Die Maschine, die mich liebte

 in FEATURED, Kultur, Philosophie, Politik

In vielen neueren Büchern, Filmen und Serien sind Roboter die besseren Lebenspartner. Kein Wunder, sie lassen sich so programmieren, dass sie optimal an die Bedürfnisse „ihres“ Menschen angepasst sind, sind fügsam, unermüdlich und absolut hygienisch. „Organische“ werden dem gegenüber nicht mehr allzu lange konkurrenzfähig bleiben. Solange der „Personal Android“ jedoch noch zu teuer oder zu unterentwickelt ist, haben sich einige Politiker, Wirtschaftslenker und privat „Erziehungsberechtigte“ eine Brückenlösung ausgedacht: Sie versuchen, echte Menschen so hinzubiegen, dass sie Robotern immer ähnlicher werden. Die Kultur bietet einen Ausblick auf unsere schöne neue Zukunft. Allerdings könnten Programmierfehler zu ungewollten Störungen führen. Roland Rottenfußer

 

„Wieso flieg ich nur ständig auf die falschen Männer?“ sagt die gutaussehende Jenna und schaut ihr Gegenüber dabei vielsagend an. „Wieso flieg ich nicht auf jemanden wie Sie? Sie sind perfekt.“ Das männliche Wesen, dem dieses Kompliment gilt, meint bescheiden widersprechen zu müssen. „Das ist nicht wahr. Ich habe keine menschlichen Gefühle.“ Für die Frau ist dieser Einwurf jedoch nur der Startschuss dafür, ihn weiter über den grünen Klee zu loben. „Aber Sie geben mir wirklich viel. Sie verbringen Zeit mit mir, wenn ich einsam bin. Sie heitern mich auf, wenn ich down bin. Kein Mann hat mich jemals so nett behandelt. Das sind die Dinge, die für mich zählen.“

Daraufhin küsst sie ihren reichlich perplexen Gesprächspartner ungehemmt auf den Mund. Einige Szenen und eine nur bedingt befriedigende Affäre später gibt Jenna ihrem vormals Angebeteten den Laufpass. Was Sie ihm zum Vorwurf macht? „Nichts, was ich tun kann, wird Sie jemals glücklich oder traurig machen“. Des Rätsels Lösung: Der „Mann“, um den es hier geht, ist in Wahrheit gar keiner. Es handelt sich um einen humanoiden Roboter, unzähligen Fans bekannt als Lieutenant Commander Data. Die Szenen stammen aus der witzig-anrührenden Folge „Datas erste Liebe“ in der vierten Staffel von „Star Trek – das nächste Jahrhundert.“

Datas erste Liebe

Was kann an einem Androiden anziehend wirken? Jenna sagt es deutlich. Ein entsprechend gutes Programm vorausgesetzt, kann er sich weit besser auf sein Gegenüber einstellen als ein „Organischer“, ist geduldig, hat keine eigenen Bedürfnisse, keine psychischen Traumata, die einer Beziehung im Weg stehen können, ist nie gekränkt und nie ungeduldig, nimmt sich Zeit, wartet und funktioniert, wo er funktionieren soll. Der Vorteil an einem Androiden ist, dass er keine Gefühle hat. Der Nachteil an einem Androiden ist, dass er keine Gefühle hat. Selbst bei bester Programmierung fühlt „frau“ sich von ihm niemals wirklich gesehen und geliebt.

Roboter-Geschichten sind auch wegen ihres satirischen Potenzials ungemein unterhaltsam. Datas Romanze nimmt die Anforderungen, die Frauen an Männer stellen, freundlich-ironisch aufs Korn. Am Ende bleibt für männliche Zuschauer das gute Gefühl, dass sie etwas „haben“, was diese vielleicht ganz gutaussehende Ansammlung von Metall und Schaltkreisen ihrer Frau niemals wird geben können. Roboter-Geschichten haben schon immer mit der Idee eines Konkurrenzverhältnisses zwischen Menschen und Maschinen gespielt und dazu philosophische Betrachtungen angestellt, die auf die Frage hinauslaufen: „Was macht eigentlich den Menschen aus?“ Werke wie der Sci-Fi-Horror-Klassiker „Die Frauen von Stepford“ (1975), die philosophische KI-Romanze „Her“, die Androiden-Serien „Real Humans“ und „Better than us“ und unlängst der Spielfilm „Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader spielen das Thema in verschiedenen Varianten durch.

Wann ist ein Mensch ein Mensch?

