Deutschland sucht den Super-Rechtspopulisten

 in FEATURED, Politik (Inland), Roland Rottenfußer

Thilo Sarrazin, Foto: Lesekreis

Ein unerhörter Kassandra-Ruf aus dem Prä-AfD-Deutschland. Anmerkung der Redaktion: In diesem Artikel aus dem Jahr 2011 entwarf Roland Rottenfußer ein Zukunftszenario: Was könnte passieren, wenn sich die von Thilo Sarrazin angestoßene Debatte zum veritablen Rechtsruck auswächst? (Sarrazin als Vorläufer) Leider erwies sich die Prognose als recht treffsicher… In den deutschen Medien wird eine „Rechtspartei“ und ein Rechtsruck des Zeitgeists geradezu herbei geschrieben. Einzig eine charismatische Führungsfigur „fehlt“ in dem Szenario. Ob es Thilo Sarrazin ist, bleibt noch unklar. Schon jetzt wird er als „ehrlicher Provokateur“ hofiert, der eine „notwendige Debatte“ angestoßen hat. Wem dient der Hype um talkshowtauglichen Islamophobiker? Und was hätten wir zu erwarten, käme es zu einem politischen Rechsschwenk? Roland Rottenfußer

Österreich hatte einen: Jörg Haider. Die Schweiz hat einen: Christoph Blocher. Frankreich und Holland haben schon lange einen, und in Italien ist sogar einer an der Regierung. Rechtspopulisten gehören überall zu einem „gesunden“ Meinungsspektrum. Nur in Deutschland bleibt die erfolgreiche rechtspopulistische Partei bislang aus. Von einer kurzlebigen Episode namens Franz Schönhuber einmal abgesehen.

Derzeit scheint es, als ob die deutsche Presselandschaft eine „Rechtspartei“ (wie es in Anlehnung an „Linkspartei“ heißt) geradezu herbei schreiben wollte. Jeder Fünfte würde Sarrazin wählen, schreibt Bild. Jenen Bundesbankvorstand, der mit Parolen über Ausländer mit mangelndem IQ, ererbte Minderwertigkeit, Judengene u.a. „ganz Deutschland spaltet“. Andere Namen werden im Zusammenhang mit einer „Rechtspartei“ ins Rennen geworfen. Friedrich Merz z.B., einer der in Deutschland keine Marktlücke füllen, sondern eher (neoliberale) Eulen nach Athen tragen würde. Sarrazin gab zur Enttäuschung von Millionen seiner Devotees an, keine eigene Partei gründen zu wollen. Wer sonst, wenn nicht er? Wo bleibt er endlich, der Erlöser, der ausspricht, was „man“ angeblich in Deutschland nicht sagen darf? Der die dumpf gefühlte Stimmungen in Stimmen ummünzen kann? Deutschland sucht den Super-Rechtspopulisten.

Wem dient dieses absurde Spiel? Vernünftig wäre es eigentlich gewesen, den Fall Sarrazin nicht zu hoch zu hängen, möchte man nicht seine Thesen immer noch populärer machen. (Aus eben diesem Grund wiederhole ich sie hier nicht ausführlich). Sicher, der Bundesbank-Vorstand war auch vorher kein No-Name. Aber er ist auch kein Gottschalk, Schweinsteiger oder Grönemeyer. Will sagen: Prominent wurde er durch den Zeitungshype erst gemacht. Hätten die Medien gewollt, hätte man das Thema auch ein bisschen unter dem Deckel halten können. Den Migranten im Land hätte es jedenfalls geholfen, von einer erneuten diskriminierenden „Integrationsdebatte“ verschont zu werden. Ebenso jenen Themen, die es wirklich verdient hätten, ganz oben auf der Tagesordnung zu stehen: Das Sparpaket der Regierung etwa, Abzocke bei den Krankenkassen, das Jubiläum des Massakers von Kundus, das Leiden der Menschen in Niger und Pakistan – von „utopischen“ Themen wie Regionalgeld und Grundeinkommen zu schweigen. Sie alle werden von Sarrazin überdeckt und unter die Wahrnehmungsschwelle gedrückt. Es soll mir keiner erzählen, dass das Zufall ist.

