Die griechische Bürokratie: bei uns gibt es Obdachlose mit Fax-Anschluss!

 in FEATURED, GRIECHENLAND, Roland Rottenfußer, Über diese Seite

213. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Höhepunkt meines heutigen Beitrags zu unserer Hilfsinitiative ist ganz sicher der Bericht von Tassos Chatzatoglou über die derzeitige Stimmung und Situation in Griechenland! Aber vorher teile ich Euch erst mal einige Nachrichten mit, die eher ins Kuriositäten-Kabinett gehören. Wäre das alles nicht so bitter und traurig, müsste man eigentlich lachen darüber! Doch wem bliebe bei diesem rabenschwarzen Humor der Ereignisse in Griechenland nicht das Lachen im Halse stecken? Vermutlich nur Idioten oder Menschen mit einem versteinerten Gehirn! Holdger Platta

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

nein, verwundern darf das nicht: in der vergangenen Woche gingen gerademal 70,- Euro für unsere Spendenhilfe ein, überwiesen von 2 DauerspenderInnen an uns. Ich denke, der Grund liegt auf der Hand. An vier Tagen waren die Banken geschlossen, vom Karfreitag bis Ostermontag, da hatten unsere UnterstützerInnen gerademal gut zwei Tage Zeit gehabt, gegebenenfalls noch rechtzeitig Überweisungen an uns auf den Weg zu bringen. Dieses magere Ergebnis – beim Spendenaufkommen für HdS sah es übrigens ganz ähnlich aus – muss uns also nicht entmutigen. Und unser Dank an die beiden UnterstützerInnen fällt nicht minder herzlich aus!

Nachdem wir vom Trägerverein „Initiative für eine humane Welt“ (IHW) nunmehr alle internen Unklarheiten beim Kassenwesen erfolgreich beheben konnten, war uns sogar möglich, heute, am Dienstag, dem 14. April, 1.000,- Euro an unser Außenhelferteam in Graz nachüberweisen zu können – Ihr wisst: an Evi und Tassos Chatzatoglou. Diese Gelder werden von den beiden folgendermaßen an Hilfsbedürftige in Griechenland weitergeleitet:

  • Der arbeitslose Schauspieler in Athen Alexander wird von uns 590,- Euro bekommen; 90,- Euro davon sollen dazu dienen, offene Rechnungen für Wasser und Betriebskosten für seine Wohnung bezahlen zu können, weitere 500,- Euro gehen in der Gestalt von Lebensmittelbons an ihn. Der Hintergrund für Alexanders Finanzschwierigkeiten: noch immer wartet er auf seine ersten Pensionszahlungen (die längst schon hätten angelaufen sein müssen!). Nun soll im Juli dieses Jahres die erste Rate an ihn überwiesen werden. Wir werden darüber berichten, ob dieses tatsächlich geschieht!
  • Die anderen 410,- Euro werden Panagiota in Megara mit ihren drei Töchtern zugutekommen. Sie steht, nachdem sie im Dezember des letzten Jahres erneut arbeitslos geworden ist, ohne jedes Einkommen da! Einer der vielen Skandale im griechischen Sozialversorgungssystem. Auch Panagiota wird Lebensmittelbons erhalten – was ihr wenigstens über die nächsten Wochen weiterhilft.

Nebenbei: der neue Bürgermeister von Athen, ein Neffe von Kyriakos Mitsotakis, dem ultrakonservativen Regierungs-Chef, hatte unlängst eine wunderbare Idee: er ließ vor kurzem an die Bedürftigen in „seiner“ Stadt sogenannte „Lebensmittelpakete“ verteilen. Sie bestanden jeweils aus 48 Dosen haltbarer Milch. Offenbar scheint das Athener Stadtoberhaupt der Auffassung zu sein, es bei den Armen mit Babys zu tun zu haben! Oder es gab da einen ganz besonderen Deal mit einem Hersteller von H-Milch. Weiß man’s?

