosen Fernsehzuschauer schier unglaublich klangen: Die Piraten sind zurück. Und zwar die echten. Vor der Küste Somalias hat es 2008 sage und schreibe 95 Überfälle auf internationale Handelsschiffe gegeben, dreimal so viele wie im Vorjahr. Derzeit (Stand Ende 2008) befinden sich noch 14 Schiffe und mehr als 300 Besatzungsmitglieder in der Hand von Piraten. Die Lösegeldforderungen betragen pro Schiff bis zu 15 Millionen Dollar. Die Nachricht, dass in Rom wieder Gladiatorenkämpfe mit Sklaven, Raubtieren und Streitwägen stattfinden, hätte auf den modernen Medienkonsumenten nicht skurriler wirken können.

Jenseits von Johnny Depp

Dabei hätte das Thema eine ernsthafte Behandlung verdient. Opfer von Piratenüberfällen zu werden, ist auch heutzutage kein Vergnügen. Piraten nähern sich Frachtschiffen meist nachts mit kleinen Schnellbooten, denen die schwerfälligen Tanker nicht entkommen können. Sie werfen ganz klassisch ihre Enterhaken über die Reling und hangeln sich an Seilen und Strickleitern an Deck, die Gewehre über ihre Schultern gehängt. Gegen solch entschlossene Waffengewalt ist die Besatzung meist machtlos. Wochen- oft monatelang müssen die Gefangenen auf ihren Schiffen vor der Küste Somalias ausharren und darauf hoffen, dass die Reedereien auf die Lösegeldforderungen ihrer Entführer eingehen. Hilfe von der Polizei oder Justiz vor Ort kann man vergessen. Somalia gilt als „failed state“, als gescheiterter Staat, in dem weitgehend anarchische Verhältnisse herrschen.

Mit Errol Flynn oder Johnny Depp haben die wilden Gesellen, die man auf einigen Magazinfotos bewundern kann, nicht viel gemein. Vielmehr sehen sie aus wie sehr dunkelhäutigen Araber mit Turban oder Arafat-Tuch, die Panzerfaust geschultert, nicht unfreundlich, aber konzentriert und entschlossen dreinblickend. Somit entsprechen sie ziemlich exakt dem Feindbild, dem kollektiven Alptraum des „christlichen Abendlands“. Was treibt diese wilden Gesellen an? Und warum werden sie in ihrer Heimat – statt die „gebührende“ Verachtung zu ernten – wie Volkshelden gefeiert?

„Früher waren wir ehrliche Fischer, aber seit Fremde unsere Meere leer fischen, müssen wir nach anderen Wegen suchen, um zu überleben“, sagt Neo-Freibeuter Abdullah Hassan (39) in einem erstaunlich freimütigen Bildbericht des Magazins „Stern“. Die Überfälle liefen immer ohne Blutvergießen ab. Das sei Ehrensache in Fachkreisen, sagt Hassan. Und sein Kollege Sugule Ali ergänzt: „Wir sind keine Seeräuber, sondern Küstenwächter. Piraten sind für uns diejenigen, die illegal unsere Meere leer fischen, ihren Müll hier verklappen und Waffen durch unsere Gewässer transportieren.“

Gut oder böse?

Es ist nicht untypisch für dieses Thema, dass die Figur des Piraten zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht schillert wie weiland Robin Hood, der edle Räuber. Vielleicht ja auch, weil der Edelmut der Beraubten schon immer fraglich schien. Schon der griechische Historiker Thukydides sagte 400 v. Chr. über Piraten: „Sie halten ihre Taten auch nicht für unanständig, und es gibt niemanden, der ihnen darob Vorwürfe macht.“ Königin Elisabeth I. von England hat einigen der bekanntesten Piraten der Weltgeschichte in die Startlöcher geholfen, so dem berüchtigten Sir Francis Drake. Sie erlaubte Drake und anderen Abenteurern aus durchsichtigen politischen Motiven, die spanische Armada anzugreifen und auszuplündern. Die Spanier verhielten sich damals ebenso aufdringlich wirtschaftsimperialistisch wie heutzutage USA und EU. Wo ist da Gut, wo Böse?

