Entwicklungshilfe für die Reichen

 in Roland Rottenfußer, Wirtschaft
Der ganz besondere Buch-Tipp der HdS-Redaktion. Und kauft Euch einen anständigen Anzug, sonst wird das nicht...

Der ganz besondere Buch-Tipp der HdS-Redaktion. Und kauft Euch einen anständigen Anzug, sonst wird das nicht…

Der Zins ist eines der wirksamsten Umverteilungsinstrumente im neoliberalen Wirtschaftssystem. Als Gefahr für den sozialen Frieden wird er immer noch unterschätzt. Selbst wenn der Zinssatz derzeit in Deutschland niedrig ist, so dass manche fragen könnten: „Wo ist das Problem?“ bleibt er ungerecht und schädlich, 1. vom Prinzip her, 2. durch das, was er in der Vergangenheit bis heute spürbar angerichtet hat (Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich), 3. durch seine unheilvolle Wirkung in den gegenwärtigen internationalen Krisen, z.B. der Griechenlandkrise. Während die zinskritische Bewegung wie auch die Regionalgeldbewegung derzeit an Kraft verlieren und ihre berechtigten Anliegen häufig mit der Bemerkung „Auch die Nazis haben von raffendem Kapital gesprochen“ niedergebügelt werden, haben die negativen Effekte des Zinses keine Pause gemacht. Sie steigern sich naturgemäß – und die Systemverlierer zahlen und zahlen und zahlen… (Roland Rottenfußer)

von Roland Rottenfußer

„Der Kapitalismus stärkt die Reichen und nimmt denen, die seine Gesetzmäßigkeiten ignorieren, auch noch das, was sie haben“. Dieser Satz stammt nicht etwa von einem Linken oder Geldreformer, sondern von einem waschechten Kapitalisten: dem smarten Erfolgscoach Bodo Schäfer („Der Weg zur finanziellen Freiheit“). Schäfer ist auch eine gute Quelle für aufschlussreiches Zahlenmaterial: 87,30% der Deutschen, schrieb er noch zu DM-Zeiten, verdienen weniger als 50.000 DM jährlich. Dagegen verdienen 0.05% der Bevölkerung über 1 Million. Diese Zahlenverhältnisse haben sich sicher inzwischen etwas verschoben – zugunsten der Reichen.

Wie kommt es zu dieser Ungleichheit? Schäfer preist das „Wunder des Zinseszinses“ und rät zu „Aktien – der Weg, um Geld zu züchten“. Allerdings hat noch niemand bisher Geldscheine kopulieren und Junge werfen sehen. Ähnliches gilt für das hartnäckige Gerücht, Geld würde „arbeiten“. Der Roman-Autor Andreas Eschbach bringt es auf den Punkt: „Ihr Geld wächst nicht, und es arbeitet auch nicht. Wenn Sie nach einer gewissen Zeit mehr Geld auf Ihrem Konto vorfinden als am Anfang, stammt dieses „mehr“ von anderen Leuten. Die sind es, die dafür gearbeitet haben. Man könnte sagen, diese Leute arbeiten für Sie. Sie zahlen Ihnen Tribut. Ihr Geld ist das Lehen, der Zins der Tribut.“

Unsere Zeit vergöttert Leistung und lässt sozial Schwache bitter spüren, dass sie nur „leistungslose“ Einkommen, also geschenktes Geld aus Gemeinschaftsbesitz beziehen. Gleichzeitig züchtet unser Wirtschaftssystem allerdings eine andere, weit gefährlichere Spielart des leistungslosen Einkommens: die Erträge aus Zinsen und Zinseszinsen. Immer mehr Menschen träumen den Bodo-Schäfer-Traum von „finanzieller Freiheit“. Dies bedeutet aber, sein Leben auf Kosten anderer zu leben, die dafür auf einen Teil ihres Geldes und ihrer Freiheit verzichten müssen.

Viele Menschen, die einen noch rüstigen Bettler auf der Straße sehen, rümpfen die Nase und sagen: „Warum verdienen Sie sich Ihren Lebensunterhalt nicht selbst? Sie könnten doch noch arbeiten“. Niemand würde dagegen einen Aktienbesitzer so anreden: „Warum nehmen Sie Geld von anderen, Sie könnten doch noch arbeiten!“ Dabei wäre der Vorwurf in diesem Fall nicht weniger gerechtfertigt. Der einzige Unterschied ist: Bettler nehmen Geld von Leuten, die es haben und freiwillig geben; Zinsprofiteure nehmen häufig Geld von armen Menschen, die keine andere Wahl haben als sich zu verschulden. Oder ihre Arbeitskraft zu Lohn-Dumping-Bedingungen zu verkaufen.