Sarrazin wurde von den Medien zu einem Ereignis aufgebläht. Jeder Artikel über ihn (leider auch dieser) vermittelt als Sekundärbotschaft „Ob Sarrazin Recht oder Unrecht hat, ist die wichtigste Frage unserer Epoche.“ Mittlerweile, das ist das Perfide an dieser rechten Angriffswelle, können sich auch linke Journalisten dem Thema nicht verschließen, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, tatenlos der Morgendämmerung einer neuen rechten Bewegung zuzuschauen. Wir müssen reden, ja. Aber nicht, indem wie Entrüstungsfloskeln wiederholen, wie sie im Fernsehen täglich von Sigmar Gabriel oder Michel Friedmann zu hören sind.

Die Entrüstung in Zeitungen, Fernsehen und Politik ist heuchlerisch, und wir müssen dies deutlich sagen. Medien bieten sich freiwillig als Plattform für Sarrazins wüste Thesen an. Sie wiederholen sie wieder und wieder, bis sie sich in die Köpfe empfänglicher Bürger eingebrannt haben. Dann fügen sie in einem Nachsatz hinzu, dass diese Äußerungen selbstverständlich auf breite Empörung gestoßen sind. Sie selbst, die Zeitschriftenmacher und Autoren, waschen ihre Hände in Unschuld, indem sie hier und da halbherzige Ironie- oder Distanzsignale einflechten. Der Empörungs-Hype biete vielfach nur einen Vorwand, um die Thesen auch dem letzten, dem sie vielleicht noch entgangen sind, aufzudrängen.

Und das Gift entfaltet seine Wirkung. Bild schreibt mit dem Aufmacher Sarrazin einen Rechtsruck in der deutschen Politik geradezu herbei. Ein „Vakuum“ sei das bisherige Fehlen sarrazinesker Thesen im öffentlichen Diskurs, heißt es in rechten CDU-Kreisen. Und die Presse greift das Schlagwort gern auf. Da entsteht eine Sogwirkung, die geradezu einem „Casting“ für die Rolle des deutschen Haider oder Le Pen gleichkommt. Deutschland hat mehr Glück als Verstand, dass es eine solche Figur nicht schon längst gibt. Vielleicht ist es wirklich einem gnädigen Schicksal zu verdanken, dass ein „Lafontaine der Rechten“ bis jetzt nirgendwo aufgetaucht ist. Denn weder hatte Schönhuber noch hat Sarrazin das nötige Charisma dazu. An der Immunstärke der Bevölkerung gegen rechte Parolen liegt es jedenfalls nicht, dass das Sechs-Parteien-System bisher ausbleibt, dass wir von Debatten um „Schwarz-gelb-braune“ Koalitionen verschont geblieben sind. Der politischen Kultur in Deutschland hat es sehr gut getan, dass – von Roland Koch abgesehen – bisher kaum einer mit Ausländerfeindlichkeit Wahlkampf gemacht hat.

Aber die goldene Zeit des „Vakuums“ am rechten Rand könnte bald vorbei sein. Schon springen etablierte Politiker wie Klaus von Dohnanyi und Karl-Theodor zu Guttenberg auf den fahrenden Zug ins rechte Nirgendwo auf. Sarrazin habe eine „richtige Debatte“ angestoßen, sagt Guttenberg. Und Dohnanyi stilisiert Sarrazin zum Märtyrer der Meinungsfreiheit, bevor er auch nur aus einem seiner Ämter entlassen wurde. Überhaupt ist die ganze „Man wird doch wohl noch sagen dürfen“-Debatte von einer nicht zu überbietenden Wehleidigkeit durchtränkt. Bedenkt man, dass es ja gerade die angeblichen Opfer sind, die Migranten unablässig kränken und ausgrenzen. Die traurige Wahrheit ist: Man kann sich in Deutschland allzu leicht diskriminierend über Minderheiten äußern und dafür mit billigem Beifall rechnen. Woran es mangelt ist ernst gemeinter Widerspruch. Also Widerspruch, der weder nach Auflagenzahlen schielt noch klammheimlich an einer Popularisierung rechter Thesen interessiert ist.