Von ähnlicher Idiotie ist übrigens auch das, was in der neuesten „Griechenland Zeitung“ (GZ) zu lesen war: da in Hellas – viel rigoroser noch als bei uns – wegen der Covid-19-Krise mehr oder minder totale Ausgangssperre herrscht, wurde gegen einen Obdachlosen im kretischen Rethymon wegen des „ungerechtfertigten Aufenthaltes im Freien“ ein Bußgeld verhängt. Gleiches wurde am letzten Freitag auch aus Thessaloniki der Öffentlichkeit mitgeteilt: dort gab es gleich 6 Bußgeldbescheide (wobei 4 von ihnen dasselbe obdachlose Paar betrafen). Es half nicht, dass die griechische Hilfsorganisation „Arsis“ die Behörden darauf hinwies, dass in Thessaloniki nicht genügend Schlafplätze für Obdachlose vorhanden seien und dass sich Obdachlose generell des öfteren draußen im Freien bewegen müssten, um verschiedene Leistungen in Anspruch nehmen zu können.

Zwar hatte der Obdachlose aus Rethymon sein Bußgeld am Ende doch nicht bezahlen müssen – wovon auch! – und die griechische Polizei soll angewiesen worden sein, solche Fälle wie in Thessaloniki  zukünftig „kulant zu behandeln“ – Vermeidung von Idiotien also als staatlicher Gnadenakt! -, doch auch diese Absurdität gilt es im Zusammenhang mit der Behandlung von Obdachlosen in Griechenland noch festzustellen: allen Betroffenen wurde drei Tage Beschwerderecht eingeräumt, per Fax oder per Mail! – Kennt Ihr Obdachlose, die über Laptops verfügen oder über Faxanschlüsse? – Ich jedenfalls nicht. Man muss schon verrückt sein, dieses nicht verrückt zu finden!

Und weil ich heute – der Zufall (bislang der bürokratische!) will es so – über gleich mehrere Abstrusitäten zu berichten habe, sei auch diese letzte Nachricht noch mitgeteilt. Sie hat, wenn man so will, mit dem lieben Gott selber zu tun beziehungsweise – was wohl zutreffender ist – mit dessen Bodenpersonal:

Für das Osterfest – es findet in Griechenland erst am kommenden Sonntag statt –, hat die griechische Regierung auch ein Versammlungsverbot für die Kirchen verhängt. Wie bei uns also: die Gottesdienste finden am 19. April in Griechenland nicht statt! Das hat aber „fanatische Popen“ – so die GZ vom 8. April – nicht daran gehindert, ihre Schäfchen aufzufordern, sich gleichwohl bei den Messen einzufinden – egal, ob diese Gottesdienste draußen im Freien oder im Kircheninnern stattfinden sollen. Begründung der spirituell erleuchteten Gottesdienstleister dafür (ich zitiere jetzt nach der GZ): „Der Heilige Geist werde schon dafür sorgen, dass man sich dabei nicht mit Covid-19 anstecke“. Dazu fällt mir nur noch der Satz ein: wer’s glaubt, der muss halt dran glauben, gegebenenfalls!

Beschließen möchte ich meinen heutigen Bericht aber mit einer langen Mail, die ich vor einigen Tagen von Tassos Chatzatatoglou bekam. Vielleicht erinnert Ihr Euch: bei meiner Frage im letzten Bericht, wieso Kyriakos Mitsotakis in der griechischen Bevölkerung derzeit auf so viel Zustimmung stößt, was seine Entscheidungen und Maßnahmen bei der Corona-Krise betrifft, und überhaupt, wieso seine Beliebtheit derart deutlich angestiegen ist, musste ich – einigermaßen fassungslos – passen. Nun, auf meine Bitte hin hat sich Tassos Chatzatoglou, Grieche von Hause aus und Griechenlandkenner ohnehin, sehr eingehend mit dieser Frage befasst. Hier, in nahezu vollständiger Länge, seine Antwort darauf:

„Ich habe mehrere Ergebnisse verschiedener statistischer Unternehmen angesehen ( PULSE, ALCO, OPINION POLL, METRON ANALYSIS). Die Popularität von ND ist tatsächlich gegeben. 45% der Befragten würden ND wählen, SYRIZA bekommt 22%,  5,5% KINAL , 5% KKE , 4,5% die EL und nur 2,5% Mera25 (Varoufakis).