Nehmen wir an, Sie wären Besitzer eines schmucken Einfamilienhauses mit Garten. Ihr Nachbar dagegen wohnt in einem erbärmlichen Bretterverschlag, durch dessen Dach es regnet, und durchforstet täglich Ihre Mülltonne nach Resten von Essbarem. Würden Sie auch nur eine Sekunde auf die Idee kommen, dass Ihr armer Nachbar einen Teil seiner Habe an Sie abgeben sollte, um Ihnen z.B. einen neuen Golfschläger zu finanzieren? Und würden Sie von Ihrem Nachbarn sogar dann noch Geld fordern, wenn Sie wüssten, dass er deshalb vom Verhungern bedroht wäre?

Die Antwort der meisten Menschen auf diese Frage wäre wohl „nein“. Dennoch geschieht genau dies tagtäglich. Geld fließt von den Armen zu den Reichen. Ein Grund dafür – neben der von der Linken zur Recht kritisierten Umverteilung mittels Steuern und Vorenthaltung von Mehrwert – ist der Mechanismus von Zins und Zinseszins. Wer genug Geld hat, um auf einen Teil davon vorübergehend zu verzichten, kann es gegen eine Gebühr, den Zins, verliehen. Wer weniger Geld besitzt als er für seinen täglichen Bedarf braucht, muss sich Geld gegen eine Gebühr beschaffen, die seine finanzielle Misere langfristig verschärft. Zinsen und Zinseszinsen auf Schulden sind eine Form „umgekehrter Entwicklungshilfe“ der Ärmeren an die Reicheren. „Indiens Ärmste subventionieren den Lebensstil der Reichsten“, schrieb die indische Bürgerrechtlerin Arundhati Roy. Gilt das nur für Indien?

Die Organisation Jubilé 2000, die sich für Schuldenerlass für Länder der Dritten Welt einsetzt, hat errechnet, dass 2004 alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren wegen der Verschuldung starb. Es scheint allerdings Zeitgenossen zu geben, die aus den sich häufenden Nachrichten über Ausbeutung und Hunger auf der Welt eine eigenartige Konsequenz ziehen. Sie fallen gleichsam auf die Knie und flehen: „Herr, lass den Kelch der Ausbeutung an mir vorübergehen! Zeig mir wie ich selbst zum Ausbeuter werden kann!“ Nichts anderes vermitteln ja zahlreiche Erfolgsratgeber, die unseren Buchmarkt überschwemmen: „Wer die unverrückbaren Gesetze des Kapitalismus nicht kennt und nicht anwendet, ist selbst schuld. Lies dieses Buch, und du gehörst zu den Gewinnern.“ Das Niveau solcher Ratschläge ist oft nicht höher, als wenn jemand einen Schnellkurs für Sklavenhalter anbieten würde.

Jakob Fugger, einer der reichsten Männer der Renaissance, gab mit unübertroffenem Zynismus zu Protokoll: „Niemand ist so arm, dass er nicht etwas abgeben könnte. Und niemand ist so reich, dass er nicht noch ein bisschen mehr Geld gebrauchen könnte.“ Der Mann sollte zum Schutzheiligen unserer neoliberalen Weltwirtschaftsordnung ernannt werden. Man kann in der Tat die Themen „Armut“ und „Reichtum“ nicht getrennt voneinander untersuchen. Es ist inkonsequent, Armut zu beklagen, gleichzeitig aber Aktienspekulanten und Finanzjongleure wegen ihrer Gerissenheit als „ganze Kerle“ anzuhimmeln. Armut und das Streben nach Reichtum bedingen einander gegenseitig. Würden immer mehr Menschen die Geldanlagetipps von Schäfer & Co. erfolgreich anwenden, so wäre das Endergebnis keineswegs Glück und Wohlstand für alle. Der Druck auf diejenigen, die noch bereit sind, für ihr Geld tatsächlich zu arbeiten, würde sich erhöhen. Vereinfacht ausgedrückt, müssen Nicht-Schäfer-Leser die Vermögenszuwächse der Schäfer-Leser durch Mehrarbeit und Lohnverzicht erwirtschaften.

