Der Öko-Papst 2/2

 In FEATURED, Politik, Roland Rottenfußer, Spiritualität, Umwelt/Natur

Mystik in einem Blütenblatt?

Die Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus gesteht jedem Geschöpf einen Eigenwert zu und kritisiert die Verdinglichung der Natur durch den Ökonomismus. Ein Statement des Papstes zur Umweltdebatte. Braucht es das? Wäre es, anstatt auf diese „ewig gestrige“ Instanz zu hören, nicht vielmehr notwendig, endlich die Warnungen der Wissenschaft ernst zu nehmen, die auf Fakten beruhen, nicht auf Jahrtausende alten Glaubenssätzen? Ja und nein. Auch der betont bescheidene und soziale Papst hat seine blinden Flecken. Und, ja, diese Enzyklika ist ein Weg weisendes Meisterstück. Sie ist notwendig im wahrsten Sinn des Wortes. Wir können die fundamentale Krise dieser Zivilisation nicht mit den Mitteln lösen, die sie herbeizuführen halfen: nicht mit Zynismus und Gefühllosigkeit, nicht mit dem kalten Effizienzdenken unserer Büro- und Technokratien, nicht mit überheblichem „Krone der Schöpfung“-Getue. Denn es ist eine Krise des Geistes, in der wir feststecken, ausgelöst auch durch eine fatale Umwertung aller Werte. Franziskus – hier ein Schüler seines Namensgebers Franz von Assisi – setzt die richtigen Akzente, indem er den Menschen in ein geschwisterliches Verhältnis zur Natur setzt und indem er dieser einen Eigenwert jenseits ihres „Nutzwerts“ für die Menschen zugesteht. Die Papst-Enzyklika setzt Poesie gegen die Prosa vermeintlicher Sachzwänge. Sie setzt Genügsamkeit gegen Konsumrausch und fordert die Politik auf, den „Schrei der Armen“ ebenso wie jenen der misshandelten Erde zu hören. Wir müssen aufhören, uns irgendetwas „untertan machen“ zu wollen. Wir müssen wieder lernen, Liebende zu sein, oder wir werden bald nicht mehr sein. Roland Rottenfußer

Die Machtstrukturen angreifen

Wenn es um die Klimafrage geht, ist der „Heilige Stuhl“ über Reförmchen und Symptombekämpfung längst hinaus. Unverblümt stellt Franziskus die Machtfrage:

„Alle Bestrebungen, die Welt zu hüten und zu verbessern, setzen vor allem voraus, ‚dass sich die Lebensweisen, die Modelle von Produktion und Konsum und die verfestigten Machtstrukturen [von Grund auf] ändern, die heute die Gesellschaften beherrschen‘.[7] (…)

Lösungen sollten auf allen Ebenen gefunden werden, auch auf der des individuellen Lebensstils.

„Die Menschheit ist aufgerufen, sich der Notwendigkeit bewusst zu werden, Änderungen im Leben, in der Produktion und im Konsum vorzunehmen, um diese Erwärmung oder zumindest die menschlichen Ursachen, die sie hervorrufen und verschärfen, zu bekämpfen.“

Dennoch führen die Spuren vereinzelter Missstände immer wieder zu zwei Grundüblen zurück: dem Finanzsystem und dem „Konsumismus“, wobei letzterer sowohl ein strukturelles als auch ein psychologisches Problem ist.

„Wenn wir jedoch die Welt betrachten, stellen wir fest, dass dieses Ausmaß menschlichen Eingreifens, das häufig im Dienst der Finanzen und des Konsumismus steht, dazu führt, dass die Erde, auf der wir leben, in Wirklichkeit weniger reich und schön wird, immer begrenzter und trüber, während gleichzeitig die Entwicklung der Technologie und des Konsumangebots grenzenlos weiter fortschreitet. So hat es den Anschein, dass wir bestrebt sind, auf diese Weise eine unersetzliche und unwiederbringliche Schönheit auszutauschen gegen eine andere, die von uns geschaffen wurde.“

