Die Fliege ist ein Tier

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„Wir handeln, wie so oft, völlig willkürlich als kleine Könige der Schöpfung. Wen ich umbringen darf, entscheide ich. Warum ist das so? Ganz einfach. Tief in uns haust eine Art Werte-Ranking; es entscheidet über wertvolleres und wertloseres Leben.“ Erkenntnisse am Schreibtisch der Schöpfung. Ein Beitrag zum Rassismus. Bobby Langer

„Die Fliege ist ein Tier.“ „Ja, weiß ich“, werden Sie jetzt vielleicht im Stillen antworten. Und ich setze dagegen: Wissen Sie nicht. Ich behaupte, Sie halten die Fliege für eine Fliege, allenfalls noch für ein Insekt. Aber eben nicht für ein Tier. Stimmt’s?

So ging’s mir auch. Bis heute, bis vorhin. Gerade krabbelt sie auf meinen schreibenden Fingern herum und ich habe beschlossen, sie weder zu verscheuchen noch zu töten. Weil sie nicht nur eine Fliege ist, sondern eben auch ein Tier.

Fliegen gibt es nicht

Tatsächlich ist diese Fliege keine Fliege, weil es Fliegen nämlich gar nicht gibt. Eine Fliege kann man ebenso wenig anfassen wie die Liebe oder die Zahl Eins; denn „Fliege“ ist ein Oberbegriff und wie alle Oberbegriffe abstrakt; es gibt zahlreiche Unterfamilien der Fliegen, die ich natürlich nicht kenne. Ich weiß nicht einmal, ob es sich bei meiner Fliege, die ich jetzt mal „Peter“ nenne, um einen Spalt- oder um einen Deckelschlüpfer handelt. Vermutlich ist Peter eine Stubenfliege; wenigstens davon habe ich schon mal gehört.

Eine Fliege namens Peter, hm … ich habe keine Ahnung, ob es ein Peter oder eine Petra ist, denn es gibt auch weibliche Fliegen. Wie auch immer, der Name verleiht ihm schon eine gewisse Individualität. Und das ist gut so, denn wie alle anderen Lebewesen unterscheiden sich auch Fliegen voneinander. Mein Peter ist eine andere Stubenfliege als jene, die unten im Wohnzimmer herumsaust. Er hat vielleicht schönere Facettenaugen oder seine Beine sind hübscher behaart als die seiner Schwester. Und ebenso, wie die Individualität von Fliegen feststeht, steht auch fest, dass Peter ein entscheidendes Grundbedürfnis mit mir teilt: Er will ein gutes Leben leben. Vielleicht sogar glücklich sein; wer weiß das schon.

Die Fliege und ich

Was hat das nun alles mit meiner Eingangsbehauptung zu tun, die Fliege sei ein Tier? Ich fange mal vorsichtig an mit der Definition von „Tier“. Die einfachste lautet: „Tiere sind Lebewesen, die organischer Nahrung bedürfen.“ Mit anderen Worten: Peter und ich sind bezüglich dieser Definition absolut deckungsgleich. Das trifft auch auf diese komplexere Definition zu: „Tiere sind Lebewesen mit Zellkern, die ihre Stoffwechselenergie nicht wie Pflanzen aus Sonnenlicht beziehen, Sauerstoff zur Atmung benötigen, aber keine Pilze sind.“

Hätte ich Sie nach einem Oberbegriff für Fliege gefragt, dann wäre Ihnen vermutlich „Insekten“ eingefallen. Also eine Gruppe von Lebewesen, die wir noch weniger mögen als Fliegen, weil ja auch Mücken dazugehören und es uns schon zu jucken beginnt, wenn wir nur daran denken. Tatsächlich wäre Ihre Antwort – wie die meine auch – falsch gewesen. Fliegen gehören zur Ordnung der Zweiflügler. Aber das spielt in unserem Zusammenhang keine Rolle. Entscheidend ist, dass wir Fliegen nicht für „Tiere“ halten, sie jedenfalls weder mit Hunden und Katzen noch mit anderen Tieren wie Kanarienvögeln, Walen oder Koalas in Verbindung bringen. Und weil das so ist, genießen Fliegen keine Sympathie.

Katzen sind nicht wertvoller als Fliegen

Die Bereitschaft, eine Fliege zu töten, ist deshalb bei den meisten Menschen ungehemmt; nur Mücken schlagen wir noch schneller tot. Doch für die Tatsache, dass wir das Leben einer Katze für wertvoller halten als Peters Leben, gibt es keinen objektiven Grund. Anders ausgedrückt: Wir handeln diesbezüglich, und wie so oft, völlig willkürlich als kleine Könige der Schöpfung. Wen ich umbringen darf, entscheide ich. Warum ist das so?

