Die Anti-Schlager

 In FEATURED, Kultur, Roland Rottenfußer

Deutsche Liedermacher – wo sie herkommen und wie sie sich selbst sehen. Ein Chanson ist mehr als der platte und direkte Aufruf zur Weltverbesserung. Es ist eine Revolte gegen das Gewöhnliche, von oben Verordnete – nicht nur auf der Ebene des Inhalts, sondern auch auf der Ebene der Sprache, zu der der Chansonnier einen poetischen, schöpferischen Zugang hat. Die Werke guter Liedermacher sind mehr als eingesofteter Betroffenheits-Pop, vielmehr setzen sie das Kunstlied mit heutigen Mitteln und heutigen Themen fort. (Roland Rottenfußer)

Ein skurriler Beitrag zur Wirkungsgeschichte der deutschen Liedermacher stammt von der mittlerweile mainstreamfähigen Punkband „Die Ärzte“. Diese Gruppe verfasste vor Jahren einen „Protestsong gegen Protestsongs“:

„Und ihr schreibt keine Lieder, nein, ihr schreibt ein Gedicht
Schon 400 Strophen und kein Ende in Sicht
Ja ihr prangert an und ihr singt von Problemen
Ich bin sicher dass sich alle schlechten Menschen jetzt schämen
Und wenn mal wieder ein Atomkraftwerk brennt,
Seid ihr voll in eurem Element
Und ihr steht laut weinend vor dem Parlament
Und hinter euch flattert euer Transparent und ihr flennt.“

Das ist in Maßen lustig, aber ist es gerecht? Liedermacher zu bespötteln, ist ein bisschen in Mode gekommen, gerade unter Journalisten der jüngeren Generation. Reinhard Mey wird in der Presse gern als „Gutmensch“ oder, um noch eins draufzusetzen, gar als „Gutmensch-Softie“ bezeichnet. Was für ein Vorwurf! Wäre es den Schreibern lieber, er wäre ein schlechter und hartherziger Mensch? Hannes Wader schreibt rückblickend auf sein Engagement für die kommunistische DKP. „Auf meinen Parteieintritt reagieren die Medien erneut mit Boykott, diesmal so wirksam und lang anhaltend, dass die jetzige Redakteursgeneration mit meinem Namen kaum noch was verbindet.“ Heute muss man kein „Kommunist“ sein, um im Radio als Unperson zu gelten. Es genügt das gänzlich unpolitische Verbrechen, anders zu singen und zu komponieren als Sarah Connor oder Robbie Williams. Mit Konstantin Weckes Namen verbinden die coolen Jungredakteure durchaus noch etwas, allerdings überwiegend aus den falschen Gründen. Der mediale Suchscheinwerfer, der das Intimleben aller öffentlichen Personen auf ihre Boulevardtauglichkeit prüft, hatte sich vorübergehend auch auf Wecker gerichtet. Man interessierte sich nicht für den Autor des „Alten Kaiser“, sondern für den „Gestrauchelten“, der zur Häme und zu Überlegenheitsgefühlen einlud.

Wohlfeil ist auch der Vorwurf, Liedermacher hätten ihre große Zeit hinter sich. Sicher kann man Argumente hierfür anführen, vor allem was den fehlenden Nachwuchs betrifft. Aber ist dieses Urteil wirklich fundiert? Hat man sich Reinhard Meys „Drachenblut“ wirklich angehört? Oder Konstantin Weckers „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“? Oder André Hellers vor einigen Jahren erschienenes bewegendes Porträt eines Holocaust-Überlebenden, „Leon Wolke“? Tatsache ist, dass diese Produktionen einfach weniger Beachtung finden als andere, nicht unbedingt bessere Produktionen derselben Künstler aus den 70er-Jahren. Man klebt den Künstlern ihre bekanntesten Lieder an wie Etikette: „Über den Wolken“, „Willy“ oder auch „Heute hier, morgen dort“. Man behandelt sie, als hätten sie wie Zarah Leander oder Hans Albers ihr Lebenswerk längst abgeschlossen. Auch die Werke jüngerer Künstler wie Prinz Chaos II. oder Heinz Ratz werden den Wenigsten etwas sagen. Wer aber nicht bereit ist, genauer hinzuschauen, darf nicht sagen: „Da ist nichts mehr“.