Die Umweltthematik kann nicht unabhängig von der Friedensthematik betrachtet werden. Auch hier zeigt der Papst erstaunlichen Weitblick:

„Es ist vorhersehbar, dass angesichts der Erschöpfung einiger Ressourcen eine Situation entsteht, die neue Kriege begünstigt, die als eine Geltendmachung edler Ansprüche getarnt werden. Der Krieg verursacht immer schwere Schäden für die Umwelt wie für den kulturellen Reichtum der Bevölkerungen, und die Risiken wachsen ins Ungeheure, wenn man an die nuklearen und die biologischen Waffen denkt.“

Für nicht ausreichend – auch das ist hoch interessant mit Blick auf einige aktuelle Klima-Debatten – hält er offenbar die Hoffnung, neue Technologien könnten die Probleme für uns lösen, ohne dass wir zu Verzicht und radikalem Umsteuern gezwungen wären.

„Im einen Extrem vertreten einige um jeden Preis den Mythos des Fortschritts und behaupten, dass sich die ökologischen Probleme einfach mit neuen technischen Programmen lösen werden, ohne ethische Bedenken und grundlegende Änderungen. (…) Die Reduzierung von Treibhausgas verlangt Ehrlichkeit, Mut und Verantwortlichkeit vor allem der Länder, die am mächtigsten sind und am stärksten die Umwelt verschmutzen.“

Nicht gerecht sei es in diesem Zusammenhang auch, allen Ländern die gleichen Umweltauflagen aufzubürden, obwohl eine Minderheit von reichen Ländern den ganz überwiegenden Teil der Schäden verursacht habe.

„Auf diese Weise kommt im Gewand des Umweltschutzes eine neue Ungerechtigkeit hinzu. Wie immer trifft es die Schwächsten.“

Das Diktat der Technokratie

Nun ein wahrlich epochaler Satz, den man wohl eher im „linksradikalen Lager“ vermuten würde.

„Die Politik darf sich nicht der Wirtschaft unterwerfen, und diese darf sich nicht dem Diktat und dem effizienzorientierten Paradigma der Technokratie unterwerfen.“

Eine solch klare Ansage ist sowohl „grüner“ als auch „christdemokratischer“ Politik heutzutage fremd. Stets wird in der auf Sicht fahrenden, uninspirierten deutschen Tagespolitik das Mantra „Ökologie und Ökonomie sind keine Gegensätze“ hergebetet. Stets muss das Überleben unseres Ökosystems, also letztlich der gesamten Mensch-, Tier- und Pflanzenheit, abgewogen werden gegen das Profitinteresse der Wenigen – so als stünden diese Profiteure außerhalb des Lebens auf unserem Planeten. Wer keinen Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie wahrnehmen will, obwohl das eine auf die Zerstörung, das andere auf die Bewahrung unserer Mitwelt hinausläuft, der ist lediglich zu feige, sich mit den Hohepriestern der neuen Geldreligion anzulegen. Franziskus tut das:

„Im Hinblick auf das Gemeinwohl besteht für uns heute die dringende Notwendigkeit, dass Politik und Wirtschaft sich im Dialog entschieden in den Dienst des Lebens stellen, besonders in den des menschlichen Lebens. Die Rettung der Banken um jeden Preis, indem man die Kosten dafür der Bevölkerung aufbürdet, ohne den festen Entschluss, das gesamte System zu überprüfen und zu reformieren, unterstützt eine absolute Herrschaft der Finanzen, die keine Zukunft besitzt und nach einer langwierigen, kostspieligen und scheinbaren Heilung nur neue Krisen hervorrufen kann. Darum ist die Stunde gekommen, in einigen Teilen der Welt einen gewissen Wachstumsrückgang zu akzeptieren und Hilfen zu geben, damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann.“

Im Visier des Heiligen Stuhls ist sogar die ultimative Heilige Kuh des Kapitalismus:

„Das Prinzip der Gewinnmaximierung, das dazu neigt, sich von jeder anderen Betrachtungsweise abzukapseln, ist eine Verzerrung des Wirtschaftsbegriffs: Wenn die Produktion steigt, kümmert es wenig, dass man auf Kosten der zukünftigen Ressourcen oder der Gesundheit der Umwelt produziert; wenn die Abholzung eines Waldes die Produktion erhöht, wägt niemand in diesem Kalkül den Verlust ab, der in der Verwüstung eines Territoriums, in der Beschädigung der biologischen Vielfalt oder in der Erhöhung der Umweltverschmutzung liegt.“

Genügsamkeit befreit

Die Verantwortung des Einzelnen liegt nun darin, sich dem „zwanghaften Konsumismus“ zu verweigern. Dieser sei „das subjektive Spiegelbild des techno-ökonomischen Paradigmas. (…) Dieses Modell wiegt alle in dem Glauben, frei zu sein, solange sie eine vermeintliche Konsumfreiheit haben, während in Wirklichkeit jene Minderheit die Freiheit besitzt, welche die wirtschaftliche und finanzielle Macht innehat.“

Verzicht auf Unnötiges und Achtsamkeit gegenüber Gebrauchsgegenständen sind demnach angezeigt. „Etwas aus tiefen Beweggründen wiederzuverwerten, anstatt es schnell wegzuwerfen, kann eine Handlung der Liebe sein, die unsere eigene Würde zum Ausdruck bringt.“ Denn:

„Die ständige Anhäufung von Möglichkeiten zum Konsum lenkt das Herz ab und verhindert, jedes Ding und jeden Moment zu würdigen. Dagegen öffnet das gelassene Sich-Einfinden vor jeder Realität, und sei sie noch so klein, uns viel mehr Möglichkeiten des Verstehens und der persönlichen Verwirklichung. Die christliche Spiritualität regt zu einem Wachstum mit Mäßigkeit an und zu einer Fähigkeit, mit dem Wenigen froh zu sein. Es ist eine Rückkehr zu der Einfachheit, die uns erlaubt innezuhalten, um das Kleine zu würdigen, dankbar zu sein für die Möglichkeiten, die das Leben bietet, ohne uns an das zu hängen, was wir haben, noch uns über das zu grämen, was wir nicht haben.“

Gerade einem lateinamerikanischen Papst dürfte die Realität existenzieller Armut bewusst sein, Situationen, in denen es nicht mehr der freien Entscheidung obliegt, ob jemand Verzicht üben will oder nicht. Die Wohlhabenderen könnten sich jedoch einen Rat zu Herzen nehmen, der aus der Übersetzung des Vaterunser aus dem Aramäischen von Neil Douglas-Klotz bekannt ist: „Lass oberflächliche Dinge uns nicht irreführen“ heißt es darin (die geläufige Version des Satzes lautet „Führe uns nicht in Versuchung“). „Oberflächlichkeit“ kann heute nicht nur die Seele schädigen, sondern massiv auch unsere Mitwelt. Der „Plastic Planet“ Erde mit seinen Fastfood vertilgenden, in virtuelle Scheinwelten vertieften, surfenden, streamenden und simsenden Bewohnern ist wohl der richtige Ort, um eine Warnung vor „oberflächlichen Dingen“ auszusprechen.

„Die Genügsamkeit, die unbefangen und bewusst gelebt wird, ist befreiend. Sie bedeutet nicht weniger Leben, sie bedeutet nicht geringere Intensität, sondern ganz das Gegenteil. In Wirklichkeit kosten diejenigen jeden einzelnen Moment mehr aus und erleben ihn besser, die aufhören, auf der ständigen Suche nach dem, was sie nicht haben, hier und da und dort etwas aufzupicken: Genügsamkeit und Demut haben im letzten Jahrhundert keine Wertschätzung erfahren. Wenn jedoch die Übung irgendeiner Tugend im persönlichen und im gesellschaftlichen Leben allgemein nachlässt, dann verursacht das schließlich viele Unausgeglichenheiten, auch in der Umwelt“.