Der Entrüstungs-Hype um Sarrazin ist ein Ablenkungsmanöver. Zugleich leistet er einem von maßgeblichen Kreisen gewollten Rechtsruck in der Politik Vorschub. Der Zorn des braven (latent fremdenfeindlichen) Bürgers wird durch die Debatte auf die Migranten gelenkt („zu wenig integrationswillig, kriminell, Sozialschmarotzer“). Der Zorn der braven Linken wird indes auf Sarrazin gelenkt. In beiden Fällen wird die Energie der Zornigen absorbiert und vom eigentlichen Krankheitserreger in unser Gesellschaft abgelenkt: dem Kapitalismus und seiner institutionellen Gier, die zu drastischer Umverteilung von unten nach oben führt.

Was könnte ein Rechtsruck noch für unsere Gesellschaft bedeuten? Er könnte neue Mehrheiten rechts von Rot-Rot-Grün schaffen, zumal Umfragen eine Wählerwanderung von ganz links nach ganz rechts prophezeien. Die Wut auf „die da oben“ kann sich bei nicht gefestigten Bürgern prinzipiell in beide Richtungen entladen. Eine Dominanz rechter Themen im öffentlichen Diskurs würde einen Druck auf andere Parteien ausüben, ebenfalls rechts zu blinken. „Wenn ihr nicht auf Volkes Stimme hört, die nach mehr Härte gegen Ausländer verlangt, seid ihr selbst schuld an der Entstehung einer Rechtspartei. Und die kostet euch Wählerstimmen.“ Eine solche erpresserische Argumentation ist schon heute gängig. Derzeit versucht jede Partei in ihrem Programm auch ein bisschen grün zu sein. Umweltschutz ist eben in der Bevölkerung populär. Künftig könnte sich das „Ein bisschen grün“ in „Ein bisschen braun“ wandeln. Hier mal härtere Strafen fordern, dort ein bisschen auf Muslimen herumhacken – das könnte zum üblichen Umgangston auch in gemäßigten Parteien werden.

Mit wachsender Ausländerfeindlichkeit könnten weitere obrigkeitsstaatliche „Härte-“ und „Strenge“-Szenarios zur Anwendung kommen, vor denen der Staat in milderen Zeiten zurückschreckt. Es liefe darauf hinaus, den Willen von „Nicht-Integrationswilligen“ durch drastische Machtdemonstration zu brechen. Der Staat würde damit wie so oft seinen Repressionsmuskel trainieren. Nach den Migranten könnten andere Gruppen auf die Abschussliste geraten. Es könnten neben den Kasernen, den Gefängnissen, den Asylantenheimen und Hartz-IV-Wartezonen weitere Bereiche eingeschränkter Menschenwürde geschaffen werden. Menschengruppen könnten zu Feindbildern stilisiert werden, für die „Feindrecht“ gilt – also Rechtlosigkeit. Bürgerliche Beobachter des Geschehens könnten durch systematische Desensibilisierung daran gewöhnt werden, der zunehmenden Entrechtung und Entwürdigung dieser Minderheiten tatenlos zuzuschauen. Irgendwie kommt einem das entsetzlich bekannt vor.