Die eher holzschnittartige Weltsicht der Bundesregierung und ihrer europäischen Verbündeten lässt für solche Detailfragen keinen Raum. Im Dezember 2008 beschloss sie „Kampfeinsätze“ (Peter Struck) gegen Piraten. Erstmals in der Geschichte startet die EU somit einen gemeinsamen Einsatz von Kriegsschiffen unter europäischer Flagge. Natürlich handelt es sich um ein „robustes Mandat“, das heißt, es darf geschossen werden, und feindliche Schiffe dürfen versenkt werden. Nur die Partei „Die Linke“ äußerte bei der entscheidenden Abstimmung am 19. Dezember Bedenken, dass der Einsatz nicht verfassungskonform sein könnte. Räuberische Überfälle und Entführung sind, so schlimm sie für die Beteiligten sein mögen, Verbrechen von Privatpersonen, keine kriegerische Handlungen eines Staates gegen einen anderen Staat. Daher wäre eher die Bundespolizei zuständig, argumentierte die Linke.

Geleitschutz für private Profitinteressen

Der Grund dafür, dass die Entscheidungsträger mit kriegerischem Vokabular schnell bei der Hand sind, dürfte in einer von langer Hand geplante Machtstrategie der Nato-Staaten liegen. Schon in den „Verteidigungspolitischen Richtlinien“ von 1992 steht, „dass die Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt“ eine wichtige Aufgabe der deutschen Politik sei. Gefordert wird daher die Transformation der Bundesmarine in eine „Expeditionary Navy“, die in der Lage ist als flexible Eingreiftruppe auf den Weltmeeren zu agieren.

Der Marineeinsatz gegen die somalischen Piraten bringt also einen „Nebennutzen“ in mehrerlei Hinsicht: Die Vermischung der Funktionen von Polizei und Heer wird vorangetrieben, die Bevölkerung schrittweise an die Aufweichung der von der Verfassung vorgegebenen Aufgabentrennung gewöhnt. Die Aufgabe des Militärs wird schrittweise von der Landesverteidigung hin zu einer begleitenden Schutzfunktion für die Privatwirtschaft verschoben. Damit werden auch strategische Machtinteressen Deutschlands mittels Gewaltandrohung und Einschüchterung abgesichert. Gleichzeitig mit der Militarisierung der Ökonomie wird auch die Ökonomisierung des Militärs vorangetrieben. So bot der private Militärdienstleister Blackwater dem Schifffahrtsversicherer Lloyds seine Dienste auch zur Bekämpfung der Piraten an.

Ein neuer Kolonialismus

Wie nebenbei können dabei auch innovative Waffensysteme in der Praxis erprobt werden, die „man“ auch in einem anderen Kontext möglicherweise wird brauchen können. Der Bremer Reeder Niels Stolberg will seine Frachter jetzt mit so genannten Frequenzkanonen ausstatten, die bei Menschen starke Schmerzen am Trommelfell hervorrufen. Außerdem können sie Übelkeit und Bewusstlosigkeit auslösen. Der Hersteller der LRAD (Long Range Acoustic Device) pries die neue Schallwaffe als effektives Instrument zu „Crowd Control“, sozusagen als akustisches Pendant für die auf Massendemonstrationen bewährten Wasserwerfer. Vor allem Sicherheitskräfte in den USA und Großbritannien erwarben das Gerät bisher.

Da wir gerade beim Thema „Crowd Control“ sind: Laut Focus online hat die somalische Regierung (obwohl angeblich praktisch handlungsunfähig) dem ausländischen Militär angeboten, Internierungslager für Piraten auf somalischem Boden einzurichten. Dort sollen gefangene Seeräuber gleich vor Ort abgeurteilt und eingesperrt werden. Nur die Entschlossenheit von Militärs aus aller Welt könne das zunehmende Problem der Piraterie am Horn von Afrika in den Griff bekommen, soll der frühere Außenminister des Landes Sheik Ismael gesagt haben. Die Verfolgung der Piraten werde nicht daran scheitern, dass Somalia auf seiner Souveränität beharre.