Unbegrenzte „freie Entfaltung“ in ihrer Verfallsform wird zu einem Erlebnisse und Dinge raffenden Ego-Trip, der unfrei macht. Genügsamkeit dagegen befreit, weil sie in die Vertiefung führt.

Digitalisierung: „Geistige Umweltverschmutzung“

„Oberflächliche Dinge“ werden uns heutzutage vor allem auch durch die Medien vermittelt. Mit „Digital first“ scheint die Kirche jedenfalls nichts am Hut zu haben. Der Papst ist nicht Christian Lindner.

„Dazu kommen die Dynamiken der Medien und der digitalen Welt, die, wenn sie sich in eine Allgegenwart verwandeln, nicht die Entwicklung einer Fähigkeit zu weisem Leben, tiefgründigem Denken und großherziger Liebe begünstigen. Die großen Weisen der Vergangenheit würden in diesem Kontext Gefahr laufen, dass ihre Weisheit inmitten des zerstreuenden Lärms der Informationen erlischt.“

Und auch in diesem Zusammenhang wieder eine prägnante Formulierung: „geistige Umweltverschmutzung“.

„Die wirkliche Weisheit, die aus der Reflexion, dem Dialog und der großherzigen Begegnung zwischen Personen hervorgeht, erlangt man nicht mit einer bloßen Anhäufung von Daten, die sättigend und benebelnd in einer Art geistiger Umweltverschmutzung endet. Zugleich besteht die Tendenz, die realen Beziehungen zu den anderen mit allen Herausforderungen, die sie beinhalten, durch eine Art von Kommunikation zu ersetzen, die per Internet vermittelt wird. Das erlaubt, die Beziehungen nach unserem Belieben auszuwählen oder zu eliminieren, und so pflegt sich eine neue Art künstlicher Gefühlsregungen zu bilden, die mehr mit Apparaturen und Bildschirmen zu tun haben, als mit den Menschen und der Natur.“

Im Zusammenhang mit diesem Überangebot an Reizen mache sich „eine tiefe und wehmütige Unzufriedenheit in den zwischenmenschlichen Beziehungen oder eine schädliche Vereinsamung breitmacht.“

Und auch diesen gedanklichen Schritt macht Franziskus, Oberhaupt einer Kirche, die vielen als der Inbegriff sauertöpfischer Lust- und Körperfeindlichkeit gilt: Es gebe etwas wie die „Ökologie des Menschen“. Analog zur Erde sollen wir auch unseren Körper pfleglich behandeln. Umgekehrt: Wer seinen Körper misshandelt und unterwirft, wird geneigt sein, dies auch mit dem Leib der Erde zu tun.

„Das Akzeptieren des eigenen Körpers als Gabe Gottes ist notwendig, um die ganze Welt als Geschenk des himmlischen Vaters und als gemeinsames Haus zu empfangen und zu akzeptieren, während eine Logik der Herrschaft über den eigenen Körper sich in eine manchmal subtile Logik der Herrschaft über die Schöpfung verwandelt.“

Auch hier verpasst der Papst eine Gelegenheit zur „Weiterentwicklung“ der kirchlichen Lehre. Indem er beispielsweise deren Sexualmoral lockern und den außerehelichen Geschlechtsverkehr nicht länger problematisieren würde. Aber auch Franziskus kann eben nicht aus der Haut bzw. bestimmten Grenzen des im kirchlichen Rahmen Denkbaren heraus.

Mystik in einem Blütenblatt

Den Begriff „Mystik“ lässt Franziskus explizit in seine Enzyklika einfließen. Das ist bemerkenswert, weil das Papst-Amt ja gemeinhin eher mit Dogmatik identifiziert wird, also mit erstarrten Gedankengebäuden und Geistes-Umzäunungen, die für die unmittelbare Erfahrung des Göttlichen normalerweise eher hinderlich sind. Liebe, wenn sie so aufrichtig erlebt und so konkret wirksam ist wie bei Franz von Assisi, „knackt“ die Erstarrung, das Exoskelett aus Regeln, Verboten und Glaubenszwang, in das die Kirche sich normalerweise hüllt.

