Für eine bessere Welt

 in FEATURED, Politik, Spiritualität, Wolf Schneider

„So viele von uns wünschen sich ‚eine bessere Welt‘, arbeiten dafür oder kämpfen sogar dafür. Ist das bloß Wunschdenken, weil alles Gute auch sein Schlechtes hat und jedes Licht Schatten wirft? Der Autor berührt in diesem kleinen Gedankentagebuch viele Themen – quasi ein Streiflicht, das Gegenständ kurz beleuchtet, um dann weiterzuziehen. Barack Obamas Memoiren kommen darin ebenso vor wie die Geisteshelden Ken Wilber und Yuval Noah Hariri sowie die Frage „Können wir Statistiken vertrauen“? Wolf Schneider

 

Meine aktuelle Antwort darauf ist durch Rutger Bregman und Barack Obama beeinflusst, weil ich nach Bregmans Buch »Im Grunde gut« nun Barack Obamas Memoiren »A promised land« gehört habe. Auf Deutsch: »Ein verheißenes Land«.

Obamas Rückblick

Ich hatte das Buch beim täglichen morgendlichen Joggen im Ohr, im amerikanischen Original, von ihm selbst gesprochen. 28 Stunden Einblick in Obamas Leben und die US-amerikanische Politik. Es hat in mir so intensiv wie selten die alten Fragen wieder aufgerufen, ob wir etwas tun können »für eine bessere Welt«. Hat er als Präsident das System verändern können, oder hat auf dem Weg dorthin das System ihn verändert, so wie bei Joschka Fischer? Sind wir wirklich alle Partikel des Systems, auch die unter uns, die sich ihm entgegenstellen? Können wir überhaupt außerhalb »des Systems« (gegen das wir opponieren) leben und Sinn finden?

Obama hat seinen Aufstieg vom Sohn einer alleinerziehenden Mutter zum Präsidenten des mächtigsten Landes der Erde mit besten Absichten vollbracht und ist dabei doch in so vieler Hinsicht gescheitert. Wenn auf ihn ein Donald Trump folgt, wie kann man seine Präsidentschaft dann noch als erfolgreich bezeichnen? Können wir denn gar nichts tun, um aus der Welt eine bessere Welt zu machen? Wenn ein Obama das nicht konnte, wer dann?

Wochenlang morgens mit Obamas Stimme im Ohr, war ich abwechselnd erschüttert über die Fakten und fasziniert von seinem Umgang damit. Seine Beschreibung, wie er um die Gesundheitsreform kämpfte, wie die Tea-Party sich aus tiefen rassistischen Gründen (ohne dies jedoch leichthin zuzugeben) gegen ihn stellte; und auch wie eng seine Optionen im Arabischen Frühling waren, das alles hat mich tief erschüttert. Gerade politischen Aktivisten möchte ich diese Passagen empfehlen, sie zeigen ungeschönt die Komplexität, teils auch Ausweglosigkeit von Realpolitik.

Dabei frage ich mich, wie Obama an Ken Wilber, Meditation und der transreligiösen und transpersonalen Bewegung vorbeischauen konnte. Das alles kommt bei ihm nicht vor, obwohl es doch in seinem Land geschehen ist, das er so gut kennt. Hippies sind für ihn sympathische Traumtänzer und Idealisten, er begegnet ihnen mit „down to earth behaviour“ und politischem Realismus. Dass gerade transpersonal orientierte Menschen Realisten sein können, das gibt es in seinem Narrativ nicht.

Obamas Person kommt mir vor wie eine geradezu optimale moralisch-ethische Ausprägung des orangen und grünen Mems der Spiral Dynamics. In beiden Bereichen ist er höchst fit und vereint sie. Das Integrale und Holistische des »second tier« jedoch, das mit allen vorangegangenen Stufen abwärtskompatibel ist, das gibt es bei ihm nicht. Vielleicht musste deshalb jemand auf ihn folgen, dessen Persönlichkeit so viel primitiver ist.

