Du meine Güte: Brüderlichkeit!

 in FEATURED, Holdger Platta, Philosophie, Politik

Zur verlorenengegangen Utopie der Französischen Revolution. Aktueller denn je: wieso gehen Linke oft so unbarmherzig miteinander um? Wieso brechen solidarische Bewegungen oft so brutal auseinander? Wieso tun wir alle, die sich um die Realisierung einer menschlicheren Welt bemühen, oft so schwer, miteinander menschlich umzugehen? Eine Antwort auf diese Frage könnte, neben aller Psychologie, auch in der europäischen Geschichte zu finden sein, in der  Geschichte der Französischen Revolution. Und urplötzlich zeigt sich: dieses Problem, das uns heute zu schaffen macht, quälender vielleicht als in den vorangegangenen Jahren, das tauchte bereits gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit überwältigender Deutlichkeit auf; dieses Problem verschwand niemals aus der Geschichte – ganz im Gegenteil –, und es wird niemals gelöst werden können, wenn sich nicht vor allem wir Männer dieser Geschichte stellen. Aus meiner Sicht also: ein wichtiger Diskussionsbeitrag. Holdger Platta

 

Vorweg: natürlich hat diese Zielbestimmung aus der Französischen Revolution einen Mangel. Sie spricht – männlich orientiert – von „Brüderlichkeit“, fordert also nur ein gutes Verhältnis der männlichen Bürger zueinander innerhalb der Gesellschaft und spart die Frauen aus. Diese Verengung mache ich im folgenden Text nur scheinbar mit. Zwar werde auch ich durchweg nur von „Brüderlichkeit“ sprechen, aber lediglich deshalb, weil ich meine Überlegungen in diesen historischen Zusammenhang zu stellen versuche. Von mir aus sind stets beim Gebrauch des Begriffes „Brüderlichkeit“ die Frauen mitgemeint und ergo das bessere Wort „Geschwisterlichkeit“ mitgedacht. Und im übrigen:

Mir scheint – was darzulegen sein wird –, nicht zuletzt diese Verengung der Idee „Geschwisterlichkeit“ auf die maskuline Terminologie „Brüderlichkeit“ dürfte mit ein Signal oder Grund dafür gewesen sein, dass diese Zielbestimmung „Brüderlichkeit“ der Französischen Revolution derart komplett verlorengegangen ist. In dieser Verengung von „Geschwisterlichkeit“ auf „Brüderlichkeit“ machte sich maskuliner Machtanspruch geltend, diese Verengung auf „Brüderlichkeit“ machte diesen Männern aber sehr schnell auch Angst – gleich mehr dazu! Mir scheint sich hinter diesem Verlust also mehr zu verbergen als lediglich ein Bündel ökonomischer Ursachen (das später, an anderer Stelle, noch darzustellen sein wird). Auch Psychologie – die ebenfalls noch genauer zu bestimmen sein wird – dürfte meines Erachtens eine ganz wichtige Rolle gespielt haben bei diesem Utopieverlust. Dagegen spricht auch nicht, daß dieses unseren Urvätern und Abgöttern Marx und Engels (wahrlich „Brüder im Geiste“) entging. Auch diese Herren konnten schließlich nicht alles wissen und waren hie und da auch noch ihrerseits steckengeblieben im Männlichkeitswahn ihrer Zeit. Aber was ging da eigentlich verloren? Und wieso eigentlich? Dies mein Thema.