Ist das die Republik, in der wir leben wollen? Und was können wir dagegen tun? Auch wenn wir es nicht vermeiden können, Leuten wie Sarrazin Aufmerksamkeit zu geben, müssen wir dabei stets den größeren Zusammenhang im Auge behalten. Und wir müssen an unseren Werten wie Toleranz, Pluralismus und sozialem Mitgefühl auch bei künstlich angefachtem Gegenwind festhalten. Das gilt auch für eine Minderheitenfreundlichkeit, die auf historischer Verantwortung und Menschlichkeit gründet. Der Durchschnittsdeutsche, um dessen Köpfe und Herzen in den Talkshows gerungen wird, hat vielleicht wirklich eine wertkonservative Grundveranlagung. Er möchte gern unter seinesgleichen bleiben, nicht mit zu viel „Fremdem“ konfrontiert werden, sehnt sich nach geordneten Verhältnissen, will sich beschützt fühlen und Missetäter streng bestraft sehen. Aber er ist ebenso fähig zum Mitgefühl mit schweren Einzelschicksalen, besitzt einen ethischen Kompass und ein Gefühl für Gerechtigkeit und Ausgleich. Es kommt darauf an, welche dieser beiden „Seelen in der Brust“ Nahrung bekommt. Wer – wie die Bild-Zeitung – ständig nur die niedrigsten Instinkte bedient, handelt unverantwortlich. Politik, Fernsehen und Presse haben die Bevölkerung über Jahrzehnte verdummt, um dann zu behaupten, sie müssten ihre Parolen der Dummheit des Volkes anpassen.

Wer das Spiel durchschaut hat, wird nicht dabei mitspielen. Er wird auch andere davon überzeugen können, dass sie im großen Stil verarscht werden. Vor allem darf sich unser Aktivismus nicht in Abwehrkampf gegen Themen erschöpfen, die uns vom politischen Gegner aufgedrängt werden. Wer angreift, dominiert stets die Debatte. Er bestimmt zwar nicht darüber, was gedacht wird, wohl aber worüber nachgedacht wird. Wir können hier vom Gegner lernen, indem wir immer wieder und noch vehementer unsere Themen in die Debatte einbringen. Was ist uns wichtig? Welche Themen würden wir gern auf den Titelseiten und in den Talkshows sehen? Und wie können wir eine Gegenöffentlichkeit aufbauen, die den Leitmedien zunehmend Aufmerksamkeit entzieht? In diesem Sinne muss nachgedacht und gehandelt werden. Dann geht der rechte Spuk ebenso schnell wieder vorbei wie er gekommen ist. Oder hat einer in letzter Zeit etwas von den Republikanern gehört?

 

Showing 14 comments
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    Ruth
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    Mich ärgert schon lange, dass Rechtspopulisten ihre Themen auf allen Plattformen- TV, Presse – setzen können! Ein rechtes Meinungsbild schleicht sich sukzessive ein und wird übernommen; die Gefahr, die wird gedankenlos verkannt!

    Der Diskurs ist vorgegeben, es wird reagiert und nicht agiert!

    Meine Kritik, die habe ich per Mail geäußert, ich bekam automatische Eingangsbestätigungen, ein Dank und das war’s!

    Nun sitzen „sie“ in den Parlamenten und kübeln ihren Rassismus, Antisemitismus aus. Auf den Zuschauertribühnen sitzen oft Schüler und feixen rum. Was sich da vor ihnen abspielt, das ist vielen nicht klar. Ich hoffe, dass Lehrer*innen nacharbeiten und aufklären!

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    helena
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    Wir werden mit vielen Meinungen leben müssen!
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      Piranha
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      Meinungen sind etwas anderes als unwahre Behauptungen und Agitation im Dienste der Volksverdummung und -verhetzung.

       

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        Helena
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        Werter oder werte Piranha, noch gibt es kein Bundesamt für Wahlen, wir müssen mit anderen Meinungen und Wahlergenissen auszukommen haben
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    Dorit
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    Puuh!

    Ein hellsichtiger Artikel, der einen Ausblick auf ein 9 Jahre späteres Heute gab, das zu damaliger Zeit vielfach als utopische Spinnerei abgetan wurde.
    Danke dafür!