Auch Sex und Religion kommen in Obamas Erinnerungen, die ansonsten sehr umfassend erzählen, nur oberflächlich vor. Warum? Menschlich und politisch wichtig genug wären diese Themen doch. Was er über Tod und Sterben, zwischenmenschliche Güte und Kooperation, Wahrhaftigkeit, Loyalität und Anerkennung, Management, Bestechlichkeit, politische Kuhhändel, Internationalismus, Rassismus, globales Bewusstsein und die Maschinerie unseres Wirtschaftssystems schreibt, ist jedoch großartig. Für mich war das Buch ein Blick hinter die Kulissen des Politiktheaters und ein verspätetes Nebenstudium der dort wirkenden Kräfte.

Sloterdijk im taz-Interview

Und noch ein weiteres politisches Thema: Peter Unfried und Harald Welzer (von FuturZwei) sprachen im taz-Interview mit Peter Sloterdijk, Anja Weber fotografierte ihn in seiner Wohnung. Das Interview ist überwiegend sehr abstrakt, mit Betrachtungen von hohen Meta-Ebenen aus. Einiges versteh ich nicht, manchem stimme ich nicht zu, den Rest finde ich klug beobachtend und voller historischer Bezüge. Nach Physik und Biologie scheint mir nun die Geschichtswissenschaft als Teil der Kulturwissenschaft Dominanz zu erlangen, mit Prominenten wie Harari, Bregman und anderen. Gut so, wir brauchen das gerade jetzt! Auch die Fotos von Anja Weber sind ungewöhnlich, Sloterdijks Wurschteligkeit berührt und – wie immer bei ihm – es erstaunt mich, wie sehr er sich von Sprache tragen lässt in Gegenden, die er selbst nicht mehr versteht und dennoch irgendwie intuitiv zu formulieren weiß.

Und noch ein Interview, jetzt auf Englisch: Der US-Blogger Ezra Klein interviewte Yuval Harari im Februar 2017. Harari sprach dabei mitreißend dicht und schnörkellos über seine Meditationspraxis und die Kernthemen seiner Bücher. Dies ist vielleicht das beste Interview mit Harari, das ich kenne. Seine neueren Aussagen über die Welt in Zeiten von Corona finde ich weniger erleuchtend als seine Beschreibungen von Homo sapiens als das durch Narrative massenhaft kooperierende Tier.

Vertrauen in Statistiken?

Statistiken sind meinungsbildend. Gerade in Corona-Zeiten merken wir das wieder. Es kommt dabei jeweils drauf an, was mit was verglichen wird. Ein Beispiel: Die Anzahl der Corona-Toten in Deutschland (mit oder an Corona) liegt für die Zeit von Jan 2020 bis April 2021 (das sind 1 1/4 Jahre) bei insgesamt etwa 80.000. Obwohl noch immer fürs Rauchen geworben wird, ist die Anzahl der Rauchertoten rückläufig. Dennoch gab es laut DHS und dem dt. Krebsforschungszentrum 2018 in Deutschland immer noch 127.000 Rauchertote (an oder mit). „An allem darf man heute sterben, nur nicht an Corona“, das höre ich zur Zeit immer öfter.

Wenn ich gestern eine Mücke erschlagen habe und heute zwei, ist das ein Anstieg um 100 %. Zweifellos wird sich dieser Trend fortsetzen, und dann bin ich binnen zwei Wochen ein Massenmörder von 8192 Mücken – oder kann hier keiner rechnen??? Von meinem so erzeugten Karma ganz zu schweigen.