Was aber macht überhaupt den „Liedermacher“ aus? Das Wort klingt etwas sperrig und zugleich nüchtern-handwerklich, als würde man von einem Schuhmacher oder Uhrmacher sprechen. Sicherlich stellt das Wort einen Versuch dar, das französische „Chansonnier“ ins Deutsche zu übersetzen. Was den Ursprung des Begriffs „Liedermacher“ betrifft, so habe ich sowohl gelesen, dass er von Wolf Biermann kreiert wurde, als auch, dass Reinhard Mey der Erfinder gewesen sein soll. Im Italienischen kennt man den Begriff „Cantautore“, was eine Zusammensetzung aus den italienischen Wörtern für „Sänger“ und „Autor“ ist. Lucio Dalla z.B. galt als typischer Cantautore, unter den Jüngeren ragt der Sizilianer Pippo Pollina heraus. Was den Chansonier, den Cantautore ausmacht, ist immer mindestens dies eine: Er trägt selbst vor, was er geschrieben hat. Die englische und amerikanische Unterhaltungsmusik kennt dafür den Begriff Singer/Songwriter – eine Bezeichnung, die allerdings weniger mit dem Nimbus der Hochkultur ausgeschmückt ist wie die des „Chansonniers“. Als Singer/Songwriter könnte man z.B. Peter Gabriel, Chris de Burgh oder Sting bezeichnen.

Bei den komplizierten, sehr individuell-verstiegenen Klanggebilden einer Tori Amos oder Franco Battiato verschwimmen die Grenzen zum „Art Pop“ bzw. „Art Rock“ – Unterhaltungsmusik mit künstlerischem Anspruch. Sehr lesenswert ist, was Hans-Dieter Schütt in seinem Vorwort zu Konstantin Weckers Buch „Tobe, zürne, misch dich ein!“ über den Unterschied zwischen Pop und Chanson schreibt. Wecker, sagt er, „ist kein Idol im Sinne des Pop. Wer diesen Idolen zuhört, tut es im Willen, sich aufzulösen. Der Pop ist eine Einladung zur Selbstvergessenheit, Wecker lädt dazu ein, das eigene Ich einer Prüfung auszusetzen, bei der man zu sich selbst finden möge.“ Sicher gilt diese Charakterisierung nicht für Wecker allein.

Wo beginnt, wo endet das „Chanson“? Gilbert Bécaud galt als „typischer“ Chansonnier. Zwar hatte es Bécaud nicht verdient, als „Paradefranzose“ neben Mireille Mathieu und Pierre Brice durch die Peter-Alexander-Shows zu tingeln, doch erreichten seine Werke wie „Nathalie“ selten die poetische Dichte eines Jacques Brel. Udo Jürgens kann man sicherlich als Chansonnier bezeichnen. Seine Begabung als Melodienkomponist ist unbestritten. „Ich war noch niemals in New York“, „Ich weiß, was ich will“ oder „Ihr von Morgen“ sind gute, populäre Chansons, doch konnte sich Jürgens nie ganz entscheiden, ob er nicht doch noch ein bisschen Schlagersänger sein wollte. Siehe etwa sein Lieder „Die Sonne und du“ oder „Du lebst nur einmal“. „Sünden“ wie „17 Jahr, blondes Haar“ hängen dem verstorbenen Künstler ewig nach, denn „Hochkultur“ und Populärkultur sind in Deutschland strenger getrennt als anderswo.