    Inzwischen gibt es diese Rechte Partei, die den Diskurs im Land dominiert, die Welt der rechten Meinungsmacher ist in einer Vielzahl der Köpfe eingegraben, die Verachtung und der Hass auf das Fremde, die „Gutmenschen“, politisch Andersdenkenden, Andersfühlenden und Andersglaubenden hat sich in der Mitte der Gesellschaft fest-gefressen.

    Menschen hausen an den Grenzen Europas unter unmenschlichsten Bedingungen, ,Migranten zwischen Türkei und Griechenland von 2 Seiten mit Tränengas und Rauchbomben beschossen, Helfer werden vom Mob attackiert, Seenotretter vor Gericht gestellt und Europas Politiker, die immerzu von „westlichen Werten“ faseln,  haben nichts besseres zu tun, als aus Angst vor dem weiteren Erstarken der Rechten den Rechten nachzugeben und sie somit in ihrem Denken und Tun zu bestätigen.

    Diese Werte sind nicht meine Werte! Manchmal könnte ich an der Menschheit verzweifeln.

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      Helena
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      Will man ernsthaft noch.mehr Stimmen für die Rechten? Kann nicht Euer Enst sein!
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        Dorit
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        Wer glaubt, die Kraft der Rechten zu brechen, indem er ihren Forderungen nachgibt, wer glaubt, den Rechten einfach nur Stimmen abjagen zu müssen, indem er die Menschlichkeit mit Füßen tritt, erreicht genau  eines: das Erstarken der Rechten zuerst in den Köpfen, dann in den Parlamenten und zuletzt findet er sich selbst in einer (vervolkten?!) Opposition wieder!

        „Wir sind das Volk!“ war einst der Ruf nach Demokratie und gegen ein totalitäres Regime. Jetzt wird er als Ruf einer Partei, wie der „A“fD oder Bewegungen, wie xGIDA oder IB missbraucht, um das völkisch nationale Denken und Handeln der Rechten zu „legitimieren“ und einen neuen, alten totalitären Staat zu schaffen.
        „Wir sind das Volk!“ suggeriert auf diese Weise, das „Volk“ würde Ressentiments ggü. Migranten, Menschen die in ihrer Not an die Haustür Europas klopfen und um Obdach und Hilfe ersuchen fordern. Dass Politiker wie A. Merkel, die sich 2015 einen riesigen Respekt von mir erwarb, oder Ursula von der Leyen, ihres Zeichen Ärztin, die einst den Hippokratischen schwor, (von den vielen Höckes, Orbans, Salvinis und auch Seehofers ganz zu schweigen) jetzt diesem unmenschlichen Treiben an der europäischen Grenze nachgeben, dass sie Härte zeigen, wo Empathie notwendig wäre, zeigt, dass dieser Ruf leider wirkt.
        Dabei gibt es viele Menschen, die DIESEM! Volk mit diesem Denken nicht angehören wollen, die Wege suchen und gehen, um Hilfe zu geben, für Toleranz und Menschenwürde – auch für die Ärmsten werben.

        Für diese muss es heißen, zusammen zu stehen, und, um wieder Konstantin Wecker zu zitieren:

        die Glut des Widerstands zu wahren,
        vielleicht wird sie mal Feuer sein, in ein paar Jahren!

        Nur befürchte ich, dass es in ein paar Jahren zu spät sein wird, um aus der Lethargie aufzuwachen, Handeln ist JETZT! geboten.
        Das Gespinst des Egoismus und der Ellenbogengesellschaft muss durchbrochen werden, sonst werden diejenigen gewinnen, die das „Recht“ des Stärkeren zur Doktrin erheben wollen.

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          Piranha
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          Danke Dorit, ein guter Kommentar.

          Beste Grüße,

          P.

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    Gerold Flock
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    Hab gerade mit meiner Ex…ex…ex…telefoniert. – Wollte eigentlich nur mal so nachfragen…Wie es denn meiner Tochter so geht, die in Wien studiert, für die ich ja immer noch Unterhalt bezahle. – Ich dachte mir, ich bin a bisserl knapp, hab gestern im Taxi nur 30,- Euro in München verdient, weil da alle schon verreckt sind..wegen dem VIRUS und so…und da rufe ich eben mal an. Wie´s es denn denen allen so geht, ob sie noch Leben? usw.