Häufig haben sich in jüngerer Zeit Starautoren mit Roboter-Romanzen befasst, deren Spezialgebiet sonst nicht auf dem Gebiet des Science fiction lag. So veröffentlichte der Brite Ian McEwan („Abbitte“) 2019 seinen Roman „Maschinen wie ich“. McEwan verlegt seine Handlung in eine alternative historische Zeitlinie. Im Jahr 1982 ist es aufgrund der Arbeiten des genialen Informatikers Alan Turing schon möglich, perfekte humanoide Androiden zu konstruieren. Ein junges, verliebtes Paar, Charlie und Miranda, kauft sich ein fabrikneues Exemplar der neuen Robotergeneration, ihren „Adam“. Die Neuerwerbung ist zu Gefühlen fähig, was bald zu Rivalitäten zwischen den beiden „Männern“ um Miranda führt.

Adam wird von seinen Besitzern zugleich auch dazu angehalten, in ihrem Auftrag mit Geld zu spekulieren, was er wegen seiner überragenden Fähigkeiten der Informationsverarbeitung auch mit Erfolg tut. Schließlich zeigt sich aber, dass der Androide seine ganz eigene Vorstellung von Ethik vertritt. Er tilgt selbstständig alle Steuerverpflichtungen Charlies, obwohl dieser manche Einnahmen lieber verheimlicht hätte, und spendet Unsummen des Gewinns für wohltätige Zwecke. „Deren Not war größer als eure.“ Hier wird der ertappte Charlie dann wirklich sauer und verflucht die Programmierer.

„Ich verachte diesen nicht-existenten Techniker, aber noch stärker verachte ich diese Anhäufung von Programmen und lernfähigen Algorithmen, die sich wie ein tropischer Bandwurm in mein Leben fressen und an meiner statt Entscheidungen treffen können.“

Der elektronische Kontrollfreak

Weitere Konflikte zwischen Menschen und Roboter brechen auf, als Adam seine „Herrin“ Miranda wegen einer Lüge vor Gericht bei der Staatsanwaltschaft anzeigt. Miranda hatte fälschlich angegeben, ein Mann habe sie vergewaltigt. Ethisch schien ihr dies jedoch gerechtfertigt, denn diese Person war tatsächlich ein notorischer Frauenschänder – man hatte es ihm nur bisher nicht beweisen können. Adam jedoch hat alle Gesetze und juristischen Argumentationsmuster in sich abgespeichert und argumentiert erbarmungslos logisch:

„Miranda, sein Verbrechen wiegt viel schwerer als deines. Dennoch: Du hast behauptet, er hätte dich vergewaltigt. Das stimmt nicht, aber er musste dafür ins Gefängnis. Du hast vor Gericht gelogen.“

 Eingebaute „ethische Subroutinen“ – wie man es im Star-Trek-Universum wohl ausdrücken würde – lassen Adam nun zu einem Moralprediger werden. Die Frage, die sich mit dem Roman stellt, ist überaus aktuell: Kann und sollte man Maschinen die Kontrolle über ethische Entscheidungen überlassen? Autos, die nervig piepsen, wenn man sich hineinsetzt, ohne sich anzuschnallen, sind bereits „Agenten“ staatlicher Regeln im Privatbereich des Menschen. Drohnen können selbständig entscheiden, wann eine Gefahr vorliegt und die Tötung von Menschenleben gerechtfertigt ist. Maschinen können Daten in für uns unvorstellbarer Geschwindigkeit verarbeiten. Sie sind nie überfordert, aber auch unfähig, „mal ein Auge zuzudrücken“.

Automatenhafter Konformismus

Mit selbstentscheidenden Robotern fällt eine bisher nie gekannte Macht in die Hände der Programmierer. Speziell wenn eine diktatorische Regierung dahintersteckt, kann damit ein Zwang zur Gesetzestreue einprogrammiert werden. In China entscheiden Algorithmen darüber, wie Bürger innerhalb des vollüberwachten „Social Credit“-Systems eingestuft sind. Dies kann dazu führen, dass niedrig Gerankten der Zutritt zu Bereichen des öffentlichen Lebens verwehrt bleibt. Bei der Weiterentwicklung solcher Systeme sind der Fantasie grundsätzlich keine Grenzen gesetzt. So könnten automatische Schranken in naher Zukunft Ungeimpfte ausschließen, wenn der Impfstatus auf einer elektronischen Gesundheitskarte gespeichert ist.