„Die Natur ist voll von Worten der Liebe.“ (…) Das Universum entfaltet sich in Gott, der es ganz und gar erfüllt. So liegt also Mystik in einem Blütenblatt, in einem Weg, im morgendlichen Tau, im Gesicht des Armen.“

Franziskus vermeidet zwar pantheistische Lehren, wonach buchstäblich alle Dinge und Wesen Gott „sind“, er versteht Gott jedoch als umhüllende Matrix wie als Ziel- und Endpunkt allen Lebens. Vereinfacht gesagt: Wir und die Naturphänomene sind nicht Gott, aber wir sind in Gott und wir existieren auf ihn zu.

„Die Geschöpfe streben auf Gott zu, und jedes Lebewesen hat seinerseits die Eigenschaft, auf etwas anderes zuzustreben, so dass wir innerhalb des Universums eine Vielzahl von ständigen Beziehungen finden können, die auf geheimnisvolle Weise ineinandergreifen.[171] Das lädt uns nicht nur ein, die vielfältigen Verbindungen zu bewundern, die unter den Geschöpfen bestehen, sondern führt uns dahin, einen Schlüssel zu unserer eigenen Verwirklichung zu entdecken. Denn die menschliche Person wächst, reift und heiligt sich zunehmend in dem Maß, in dem sie in Beziehung tritt, wenn sie aus sich selbst herausgeht, um in Gemeinschaft mit Gott, mit den anderen und mit allen Geschöpfen zu leben.“

Die Lösung für die fundamentale geistige und existenzielle Krise der Menschheit wäre demnach Selbst-Transzendenz. Wir müssen in Beziehung treten bzw. uns als schon in einem Geflecht von Beziehungen befindlich begreifen, wollen wir dem Hochmut der Einsamkeit mit allen damit verbundenen Exzessen der Gleichgültigkeit und des Gegeneinander entkommen. Trennung macht krank, Verbundenheit heilt. Deshalb kann „zergliedernde“ Wissenschaft allein auch nicht aus der Krise führen – so wichtig es gerade in der Klimafrage ist, die Fakten zu respektieren, die unmissverständlich zeigen: Der Problembär auf diesem Planeten ist der Mensch.

Der fehlbare Papst

Der Papst ist eines nicht: unfehlbar. Ich könnte eine Reihe von Einzelpunkten aufführen, die mir weniger gefallen haben. So scheint der Pontifex mit Hilfe eines rhetorischen Tricks am Verhütungsverbot des Vatikans festhalten zu wollen. Über Ethik-Fragen kann man streiten. Aber in einer Umwelt-Enzyklika wäre es eigentlich ein No-Go, eine ungebremste Vermehrung der Menschheit zu befürworten. Das Argument des Papstes: Wer weniger Geburten wünscht, will sich nur der sozialen Verteilungsfrage nicht stellen.

„Die Probleme der Armen zu lösen und an eine andere Welt zu denken, haben einige nichts anderes vorzuschlagen als eine Reduzierung der Geburtenrate. (…) Die Schuld dem Bevölkerungszuwachs und nicht dem extremen und selektiven Konsumverhalten einiger anzulasten, ist eine Art, sich den Problemen nicht zu stellen.“

Ja und nein. Die Vermögen und die Güter dieser Welt müssen gerechter verteilt werden. Menschen und Nationen, die besonders stark an Naturverbrauch und Umweltbelastung beteiligt sind, müssen auch besonders viel an ihrem Verhalten ändern, sollten für Schutzmaßnahmen besonders in den Dienst genommen werden. Aber auch die schiere Anzahl der Menschen und „ihrer“ Nutztiere auf diesem Planeten ist ein Problem, wenn es zum Beispiel um das Zurückdrängen der Wildtierarten und der letzten noch intakten Ökosysteme geht, um den Platz- und Rohstoffbedarf für eine stetig wachsende Population und noch eine Reihe anderer Probleme.

