Gestreamtes Glück

 In FEATURED, Kultur, Roland Rottenfußer

Netflix-Serie „Bodyguard“

Streaming-Dienste revolutionieren das Fernsehen. Auch wegen des gleichzeitig grassierenden Serien-Booms haben die neuen Formen der Volksbespaßung hohes Suchtpotenzial. „Dematerialisierung“ und Digitalisierung bekommen wir aufgedrückt, ob wir wollen oder nicht – und nicht immer überwiegen die Vorteile. Denn Anbieter spionieren uns aus, lassen statt Anspruch Algorithmen über das Dargebotene entscheiden und löschen alles, was nicht neu und kommerziell ist, aus dem kollektiven kulturellen Gedächtnis. (Roland Rottenfußer)

Stellen Sie sich vor, Sie betreten das Elektronik-Fachgeschäft in Ihrer Nachbarschaft. Am Eingang begrüßt sie der vertraute Verkäufer, Herr Dröhsel: Guten Tag, Sie haben bei Ihrem letzten Einkauf doch die DVD-Box „Derrick“ erworben. Ich hätte da für Sie noch preiswert die Gesamtedition von „Der Alte“.  Es wäre aufmerksam von Herrn Dröhsel, aber auch etwas lästig, oder? Erstens kosten die Angebote ja auch Geld und zweitens kann es sein, dass sich Ihr Geschmack seit dem letzten Einkauf weiterentwickelt hat. Vielleicht möchten Sie jetzt lieber „Game of Thrones“ als „Der Alte“ kaufen. Ein dritter Einwand: Mit dem Kauf der 60-DVD-Box ist ihr Budget bereits ausgeschöpft. Sie wagen es nicht mehr, durch die Reihen zu gehen und sich einfach von den Auslagen dort inspirieren zu lassen.

Früher folgten Käufe in der DVD-Abteilung häufig spontanen Impuls-Entscheidungen, denen ein genüsslicher Prozess des Stöberns vorausgegangen war. Durch die zufällig (oder alphabetisch) zusammengewürfelten Angebote kamen Sie immer wieder mit Neuem in Berührung, das Sie inspirierte. Das Angebot bediente nicht nur ihre gegenwärtigen Vorlieben, Sie hatten die Gelegenheit, neue zu entwickeln. All das geht bei Internet-Anbietern wie amazon nicht mehr, weil Sie der „Verkäufer“ schon am Eingang mit einer speziell auf Sie zugeschnittenen Vorauswahl überfällt.

Schwere Zeiten für DVD-Nostalgiker

Nun sind DVD-Käufe in jüngere Zeit ohnehin selten geworden. DVD-Nostalgiker werden von den technik-affinen Leuten heute belächelt wie die Mitglieder der US-Sekte der Amish, die auf jede Elektrizität verzichten und vor ihren Holzhäusern mit Pferdewägen vorfahren. Anständige Leute kaufen überhaupt keine Gegenstände mehr, die man in Händen halten kann – sie streamen. Man nennt das auch Dematerialisierung. Alles wird in nicht-materielle „Information“ umgewandelt, bevor es den Konsumenten erreicht. Dem Vernehmen nach spart dies sogar Ressourcen, und der CO2-Fußabdruck des Streamenden soll günstiger ausfallen als die Öko-Bilanz derer, die ihre DVD-Stapel noch immer gern als Briefbeschwerer verwenden.

Streaming-Dienste boomen und sind dabei das traditionelle Fernsehen, aber auch jede Form von DVD-Verleih gänzlich zu verdrängen. Während Musikfreunde auf Spotify über 35 Millionen Songs verfügen, können Filmfans zwischen Amazon Prime, Maxdome, Netflix und ein paar anderen wählen, die überwiegend Filme, Serien und Sport anbieten. Wer in einer Versandvideothek alten Typs Mitglied war, wird jedoch feststellen, dass das Angebot bei den Streamern sehr begrenzt ist. Das Auswahlkriterium ist – wer hätte es geahnt? – kommerzieller Natur. Und neuere Produktionen sind gegenüber „Klassikern“ bei weitem überrepräsentiert.