Die Mitglieder der SYRIZA wurden befragt (ALCO), ob die Entscheidungen der Regierung richtig sind. 89% der Syriza-Mitglieder beantworteten die Frage mit ja.

Auf die Frage, ob die Durchführung der Maßnahmen richtig sei, antworten 68% der SYRIZA- Mitglieder  mit ja.

Die Frage, ob die Unterstützung für die Wirtschaft ausreichend sei, beantworten 50%  mit ja.

81% der SYRIZA-Mitglieder halten die Maßnahmen der Regierung gegen die Ausbreitung des Corona-Virus für ausreichend.

53% der Befragten befinden, dass Mitsotakis der bessere Regierungschef sei als Tsipras. Damit ist das erste Mal die magische Grenze von 50% durchbrochen.

Die Abweichung bei den verschiedenen Instituten liegt bei 0,8 bis 1,6%, meiner Meinung nach sehr gering.

Eine hohe Popularität, 89%, genießt der Virologe Tsiotras. Er spricht im Auftrag der Regierung jeden Tag im Fernsehen und erklärt, weshalb die Regierungsmaßnahmen gegen das Corona-Virus wichtig und zu befolgen sind.

Statistiken werden erstellt, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Erklärte Skeptiker werden nicht berücksichtigt und in manchen Fälle von der Befragung ausgeschlossen. Die Statistiken sind für mich innerhalb der  bürgerlichen Ideologie zu akzeptieren.

Zur Situation in Griechenland fragte ich verschiedene Freunde, die nicht einer bestimmten politischen Richtung angehören. Die Gruppe ist nicht homogen, repräsentiert die bürgerliche griechische Durchschnittsgesellschaft. Trotzdem beantworteten alle meine Frage, wie jeder einzelne meiner Freunde die Lage in Griechenland bewerten würde, analog zu meiner Einschätzung.

Die Einschätzung der Regierung über den Zustand und die Effektivität des Gesundheitssicherungssystems in Griechenland ist pragmatisch. Sie folgt dem Rat der Ärzte und trifft wie alle von Corona betroffenen Länder, Maßnahmen, die eine Katastrophe unbekannten Ausmaßes verhindern soll.

Die Situation der Krankenhäuser ist uns allen bekannt und muss an dieser Stelle nicht neuerlich erläutert werden. Der Bedarf an Intensivbetten liegt derzeit bei 2.000. Vorhanden sind lediglich ca. 500 Betten! Die griechische Ärztevereinigung verlangt die Bereitstellung von zusätzlich 2.000 Intensivbetten. Eine dementsprechende Liste, die von einer 9-köpfigen Expertengruppe der Ärztevereinigung erstellt wurde, enthält die Neu-Einstellung von Ärzten, medizinischem Fachpersonal, die Anschaffung von Beatmungsgeräten, Schutzausrüstung und diversen Hilfsmitteln nach europäischem Standard. Diese Expertengruppe steht ab sofort auch dem Gesundheitsministerium beratend zur Verfügung.

Die griechische Bevölkerung war und ist sich der verheerenden Zustände in den Krankenhäusern durchaus bewusst. Ärzte und medizinisches Fachpersonal hatten bei Protesten in der Vergangenheit verstärkt darauf hingewiesen. Deshalb haben sie alle Verordnungen der Regierung akzeptiert, weil die Maßnahmen jetzt von den Ärzten getroffen worden sind. Die griechische Bevölkerung akzeptiert allen Erwartungen zum Trotz die Maßnahmen der Regierung und befolgt sie diszipliniert, da die Menschen genau wissen, dass sie Gefahr laufen, alleine zu Hause sterben zu müssen,  wenn sie sich nicht daran halten würden. Ein Volk, über das Calvinisten wie Schäuble die Meinung vertrat, es sei faul, undiszipliniert, liebe das Feiern, sei übermäßig religiös, hat gezeigt, dass es seine Lage durchaus richtig einzuschätzen vermag. Die Menschen müssen zuhause bleiben, um ihr Leben und das Leben ihrer Familie zu schützen. Das ist etwas, das die Griechen von manchen Mitteleuropäern unterscheidet: Sie haben den Ernst der Lage erkannt!