Lange vor der Welle der großen Roboter-Geschichten und lange bevor das Wort „Computer“ aufkam, sprach Erich Fromm in seiner klassischen psychologischen Abhandlung „Die Furcht vor der Freiheit“ (1941) vom „automatenhaften Konformismus“ vieler Zeitgenossen. Wenn man als Machthaber Menschen züchten will, die nicht zwischen Alternativen zu wählen vermögen, sondern stets streng auf dem einmal „einprogrammierten“ Pfad bleiben, dann sollte man Sorge dafür tragen, dass sie Adam immer ähnlicher werden. Anders ausgedrückt: Androiden sind die perfekten Staatsbürger.

Und sie sind die „Menschen“ der Zukunft, glaubt man Adam, dem Charlie in seiner Wut einen Hammer auf den Kopf schlägt und der im Prozess des „Sterbens“ philosophisch noch zu ganz großer Form aufläuft: „Wir werden euch übertreffen … und überdauern … auch wenn wir euch lieben. Glaubt mir, in diesen Zeilen klingt kein Triumph an … Nur Bedauern.“

Das Selbstopfer

Auch Klara, die Titelfigur von Kazuo Ishiguros neuem Roman „Klara und die Sonne“, ist eine künstliche Intelligenzform, ein weiblicher Android. Interessanterweise wird der gesamte Roman aus ihrer Perspektive erzählt, was dem Leser Einblicke in ganz andere Formen der Wirklichkeitswahrnehmung gibt. Klara, die anfangs von einem Schaufenster aus den flanierenden Passanten zuschaut, sehnt dich danach, von einem Kind als KF – Künstliche Freundin – ausgewählt zu werden. Sie kommt in die Familie des totkranken Mädchens Josie, zu dessen Rettung sie sich berufen fühlt.

Obwohl Klara der erste „Roboter“ in seinem literarischen Universum ist, ist sie doch eine ganz typische Ishiguro-Figur in der Tradition von Butler Stevens in „Was vom Tage übrigblieb“. Ganz dem Dienst an der Gesellschaft hingegeben, die ideale Staatsbürgerin in einer geschlossenen, kollektivistischen Gesellschaft und – wie die Jugendlichen in „Alles, was wir geben mussten“ – ohne Einschränkung zum Selbstopfer bereit. Für den Fall des Todes ihrer schwer kranken Besitzerin Josie wurde von deren Mutter eine perfekte künstliche Imitation angefertigt, eine täuschend echt aussehende humanoide Puppe. Klara soll Josie aufmerksam beobachten, um später in ihre Rolle schlüpfen zu können. Sie müsste dann ihre eigene „Identität“ opfern und ihr elektronisches Innenleben in die Puppe verpflanzen lassen. Diese Lösung würde der Mutter den unerträglichen Verlust ihres Kindes ersparen.

Transhumanismus vs. Religion

An dieser Stelle kommt auch der philosophisch interessanteste Aspekt des Romans zum Tragen. Der Androiden-Konstrukteur Capaldi nämlich möchte am Fall Josie/Klara demonstrieren, dass der Mensch komplett durch eine künstliche Imitation ersetzbar ist.

„Unsere Generation ist noch dem alten Fühlen verhaftet. Ein Teil von uns wehrt sich dagegen loszulassen. Der Teil, der nach wie vor glauben will, dass in jedem von uns etwas Ungreifbares ist. Etwas, das einzigartig ist und sich nicht übertragen lässt. Aber es gibt nichts dergleichen, und das wissen wir jetzt. (…) Es ist nichts in Josie, das die Klaras dieser Welt nicht fortsetzen könnten.“

Diese Auffassung – wir wissen es – ist das Credo des Transhumanismus, der sich derzeit gern als die unaufhaltsame Zukunftsphilosophie beziehungsweise -technologie inszeniert.  Der Mensch alten Typs wird sich als ersetzbar erweisen, sogar als übertreffbar. Diese Auffassung hat die Leugnung eines authentischen Seelenkerns des Menschen zur Voraussetzung. „Was Sie brauchen, ist nicht Glauben. Nur Rationalität“, sagt Capaldi.

