Härter als Waffen

 in Allgemein, FEATURED, Politik, Roland Rottenfußer

Wie passiver Widerstand die härtesten Gegner besiegen kann. „Wenn du Widerstand leisten willst, beginne damit, dass du unbedingt du selbst bleibst. Und vermeide jede Selbstentfremdung, zu der man dich verleiten will! Denn selbst, wenn Du im Konflikt siegst – was hilft es, wenn es nicht mehr du bist, der gesiegt hat, sondern eine leere Hülle, angefüllt mit fremden Phrasen?“ Roland Rottenfußer

Es muss mit einem Einzelnen angefangen haben – mit einem mutigen Menschen, der auf einmal anfing, 1989 auf einer Jubeldemonstration für den rumänischen Diktator Ceaușescu zu pfeifen. Er musste gewusst haben, dass das gefährlich war. Er sprang ins Risiko und veränderte die Geschichte. Sein Solo schwoll an zu einem mächtigen Pfeifkonzert. Die Menschen auf dem Platz buhten ihren Staatschef offen aus. Ceaușescu, der es gewöhnt war, unangefochten in gelenkter Zustimmung zu baden, geriet ins Stocken. Sekunden später blendete das rumänische Fernsehen die Live-Übertragung aus. Einen Tag später war der letzte Tyrann des „Ostblocks“ Vergangenheit. Eine Revolution ohne Gewalt aus der Macht ansteckender Überzeugung.

Solche Vorfälle begeistern uns, aber wir erfahren selten von ihnen. Vielleicht auch, weil Machthaber und ihre Steigbügelhalter in den Medien sich scheuen, uns davon zu erzählen. Zu viel Angst haben sie wohl, einmal selbst auf den Balkonen ihrer angemaßten Überlegenheit von uns ausgebuht zu werden.

Organisierter Aufruhr freilich ist zweischneidig. Wenn Einpeitscher die Menge „führen“, ist da ja schon wieder Führung – Macht. Und es droht Gefahr, dass die Tyrannei, anstatt zu verschwinden, nur die Farbe wechselt. Auch revolutionäres Gehabe ist nicht immer authentisch. Es kann sein, dass hinter der Absicht, eine Macht zu stürzen, die Interessen einer größeren Macht stehen. Wie im Fall der Organisation Otpor, die in der Ukraine und Serbien Regime Change-Operationen durchführte – mit Finanzmitteln aus den USA. Selbst wer anarchisch startet, kann autoritär enden. Auch Rumänien hat sich seither nicht in ein Paradies gewandelt. Vielleicht war der Fehler, dass die Einzelnen die Macht, die sie ihrem nackten Kaiser entzogen hatten, nicht für sich behielten? Sie gaben sie gleich an einen neuen Kaiser weitern.

Es braucht viel innere Stabilität, um ein Machtvakuum auszuhalten. Wenn du Widerstand leisten willst, beginne damit, dass du unbedingt du selbst bleibst. Und vermeide jede Selbstentfremdung, zu der man dich verleiten will! Denn selbst, wenn Du im Konflikt siegst – was hilft es, wenn es nicht mehr du bist, der gesiegt hat, sondern eine leere Hülle, angefüllt mit fremden Phrasen? Selbsterforschung, ja auch Spiritualität können helfen, das Bewahrenswerte aufzuspüren. Und dann die Kraft zu finden, es zu bewahren.

Passiver Widerstand wird politisch oft als irrelevant betrachtet. Dabei sehen Aktive meist nur die eine Seite: das Fehlen lauten Protests; wenig wahrgenommen wird dagegen das leise Widerstandpotenzial, das in der Verweigerung liegt, im Sich-Entziehen. Daraus kann eine Lebenshaltung werden, die den Einzelnen unbestechlich und unerpressbar macht.

Erpressung, Nötigung ist doch das Schmiermittel unserer Gesellschaft und das schleichende Gift in jeder Suppe, die man uns auslöffeln lässt. Strukturelle Gewalt umgibt uns wie das Wasser die Fische. Wenn du nicht tust, was wir von dir verlangen, nehmen wir dir das Geld, das Ansehen und den Luxus weg, den du als Selbstwertprothese so dringend brauchst! Widerstand beginnt damit, dass wir anfangen, immer weniger zu brauchen. Insofern ist Einfachheit Widerstand.