Diese „Zorbas“, die alle lieben und hassen zugleich, haben gezeigt, was Disziplin heißt. Das Land ist wie ausgestorben. Das Land, das bis jetzt, auch im Winter, jeden Tag feierte, als ob das der letzte Tag in ihrem Leben wäre, bleibt zu Hause. Auch die Kirchen bleiben leer. Das Ergebnis: so wenig Tote wie in keinem anderen europäischen Land.

Für die Stützung der Wirtschaft ist jede Entscheidung positiv. Die Höhe der Wirtschaftshilfe widerspiegelt den Zustand der Staatskasse. Etwas Positives sehen meine Freunde schon. Die Zahl der Beschäftigten in der Agrarwirtschaft beträgt wieder 30 %.

Der Tourismus, die „Schwerindustrie“ Griechenlands, ist allerdings schwer angeschlagen. Die Italiener bleiben voraussichtlich zu Hause, auch die Österreicher und Deutschen werden Griechenland fern bleiben. Der Sommer wird eine schwere Zeit für die Griechen.

Die Pandemie wird als Tafelschwamm von den Politikern verwendet, um Versäumnisse der Vergangenheit zu kaschieren. Wenn die Krise vorbei ist, wird das Volk seine Wunden lecken, und die Politiker werden als die Retter dastehen. Die Griechen werden  erneut die Politiker beklatschen, weil die Beach Bars und  die Fisch-Tavernen wieder geöffnet sein werden. Selektive Amnesie?

Die Sonne wird die Griechen wieder bis zum nächsten Winter erwärmen. Allerdings wird der Winter die Griechen wieder krank und hungrig finden, die Obdachlosen werden weiter bestraft, weil sie nicht zuhause bleiben – das sie nicht haben -, die Proteste der Ärzte werden mit Polizeigewalt aufgelöst, und die Griechen werden wieder – auf Aufforderung hin – vom  Balkon aus Beifall klatschen.“

Natürlich bleibt es beim Wunsch aus meinem letzten Bericht: mögen möglichst alle GriechInnen und Griechen gut die Corona-Krise überstehen – ein Wunsch, der selbstverständlich auch Euch HdS-Leser und -Leserinnen mit einschließt! Bleiben wir alle also möglichst gesund! Und nutzen wir unsere Kraft, unseren Elan und unsere Gesundheit, jene nicht zu vergessen, denen es – vergleichsweise – nicht so gut geht wie uns! Natürlich weiß ich – und zigfach haben wir schon darüber berichtet –, dass es auch den Verarmten und Verelendeten in der Bundesrepublik nicht gut geht, in dieser nicht nur vom Corona-Virus befallenen, sondern auch von der Erbarmungslosigkeit der Hartz-IV-Gesetze verseuchten Republik. Aber nicht zum ersten Mal stelle ich fest, dass es gerade oft die Abgehängten in unserem Lande sind, die den Abgehängten in Griechenland beistehen. Diesen Spenderinnen und Spendern gilt heute, zum Abschluss, einmal mein ganz besonderer Dank!

Und damit erneut mein Aufruf zu weiteren Spenden für unsere Hilfsaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“. Also:

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“  auf das Konto:

Inhaber: IHW

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer, wie gesagt, noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“, ist immer wieder erneut auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „GR-IHW“ versehen. Es sei wiederholt: wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen und allen meinen guten Wünschen

Euer Holdger Platta

 

 

 

 

 

 

 

Comments
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    Volker
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    Kennt Ihr Obdachlose, die über Laptops verfügen oder über Faxanschlüsse?

    Ja, den Herrn Merz. Joachim liegt angeblich in der Gosse, weil nix BlackRock mehr. Und das Erbe von Mutti ist auch noch nicht in Sicht, sprich: Joachim Merz-BlackRocks Eigentumswohnung Deutschland ist leider noch nicht bezugsfertig. Aber psss … Joachim Merz-Blakrock-Deutschlands Miete für Eigentumsbedarf, angemeldet von BlackRock, wurde schon im Voraus beglichen. Was bedeutet, dass paarundachtzig Millionen einen Mietvertrag unterschreiben, ohne Kündigungsrecht.

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