    Da erzählt mir die Exfrau doch echt, daß sie gerade Afd gewählt hat und das mein Sohn auch Afd gewählt hat und das es jetzt bald losgeht und so…

    Da frage ich so ganz naiv nach.

    Aber das sind doch Nazis und Faschos?

    Die Antwort die ich erhalten habe spare ich mir.

    Mit wem war ich denn da zusammen?

    Boah.

    So eine Schande.

    Ich bin da zwar vor 15Jahren am 24.12. mit einer Kifferin abgehauen.

    Die nicht hoffentlich jetzt auch Afd wählt!!!

    Ich rufe da lieber nicht an.

    Oder soll ich mal die letzte Bettgechichte, die Oberlehrerin anrufen? Was die gewählt hat?

    Die kann ja nicht Afd wählen, die ist ja mit einem Farbigen zusammen …Die kam ja nur wegen der Bettgechichte bei mir vorbei.

    Aber geschimpft hatte die auch schon damals auf ihren Neger.

    Also wenn meine letzten 3 Frauen nun alle Afd gewählt haben sollten?

    Was geht denn da überhaupt ab?

    Wo war ich denn da?

    War ich mit lauter FRemden zusammen?

    …und wo soll das denn alles noch enden?

    Ich rufe niemanden mehr an.

    Das wird das Beste sein.

     

     

     

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    heike
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    Kübra Gümüsay beschreibt in ihrem Buch „Sprache und Sein“ sehr gut den Weg, wie Rechtspopulismus über Talkshows und Internet Einzug ins gesellschaftliche Denken finden konnte.

    Es ist in sehr persönliches Buch und es beschreibt Mechanismen, wie Menschen durch Kategorisierungen zu unmündigen Objekten gemacht werden.

    Ein kleiner Auszug:

    „Die muslimische Frau ist eines der beliebtesten Objekte der westlichen Neugier – eine Neugier, die früher in erotischen Gemälden über Harems Ausdruck fand, die mehr über das Weltbild und den Blick der Maler aussagten als über die Welt der verzerrt Abgebildeten. Und diese Neugierde, diese Obsession, der koloniale Blick wirken bis heute fort. Wir wollen wissen und verstehen, wer sie ist, die muslimische Frau. In der Wissenschaft, in der Literatur, in der Kunst, im Journalismus: Sie wird inspiziert, kategorisiert, als sei sie eine Tierspezies, die es der Menschheit vorzuführen gilt. Und jedes Exemplar der Spezies Muslim*innen ist wie das andere. Ob jung, alt, queer, weiß, Schwarz, of Color, mit oder ohne Behinderung, geflüchtet, Arbeiter*innen, Akademiker*innen – sie alle werden ihrer Stimme und Sichtbarmachung beraubt.

    Ich bin eine muslimische Frau. Eine, anhand derer versucht wird zu verstehen, wie alle anderen funktionieren. Eine, die sich jahrelang dieser Inspektion aussetzte, in der Hoffnung, „Vorurteile bekämpfen“ oder „Stereotype aufbrechen“ zu können. Doch wie alle Inspizierten vor und nach mir gelangte ich nicht zur Freiheit, sondern fand mich lediglich in einem etwas größeren Käfig wieder. Erst wenn wir nicht mehr auf die Fragen nach der muslimischen Frau antworten, erst wenn wir widersprüchlich, facettenreich und unverstanden sein dürfen, können wir menschlich und frei sein.

    Im gegenwärtigen Exkurs über die muslimische Frau  ist die Inspektion gemeinhin zu dem Resultat gekommen, dass sie in zwei Käfigen existieren darf. Entweder ist sie ein Opfer – also selbst keine Gefahr, sondern bedroht durch ine Gefahr, beispielsweise das islamisch begründete Patriarchat, die bösen muslimischen Männer, vor denen es sie zu schützen gilt. Oder sie selbst stellt die Gefahr dar, wird zum Vorzeichen einer größeren Gefahr: als Wegbereiterin des Patriarchats oder der Islamisierung.