Es kann ganz einfach beginnen. Man schafft z.B. sein Auto ab und legt die meisten Strecken auf einem alten Fahrrad zurück. Man würzt seinen Kartoffelsalat mit dem Bärlauch vom Bahndamm. Man trägt seine alten Pullover etwas länger auf und nutzt die Zeit, die man für das Rattenrennen nach Erfolg nicht mehr braucht, um bei etwas Schönem länger zu verweilen. Man hat auf einmal Zeit für Freundschaft, Zeit zu helfen und Hilfe anzunehmen. Zeit, das Gedankenkarussell zum Stehen zu bringen und einfach da zu sein. Man geht wie der griechische Philosoph Diogenes über den Markt und freut sich an allem, was man nicht braucht.

Menschen, die mit sich im Reinen sind, verlieren nicht, weil wir am Kampf nicht interessiert sind. Sie sind nicht erfolglos, weil Erfolg für uns keine erstrebenswerte Kategorie ist. Der Mensch, der ein einfaches Leben wählt, ist kein gescheiterter Karrierist; er repräsentiert einen völlig anderen Typus Mensch. Schließlich wirkt seine sanfte Form der Rebellion ansteckend.

Und sagen Sie jetzt nicht, als Einzelner können man sowieso nichts bewirken.

(Erstveröffentlichung dieses Artikels in „Der Zeitpunkt“, www.zeitpunkt.ch)

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    Freiherr von Anarch
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    Ach ja !?

    ..der passive Widerstand ist es, der Veränderungen bringt ??

    “ jeder soll er selbst bleiben “ ?

    Mein lieber Schwan – selten habe ich bezüglich notwendigen Widerstandes gegen Unrecht dümmeres gehört !

    Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat passives Verhalten gegenüber Unrecht Veränderungen gebracht.

    Das scheint mir doch eine ziemlich religiös verblendete Sicht zu sein und wenn ja – dann sei bemerkt dass sogar Jesus alles andere als passiv war .

    ‚Jeder solle er selbst bleiben ‚ ? – die Entrechteten, Versklavten, Hungernden, die Unterdrückten und Zwangsverarmten dieser Zeit sollen mit dem ‚Warten auf Godot‘ ihr Heil finden ?

    Nein nein – es war immer die tatsächliche Revolution, die Tat, die Veränderungen erzwungen  oder zumindest Linderung von Not in jeder Hinsicht gebracht hat,  daran hat sich rein gar nichts geändert und ist notwendiger als jemals zuvor. Es sind die Mutigen, die sich wagen den Kampf gegen Unrecht aufzunehmen – niemals die Passiven. Es waren die Frauen und Männer der Tat , die Veränderungen erzwungen haben, durch den Kampf !

    Es ist z.B. ein Holdger Platta, der AKTIV wurde und Not lindert durch Aktivität ! – durch die Tat !

    Und es ist weiterhin die Tat nötig, der AKTIVE Widerstand, wenn man etwas erreichen will, nötigenfalls eben radikal.

    Aber freilich kann man es aus eigener geradezu religiöser Passivitätstheorie immer anderen überlassen – der bequemste Weg…

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

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      Holdger Platta
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      Lieber Freiherr von Anarch,

      auch wenn Du mich in Deinem Kommentar ausdrücklich gelobt hast, kann ich Dir in Deiner Kritik an dem Beitrag von Roland Rottenfußer nicht zustimmen. Lies doch bitte noch einmal diesen Satz aus seinem Klärungsversuch nach:

      „Wenn du Widerstand leisten willst, beginne damit, dass du unbedingt du selbst bleibst.“

      Beginne damit“, schreibt Roland Rottenfußer, nicht: „und höre damit auch auf und mach weiter nichts!“.

      Was Roland Rottenfußer mit seinen Worten auszudrücken versuchte, ist durchaus vergleichbar mit dem, was Karl Marx – selbstverständlich um einiges umfassender und zum Teil auch anderes akzentuiert – unter dem Begriff „Entfremdung“ untersucht hat. „Aktion“, „Widerstand“ und vieles andere mehr, was in die realen Verhältnisse, möglichst wirksam und im Sinne der Menschenrechte für alle, einzugreifen versucht, das hat mehr Kraft und ist sinnvoll nur dann, wenn es in Übereinstimmung mit einem selber geschieht. Und umgekehrt: wenn das eigene Innere mit den von einem selber propagierten Zielen übereinstimmt, ist eine gewisse Gewährleistung gegeben, daß am Ende das eigene Handeln nicht den eigenen propagierten Zielen widerspricht..

      Gegen „Engagement“, das bei der Bauchnabelbetrachtung stehenbliebe, wäre ich genauso entschieden wie Du. Gegen Eingreifen jedoch, das undurchschaut nur eigenen Machtinteressen dient (nur als Beispiel jetzt) statt, wie es einem selber erscheint, den guten humanen Zielen, bin ich allerdings auch.