Liedermacher haben sich vom deutschen Schlager immer sehr streng abgegrenzt. Wer sich, wie der deutsche Soulsänger Xavier Naidoo, heute für das „Rilke-Projekt“ engagiert und morgen mit Marianne Rosenberg im Duett singt, hat viel hochkulturellen Kredit verspielt. Deutsche Liedermacher wollten stets näher bei Rilke stehen als bei Rosenberg. So kam es z.B., dass Konstantin Wecker, ein bekennender Verehrer von Rilke, Trakl und Gottfried Benn, es viele Jahre lang vermied, auch nur ein einziges „normales Liebeslied“ zu schreiben. Stets versuchte er durch sexuelle Offenheit („Und dann breit ich mich einfach aus in dir“) und tabuisierte Themen („Ich liebe diese Hure“) das Gespenst „Schlager“ zu vertreiben, das bei Liebesliedern stets im Hintergrund lauert. Sogar bewusst provozierende Anti-Schlager wie „Du bist so hässlich“ hat es gegeben. Später kam dann die Schlager-Parodie „Vom Herzen“ dazu, in der es heißt: „Doch weiß ich nicht, wenn du mir deines gibst, wie sehr du mich dann mit meinem liebst“.

Wenn es um die Abgrenzung des Chansons vom Schlager geht, sind vor allem Lieder wie Weckers „Ich singe, weil ich ein Lied hab“ oder Reinhard Meys „Daddy Blue“ beachtenswert. Was die Sänger den Schlagerfuzzis dort vorwerfen, sagt viel über ihr eigenes Selbstbild, ihr ästhetisches Ideal aus. „Er war Sänger, wie andere Bäcker oder Handelsvertreter sind“, beginnt Konstantin Wecker sein Lied, wobei die Betonung der Worte „Bäcker“ und „Handelsvertreter“ beinahe Verachtung ausdrückt. Das Singen, so scheint Wecker sagen zu wollen, ist viel mehr als ein Handwerk – und schon gar keine Schönfärberei. „Seine Welt war so herrlich gerade, seine Hemden so weiß und so rein, und er sang sich, ganz ohne zu zögern, in die Seele des Volkes hinein.“ Sogar das gute Aussehen, das perfekte Styling wird als Argument gegen den Schlagersänger ins Feld geführt. Hatte sich Wecker doch schon zu Zeiten seines Drogenprozesses ironisch dafür entschuldigt, „nicht wie Rex Gildo in seiner besten Zeit“ auszusehen.

Mangelnde Authentizität, Unaufrichtigkeit, Lüge und Fremdbestimmtheit gehören zu den Hauptvorwürfen gegen die Rex Gildos und Roy Blacks. Eine „Sangesmaschine“ ist der fiktive Schlagersänger in Weckers Lied. Und jegliche Anpassung an den Publikumsgeschmack widerspricht dem Selbstbild eines künstlerisches Überzeugungstäters: „Ich singe, weil ich ein Lied hab, nicht weil es euch gefällt.“ So gesehen wäre das Chanson „Anti-Pop“, der bewusste Verzicht auf Gefälligkeit bis hin zur kalkulierten Provokation, zum wissenden Verstoß gegen die Hör- und Denkgewohnheiten der Mehrheit. Dabei geht es weniger darum, dass der Chansonnier um jeden Preis missfallen will (auch er möchte ja von seiner Kunst leben können); seine Verachtung gilt nur jenen, die bereits im Schöpfungsprozess den erwünschten kommerziellen Erfolg mit einkalkulieren. Wer Melodienführung, Instrumentierung und textliche Aussage von vornherein auf Radiotauglichkeit trimmt, der hat „der Schere den Kopf den Schneid geschenkt“ (Grönemeyer).Tritt Popularität dagegen als Nebeneffekt von Authentizität ein (wie bei dem zum Volkslied gewordenen „Über den Wolken“), so wird das durchaus begrüßt. Der Liedermacher ist ein Rebell gegen die allgegenwärtige Kommerzialisierung der Kulturszene, und er zahlt dafür durchaus manchmal einen schmerzlichen Preis in Form finanzieller Nöte. Aber: „Lieber allein und wieder auf der Straße sein als gestriegelt und gebügelt so wie die ein Händler zu sein (Klaus Hoffmann).