„Brüderlichkeit“ bringt uns in Schwulitäten

Mein Vorschlag ist: setzen wir an dem Unbehagen an, das wir bei diesem Begriff „Brüderlichkeit“ selber verspüren! Mir scheint dann, dass diese Zielbestimmung der ‚fraternité’ vor allem das Folgende von deren Begriffsgeschwistern ‚liberté’ und ‚egalité’ unterscheidet: es ist aus psychologischer  Sicht vor allem der Wärmeton.  Man könnte auch sagen:  „spontan“  (was  daran „spontan“ ist – nämlich in Wirklichkeit gar nichts! -, wird ebenfalls noch zu klären sein), spontan also empfinden wir diese Forderung „Brüderlichkeit“ als politischen Kitsch. Oder anders gesagt: als eine vorpolitische, außerpolitische Wohlfühlvokabel. „Brüderlichkeit“, das scheint der Sprache der deutschen „Empfindsamkeit“ entnommen zu sein – vielleicht auch noch dem „Sturm und Drang“ und der „Romantik“ – (was, die letztere betreffend, nicht der Fall ist nebenbei!), Texten also, in denen die Männer sich permanent in den Armen liegen, beim Abschied Tränen vergießen und seitenlange Treue-und Nähebekundungen zu Papier gebracht haben. Nein, wahrlich: solche „unmännlichen Männer“ solche „Memmen“, wollen wir nicht sein. Solche Rollen lassen wir – bis fast auf den heutigen Tag – doch lieber in Hollywood-Melodramen von Frauen spielen. Und gingen wir etwas tiefer, so würden wir wohl überaus rasch das Folgende entdecken:

Hinter dieser unserer, ach so männlichen, Abwehr der „Brüderlichkeit“ steckt vor allem das Bangen um unsere eigene Männlichkeit. Im Grunde fürchten wir uns bei der „Brüderlichkeit“ vor der Homosexualität. Und wurden bis vor kurzem Homosexuelle nicht gerne auch als „warme Brüder“ bezeichnet? Eben! Ein richtiger Mann, ein deutscher zumal, ist jedoch alles andere, bloß nicht das! So steckt fast noch in jedem von uns der andere, der markige Mann – aller Aufklärung über Reaktionäre, Faschismus und „Autoritären Charakter“ zum Trotz. Lieber als deutsche Eiche durch sein Leben knarren (obwohl ja auch diese Eiche, grammatikalisch betrachtet, durchaus weiblichen Geschlechtes ist!) denn als feminine Birke mit dem Sonnenschein spielen. Alles andere brächte uns in „Schwulitäten“! „Alle Menschen werden Brüder“ – das kann unsereiner höchstenfalls im G-Dur der neunten Sinfonie von Beethoven ertragen, nicht aber im eigenen Alltag. Dies zu unserer Psychologie.

Doch in Wahrheit, scheint mir, hat die Abwehr der „Brüderlichkeit“ auch noch einen anderen, nämlich einen politischen Grund (oder ökonomischen, wenn man so will). Und dieser Grund hat mit folgender Entwicklungsgeschichte zu tun:

Die französische Revolution siegte im Widerspruch zu sich selbst

„Freiheit“ und „Gleichheit“ definierten, den Dokumenten der Französischen Revolution zufolge, das Verhältnis der Einzelnen, der rebellierenden Bürger, der „citoyens“ wie der „bourgeois“, zum Staat. „Brüderlichkeit“ aber das Verhältnis dieser Einzelnen, dieser Revolutionäre, dieser bürgerlichen Individuen, vor allem zueinander und untereinander. Und schon wieder rückt uns dieses Prinzip „Brüderlichkeit“ irgendwie zu nahe und fast auf den Leib. Die homophobe Wärmeangst mithin auch hier. Des weiteren zog sehr schnell in die Reihen der revolutionären Bürgerbewegung das Konkurrenzprinzip des Kapitalismus ein: die Herren der Welt, die Männer, ließen sich überaus rasch auf die dementsprechenden Rivalitätsspielchen ein. Was zur Folge hatte, drittens: schon in der Französischen Revolution war es so, dass vor allem die „unbrüderlichen“ Revolutionäre Karriere machten, die Egozentriker, Machtmenschen und Brutalos, nicht aber die wahrhaft brüderlich gesonnenen und brüderlich agierenden Rebellen. Robbespierrre also und nicht André Chenier! Was, in etwas tieferer – nämlich historisch-gesellschaftlicher wie auch denkerischer – Dimension bedeutet:

Die Französische Revolution verdankt ihren Aufstieg und Sieg vornehmlich jener Menschenfraktion, die im Widerspruch zu einer ihrer Zielbestimmungen agierte, einem Persönlichkeitstypus mithin, der im Gegensatz handelte zum Prinzip „Brüderlichkeit“ und alles tat, was diesem Ideal nicht entsprach. Kurz: das Gelingen der ersten großen Revolution der Weltgeschichte geht auf den Umstand zurück, dass man sich in puncto „Brüderlichkeit“ gerade nicht an die eigenen Forderungen hielt. Die Französische Revolution als Praxis siegte durch partielle Praktizierung ihres Gegenteils, die Französische Revolution kam ergo ganz jesuitisch zur Macht. Der Zweck heiligt die Mittel. Doch: die Mittel zerstörten deshalb auch von Anfang an ihren Zweck, zumindest zu einem großen Teil. Dieser Grundwiderspruch der Französischen Revolution sollte freilich Folgen haben, fatale Folgen bis tief in der Geschichte der Arbeiterbewegung hinein.

Am Ende dieses Grundwiderspruchs stand der Archipel Gulag. Im Namen von Marxismus wurden Millionen von Menschen umgebracht. Ohne „Brüderlichkeit“ ging das ganz prima! Und by the way: dass dabei auch „Freiheit“ und „Gleichheit“ der Mitgenossen auf der Strecke blieben, kann dabei durchaus als hochwillkommener Kollateralschaden betrachtet werden, als Nebenwirkung zweiten Rangs. Denn noch einmal: diese Zielbestimmungen „Freiheit“ und „Gleichheit“ sollten das Verhältnis des einzelnen Menschen zum Staat regulieren. Primär gefehlt hatte es aber an dem zwischenmenschlichen Regulativ „Brüderlichkeit“. Wo der Mensch dem Menschen ein Schwein ist, kann auch das Staats- und Gesellschaftsganze nur noch ein Sauhaufen sein. Und vorher: die „Bewegung“, die sich ‚eigentlich’ Menschlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben hat. Ergo zur heutigen Situation und ganz konkret:

Die Folgen für ‚unsere’ Geschichte

Wo bei uns die Genossinnen und Genossen einander vor allem nur Kotzbrocken sind, „Platzhirsche“, wie es der verstorbene brandenburgische Sozialphilosoph Rainer Thiel nannte, oder „Pizzaros“, wie allen Ernstes als Vorbild ein anderer Genosse für uns gefordert hat, da lauert schon am Anfang das Ende unserer Bewegung, das Ende und Verenden im Gegenteil: in den Massenvernichtungslagern der stalinistischen Epoche. Wer unter uns Menschennähe nur leben und aushalten kann ohne „Brüderlichkeit“, nur autoritär mit Machtanspruch, nur mit Fähigkeit und Bereitschaft zur Intrige und Brutalität, der bereitet schon heute unseren morgigen Stalinismus vor. Diese Diagnose kommt also einer Prognose gleich.

Brüderlichkeit ist nicht alles, fürwahr, aber ohne diese Brüderlichkeit ist alles nichts! Mich jedenfalls werden „Freiheits“- und „Gleichheits“-Apostel, die gleichzeitig, im alltäglichen Kampf, Menschenfeindlichkeit statt Brüderlichkeit praktizieren, nicht täuschen können: mag  in ihren „Freiheits“- und „Gleichheits“-Versprechungen auch noch so viel Wein enthalten sein. Mit ihrem antibrüderlichen Alltagsverhalten schütten diese Genossen permanent schon jetzt und immer noch sehr viel Wasser in diesen Wein, und historisch ausgemacht ist, daß daraus sehr, sehr bald auch Menschenblut zu werden droht. Jedenfalls hat das ‚unsere’ Geschichte gelehrt, die Geschichte der sozialistischen Arbeiterbewegung:

Wer seine Ziele mit Mitteln zu erreichen versucht, die im Widerspruch zu diesen Zielen stehen, hat diese Ziele jetzt schon verraten. Und typischerweise ist der Mangel an „Brüderlichkeit“ mit eines der sichersten Zeichen, welches uns diesen Verrat bereits heute verrät. Wer selber nicht leben kann, was er angeblich fordert, der strebt das Erforderliche auch nicht wirklich an. Der kann das nicht einmal, selbst wenn er es wollte. Unser Haus wird nicht aus Schweinemist gebaut, schon gar nicht aus Blut, Skeletten und Tränen, und Verfolgung und Unterdrückung sind nicht die Konstruktionswege unseres Hausbaus. Der Sozialismus ist kein Totenhaus, kein Traum, der aus Leichenbergen besteht. Was, abstrakter formuliert, heißt: nur in der Übereinstimmung von Mitteln und Ziel gibt es auch Übereinstimmung mit uns selbst: als Einzelne wie als Bewegung insgesamt. Und der Zentralbegriff dieser Übereinstimmung wie Selbstübereinstimmung kann aus der Zielbestimmungstrias der Französischen Revolution nur der eine sein:  der Begriff Brüderlichkeit!

 

Ein erforderliches Nachwort: Brüderlichkeit ist nicht dasselbe wie Solidarität

Ich weiß, manche Linke meinen allen Ernstes, unser heutiger – unser gelehrt-aufgeklärter – Ersatzbegriff für „Brüderlichkeit“ sei die berühmte „Solidarität“. Nichts ist falscher als das. Es ist – durchaus im genauen Wortsinn! – grober Unfug.

„Solidarität“, das ist Kampfgemeinschaft, sie realisiert und zeigt sich an einer Außenfront, sie beruht auf gemeinsamem Interesse. Alles richtig, erforderlich, gut. Aber:

„Brüderlichkeit“ ist was ganz anderes: nicht Kampfgemeinschaft, sondern friedlich-freundliche Gemeinschaft innerhalb der Eigengruppe, sie realisiert sich nicht an einer Außenfront, sondern im Verhältnis und Verhalten zueinander, sie beruht nicht auf gemeinsamem Interesse, sondern auf dem Interesse füreinander.

By the way: schon die Wortgeschichte des Wortes „Solidarität“ weist uns auf dessen militant-militaristischen Kampf- und Außenfront-Charakter hin: es hat eine gemeinsame Sprachwurzel mit dem Wort „Soldat“. Und der Begriff „Sold“ (= Bezahltwerden fürs Töten bzw. für die Bereitschaft zum Töten) steckt auch noch darin.  Worüber man nachdenken sollte…

Kurz: wo „Brüderlichkeit“ die Hand ausstreckt, ballt „Solidarität“ die Faust, wo „Brüderlichkeit“ den anderen umarmt, ohgottohgott, da schlägt „Solidarität“ dem anderen die Fresse ein.  Heißt, etwas theoretischer formuliert: Wer „Solidarität“ als Nachfolgebegriff ausgeben will für „Brüderlichkeit“, der hat erstens keine Ahnung, der setzt zweitens gleich, was durchaus sehr unterschiedlich ist, und der vollzieht nun auch noch mit seinen Definitionskünsten nach, was die Realgeschichte zuvor am Prinzip „Brüderlichkeit“ durchexerziert hat: die Verhunzung des Begriffes „Brüderlichkeit“.

Bitte kein Missverständnis: ich habe gegen „Solidarität“ gar nichts (wo sie hingehört – und sie gehört in so manche historische Situation hin, ich weiß!). Aber: sie besitzt stets nur zweiten Rang, diese „Solidarität“,  der erste Rang gebührt stets der „Brüderlichkeit“. Das alte Lied also:

Was bringt die tollste „Solidarität“ der Mitgenossen nach außen hin, wenn ihnen nach innen hin die Fresse poliert wird? Wir alle wissen aus der Geschichte, was Folge dieser Art von „Solidarität“ ist: der Archipel Gulag, nicht aber die Freiheit; die Hölle, nicht das „Paradies auf Erden“. Ohne „Brüderlichkeit“ ist „Solidarität“ bestenfalls eines: Sozialismus-Fassade. Und im schlimmeren Fall führt diese menschlichkeitsentleerte „Solidarität“  direkt in die Barbarei!