    …..

    Ein Stereotyp ist wie ein Panzer. Doch er schützt nicht diejenigen, die ihn tragen, sondern die Ignoranz der Außenstehenden. Stereotype sind Panzer der Ignoranz, die die Ignorierten zu tragen haben. Sie wiegen schwer, sie belasten ihre Träger*innen und zwingen sie in schwachen, menschlichen Momenten in die Knie.“

     

    Was Kübra Gümüsay hier kritisiert, ist eigentlich das entweder unbeholfene oder nur halbherzig betriebene Bemühen unserer Medien, „die islamische Frau“ ihren Zuschauern und Zuhörern zu „erklären“. Sie erzählt, dass sie sich über Jahre immer wieder in Talkshows wiederfand, in denen sie als Gegenpart zu rassistischen Meinungsverfechtern agieren sollte. Und diese über Jahre andauernde Akzeptanz von Rassismus „als Meinung“ führte schließlich dazu, dass er auch akzeptabel wurde. Die Rechtfertigungspflicht lag auf ihrer Seite, nicht auf der der Rassisten. Das zeigt eigentlich das Grundproblem.

     

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    heike
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    In meinem Umfeld sehe ich eigentlich recht viele Menschen, die Ausländer nicht als Menschen zweiter Klasse abstempeln, sondern sie auch kennenlernen wollen. In Chemnitz trifft man mittlerweile sehr viele Ausländer und der Umgang mit ihnen erscheint mir etwas distanziert, aber im Grunde genommen entspannt. In vielen Betrieben sind Ausländer angestellt. Trotzdem herrscht das Grundgefühl vor, soweit ich das erfasse, dass nicht noch mehr Ausländer in die Stadt kommen sollen. Ich habe das Gefühl, die Aufnahmekapazität ist ausgeschöpft, mehr sind nicht unterzubringen. Man muss für Menschen, die man aufnimmt ja auch sorgen können.

    Das rechtfertigt nicht, Menschen jahrelang in katastrophalen Flüchtlingslagern gefangen zu halten. Und das Ansinnen der Bundesregierung wenigstens kranke und unbegleitete Kinder aus dem Flüchtlingslager von Lesbos bei uns aufzunehmen, finde ich wirklich gut. Und für ein paar tausend Menschen mehr ist in der Bundesrepublik ganz sicher noch Raum.

    Es grassiert die Angst, dass Europa von Flüchtlingen überflutet wird, wenn es seine Grenzen nicht schließt. Ich kann nicht beurteilen, ob das wirklich so wäre. Jedenfalls bin ich der Meinung, dass man für Menschen, die man aufnimmt auch sorgen können muss. Kriege sollten nicht mehr unterstützt werden und für politische Flüchtlinge und Kriegsflüchtlinge sollten die Grenzen offen stehen. Menschen aus armen Ländern sollten mehr Chancen in ihren eigenen Ländern bekommen.

    Vielleicht sind alle diese Ängste auch unbegründet und alles würde sich von allein regeln, wenn man einfach alle Regeln weglässt. Man öffnet alle Grenzen. Dann sind auf einmal sehr viele Menschen in diesem Land, die zunächst Hilfe benötigen. Oder die sich selbst helfen. Nur gibt es hier nicht mehr unbebautes Land, auf dem man sich einfach eine Hütte bauen kann, wie im Amazonaswald, etwas Land umpflügt und dann vom Fischfang und der Landwirtschaft lebt. Genau das wollen ja die Menschen, die nicht aus Kriegsgebieten fliehen, nicht. Sie wollen teilhaben an einem modernen westlichen Leben. Und das stellt Ansprüche an Bildung, und diese muss zunächst gewährleistet sein. Man braucht ja auch nicht in jeder Kleinstadt fünf Dönerläden… das finden die zwei Dönerladenbesitzer, die es jetzt schon gibt, auch.