Verhütung ist noch immer die humanste – grundsätzlich ja freiwillige – Maßnahme, um die Bevölkerungszahlen im Rahmen zu halten. Ohne Verhütung und bei guten Lebensverhältnissen wächst die Menschheit mit der Dynamik einer Exponentialkurve. Wie der Vatikan das in 30, in 50 oder in 100 Jahren allein durch verbesserte Umverteilung in den Griff bekommen möchte, bleibt sein Geheimnis.

Resümee: Bewahren, was zu uns gehört

Die päpstliche Enzyklika entwirft ein Programm für einen achtsamen Umgang mit unserer Mitwelt, das sowohl im allgemein-philosophischen Teil überzeugt als auch angemessen konkret wird, wenn es darum geht, die Ursachen der Misere an unserem Wirtschaftssystem festzumachen. Sie vertritt weltanschaulichen einen mystisch-ökologischen Antikapitalismus. Gerade diese Vereinigung des scheinbar nicht Zusammenpassenden macht die Schrift reizvoll.

Ähnlich wie bei dem herausragenden Buch von Prinz Charles, „Harmony“, kann man auch bei der Enzyklika den Autor in Frage stellen. Man kann den Standpunkt einnehmen, das seien richtige Gedanken, jedoch vom falschen Mann. Man sollte aber nicht aus solchen Überlegungen heraus stur am Falschen festhalten. Weiter kapitalistische Parteien zu unterstützen, Abgase in die Luft zu blasen und zu konsumieren „als wäre nichts gewesen“ wäre keinesfalls ein sinnvolles antiklerikales Statement – es wäre schlicht selbstzerstörerische Dummheit.

Es ist wahr, dass es in der Klima- und Umweltdebatte teilweise zu viele „Glaubenssätze“ gibt und dass die Politik teilweise zu wenig auf die Wissenschaft hört, die mit ihrem objektiven Analyse-Instrumentarium die These vom menschengemachten – und wirklich gefährlichen – Klimawandel stützt. Aber im Kern kommen Papst und Wissenschaft zum selben Ergebnis. Ja der letzteren fehlt häufig noch die klar antikapitalistische Stoßrichtung, die der Enzyklika eigen ist. Ratio und Liebe – wissenschaftliche Analyse und der Glaube, ein göttlicher Auftrag verpflichte uns, die Schöpfung zu bewahren – können zu ein- und derselben achtsamen und lebensfreundlichen Grundhaltung zusammenfließen. Franziskus und sein Vorbild Franz von Assisi verleihen der Umweltdebatte Seele; umgekehrt untermauern die Fakten ja zur Genüge das von Kirchenvertretern „nur“ Geglaubte.

Es ist wahr, dass es vielfach an Sachlichkeit fehlt. Und doch sind Gefühl, Poesie, ja Pathos in der Sprache des Papstes hilfreich, weil sie die Dringlichkeit der Lage unterstreichen und sich zugleich an Schichten der Persönlichkeit wenden, die durch CO2-Tabellen eher unberührt bleiben. Die Wissenschaft kann sagen, dass und auf Grund welcher objektiv bestimmbarer Faktoren die Welt in Gefahr ist. Sie kann aber nicht sagen, warum sie gerettet werden sollte. Wenn wir diese Frage beantworten wollen, stoßen wir unwillkürlich auf „irrationale“ Aspekte wie Sinn, Schönheit oder Liebe. Wir entdecken die innewohnende Würde und den Eigenwert aller Lebensformen.