Es ist natürlich wichtig, an dieser Stelle anzumerken, dass Wohlstand nicht immer unverdient ist. Dem Universitätsprofessor, dem Chirurgen, dem erfolgreichen Popsänger, sogar dem Topmanager sei sein überdurchschnittliches Einkommen gegönnt. Es geht lediglich um eine Form des Reichtums, die nicht an Wertschöpfung gekoppelt ist. Ulrich Maurer, früher Mitglied der SPD, dann für die Linksfraktion im deutschen Bundestag, schrieb in seinem Buch: „Womit haben die Gierigen dieses Geld verdient? Haben sie einen Wert geschaffen, eine nützlichen Gegenstand, ein nützliches Produkt? (…) Nichts von alledem: Sie sind Makler, sie kaufen und verkaufen die zu Aktien geronnenen Ergebnisse der Leistungen anderer. (…) Ihr Tun ist nichts anderes als er legalisierte Diebstahl fremder Arbeitserträge.“

Der „legalisierte Diebstahl“ beginnt, wo für in Umlauf gebrachtes Geld Zinsen verlangt, letztlich also erpresst werden. Wenn man die Entwicklung des Schulden- und des Vermögenswachstum miteinander vergleicht, zeigt sich sehr eindrucksvoll, wohin das viele Geld fließt, das im Staatsbudget und in vielen Privathaushalten an allen Ecken und Enden fehlt. Es wird auch sehr deutlich, dass der sozialistische Begriff des „Klassengegensatzes“ an dieser Stelle nicht mehr ausreicht. Nicht das, was der Unternehmer in seine eigene Tasche wirtschaftet, ist das Problem.

Nicht zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern tobt der heftigste Verteilungskampf, sondern zwischen den Leistungsträgern auf der einen und den Profiteuren der im Geldumlauf anfallenden Zinserträge auf der anderen Seite. Auch Unternehmer und Manager gehören zu den Leistungsträgern – sofern ihre persönlichen Einkünfte nicht in absurde Höhen steigen. „Klassenkampf“ im herkömmlichen Sinn würde bedeuten, dass sich ein sizilianischer Restaurantbesitzer mit dem Kellner streitet, wer einen größeren Anteil am Schutzgeld für die Mafia bestreiten muss – anstatt dass man anfängt, die Existenzberechtigung der Mafia grundsätzlich in Frage zu stellen. Genau dazu müssten sich die unter Geldverknappung stöhnenden Bürger dieser Welt aber aufraffen: Es genügt nicht, über die Hand, die in unsere Taschen greift, zu klagen; es käme darauf an, sie aufzuhalten.

Warum dulden die Menschen in ihrer überwältigenden Mehrheit den Zins? Warum sind für eine zinsfreie Wirtschaftsordnung nicht mindestens so viele Menschen mobilisierbar wie für den Verbleib von Joachim Löw als Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft? Teilweise liegt es sicher an Unwissenheit über die Zusammenhänge, an Resignation oder einem generellen Desinteresse an politischem Engagement. Teilweise auch an der vagen Hoffnung, irgendwann einmal selbst durch Befolgung genialer „Finanztipps“ zu den Gewinnern zu gehören. (Wer würde mit ganzer Kraft gegen ein System kämpfen, von dem er selbst zu profitieren hofft?) Ein wichtiger Grund für die breite Akzeptanz des Zinses besteht aber sicher auch in diffusen Verlustängsten: „Wollen sie mir die paar Euro Zinsen auf mein bisschen Erspartes jetzt auch noch nehmen?“

Eine Mehrheit der Bürger empfindet den Zins eher als einen „Freund“, eine geheimnisvolle Macht, die das eigene Vermögen quasi im Schlaf vermehren kann, wenn man es nur geschickt anstellt. Wer sich nicht gerade wegen Hausbaus hoch verschuldet hat, zählt sich meist eher zu den Zinsgewinnern als zu den Zinsverlierern. Diese Vorstellung beruht aber schlicht auf Unkenntnis der Fakten. Ca. 80 % der Menschen in Deutschland müssen mehr Zinsen bezahlen als sie über ihre Geldanlagen einnehmen. Bei ca. 10% ist das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen ausgeglichen. Lediglich ein weiteres Zehntel aller Bürger profitiert von der Existenz des Zinses mehr als sie dabei verlieren.

Ein weit verbreiteter Irrtum lautet, dass wir Zinsen nur zahlen müssen, wenn wir uns bei einer Bank oder bei Privatpersonen Geld leihen. Nicht berücksichtigt ist dabei der Anteil, den wir als Steuerzahler an den Zinszahlungen aus dem Staatshaushalt haben: 2005 waren das in Deutschland etwa 38,9 Milliarden Euro (bei einem Gesamtetat von 254,3 Milliarden Euro). Das heißt, mehr als jeder siebte Euro, den die Deutschen an Steuern bezahlen, fließt in den Schuldendienst – wohlgemerkt: ausschließlich in Zinszahlungen, nicht in Tilgung.