 

Showing 8 comments
  • Piranha
    Antworten
    Super Artikel, lieber Holdger. Bin hin und weg.

    Und diesen Satz von Dir, werde ich verwenden, natürlich als Zitat.

    Wo der Mensch dem Menschen ein Schwein ist, kann auch das Staats- und Gesellschaftsganze nur noch ein Sauhaufen sein.

    Auch Deine Beschreibung von Solidarität in Abgrenzung zur Brüderlichkeit… Gedanken, die ich mir mache und Vergleiche die ich jetzt ziehe, Erlebtes, das ich jetzt einordne…

    Ich werde den Artikel in meinem KV verlinken.

    Liebe Grüße,

    P.

  • Erwin Pisazius
    Antworten
    Ich sehe leider nur wenig Brüderlichkeit und möchte aus aktuellem Anlass Nils Melzer zitieren: „How far have we sunk, when telling the truth becomes a crime“ Siehe: https://twitter.com/i/status/1537885137500655616 Und wen es interessiert: in UK wurde bei Protesten offenbar  ein 92 jähriger festgenommen. Darüber wird heute abend bestimmt in der „tageschau“ berichtet, es handelt sich ja schließlich um aktuelles Zeitgeschehen, oder? :

    https://twitter.com/i/status/1538589840241053697

  • Freiherr
    Antworten
    …mit der Verklärung des als Herrschaftsform  ausgeführten Kommunismus und Sozialismus mal aufgeräumt ! – derart verklärt dass die 100 Millionen durch Kommunismus Ermordeten  notwendige  Opfer zur Erlangung einer * Brüderlichkeit * im kommunistischen oder sozialistischen Geiste gewesen wären.

    Ich denke wir sollten den Begriff * Solidarität * nicht allzu negativ belasten, denn genau diese hat gefehlt um die politischen Verbrechen gegen uns seit Feb. 2020 verhindern zu können, solche erst gar nicht politisch ausführen zu lassen.

    In other words: solidarisch im und für den Widerstand gegen diese Regierungsverbrecher, als eine Bewegung,  hätte schon im März 2020 diese politisch ja beabsichtigte Vernichtung von Demokratie, Freiheit, Rechtstaat, Gesundheit beendet.

    Demokratie muss wehrhaft sein, so heißt es doch immer – ohne eine Zivilgesellschaft, ein Bürgertum welches nicht solidarisch sich zur Wehr setzt, wird das nie gelingen.

    Ja – da klingt der * Kampf * mit hinein, dieses Wort das man so fürchtet und schon deshalb eben nicht für die Freiheit kämpft.

    All-in-all: Solidarität FÜR Freiheit und Gerechtigkeit wird unabdingbar sein.

     

     

     

     

     

    • Holdger Platta
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      Lieber Freiherr,

      komme leider erst heute dazu, auf Deinen Kommentar zu antworten.

      Selbstverständlich hast Du Recht: auch Solidarität ist immer wieder von großer Wichtigkeit. Um’s mal zugespitzt zu formulieren: wo Brüderlichkeit sich zu realisieren versuchte ohne Solidarität – gemeint: ohne dementsprechende Praxis auch -, wäre Brüderlichkeit bestenfalls lauwarmes Gerede – und sei es prächtig gesungen von irgendeiner Bühne herab! Stimme Dir also zu.

      Aber das schrieb ich – vielleicht allzu kurz – oben ja schon: Solidarität ist immer wieder von großer, großer Wichtigkeit. Was wäre zum Beispiel unsere Hilfe für notleidende Menschen in Griechenland ohne Solidarität!