In das gleiche Horn wie Wecker bläst auch Reinhard Mey – mit einer Ausnahme: Mey hätte vermutlich kein Problem damit, sein „Liedermachen“ als Handwerk – vergleichbar etwa dem Bäckerhandwerk – zu verstehen. „Daddy Blue“ ist das satirische Porträt des Fotomodells „Detlef Kläglich“, der von einem Musikproduzenten auf dem Bahnhofsklo entdeckt wurde und zum Popstar aufgebaut wird. „Nun begann die mühevolle Kleinarbeit, erstmal bastelte man ihm eine Persönlichkeit, richtete ihm seine Nase, stützte ihm den Bauch und glättete die Ohren. Man teilte ihm eine neue eigene Meinung zu, machte aus dem Namen Detlev Kläglich ‚Daddy Blue’. Es war noch kein Ton gesungen, aber schon stand fest, da war ein Star geboren.“ Das Lied aus dem Jahr 1981 macht noch heute großen Spaß, zumal sich die Art und Weise wie „Superstars“ gepusht werden, in den letzten 35 Jahren eher noch mehr in die von Mey angedeutete Richtung entwickelt hat. Wieder sieht man – wie bei Wecker – was ein Liedermacher auf keinen Fall sein möchte: eine künstlerisch minderbemittelte, von Produzenten nach ihrem Gusto modellierte und völlig von ihnen abhängige Marionette. Freiheit, Wahrhaftigkeit, dann auch Intelligenz und Komplexität sowie die Bereitschaft, sich auch Schattenthemen zu stellen (keine „heile Welt“) sind die Schlüsselbegriffe.

Statt „Liedermacher“ ist gelegentlich der Begriff des „Barden“ im Umlauf. Vor allem auf Reinhard Mey wird er gern angewandt, obwohl er in manchen Menschen Assoziationen an den unglücklichen Troubadix weckt. Dahinter steht die Tradition des mittelalterlichen Barden oder Minnesängers, auf die sich Mey und Wader gern berufen. Walther von der Vogelweide etwa ist sowohl als „Singer/Songwriter“ von Minneliedern als auch als politischer Lyriker hervorgetreten. Verse wie „Bereitet ist daz velt, verhouwen ist der walt“ zeigen z.B. einen ökologisch sehr bewussten Walther – ein würdiges Vorbild für die Barden von heute. Hannes Waders CD „Liebe, Schnaps, Tod“ (Mit den Stimmen von Reinhard Mey und Klaus Hoffmann) knüpft sehr deutlich an eine mittelalterliche Lied-Tradition an.

„Liedermacher“ sind natürlich des weiteren Joan Baez und Bob Dylan. Als Vater und Mutter des von den „Ärzten“ bespöttelten „Protestsongs“ sind sie aus der Geschichte des politisch engagierten Liedes nicht mehr wegzudenken. In den USA werden sie auch oft schlicht als „Folk-Sänger“ geführt. Hier liegt sogar – neben dem Chanson eines George Brassens – eine der Quellen, aus denen die deutsche Liedermacher-Szene entsprungen ist. Hannes Wader versteht sich nicht nur als deutschsprachiger Folk-Sänger, sondern sogar als „Volks-Sänger“ im nicht-trivialen Sinn des Wortes. Verwechslungen mit Patrick Lindner sind dennoch unwahrscheinlich. Einfach und für das „Volk“ zugänglich in der Sprache, schnörkellos in der musikalischen Gestaltung, ambitioniert und engagiert in der Aussage – so könnte man dieses Konzept beschreiben. Sogar der keltische Folk kann als Quelle dienen, man denke etwa an Waders Bearbeitung des Anti-Kriegs-Lieds „Green Fields of France“, ursprünglich von dem Schotten Eric Bogle.

Nicht einfach ist auch die Abgrenzung des Chanson von anspruchsvollem Deutschrock. Auch der hat Meisterwerke hervorgebracht wie „Kristallnaach“ von Wolfgang Niedeckens Kölner Gruppe BAP. Das Lied ragt durch eine Mischung aus poetischen, teilweise surrealen Bildern, einem hohen aufklärerischen Ethos und dem reichen Wortschatz weit über das gängige Deutschpop-Einerlei hinaus. Generell endet das Chanson natürlich dort, wo eine Ensembleleistung im Vordergrund steht, nicht mehr die Persönlichkeit des Singers/Songwriters und dessen Stimme. Man könnte vereinfachend sagen: Überall, wo es laut wird und massiv E-Gitarren eingesetzt werden, ist es Deutschrock, nicht Chanson. Aber auch dieses Unterscheidungsmerkmal greift nicht immer. Wenn Herbert Grönemeyer sein sehr privates und bewegendes Lied „Der Weg“ in einem ganz eigenen Balladenstil vorträgt, kann von „Rock“ im Sinne der Ursprünge aus dem Rock n’ Roll keine Rede mehr sein.