    Das Flüchtlingsproblem ist ein Problem, dass aus einer ungerechten Verteilung von Armut und Reichtum sowie kriegerischen Konflikten enstanden ist. Und genau darüber muss es auch gelöst werden.

     

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    heike
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    Ich möchte noch anfügen, dass ich mich durch das Buch von Kübra Gümüsay sehr bereichert fühle. Viele Dinge, die sie anspricht, werden anderswo nicht thematisiert, haben keine Sprache. Sie existieren, wenn überhaupt, nur als diffuses Gefühl. Indem sie sie benennt, kann man besser damit umgehen. Das ist eine Emanzipation des Selbst, das nicht nur Migrant*innen betrifft. Danke für ihre Ehrlichkeit und Sensibilität.

    Dazu noch ein Beispiel:

    „Es gibt Lücken. Zwischen der Sprache und der Welt. Nicht alles, was ist, kommt zur Sprache. Nicht alles, was geschieht, findet seinen Ausdruck darin. Nicht jeder Mensch kann in der Sprache, die er spricht, sein. Nicht etwa, weil er die Sprache nicht ausreichend beherrscht, sondern weil die Sprache nicht ausreicht.“

    Und an anderer Stelle erklärt sie: „Die Umarmung durch die Sprache: Ich wünsche sie mir vom Deutschen. So kehrte ich in die deutsche Sprache zurück. Ich wollte nicht mehr mit ihr kämpfen. Ich wollte in ihr einfach nur sein. Und so begann ich, auch im Deutschen Gedichte zu schreiben. Begann die deutsche Sprache zu dehnen, ohne um Erlaubnis zu bitten. Wen denn auch? Sie ist keine emanet, keine Leihgabe, kein mir vorübergehend anvertrauter Gegenstand, sondern ein Teil von mir. Sie gehört mir, wie sie ihren anderen Sprechenden gehört – aber erst, seitdem ich aufgehört habe, um Erlaubnis zu bitten.

    Türkisch ist für mich die Sprache der Liebe und Melancholie.

    Arabisch eine mystische, spirituelle Melodie.

    Deutsch die Sprache des Intellekts und der Sehnsucht.

    Englisch die Sprache der Freiheit.“

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    Der MINORITY-REPORTer
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    Ob JUDE oder BASKE, ob SCHWARZ oder WEIß, kein Gen entgeht Thilos scharfer Blick. Kein GENTECHNIKER hat gegen das Wissen dieses Eugeniker eine Chance. Er kann nur mit seinem Monokel nicht nur die Augenfarbe und das Geschlecht einer Samenzelle an den Genen erkennen, sondern auch, ob sie sich in Zukunft auch regelmäßig die Zähne putzt sowie als BÄNKER ein erfolgreicher BANKRÄUBER wird.

    .

    DIE EINEN VERERBEN IHRE GENE, DER EUGENIKER THILO NUR SEINE GENFEHLER.

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    heike
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    Im übrigen liebe ich auch meine beiden Söhne und ich wünsche ihnen eine Welt, die ihnen Fehler verzeiht und ihnen die Möglichkeit bietet, in Liebe zu wachsen.

    Ich möchte mich bei ihnen für ihre Liebe und ihre Arglosigkeit bedanken und ich es tut mir sehr leid, dass sie so viele Schmerzen erleiden mussten.

    Ich möchte nicht, dass sie in einer Welt leben müssen, in der sie sich verleugnen müssen. Ich möchte, dass man seine Meinung sagen kann und ein Gegenüber findet, dass mit einem spricht und einen nicht bedroht. Ich möchte nicht, dass sie zu Geiseln irgendwelcher Ideologien gemacht werden.

    Ich habe auch viel falsch gemacht. Jeder macht Fehler. Ein Leben ohne Fehler ist nicht möglich.

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