      Ich wollte in meinem Beitrag oben den Akzent legen auf das, was wirklich allzuoft verloren gegangen ist in unseren Freiheitsbewegungen (bis in den von uns gelebten persönlichen Alltag hinein): die Brüderlichkeit. Und dadurch, vielleicht als zwangsläufige Folge davon, auch Freiheit und Gleichheit. Du hast darauf hingewiesen, ich bereits auch in meinem Artikel: selbst der mitmenschliche, der freiheitliche, der menschenrechtliche Marxismus kam sich dabei selber abhanden.

      Oder hätte das, was da – bei Lenin schon, vor allem dann aber unter Stalin (= dem „Stählernen“, so die wörtlich Übersetzung dieses Namens, den sich Stalin zugelegt hatte) – irgendwas mit Realisierung von Marxismus zu tun, mit Realisierung etwa der folgenden beiden Maximen, die zu den marxistischen Grundmaximen und zu den marxistischen Grundzielen politisch-gesellschaftlichen Handelns für alle – ich betone: alle – Marxisten der Welt hätte zählen müssen? Hier die beiden Zitate, das eine aus dem „Kommunistischen Manifest“ (1848, Verfasser: Marx und Engels), das andere von Marx alleine, aber an verschiedenen Stellen in seinem Werk zu finden (1843, 1844):

      „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“

      „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln!“

      Haben sich Stalin und Konsorten jemals an diese Maximen gehalten? – Nein! – Ist damit Marxismus selber erledigt? – Nein, überhaupt nicht!

      Marxismus, diese lernende Wissenschaft, ist überhaupt noch nicht am Ende ihrer Geschichte angelangt – schon gar nicht am Ende ihrer Realisierung. Wer das behauptet, würde nur nachplappern, was uns ab Anfang der Fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts der CIA einreden will, in der Gestalt der von ihm inspirierten „Totalitarismus-Theorien“, bei denen Marxismus mit Faschismus gleichgesetzt wurde und mit deren Hilfe alle vormals antifaschistischen Schlußfolgerungen aus dem Dritten Reich ‚umfunktioniert‘ werden sollten und umfunktioniert wurden in Haßregungen gegenüber der UdSSR.

      Was Marxismus/Kommunismus/Sozialismus ist, das hat tatsächlich schon Rosa Luxemburg vor mehr als einem Jahrhundert formuliert: „Keine Demokratie ohne Sozialismus, kein Sozialismus ohne Demokratie“.

      Ich selber ziehe inzwischen eine eigene Abwandlung dieses Ausspruchs von Rosa Luxemburg vor (weil der Begriff der „Demokratie“ angesichts der bei uns existierenden Fassaden-Demokratie mehr als fragwürdigc geworden ist):

      „Keine Menschenrechte ohne Sozialismus, kein Sozialismus ohne Menschenrechte!“

      Worüber jetzt noch ausführlich zu reden wäre. Aber Du weißt bestimmt jetzt schon mit dieser Maxime was anzufangen!

      Mit herzlichen Grüßen

      Holdger

       

       

       

       

      • Freiherr
        Antworten
        Ja, lieber Holdger,

        ich weiß was anzufangen damit, doch wird der Kampf für Freiheit nicht zu vermeiden sein, wenn man diese will.

        Im besten Fall freilich in Solidarität UND Brüderlichkeit ( Geschwisterlichkeit ) –

        * ..einen Finger kann man brechen, nicht aber eine Faust *

        ( Charly Marx )

        grüße dich herzlich, mein Freund

         

         

         

         