      Erich Fromm hat das mit wunderbarer Klarheit in seinem Beitrag zu „Autorität und Familie“ analysiert, am Beispiel – jawohl, dieses gibt’s – des „autoritiären Rebells“. Er verstand darunter jenen Menschentypus, der oft auf imponierende und mutige Weise gegen Autoritäten aufbegehrt – ich denke hier zum Beispiel an einen gewissen Joschka Fischer (an den der frühen Jahre in Frankfurt am Main) -, dies aber nicht, um Autoritarismus oder autoritäre Verhältnisse abzuschaffen, sondern lediglich deshalb, um selber, am Ende des Kampfes, die Position der Autorität einnehmen zu können.

      Und wenn ich mal kurz eine persönliche Erinnerung ansprechen darf:

      Ich habe das große Mißvergnügen gehabt, Gerhard Schröder in seinen ganz frühen Jahren, ab 1967 Sommersemester, als APO-Kombattanten in Göttingen höchstpersönlich miterleben zu können. Es tut hier nichts zur Sache, daß unter einigen anderen auch ich schon damals sehr bald diesem Mitstreiter zu mißtrauen begann. Wichtig ist, was aus diesem Herrn geworden ist: der Hauptverantwortliche für das menschenrechtsfeindliche Menschenverelendungsprojekts Hartz-IV.

      Gleichwohl finde ich richtig, daß Du auf die Möglichkeit hingewiesen hast, daß man Roland Rottenfußers Beitrag auch mißverstehen könnte. Und füge hinzu: gegen Mißverstehbarkeiten sind wir alle nicht gefeit, also auch ich nicht.

      Mit herzlichen Grüßen

      Holdger

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        Freiherr von Anarch
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        …ob nun Marx oder andere Denker diese ja Theorie eines passiven Widerstandes  stärken –

        es bleibt Theorie, gut gemeint vielleicht, ja – but wont help gegen praktiziertes Unrecht in den meisten Fällen.

        Und wenn ich Widerstand aktiv unterstütze obwohl ‚ich‘ selbst nicht betroffen bin, dann mache ich das aus Solidarität, weil es einem gemeinsamen Kampf gegen Unrecht hilft, unterstützt – und da wird es auch notwendig sein, dass ich dafür nicht unbedingt ‚ich selbst bleibe‘, ( Grundhaltung ), sondern über einen Schatten springe und tatsächlich unterstütze, auch gegen meine Grundhaltung/Überzeugung.

        Beispiele dafür gäbe es in aktuellen Kämpfen gegen Unrecht und Unfreiheit genug – erfolgreich können sie nur sein wenn das jeweilige Ego zurückgestellt wird, die Masse des Widerstandes bringt den Erfolg.

        Pick ich mal ein aktuelles Beispiel heraus:

        Am aktiven Kampf gegen Wohnungsnot, mittels Besetzungen leerstehender Gebäude beteiligen sich auch Leute die nicht betroffen sind und deren Grundhaltung eigentlich gegen tätliche Aktionen ist, machen es aus Solidarität trotzdem, sehen die Notwendigkeit dafür und springen über diesen inneren Schatten, ändern ihre eigentliche Haltung, auch wenn sie wissen dass es eine ‚Straftat‘ ist und eine massive Gewalterfahrung durch eine Hundertschaft Polizei sein wird. Inzwischen ist in Berlin einiges dadurch erreicht worden – wäre aber nix erreicht worden mit Passivität.

        Mit Passivität aus Überzeugung leistet man meist allerhöchstens theoretischen Widerstand und auch ein lediglich ’symbolischer‘ wird keine Veränderungen bringen. Wenn etwas erreicht werden will, dann müssen alle über ihre Egoschatten springen fürs gemeinsame Ziel

        …und genau daran mangelt es furchtbar, ich bin als Anarchist auch gegen Macht, ein durchgeführter Generalstreik wäre aber Machtausübung der Bürgerschaft, schliesse ich mich also selbstverständlich an, auch als Anarchist.

        ‚ Es geht ums Tun und nicht ums Siegen..‘ ( Wecker ) – aber man tut nichts in passiver Haltung.

        Viele dieser ja religiösen Haltung einer ‚reinen Friedlichkeit‘ nehmen das gerne als Rechtfertigung und Gewissensberuhigung  ihrer Passivität, ihres Raushaltens her…

         

         

         

         

         

         

         

         

         

         

         

         

         

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    marie
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    danke für die klugen worte … doch vielleicht ist die kraft, diese auch in taten umzusetzen – ohne (erfolgreiche) vorbilder – nur von einigen wenigen aufzubringen

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