Die Massenarmut

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Ein Obdachloser aus Berlin erklärt im Videointerview: „Unsere Gesellschaft ist so aufgebaut, dass man bescheißen muss.“ Die Zahlen sind schockierend: Rund 650.000 Menschen in Deutschland haben keine eigene Wohnung, 48.000 von ihnen leben auf der Straße, Tendenz steigend. Ich habe dieser Tage in der Bundeshauptstadt einen Menschen getroffen, der freiwillig auf der Straße lebt, der sich dem wirtschaftlichen Gesamt-System entzieht, weil er die darin herrschende Empathielosigkeit und Kälte nicht mehr ertragen hat. Mit Carsten K. konnte ich ein spontanes Videointerview führen, das wieder einmal zeigt, dass man einen Menschen niemals nach seinen äußeren Lebensumständen beurteilen sollte. Dieser Mann hat mich völlig überrascht, seine Worte haben eine Weisheit und Klugheit, die auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, gerade jetzt zur Weihnachtszeit nachdenklich stimmen wird. Uns allen wird ein gesellschaftlicher Spiegel vorgehalten, der unmissverständlich anregt, den menschenfeindlichen Raubtierkapitalismus endlich zu überwinden, zum Wohle aller Lebewesen auf diesem Planeten. Jens Lehrich

2013 nehme ich Carsten zum ersten Mal wahr. Bei Wind und Wetter sitzt er in Berlin am Savignyplatz wie viele andere Obdachlose auch, aber er fällt mir dadurch auf, dass er Bücher liest. Wenn ich in Berlin auf Tournee bin, wohne ich in einem Hotel ganz in der Nähe des Savignyplatzes und fahre ab und zu mit der S7 Richtung Hackescher Markt, um dort, in den zahlreichen Cafés, meinen Vormittag zu verbringen. Immer wieder gehe ich an Carsten vorbei, immer wieder spüre ich, dass er anders ist als andere Obdachlose, die auf der Straße leben.

Ab und zu stecke ich ihm einen kleinen Geldbetrag in seinen Becher, wir lächeln und nicken uns zu, wir haben Sympathie füreinander und aus purer Neugier beginne ich, ihn immer wieder mal in kleine Gespräche zu verwickeln. Offen und ehrlich gibt Carsten mir Auskunft, dass er freiwillig auf der Straße lebt, dass er die empathielose, kalte Ellenbogen-Gesellschaft irgendwann nicht mehr ertragen konnte und das Leben auf der Straße ihm noch die Freiheit lasse, Mensch sein zu dürfen, wenn auch aus meiner Perspektive gesehen unter völlig menschenunwürdigen Bedingungen.

Aber Carsten beklagt sich nicht, ganz im Gegenteil, er macht auf mich einen sehr klaren, zufriedenen, nahezu spirituellen Eindruck und wirkt ganz und gar nicht als ein Opfer, das an seiner Armut zugrunde geht.

Eines ist mir an dieser Stelle wichtig zu betonen, es liegt mir fern, Armut zu bagatellisieren, im Gegenteil, es erschreckt mich zunehmend auf meinen Tourneen durch Deutschland, wie viele Menschen in einem der reichsten Länder der Erde so jämmerlich zugrunde gehen.

Auf Carsten trifft das aber nicht zu. Als ich ihn jetzt Mitte Dezember wieder auf seinem Stammplatz sitzen sehe, frage ich ihn nach einem persönlichen Video-Interview und wir verabreden uns für den nächsten Tag. Herausgekommen ist ein sehr berührendes Gespräch mit einem Mann, über dessen Worte es sich besonders jetzt zur Weihnachtszeit mehr als nachzudenken lohnt.

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Showing 3 comments
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    maria
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    Weihnachtsgeschenk

     

    Denk mal anders,

    denk nicht so weit –

    schenk einfach Zeit.

     

    Sei achtsam und sei da,

    fühl mit, hör zu mit offenem Herz,

    es lindert Sorgen und Schmerz.