Ganz einfach. Tief in uns haust eine Art Werte-Ranking; es entscheidet über wertvolleres und wertloseres Leben. Und Peter rangiert eben fast ganz unten, aber doch ein gutes Stück über den Läusen. Das ist auch der Grund, weshalb Tierrechtler sich nicht für das Leben von Fliegen einsetzen, sondern zum Beispiel das von Schimpansen. Grausame Experimente mit Schimpansen erregen Empörung, grausame Experimente mit Fliegen interessieren uns nicht. Ob die Einstufung nach wertem und unwertem Leben angeboren ist, bezweifle ich; sehr viel wahrscheinlicher ist, dass uns diese Wertekategorien kulturell eingeimpft werden. Im Südseeraum genießen zum Beispiel Haie eine ähnliche Verehrung wie bei uns die Delfine.

Es gibt für uns auch wertlosere Menschen

Und je nach kulturellem Umfeld geben wir auch Menschen eine unterschiedliche Wertigkeit. So halten wir den Tod eines Deutschen für ungleich wichtiger als den Tod eines Amerikaners, Chinesen oder Bhutanesen. Ein Hausbesitzer scheint wertvoller zu sein als ein Bettler und ein Manager wertvoller als ein Arbeiter. Und: Ein Mensch mit deutscher Staatsangehörigkeit ist wertvoller als ein Flüchtling. Dass in vielen Ländern der Erde ein Mann wertvoller ist als eine Frau, ist eine Binsenweisheit. Ebenso, dass ich wertvoller bin als Peter und ich dieses Tier deshalb bedenkenlos und ungestraft töten darf. Zu dumm allerdings, dass Peter meinen Tötungsversuchen clever zuvorkommt und meiner Schicksalshand zuverlässig entwischt. Zu guter Letzt ist er schlauer als ich, wer weiß? Und vor allem: Was denkt Peter von mir? Hält er – oder sie – mich für ein Tier?

Showing 3 comments
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    Volker
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    Ich weiß nicht einmal, ob es sich bei meiner Fliege, die ich jetzt mal „Peter“ nenne (…)

    Ah, Peter …
    Schon ist Mann wieder dabei, seine Geschlechtsgenossen zu bevorteilen, ungeachtet der Tatsache, das Fliege nach grammatischer Geschlechterrolle als weiblich gilt. Heißt schließlich die Fliege, und nicht der Fliege, aber das scheint Bobby zu ignorieren, in seiner Dominanz als Mann, würde allerdings auf sein angestammtes Geschlecht heftigst hinweisen, sollte ein Nichtbewanderter deutscher Sprachnuancen ihn als die oder das Bobby bezeichnen. Fliegen haben halt keine Lobby, gell.
    Wobei ich anmerken möchte, dass die Einforderung geschlechtsneutraler Artikel – zur Bestimmung des Geschlechts bei Insekten – von mir vertreten wird, und nicht wie üblich von EMMA ( Nein, Emma ist keine Fliege, sondern ein Frauenverlag).

    Somit ist Peter nachweislich auch keine Stubenfliege, wohl eher ein Stubenflieger mit weiblichen Anteilen. Peter*in wäre als Alternative durchaus denkbar, allerdings unter Missachtung eines Beiderlei-Geschlechts-Anspruchs, also völlig indiskutabel nach UN-Fliegenrechtskommission.

    Hiermit fordere ich die allgemein gültige Umkehr fremdbestimmender Geschlechtszuweisungen diskriminierender Gramatikregeln im der-die-das-Verfahren – im Sinne der Artendiversität, mit Aha-Erlebnis vergangener Love and Peace-Tage.

    🙂

    • Avatar
      Piranha
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      Na, Du bist ja mal gut drauf

      🙂 🙂 🙂

      Schöne Sonntagsgrüße,

      P.

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    N. Flox
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    Das ist doch ganz klar: bei Peter ist eben Peter*in eindeutig mitgedacht….. ganz heimlich und ganz feministisch! (Danke für den Beitrag mit Peter*in!)

    So wie es in allen Rathäusern ein Bürgerbüro (in das ich mich als Frau nicht einfach so reintraue) gibt und in Läden „Liebe Kunden“ begrüßt werden und sich weder Frau noch Mann noch Divers heute darüber wundern, dass seit etwa 1930 die Frau einfach unsichtbar in der Ansprache ist!

    Komischerweie finden Männergruppen es nicht lustig, wenn ich sie mit „Hallo die Damen“ (männlich natürlich einfach mitgedacht) begrüße. Aber wir weiblichen sollen uns echt nicht so haben! Wir werden doch klar mitgedacht!

    Verstörend sind auch die ganzen Femizide……. Frauenmorde, weil sie Frauen sind und sich von einem toxischen Mann trennen (wollen).

    Jeden dritten Tag bringt ein  „liebender“ Mann seine Frau um. Für Frauen weltweit und auch im „zivilisierten“ D ist das eigene Zuhause und die Beziehung kein sicherer Ort.

    Wir haben schwere Zeiten und wie halten wir eigentlich die massive Ausrottung der Peter*in und anderer Arten aus???

    Weiterhin fröhliches Ausrotten……

    (nicht mal ziviler Widerstand dagegen hilft…..) ich verzweifel oft!

     

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