Wenn ein Staat „gescheitert“ ist, wenn Anarchie und Chaos herrschen, könnten sich die „Führungsmächte“ der Welt zunehmend aufgerufen fühlen, für Ordnung zu sorgen. Repressions-Know How könnte sich dabei als ein zukunftsweisender Exportartikel der USA und ihrer Verbündeten erweisen. Es muss nicht bei Afghanistan und Irak bleiben, Regierungen, die ihr Volk nicht mehr im Griff haben, könnten (wie im Fall von Somalia) geradezu nach einer harten Hand aus dem Ausland rufen. Ein Schelm, wer dabei das böse Wort vom „Neuen Kolonialismus“ im Mund führt. Wir meinen es doch nur gut. Oder?

„Militarisiertes Denken“

Der englische Journalist Nick Beams hat eine alternative Deutung der Vorgänge in Afghanistan und Somalia parat: „Das Argument, dass die Existenz ‚gescheiterter’ Staaten eine Rechtfertigung für imperialistische Herrschaft sei, ist (…) fadenscheinig und verlogen. Der so genannte ‚gescheiterte Staat’ ist durch imperialistische Intervention entstanden – die Organisation von Staatsstreichen, das Anheizen von Bürgerkriegen und ethnischen Konflikten im eigenen Interesse, und die Aufrüstung repressiver Regime. Sie sind auch die Folge einer erzwungenen Wirtschaftspolitik, die für die Völker dieser Länder katastrophale Folgen hat.“ Die Verarmung der Sub-Sahara-Region auf dem afrikanischen Kontinent, so Beams, sei zum großen Teil auf die Rückzahlung von Krediten und Zinsen an westliche Banken und den IWF zurückzuführen.

Auch von ungewohnter Seite kamen gegen das Vorgehen der Bundesmarine ethisch begründete Vorwürfe: So sagte der Afrika-Experte des Evangelischen Entwicklungsdienstes Wolfgang Heinrich: „Die Debatte über die Reaktion auf die Piraterie am Horn von Afrika in Deutschland ist leider wieder ein Ausdruck des militarisierten Denkens und Handelns deutscher Politiker. Anstatt sich mit den wirtschaftlichen und politischen Ursachen der Piraterie zu befassen, geht es ausschließlich um die militärische Absicherung deutscher und europäischer Wirtschaftsinteressen.“ Wie hängen Ursachen und Wirkung wirklich zusammen? Einige Piraten gaben laut einer Studie des Royal Institute of International Affairs an, dass „sie Somalias natürliche Ressourcen schützen wollten und Lösegelder daher als legitime Besteuerung anzusehen seien“. Dem Magazin „Stern“ zu Folge sprechen Piraten statt von „Lösegeld“ auch mit Vorliebe von „Gebühren“.

Verbrecher aus Not

Wo genau besteht die Trennlinie zwischen „Gebühr“ und „Beraubung“. Abgesehen davon, dass auch viele Normalbürger bestimmte Gebühren, Steuern, Mautzahlungen und überzogene Geldstrafen als legalisierte Formen der Ausplünderung empfinden, hat die Sichtweise der somalischen Piraten durchaus etwas für sich. Piraterie ist an der somalischen Küste zu einem Wirtschaftsfaktor geworden, der der Region bisher ungeahnten Wohlstands bringt. Die „Volkshelden“ versorgen ihre Großfamilien, vor allem auch ihre Kinder mit ausreichender Nahrung und Kleidung (während die viel gelobte liberale Weltwirtschaftsordnung sie hungern lässt). Sie schleusen die geraubten Reichtümer über den Konsum in die somalische Wirtschaft ein, wovon viele Branchen profitieren. Illegalität ist hier, wie in vielen anderen Fällen, der letzte Ausweg für Menschen, die legal nicht oder nur unter unwürdigen Umständen überleben können.