  • B. Krüger
    Antworten
    Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit, Solidarität  –
    Ich vermisse in den Überlegungen zu Brüderlichkeit und Solidarität einen viel wichtigeren Begriff, der in unserem christlich geprägten Abendland leider kaum noch eine Rolle spielt:
    den der „Nächstenliebe“.
    Dieses Wort ist wesentlich stärker als die anderen, oben genannten.
    Es umfasst auch die bedingungslose Forderung  der „Feindesliebe“, die den Gewaltverzicht einschließt (siehe z. B. Mahatma  Gandhi).
    Der Gedanke der Nächstenliebe ist übrigens nicht erst bei Jesus von Nazaret zu finden, sondern bereits bei Konfuzius.
    Angesichts der Tatsache, dass hier in Europa Christen aufeinander schießen, wäre das Nachdenken über Nächstenliebe und Feindesliebe  und über die Frage, warum sie es seit 2000 Jahren nicht wirklich geschafft haben, sich durchzusetzen, durchaus interessant. Noch mehr natürlich die Frage, ob sie für die Zukunft  eine Chance haben.
  • Holdger Platta
    Antworten
    Liebe(r) B. Krüger,

    ich kann schon verstehen, daß Du den Begriff „Nächstenliebe“ vermißt hast. Aber bitte verstehe auch uns:

    Wir schreiben ganz ausdrücklich nicht nur für Christen! Und ich denke, wie ich den Begriff der „Geschwisterlichkeit“ zu fassen versucht habe, steckt zumindest auch sehr viel „Nächstenliebe“ in diesem Begriff.

    Ich selber bin ja kein Christ mehr, aber wenn ich die „Bergpredigt“ aus dem Neuen Testament nehme oder einen Satz von Jesus  wie „Was Ihr dem Geringsten meiner Brüder getan, das habt Ihr mir getan“, dann bin ich selber diesem Denken des NT immer noch sehr nahe.

    Das einzige, was mir immer Schwierigkeiten bereitet hat bei diesem Satz „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!“, war der Umstand, daß man Liebe schlicht nicht befehlen kann. Oder siehst Du das anders? „Geschwisterlichkeit“ setzt hingegen auf Verhalten und Einstellungen, die auch ohne Befehl und Gehorsam gelebt werden können. Ganz sicher nicht von allen (wenn man etwa auf deren furchtare Erziehung blickt), aber von vielen.

    Und wenn sich dieses Bahn bräche, die gelebte Geschwisterlichkeit, wären wir alle schon sehr viel weiter auf diesem Planeten. Nebenbei: trotz aller Kirchengeschichte auch, denn die ist ja aufs schreckenerregendste voller Verbrechen und Versagen bis in die Gegenwart hinein. (Was kein ‚Argument‘ gegen christlichen Glauben ist, Du weißt!)

    Auf jeden Fall Dank für Deine Anregung!

    Holdger Platta

  • Daniel S.
    Antworten
    @B Krüger: Danke für diese wichtige  Anmerkung! so sehe ich es auch,das habe ich mich auch gefragt. Meine Hoffnung, dass solche Gedanke der Mehrheit der  institutionell organisierten  Christen noch einmal kommen könnte , den habe ich aber beinahe gänzlich aufgegeben. Wie sagte der evengelische Theologe und Ex-Bundespräsident Gauck doch kürzlich: „Verzicht auf Waffenlieferungen ist eine Begünstigung (und Unterstützung) der Position des Aggressors“.  Das kann man ja so für sich stehen lassen. Ich denke, diese Position ist in ihrer Sturheit und irrsinnigen Logik  folgerichtig. Wer sich wegen einer Erkrankung mit der Mortalitätsrate einer mittelschweren Grippe das Singen und kirchliche Zusammenkünfte zu Ostern verbieten lässt, wer „Ungeimpfte“ vom Gottesdienst ausschließt, oder Menschen, die keine FFP2-maske tragen können oder wollen usw. , der hat eben auch solche „christlichen Wertvorstellungen“ und spricht von „robuster Verteidigung“, wenn es um den Einsatz von Mordinstrumenten wie Raketen und  Panzern geht. Vermutlich wird demnächst auch noch das Kriegsgerät  gesegnet, wundern würde es mich nicht. Es geht ja darum, Putin zu schaden.- Die Welt scheint komplett dem Wahn verfallen zu sein,  und die Bibelstellen zur Endzeit lesen sich m. E. zum Teil wie Gegenwartsbeschreibungen.-

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