Nicht berücksichtigt sind dabei natürlich auch versteckte Zinsen, die in so gut wie allen Waren und Dienstleistungen, die wir in Anspruch nehmen, enthalten sind. Es ist, wie Professor Margrit Kennedy ausführt, der „Zinsanteil, den die Produzenten der gekauften Güter und Dienstleistungen der Bank zahlen müssen, um Maschinen und Geräte anzuschaffen. Bei den Müllgebühren zum Beispiel liegt dieser Zinsanteil bei etwas 12 Prozent, beim Trinkwasserpreis bei 38 Prozent und bei der Miete im sozialen Wohnungsbau erreicht der Zinsanteil sogar 77 Prozent. Im Durchschnitt zahlen wir etwa vierzig Prozent Zinsen oder Kapitalkosten in allen Preisen und Dienstleistungen, die wir zum täglichen Leben benötigen.“ Zu diesen ca. 40% „versteckten Zinsen“ muss man natürlich die über die Lohn- und Einkommensteuer abgeführten Zinsen sowie – im Fall privater Verschuldung – persönliche Verbindlichkeiten aus Darlehen, Überziehungskrediten usw. addieren.

Immer noch unterschätzt wird außerdem der Zinseszinseffekt, den Bodo Schäfer als „Wunder“ preist, der aber Ergebnis einer nüchternen Rechnung ist. Wer 10.000 Euro bei 3 % Verzinsung 50 Jahre lang anlegt, bekommt am Ende dieses Zeitraums 44.000 Euro ausbezahlt. Beträgt die Verzinsung 6 %, so ist das betreffende Vermögen nach 50 Jahren nicht etwa doppelt so groß, sondern mehr als viermal so groß: 184.000 Euro. Bei 12 % Verzinsung käme der glückliche Anleger gar auf ein Vermögen von knapp 3 Millionen. Wohl gemerkt: alles Geld, das andere Menschen haben erarbeiten müssen, und das diesen Menschen jetzt fehlt.

Der Zins ist der Blinde Fleck, die große Lebenslüge unserer Wirtschaftsordnung: Ohne hinterfragt, teilweise sogar ohne bemerkt zu werden, wirkt der Zins als großer Umverteiler und entzieht den Staaten, Gemeinschaften und Privathaushalten ständig wachsende Anteile ihres erwirtschafteten Reichtums. Um das, was der Zins übrig lässt, streiten sich dann die Parteien und Interessengruppen. Ursache für die in der Geschichte beispiellose Kapitalkonzentration in den Händen Weniger ist kaum verhohlene Gier. Die Psychotherapie spricht im Zusammenhang mit dem übertriebenen Horten von Gütern sogar von einem „analen Charakter“. Der Betreffende hält Geld – für Freud das Symbol für Kot – zurück und will nichts abgeben. Der anale Charakter ist nach Erich Fromm dadurch gekennzeichnet, „dass der Mensch seine Hauptenergie auf den Besitz, das Sparen und Horten von Geld und materiellen Dingen (…) richtet. Und Fromm resümiert: „Daraus folgt, dass eine Gesellschaft, in der die anale Charakterstruktur überwiegt, krank zu nennen ist.“

Schwerwiegendstes Krankheitssymptom ist eine Weltanschauung, die besagt, Kapital müsse mit absoluter Priorität bedient werden. Das Recht des Kapitals auf Zinserträge hat Vorrang vor allen Gemeinschaftsaufgaben, Vorrang vor dem Recht Ihrer Kinder auf eine gute Ausbildung und Vorrang vor dem Recht von Millionen Griechinnen und Griechen auf ein Leben in Würde. Nur noch das Militär, also das Recht, die Tötung von Menschen vorzubereiten, wird in manchen Ländern ähnlich wichtig genommen wie das „Bedienen“ von Kapital. Eher wird der letzte Euro eines Sozialhilfeempfängers auf dem Prüfstand gestellt als der millardenste Euro eines Vermögensbesitzers, der schon seine zweite Million kaum mehr in größeres Lebensglück ummünzen kann. Statt Brot gibt’s für die Bedürftigen Belehrungen über versäumte „Eigenverantwortung“. Um den Elefanten bis zum Überdruss mästen zu können, rät man den Mäusen zu einer Fastenkur. Verdrehte Welt!

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