Der Kanal bestimmt den Inhalt

Das scheint nicht außergewöhnlich, denn auch im alten Fernsehen möchte man überwiegend Neues sehen, und im Kino gibt es – von wenigen Wiederaufführung wie im Fall von „Titanic“ abgesehen – ohnehin nur das Brandaktuelle. Leider stirbt mit den alten Angeboten auch ein Stück des kulturellen Gedächtnisses der Menschheit. Bei der Versandvideothek „Video Buster“ konnte man die Namen von Schauspielern und Regisseuren eingeben und erhielt lange Listen bestellbarer Werke dieser Künstler. Ich habe mir Reihen mit Meryl Streep und Ingmar Bergman ausgeliehen wie auch vereinzelten Filme mit Hans Moser aus den 30ern. Derartige Werke wären für neue Streaming-Dienste entschieden zu uncool (außer ein paar brandaktuellen Filmen mit Meryl, die in der Sparte „Filme, die von der Kritik gelobt wurden“ verramscht werden).

Die Kultur richtet sich auch in diesem Fall gnadenlos nach den technischen Rahmenbedingungen, der Inhalt nach dem „Kanal“. Ist ein Film nicht digitalisiert, ist er nicht streambar, stirbt das Werk mit seinen materiellen Trägermedien, die nach und nach in die Brüche gehen und aus dem Verkehr gezogen werden. Allenfalls die Archive der Fernsehanstalten und „Filmmuseen“ interessieren sich dann noch für Hans Moser und Ingmar Bergman.

Die Vorteile des Streamens liegen dabei auch für die Kunden auf der Hand: Kein zeitaufwändiger, vielleicht mit Benzinkosten verbundener Weg zur Videothek um die Ecke. Nicht mal CD-Postversand, denn der zieht sich oft endlos hin, und wenn Post oder Versender im Schneckentempo agieren, zahlen Sie die Zeche, müssen „Herzkino“ im ZDF oder – fast undenkbar! – einen fernsehfreien Abend erdulden. Bei Streamingdiensten können Sie den Film anschauen, den Sie wollen – sofort. „Triebaufschub“ wird von Ihnen nicht mehr verlangt.

Gelenktes Entertainment

Es gibt jedoch auch gravierende Nachteile:

  • Sie können natürlich nicht wirklich sehen, was Sie wollen. Die Auswahl ist vom Streamingdienst vorsortiert – und zwar nach gnadenlos kommerziellen Kriterien.
  • Sie befinden sich außerdem, wie schon angedeutet, in einer „Filterblase“, die der Anbieter zusammen mit Ihnen kreiert und die dafür sorgt, dass bei ihrem Filmkonsum eine endlose Wiederholung von Ähnlichem dominiert.
  • Ihr Anbieter spioniert Sie aus. Ihr Mediennutzungsverhalten wird beobachtet und kommerziell verwertet. Das ist beunruhigend genug. Denn personalisierte Werbung wie in Steven Spielbergs Film „Minority Report“ (wo Sensoren auf Werbeplakaten die Iris von Passanten scannen, eine Computerstimme diese namentlich anspricht und ihnen individuelle Werbeangebote macht) gibt es in anderer Form längst. So ärgerlich kommerziell motivierte Überwachung aber sein mag, noch gefährlicher ist, dass das Nutzerverhalten auch zu politischen und polizeilichen Zwecken ausgespäht werden kann. „Tatsächlich haben wir bereits eine weltweite elektronische Vernetzung von Geräten und Menschen“, schrieb Werner Meixner auf www.rubikon.news. „Man muss davon ausgehen, dass nahezu alle derzeit verwendeten und elektronisch oder funktechnisch vernetzten Systeme von außen überwacht und kontrolliert werden können – inklusive der Möglichkeit, diese unbemerkt zu steuern und zu manipulieren.“
  • Sie haben kein uneingeschränktes Verfügungsrecht über den Film, für den Sie bezahlt haben. Z.B. kann er nicht einfach weiterverliehen werden, allenfalls können Sie jemanden zu sich ins Wohnzimmer einladen. Ihr Anspruch auf den Film erlischt mit dem Ende Ihrer Solvenz. Wenn Sie Ihre Monatsgebühr nicht mehr bezahlen können, ist Ihr Lieblingsfilm weg. Stellen Sie sich vor, Herr Dröhsel dränge eines Tages in Ihr Haus ein, packte alle CDs aus Ihrem Schrank in einem Sack und spazierte damit aus der Tür. Grund: Sie hätten Ihre Abogebühr nicht bezahlt. Wer Hartz IV beantragen muss, für den kann dies das sofortige Aus für seinen Filmgenuss sein.
  • Immer mehr, was bisher „offline“ abgewickelt wurde, wird computerabhängig. Ein wahnhaftes Bedürfnis, alles mit einem Computer in Verbindung zu bringen, gibt diesem Gerät und den kommerziellen Programmen, die auf ihm laufen, unnötig viel Macht. Und wehe, das Gerät geht einmal kaputt. Die Gründe, warum Anbieter und Digitalisierungs-Drängler aus der Politik dies vorantreiben: Kontrolle und kommerziell motivierte Spionage.
  • Auch die Umwelt-Bilanz des Streamens fällt nicht so rosig aus, wie es oberflächlich scheint. Darauf wies ein Artikel von Felix Sühlmann-Faul im Rubikon hin. „Das Streaming eines einzelnen Films hat eine bessere Ökobilanz als die Autofahrt zur Videothek für das Ausleihen einer DVD. Problematisch ist nur, dass die Niedrigschwelligkeit der Video-On-Demand-Dienste wie Netflix dazu einladen, deutlich mehr als einen Film zu schauen (…) Dies erzeugt eine schlechte Ökobilanz, da die Streaming-Inhalte von Datenzentren geliefert werden, deren Energieverbrauch und folglich deren Emissionen jährlich steigen.“

Lebensgefährte: Walter White

Ungefähr gleichzeitig mit dem Aufkommen der Streaming-Dienste machte ein bisher nie gekannter Serien-Boom von sich reden. Irgendwer im Bekanntenkreis begann irgendwann immer ergriffen von Wochenenden zu schwärmen, die er bis zur völligen mentalen Erschöpfung in Gesellschaft von Walter White, Kult-Bösewicht der Serie „Breaking Bad“, verbracht hat.

Auch diese Mode hat ihr Gutes. Serien neueren Typs ermöglichen nämlich eine ganz andere Erzählweise. Gerade bei Romanverfilmungen macht sich das positiv bemerkbar. Der Zwang, einen Stoff innerhalb von nur 2 Stunden zu Ende zu erzählen führt bei herkömmlichen Filmen (man denke etwa an „Krieg und Frieden“ mit Audrey Hepburn) oft zu geradezu haarsträubenden Verstümmelungen. In Mini-Serien (z.B. im Format 6 bis 10 Folgen) kann ein Stoff dagegen „atmen“, können sich Handlungsstränge und die Charakterentwicklung vieler Personen in Ruhe entfalten. Gerade in Serien nach Buchvorlagen wie „Game of Thrones“ oder „Outlander“ macht sich das langsame Erzähltempo bezahlt, da es von der Regie geschickt zur emotionalen Vertiefung des Stoffs genutzt wird.

Es zeigen sich aber auch Schattenseiten. Sie hängen speziell mit der ausführlichen Erzählweise in Kombination mit der unbegrenzten Verfügbarkeit der Filme zusammen. Vor allem ist da die Suchtgefahr zu nennen. Neben dem mit glasigem Blick völlig von seiner Spielewelt absorbierten Gamer und dem Smartphone-Zombie hat eine dritte Gruppe Einzug gehalten: der Serien-Verwahrloste. Gemeint sind Menschen, die das ganze Wochenende oder – bei Arbeitslosigkeit – ihr ganzes Leben damit verbringen, Serien „wegzuschauen“ – einen Zehnteiler schon mal an einem einzigen Tag. Der Einsatz von „Cliffhangern“ tut ein Übriges, um den Suchtfaktor zu erhöhen.