Wüssten wir alle Zahlen, Daten und Fakten zur Umweltkatastrophe „und hätten der Liebe nicht“ (wie es der Korintherbrief des Paulus formuliert), wäre selbst der Untergang für uns Option – vor allem wenn wir ihn persönlich aus Altersgründen nicht mehr erleben würden. Wir haben ja Routine entwickelt im Verdrängen. Aber die Zerstörung eines Waldstücks, mit dem wir schöne Erinnerungen verbinden, lässt uns vielleicht jene Traurigkeit und Verzweiflung fühlen, die in Anbetracht der Lage angemessen ist. Wir können die Kosten, die bei einem Hausbrand entstehen, zusammenaddieren – aber nur die Liebe zu einem Haustier könnte uns motivieren, ins brennende Haus zurückzukehren, um es zu retten.

Der Papst wendet sich gegen den technokratischen Rationalismus inhaltlich, aber auch auf der Ebene der Sprache. Das ist gut so, denn eine ausschließlich sachliche Sprache koppelt uns von den „Sachen“ ab, um die es eigentlich geht. Wir nehmen diese dann eher als voneinander und von uns getrennte Objekte wahr. Das ist fatal, vor allem wenn es um Lebewesen geht. Spiritualität hilft, die Wunden dieser Welt zu heilen. Denn in ihrem Kern meint Spiritualität nicht den blinden Glauben an etwas Unbeweisbares, sie meint Verbundenheitsbewusstsein. Darin ist sie der Ökologie sehr ähnlich. Spiritualität quasi als die geistige Innenseite der Ökologie, die ja stets die enge Interdependenz (gegenseitige Abhängigkeit) in lebenden Systemen betont.

Ob man Gott dann nur als ein Etikett betrachtet, das Leichtgläubige dem Ökosystem aufkleben, oder tatsächlich als den Urgrund allen Lebens, den „Weltinnenraum“ (Rilke) – das ist letztlich eine Glaubensfrage. Die Schlussfolgerung für Aktivistinnen und Aktivisten jeder weltanschaulichen Couleur sollte jedenfalls die gleiche sein: bewahren, was unauflöslich zu uns gehört.

Wir tun also gut daran, Franziskus und seiner Enzyklika zuzuhören. Wer der Meinung ist, der Papst sei mit seinen Vorschlägen zwar in die richtige Richtung, jedoch nicht weit genug gegangen, der möge eben „päpstlicher als der Papst“ sein und ergänzende Schritte vorschlagen. Und vor allem eines: selbst voran gehen.

 

 

 

 

Anzeige von 5 kommentaren
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    Ruth
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    Als die Katholische Kirche sich aus der Schwangerschaftskonfliktberatung zurückzog und damit die Frauen und das ungeborene Leben in größter Not allein ließ, da habe ich meinen Kirchenaustritt erklärt.

    Alle Päpste sprechen von Liebe, Achtung und Menschlichkeit; ich glaube diesem Männerverein nicht mehr!

    Frauenfeindlichkeit, Homophobie, ungeklärte Finanzgeschäfte und die Rolle Papst Franziskus, damals noch Bischof in seiner Heimat, denn dortige Missbrauchsfälle sind bis heute nicht aufgeklärt oder sogar verschleiert worden. So berichtet im TV. Es gäbe noch mehr zu beklagen.

    Und was den Verzicht betrifft, dann wird mir übel, wenn ich an den Reichtum der Katholischen Kirche denke.

    Die Geschichte der Katholischen Kirche sollte uneingeschränkt aufgearbeitet und angstfrei thematisiert werden, aber ihre Macht verhindert dies!

    Wir können jedoch im eigenen Leben Mitgefühl und Hilfe den Ärmsten geben! Mein Elternhaus hat mich gelehrt: „Was du nicht willst, was man dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu!“

     

     

     

     

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    heike
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    Mir ist es egal, ob der Papst, der Dalai Lama, die Bundeskanzlerin, Donald Trump oder Oma Eierschecke zum Richtigen, nämlich zu Maßnahmen zur Bewahrung unseres Planeten in seiner natürlichen Schönheit, aufrufen. Wichtig ist nur, es umzusetzen.