Es gibt so etwas wie eine Animosität des Chansonniers gegenüber dem Rockmusiker. Klassisch z.B. die satirische Anklage von Reinhard Mey in „Ein Stück Musik von Hand gemacht:“

„Wenn der große, wilde Rock’n Roller rockt und rollt,
Mit der Wahnsinnslasershow über die Bühne tollt,
Wenn die Lautsprecher dröhnen und das Hallendach schwingt,
Dass mir der Bauch raustritt und die Brille springt,
Dann denk’ ich dran, dass,
Wenn jetzt jemand an der Sich’rung dreht,
Der Rockstar mucksmäuschenstill,
lammfromm und im Dustern steht.“

Das Lied wirkt, wenn Reinhard Mey es in seiner unnachahmlichen Weise singt, witzig und sympathisch, die Ästhetik des Einfachen und Aufrichtigen, die hier vermittelt wird, verkörpert der Sänger glaubwürdig. Was nicht mehr funktioniert, wenn der Strom ausfällt, so scheint die Botschaft zu lauten, ist keine echte Musik. Natürlich übertreibt Mey. Wo Aufrichtigkeit als Stilideal derart dominiert, dass Raffinesse in Bausch und Bogen verdammt wird, da verarmen die musikalischen Möglichkeiten. Wahre Arrangement-Wunder wie in Jacques Brels „Jef“ oder in Weckers „Ich liebe diese Hure“ wären nicht mehr möglich, wenn das Bild vom einsamen „Mann mit seiner Gitarre“ verabsolutiert wird. Zum Glück ist Mey auch diesbezüglich nicht allzu konsequent und hat mit seinem Arrangeur Manni Leuchter eine Reihe von großartigen Orchesterchansons erarbeitet, etwas „Lilienthals Traum“.

Eine anti-modernistische und zivilisationskritische Tendenz liegt dem Selbstbild vieler Liedermacher zugrunde. Auch so etwas wie rückwärtsgewandte Wehmut: „Deine Räuber sind jetzt Killer, Wilhelm Tell greift zur MP. Sorry, good old Freddy Schiller, Sorry, poor old Germany!” (Reinhard Mey) In der “Blütezeit der Fast-Food-Zivilsation, der Einheitsmeinung, der Geschmacksautomation” gibt es selbstverständlich “keine Maikäfer mehr.” Auch keine Platten „aus Vinyl, mit Kratzern und viel Gefühl.“ Der Liedermacher versteht sich oft als „sentimentalisch“ im Sinne Schillers, er verweist durch sein intuitives Schaffen auf einen „heileren“ Seeleninnenraum, der sich an den kritisierenswerten Lebensbedingungen der Außenwelt reibt. Dieser Innenraum kann poetisch als „Flucht“ in eine andere Epoche oder in die Utopie ausgeschmückt sein. Berühmte Chanson-Utopien sind etwas Lucio Dallas „L’anno che verrà“ oder Jacques Brels „Une Ile“, wo es heißt: „Eine Insel in der Weite der Hoffnung, wo die Menschen keine Angst mehr haben, lieblich und ruhig wie dein Spiegel“. So sehr das Klischee vom „Protestsong“ auch oft zutrifft, ein Liedermacher lässt seine Hörer selten ohne Hoffnung, dass „eine bessere Welt möglich“ ist. Und wenn diese Hoffnung auch manchmal in nichts anderem besteht als in der Schönheit einer Melodie.