Der „Krieg gegen die Piraterie“ hat wie jener gegen den Terror einen Aspekt von Schattenprojektion. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der geheime Orden, dem George W. Bush angehört, „Skulls and Bones“, als Symbol praktisch die Piratenflagge gewählt hat: den Totenkopf mit sich überkreuzenden Armknochen. „Ich nehme von dir, was ich kriegen kann, weil ich die Macht habe, es dir abzupressen.“ Diesen unausgesprochenen Grundsatz eines aggressiven globalen Ökonomismus wenden auch Piraten an. Der Unterschied ist, dass sie es aus Not tun, westliche, meist ganz legale Plünderer dagegen aus purer Gier. Solange wir nicht bei den Ursachen ansetzen, sondern nur darauf aus sind, die Symptome kurzfristig zum Verschwinden zu bringen, wird es mit der Kriminalität nicht besser, sondern schlimmer werden.

 

Showing 3 comments
  • Volker
    Antworten

    Und welches sind die wahren Motive der Ordnungshüter, die mit ihrem Feldzug gegen die Piraten (…)

    All den wertvollen Meeres-Plastikmüll für sich zu beanspruchen, daraus Plastik herzustellen, um ihn später ins Meer zu verklappen, als Plastikminen, im Kampf gegen Fischers Fritze und sonstiger Schlepp-Netz-Piraterie (?).

    Nebenbei befinden sich Immobilien-Konzerne sowie Nahrungsmittelindustrie auf weiteren Feldzügen, um a) mit Anlagewerten Plastikinseln reichen Finanz-Fischern weitere Spielwiesen sozialen Wohnungsbaus zu ermöglichen, und b) globale Hungermäuler mit gefrosteten Fischstäbchen aus Plastikmüll zu bekämpfen.

    Sollte der Alte Mann genervt die Stöpsel ziehen, und Kraterlandschaften dort entstehen, wo einst

    Bernsteinfarbene Meeresjungfrauen

    Auf stürmischen Wellen ritten …

    (coole Poesie, gell)

    … macht Amazon ein neues Disneyland daraus.

    Wenn dieser Spaß einmal vorbei/stampfen wir die Welt zu Brei.

    (…) wird es mit der Kriminalität nicht besser, sondern schlimmer werden.

    Genau.

    Einmal klaute ich Zigarettenpapier, wegen dem scheiß Hartz 4, danach aber nicht mehr, ich schwöre. Wollte wegen dem Hartz nicht vor einem Richter stehen, mich erbärmlich schämen müssen, und schon gar nicht bei BILD auf der Titelseite stehen.

    So hatte ich mich dazu entschieden, als ehrliche Haut auch weiterhin mein Kreuz zu schultern, mit einem Das-Hab-Ich-Mir-Redlich-Verdient auf meinen Lippen.

    Nun warte ich auf mein persönliches Bundesverdienstkreuz, in der Hoffnung einer angemessenen Seebestattung als Sondermüll.

    Sollten in Millionen von Jahren neue Einzeller zu Fischen mutieren, Fische zu Affen, das gescheiterte Evolutions-Prinzip sich wiederholen, denken Sie bitte daran, dies wäre ohne mein Zutun solidarischer Verantwortung niemals möglich gewesen.

    Es lebe die Zukunft!

    Alter Mann II.; Erschaffer des Pfanddosen-Menschen

  • Karin H. Tortenbecker
    Antworten
    Möglicherweise sind bzw. waren  einige dieser „Piraten“ mit ihren Kalaschnikos ja auch genau deswegen da, damit die Militarisierung der Weltmeere vorangetrieben wird? Wer weiß? Eine weitere kaum vorstellbare Theorie kreist um den Begriff „Versicherungsbetrug“. Aber so etwas gibt es ja eigentlich nicht, bzw. so etwas ist extrem selten, ich glaube auch, nein, ich bin felsenfest davon überzeugt, es handelt sich ganz sicher eher um so etwas wie eine etwas weiter südlich gelegene Robin-Hood-Geschichte, bei dieser Piraterie. Das Ende des Artikels führt m. E. in die eigentlich interessanten Gefilde,- hier wären weitergehende Ausführungen wünschenswert gewesen. 😉
  • Dr. Inga Pretation
    Antworten
    „Schiffswracks – das Leben nach dem Untergang“. Eine aktuelle Schlagzeile mit viel Potenzial für die systemkontextualisierte Exegese.

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