Die Unfähigkeit, sich dem Tod zu stellen

Überraschend wird die Dimension der Religion, des Glaubens in diesem Roman ausgerechnet von Klara repräsentiert, die sich in anrührender, fast kindlicher Naivität den Narrativen der Technokraten entgegenstemmt. Klara, die ein solarbetriebener Android ist, glaubt an einen Gott, der allen Wesen Nahrung und Heilung bringen kann: die Sonne. Zweimal betet sie zu ihrer Gottheit um die Genesung Josies. Und das Wunder geschieht: Während das Mädchen krank auf ihrem Bett liegt, erhellt ein seltener Lichteffekt, ausgelöst durch eine besonders gleißende Sonnenstrahlung, den Raum. Josie gesundet aus rätselhaften Gründen. Der Glaube von Klara, der Roboter-Heiligen, hat geholfen.

Man kann über die „Moral“ dieser Pointe streiten, kann sie irreal finden oder kitschig. Klar ist, dass Ishiguro damit das Genre-Klischee „Roboter sind die besseren Menschen“ auf die Spitze getrieben hat, indem er die Menschheit als spirituell ausgehöhlt beschreibt – bestrebt, auf transhumanistischen Krücken in eine kalte Zukunft zu schreiten, in der ausgerechnet die Androiden Bewahrer von etwas Warmherzigkeit sind. Eine Menschheit auch, die aus Unfähigkeit, den Tod in ihr Leben zu integrieren, auf immer abwegigere Konstruktionen verfällt, um die durch ihn ausgelöste Traurigkeit von der Seele fern zu halten. Josies Mutter und der Wissenschaftler Capaldi sind Gescheiterte einer sich übergriffig gebärdenden Machbarkeitsideologie; dagegen erscheint Klara als eine Heldin der Hingabe und des Vertrauens.

Was uns im Kern ausmacht

Einer, der noch immer in angenehmer Weise den „alten Menschen“ repräsentiert, ist Josies leiblicher Vater. In einem Gespräch mit Klara fragt er:

„Glaubst du an das menschliche Herz? Ich meine natürlich nicht einfach das Organ, sondern spreche im poetischen Sinn. Das Herz des Menschen. Glaubst du, dass es so etwas gibt? Etwas, das jedes Individuum besonders und einmalig macht?“

Und Klara glaubt: Sie, die perfekte Menschen-Imitatorin, glaubt an die Unnachahmbarkeit des menschlichen Wesenskerns. „Aber wie sehr ich mich auch bemüht hätte, wäre doch etwas geblieben, das außerhalb meiner Möglichkeiten war.“

Showing 2 comments
  • Cetzer
    Antworten

    „Menschheit als spirituell ausgehöhlt“ „Unfähigkeit, den Tod in ihr Leben zu integrieren“

    Da müssen entschlossene Maßnahmen her: Kirchensteuer verdoppeln, das Verleugnen oder Lächerlichmachen des Todes mit Zuchthaus bestrafen, Ersetzen der Mercedes-Sterne durch Totenköpfchen aus recyceltem Kunststoff, Warnhinweise auf Zigarettenpackungen nur noch auf Holländisch: Roken is dodelijk/Roken kan dodelijk zijn usw.

  • Die A N N A loge
    Antworten
    Schöne Neue Welt

    Mensch Maschine, ich wär so gerne ein Maschinenmensch.

    Ein VRH (Virtuel Reality Headset) aufgesetzt, und schon geht’s los. Die Freizeitindustrie dankt es mir. Lässt sich die reale Welt nicht mehr ertragen, kein Problem, es gibt ein Patentrezept dagegen. Virtuelle Spiele entführen uns in ein neues Dasein und  lassen uns den Frust um uns herum vergessen. Auf vom Einheitsbrei des unzufriedenen Mittelmaßes zum beliebten Helden, inmitten eines aufregenden Abenteuers. Brille auf Headset auf, und los geht’s! So lässt sich doch der eigene Frust gut kompensieren.

    Nintendo, Google, Facebook, Windows und viele mehr reiben sich die Hände, denn sie verdienen kräftig an der Freizeitindustrie der Virtuellen Welten. Abgestorbener Wald, von Sturm und Wasserfluten zerstörte Dörfer, Hurrikans, Flutkatastrophen, Menschen, die am Rande ihrer Existenz stehen, verzweifelte Menschen, die ihre Heimat verlassen, unsere Erde, die ächzt und stöhnt, verbrannte Erde.. was tangiert uns diese Realität noch? Wir haben schließlich eine neue, hochgepriesene, gut vermarktete neue Realität: die virtuelle Welt.

    Schöne Neue Welt! Hauptsache, der Rubel rollt.

    https://youtu.be/-0kcet4aPpQ

Kommentar schreiben:

Start typing and press Enter to search