So scheint es auch konsequent, dass sich deutsche Liedermacher auf eine alte Tradition besinnen, die in keinem Land solche Blüten getrieben hat wie gerade in Deutschland: die klassische Musik mit ihren großen Liederkomponisten, beispielsweise Franz Schubert oder Robert Schumann. Das deutsche „Lied“ ist mit dem französischen „Chanson“ schon deshalb nicht völlig deckungsgleich, weil die beiden Begriffe Assoziationen an unterschiedliche musikalische Traditionen wecken. Gerade im frühen 19. Jahrhundert wurden im deutschsprachigen Raum im großen Stil „Lieder gemacht“. Ein Franz Schubert war allerdings keinesfalls ein Singer/Songwriter. Nicht einmal für die „Lyrics“ zeichnete er verantwortlich, das übernahmen Dichter wie Joseph Eichendorff oder Heinrich Heine. Hannes Wader hat eine schöne CD, „An dich hab ich gedacht“, mit Schubert-Liedern aufgenommen. U.a. wird dort der Schubert-Klassiker „Die Forelle“ adaptiert, wobei Waders Gitarre geschickt den Klavierpart des Originals nachahmt.

Noch weitaus aufregender als die Frage, ob man klassische Lieder mit einer „normalen“ Stimme nachsingen kann, ist allerdings eine andere: Ist es möglich, in der heutigen Zeit selbst so etwas zu schaffen: Lieder, die in Komposition, Text und Vortrag gleichermaßen höchsten Ansprüchen genügen? Wenn ich eine Schubert-Aufnahme kaufe, erwerbe ich damit eigentlich das Ergebnis der gemeinschaftlichen Schöpferkraft von vier großen Künstlern: Franz Schubert als Komponist, Goethe (oder ein anderer Dichter) als Texter, Dietrich Fischer-Dieskau als Sänger und Gerald Moore als Pianist (nur als Beispiel, natürlich gibt es Aufnahmen mit anderen Künstlern). Ein Liedermacher auf der Bühne ist in vielen Fällen sozusagen Schubert, Goethe, Fischer-Dieskau und Moore in einem.

Die geläufig Bezeichnung für das klassisch-romantische Liedschaffen in einer Epoche, die von Mozarts „Komm lieber Mai“ bis Richard Strauss „Im Abendrot“ reicht, lautet „Kunstlied“. Eigentlich ist das Chanson in seiner künstlerisch ambitioniertesten Form ein Kunstlied. Besonders gilt dies für Klavier- oder Orchesterlieder, die ihre wesentlichen musikalischen Impulse von der klassischen Musik und ihrer Harmonielehre empfangen haben. Konstantin Wecker, der von seiner künstlerischen Prägung her der Klassik mehr verbunden ist als alle anderen großen deutschen Liedermacher, hat sich am deutlichsten am Kunstlied orientiert. Nicht nur die Vertonung von Goethes „An den Mond“ und gewisse musikalische Zitate (etwas die Schumann-Anklänge in „Geh noch kaputt an dir“ aus der CD „Gamsig“, 1996) deuten darauf hin. Die als „Liederzyklus“ ausgewiesene LP „Liebesflug“ oder die späteren CD-Veröffentlichungen „Am Flussufer“ und „Ohne Warum“ sind erkennbar als Kunstliedersammlungen angelegt. Wer für die Tradition, an die hier angeknüpft wird, kein Gefühl hat, wird leicht der Versuchung erliegen, „Verrat“ an den Idealen politischer Agitation zu wittern. Der Sänger des „Willy“ sollte für immer „Willy“ singen – oder doch wenigstens so etwas ähnliches.

Zum Glück haben wir ja die „Ärzte“, die die Fahne der politischen Agitation hochhalten. So fordern sie in ihrem Lied „Deine Schuld“, dass wieder mehr demonstriert werden muss: „Es ist nicht deine Schuld, wenn die Welt ist, wie sie ist. Es ist nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“ Gut gemeint und ein echter „Protestsong“, aber ist Chanson nicht etwas mehr als der platte und direkte Aufruf zur Weltverbesserung? Ich denke, dass das Chanson eine Revolte sein kann gegen das Gewöhnliche, von oben Verordnete – nicht nur auf der Ebene des Inhalts, sondern auch auf der Ebene der Sprache. „Wenn du nichts hast als die Liebe, um zu den Kanonen zu sprechen“, sang der große Jacques Brel, „und nichts als ein Chanson, um die Kriegstrommeln zu übertönen“.

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