Spiritualität und Politik

Die spirituelle Szene hat einen braunen Rand. Das wird zur Zeit in den Massenmedien sehr ausgiebig beklagt. Die Wurzeln dieser Anfälligkeit für den – in diesem Falle rechten – Populismus in den diversen Subkulturen der globalisierten Welt sind seit vielen Jahren sichtbar (bei Oprah Winfrey, im Buch The Secret, im naiven positiven Denken), aber viel weniger untersucht. Vor ein paar Tagen habe ich mich in meinem Blog mit der Schwierigen Haltung von Menschen in diesen Szenen beschäftigt. Habe dazu einen Link auf eine wissenschaftliche Meta-Untersuchung des Achtsamkeitshype gesetzt und außerdem von dem genialen Zeichner Gerhard Mester einen Cartoon über die Kosten in unserem Gesundheitssystem bekommen.

Mensch, Natur, Politik

Fabian Scheidler, der Autor von »Das Ende der Megamaschine«, schreibt auf heise.de über Mensch und Natur und sein neues Buch »Der Stoff, aus dem wir sind«. Auch über Corona: »Der Stoff da draußen ist unser Stoff. Was wir ihm antun, tun wir letztlich uns selbst an. Die Ausbreitung von Pandemien wie Covid-19 zeigt das sehr anschaulich, schließlich stammt ein Großteil der neuen Erreger, die unsere Atemwege und Immunsysteme befallen, von wilden Tieren, deren Habitate zerstört wurden. Die Vorstellung, es gebe eine von uns getrennte Natur, mit der wir beliebig verfahren können, die wir abbaggern, aufheizen, zerlegen, neu zusammensetzen und kontrollieren können wie ein Bauingenieur seine Materialien, ist eine tödliche Täuschung.«

Kritisch-optimistisch klingt auch die Transformationsforscherin Maja Göpel, am 22.3.21. im Interview mit SRFKultur mit dem Thema »Die Welt neu denken«, das auch Thema ihres Buchs ist. Seit vergangenem Jahr ist sie Direktorin des transdisziplinären, philantropischen »The new Institute« in Hamburg.

Optimismus? Zwischendurch mal wieder ein bisschen Ernüchterung: Wir romantisch waldvernarrten Europäer sind doch eigentlich gute Naturschützer, stimmt’s? Der WWF hält dagegen. Er fand heraus, dass nach China die Europäische Union durch ihre Importe der weltweit zweitgrößte Waldzerstörer ist.

Ist die Fridays for Future Bewegung noch auf Kurs? Klar ist sie das!  Dota sang für sie 2020 ein eindringliches Lied zur Unterstützung: Ihr müsst durchhalten! Ihr Liedtext erinnert mich dabei wieder an Fabian Scheidlers Megamaschine, ihre Stimme und Art aufzutreten ein bisschen an Joan Baez‘ einstiges Engagement gegen den Vietnamkrieg.

Sechs neue Grundrechte soll es in Europa geben, dafür wirbt eine Petition von der Stiftung Jeder Mensch e.V.. Kann das helfen? Mein Glauben an Rechte (auch juristische) ist gering, aber vielleicht kann sowas immerhin den Spirit anheben.

… und Kunst

Ist das Gendern schön? Nein, finde ich, auch wenn es politisch opportun ist. Hoffentlich hilft es wenigstens, bei all den guten Absichten!

Macht nichts, denn alles vergeht, auch meine Spuren im Sand.

Weitertanzen, weitertanzen, egal wie alt ich bin, egal wie lang diese Pandemie noch grassiert!

Schau, hier ein Widerstandslied der Jüngeren, in Frankreich. Kürzlich haben sie damit sogar am Gare de L’Est einen Flashmob organisiert.

Nun noch ein bisschen Literatur: In der Rubrik Readers Write der Zeitschrift The Sun, die ich jahrelang abonniert hatte, erzählen ganz normale Menschen wahrhaftig und ungeschönt aus ihrem Alltag. Vielleicht ist es doch möglich, was der Spiegel für sich beansprucht: zu sagen, was ist? Im Fall Relotius ist dieser Anspruch, jedenfalls beim Nachrichtenmagazin Spiegel, krachend in sich zusammengefallen.

Kommentar schreiben:

Start typing and press Enter to search