    Auf der Greenpeace-Seite kann man aktuell eine Petition zur Schaffung von Meeresschutzgebieten in einem Umfang von 30 Prozent der Meeresflächen unterschreiben (unter Kampagnen: Schutz für die Hohe See).

    Die Artenvielzahl in den Ozeanen vermindert sich doppelt so schnell, wie die an Land – seit Ende des 19. Jahrhunderts sind rund die Hälfte aller Korallenriffe verschwunden und fast ein Drittel aller anderen Meeresarten. Ursachen sind industrielle Fischerei, welche auf der Hälfte der Weltmeere fischt, dabei jährlich 640.000 Tonnen Fischereigerät in sie „entsorgt“, dazu Rohstoffabbau inklusive Erdöl und -gasbohrungen, Fischfarmen, Plastikmüll und Klimawandel (Abschmelzen der Polkappen, größere CO2-Sättigung des Meerwassers).

     

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    heike
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    Ich möchte meinem obenstehenden Kommentar noch folgendes hinzufügen: Ich verstehe, wenn man dem Unmut über zugefügte Verletzungen und Enttäuschungen Ausdruck verleiht und auch manche Tür hinter sich schließt, Ruth – das ist menschliches Verhalten. Ich wollte nicht dich durch meinen obenstehenden Kommentar angreifen, ich wollte nur verdeutlichen, dass es meiner Meinung nach um die richtigen Taten geht.

    Das was wir auf dieser Erde haben, ist das Abbild, das Spiegelbild der menschlichen Seelen. Papst Franziskus hat sich in seiner Enzyklika ja sehr der Entwicklung und Entfaltung des Menschen zugewandt.

    Eine andere Heilige, Hildegard von Bingen, hat auch etwa sehr Schönes über die Bedeutung einer ganzen und unverletzten Seele der Menschen gesagt:

    „Die Seele ist also für den Körper, was der Saft für den Baum ist, und ihre Kräfte entfalten sich wie der Baum seine Gestalt. Die Erkenntnis gleicht dem Grün der Zweige und Blätter, der Wille den Blüten, das Gemüt ist wie die zuerst hervorbrechende, die Vernunft wie die voll ausgereifte Frucht. Der Sinn endlich gleicht der Ausdehnung des Baumes in die Höhe und Breite … Wie durch den Saft alle Früchte des Baumes gedeihen, so werden durch die Seele alle Werke des Menschen verwirklicht.“

    Jeder Mensch hat Verantwortung für sich selbst und für andere. Ich finde richtig, was Ruth sagt: „Was du nicht willst, was man dir tut, das füg´ auch keinem andern zu.“

    Wenn man merkt, dass man mit seinem Verhalten einen anderen Menschen schädigt, dann muss man damit aufhören. Kein „höheres“ Ziel, auch kein Eigenutz, überhaupt nichts rechtfertigt das bewusste Schädigen eines anderen Menschen.

     

     

     

     

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    ES GRÜNT SO GRÜN
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    Nicht zu vergessen die geschätzten Millionen Zeitbomben, die Schiffchen, gefüllt mit Produkten der Chemie und Ölindustrie, den Produkten ihrer Fantasievollen Wissenschaft. Und die versenkten Bomben gefüllten Kriegsschiffchen geben den Meeren den Rest.

    .

    (T)TIP(P): https://www.gesetze-im-internet.de/tierschg/BJNR012770972.html

    .

    und bei der Ausführung doch nur eine Sache!

    .

    Was nützt die Legislative, wenn die Exekutive und die Judikative, und allzu oft mit Hilfe dieser heuchlerischen gesetzgebenden Legislative am Ende eigene Wege gehen. Dann werden sie nur zu Verträge. Und die sind, wie ein deutscher Heilpraktiker so schön sagte:

    „Geschriebene Verträge kann man besser lesen. Aber vor allem auch besser auslegen.“

    • Avatar
      Ruth
      Antworten
      Heike, ich fühle mich nicht angegriffen!

      Meinungsvielfalt ist ein hohes Gut und Du schreibst respektvoll und nicht verletzend!

       

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