     

    Ich wünsch Dir eine frohe,

    besinnliche Weihnachtszeit

    und beschenk Dich selbst mit Zeit.

                                

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    heike
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    Ja, Carsten beklagt sich nicht und redet „spitituell“ daher. Carsten scheint sein Leben auf der Straße selbst gewählt zu haben, um „dem System“ und seinen Forderungen zu entgehen. Aber er sieht krank aus und für mich sieht er schon so aus, als ob er an den Folgen seiner Armut zugrunde geht.

    Man möchte ihn am liebsten mit nach Hause nehmen und aufpeppeln, wenn man das hier so sieht. Aber in der Wirklichkeit, wenn man  draußen an ihm vorbeilaufen würde, dann würde ich wohl höchstens, wenn ich gerade Geld in der Tasche hätte, etwas davon in seinen Becher (falls er so etwas hat) tun.

    Ich finde schön, dass dieses Gespräch stattgefunden hat. Ich würde mir noch einmal einen Neuanfang für Carsten wünschen.

     

     

    zu:

    „Aber Carsten beklagt sich nicht, ganz im Gegenteil, er macht auf mich einen sehr klaren, zufriedenen, nahezu spirituellen Eindruck und wirkt ganz und gar nicht als ein Opfer, das an seiner Armut zugrunde geht.“

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    Bettina
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    Lieber Carsten,
    .
    ich habe mich sehr über deine Worte gefreut. Sie sind bewegend, so auch deine  Lebenseinstellung, von der du erzählst. Du bist einst freiwillig aus dem riesigen Konsum- Hamsterrad ausgestiegen und lebst nun von der Hand in dem Mund, als Obdachloser in Berlin, inmitten einer Metropole, deren zahlreiche Glitzer-Konsumtempel und System angepasste Konsumenten genau das unterstützen, was, über Grenzen hinaus gedacht, unserer Mutter Erde den gar ausmacht. Du hast vollkommen Recht mit deinen Worten, es ist an der Zeit, dass wir unser Konsumverhalten gründlich überdenken und mehr als das, dass wir radikal die Reißleine ziehen. Tief spirituell durchdrungen wirken deine Worte über das Verhältnis von Menschen zur Natur, Mutter Erde, unserer Terra, auch  „Blauer Planet“ genannt.
    .
    Ich hoffe und wünsche dir, dass dir viele Menschen zuhören und dass sie von dir lernen, -meiner Person eingenommen. Vordergründig bin ich ein Teil des Hamsterrads, wenngleich ich innerlich vor ca. 5 Jahren ausgestiegen bin. Ich bemühe mich, mein Konsumverhalten so weit es geht zu reduzieren, doch es reicht bei langem nicht aus, um von einem echten „Ziehen der Reißleine“ zu sprechen.
    Was könnten wir bewegen, wenn wir alle so radikal dem Konsum entsagen würden, wie du es praktizierst, aus Überzeugung für die Bewahrung der Mutter Erde heraus.
    Ich danke dir für deine Worte, für dein Vorleben, für deine Überzeugungen, nach denen du lebst, allen harten Entbehrungen zum Trotz. Ich wünsche dir für deine Zukunft alles Gute. Mögen dich die Passanten künftig besser wahrnehmen und als den Menschen verstehen und würdigen, der du bist:
    Ein freier Mensch im selbstbestimmten Leben, der keine Mühen und Entbehrungen scheut, seine Lebensideale verantwortungsvoll umzusetzen.
    .
    Mögen dich meine Zeilen irgendwann am Savignyplatz in Berlin  erreichen, sowie folgendes altes Lied, das ich erst dieses Jahr für mich als wunderbaren Schatz entdeckt habe:
    .
    Jonathan Livingston Seagull – Be
    https://youtu.be/mgkk0Hdwmo8

    Alles Liebe und Gute für dich
    und dir ein friedvolles Weihnachten,
    Bettina

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