Megatrend Serienverwahrlosung

In der alten Zeit musste der Konsument auf eine Fortsetzung oft lange warten, mindestens eine Woche. Also wurden viele Serien so konzipiert, dass jede Folge in sich abgeschlossen war. Am Ende des „Falls“ wurde alles wieder auf Anfang gesetzt, so dass die Reihenfolge, in der man die Episoden ansah, völlig egal war. Typische Dauerkommissare wie Derrick machten in Jahrzehnten keine spürbare charakterliche Entwicklung durch. Serien, die wie endlose Romane funktionierten – etwa die Mystery-Robinsonade „Lost“ oder die in einem englischen Herrenhaus spielende Edel-Schmonzette „Downton Abbey“ – entwickelten dagegen eine fortlaufende Handlung, bei der die Episode keinesfalls vertauscht werden durften. Diese Serien waren im Gegensatz zu seriellen Romanverfilmungen von Anfang an „offen“ konzipiert.

Vor allem bei „Lost“ war erkennbar, dass die Macher selbst nicht wussten, worauf das Ganze hinauslaufen sollte. Ob es eine Fortsetzung solcher Serien gibt, hängt einzig vom kommerziellen Erfolg des bisherigen Materials ab. Dieses Prinzip hat bei Kanälen wie Netflix geradezu überhandgenommen. Während z.B. die Dramaserie „Gypsy“ mit Naomi Watts in der Rolle einer Psychologin wegen schlechter Quoten abgesetzt wurde und die Zuschauer mit einem offenen Ende hängen ließ, wuchs sich die Klon-Soap „Orphan Black“ wegen guter Quoten zu einem endlosen Bandwurm immer unglaubwürdiger erscheinender Handlungswendungen aus.

Einige weitere von den Streaming-Anbietern eingebaute „Tricks“ erhöhen das Suchtpotenzial des Serienangebots:

  • Wenn man nicht abschaltet, läuft die nächste Folge der Serie einfach weiter.
  • Den Abonnenten schreien beim Betreten des Portals eine Fülle speziell auf ihn zugeschnittener Angebote geradezu an: „Weil Sie ‚Tödliches Verlangen‘ angeschaut haben, empfehlen wir Ihnen auch ‚Begierden des Grauens.‘“
  • Streaming-Anbieter hinterlassen ihre Duftmarken überall auf dem Zeitschriftenmarkt und im Internet. Mit Anreißern wie „10 Netflix-Serien, die Sie gesehen haben müssen, um mitreden zu können“ wird das Verlangen künstlich geschürt.

Serien bis zum seligen Ende

Es gibt mittlerweile weitaus mehr „Must-sees“, als der Konsument an Lebenszeit zur Verfügung hat. Schließlich sind mehrere Anbieter zu beobachten, möchte man nicht als Serien-Analphabet oder Analog-Opa zum Gespött aller fortschrittlich Fühlenden werden. Es kommt so leicht zu einem „Serienburnout“, Verzweiflung stellt sich ein, wenn in einem die Erkenntnis reift, dass man es nie schaffen wird, mit der anschwellenden Menge an Filmstoffen Schritt zu halten, die die Produktionsfirmen Monat für Monat auswerfen.

Ja, das unweigerlich bevorstehende Lebensende macht vor allem im Hinblick auf die vierten und fünften Staffeln diverser Lieblingsserien Sorge, die man dann versäumen würde. Sich von lieben Menschen verabschieden zu müssen, erscheint dagegen als vernachlässigbares Problem. Ohnehin hat man mit Jon Snow aus „Game of Thrones“ und Eleven aus „Stranger Things“ mehr Zeit verbrachte als mit den eigenen Angehörigen. Zu hoffen ist, dass es doch so etwas wie Wiedergeburt gibt. Dies böte immerhin die Chance, die bis dahin als Serienklassiker verramschten Staffeln doch noch zu sichern.

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