Hannes Wader: „Um ruhelos zu suchen bis zum Schluss“ 1/2

 in Allgemein, Buchtipp, FEATURED, Kultur, Roland Rottenfußer

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Der große Liedermacher gibt in seiner Autobiografie Einblicke in sein Leben und in seine Wesensart: auf nüchterne Art bewegend und oft schonungslos selbstkritisch. Bei Hannes Wader ist die Frage nicht, ob er generell eine interessante und glaubwürdige Person ist; vielmehr fragt sich, ob seine vor Weihnachten erschienene Autobiografie „Trotz alledem. Mein Leben“ die Erwartungen, die Fans an so ein Werk haben, erfüllen kann. Dies kann mit einem klaren „Ja“ beantwortet werden. Wader, der nach eigenem Bekunden nicht gern schreibt, schreibt großartig – so wie der von Natur aus eher scheue Mann „eigentlich“ nicht gern in der Öffentlichkeit steht und dennoch auf fünf Jahrzehnte voll begeisternder Auftritte zurückblickt. Mit dieser Biografie kann man den Künstler und Menschen wirklich kennen lernen. Wader wühlt tief und oft schonungslos selbstkritisch in seiner eigenen Seele und bietet dabei eine Fülle farbiger Details – einschließlich des „Zeitkolorits“. Selbst wer ihn nicht so gut kennt, wird in „Trotz alledem“ einen lesenswerten Überblick über ein bewegtes Dreiviertel-Jahrhundert deutscher Geschichte finden – und einen intimen Einblick in die Liedermacherszene, die er in den späten 60ern und 70ern zur Blüte zu führen half. Das Buch ist erhältlich im Sturm-und-Klang-ShopRoland Rottenfußer

„I hate to write, but I love having written“ – dieses Zitat ungeklärter Provenienz nimmt Hannes Wader für sich in Anspruch. Es ist ein Wunder, dass wir dieses ziegelsteindicke Buch des großen Liedermachers jetzt in Händen halten. Ich jedenfalls hätte nicht darauf wetten mögen, als der Künstler vor einigen Jahren seinen Abschied von der Bühne bekannt gab. Hannes Wader hat – im Gegensatz zu Konstantin Wecker – keine Bücher „zwischendurch“ veröffentlicht, und auch ein umfangreiches essayistisches Werk sucht man bei ihm vergebens. Sein „Blog“ ist erst relativ neu und wird nur selten bestückt.

Wader selbst bereut, kein Tagebuch geführt zu haben. Auch ein „penibel archivierter Briefwechsel (…), am besten mit bedeutenden Personen der Zeitgeschichte“ fehlt. „Aber zum Sammeln fehlt mir das Talent und ich korrespondiere kaum – weil ich nicht gern schreibe.“ Als Gedächtnisstütze, um sich an den Stationen seines Lebens entlang zu hangeln, dienten ihm – man darf raten – seine Lieder. Die sind denn auch biografisch meist sehr aufschlussreich, wie nicht nur „Schön ist die Jugend“ beweist. Wer sich beim Zuhören je die Frage stellte, ob der Künstler das auch wirklich so erlebt hat – mit großer Wahrscheinlichkeit ja.  Die Schilderungen sind in der Regel echt – vielleicht mit Ausnahme von „Der Tankerkönig“. Und auch da bleibt ein Zweifel…

Dieser passionierte Nicht-Autor also hat jetzt ein Buch geschrieben – und er schreibt ganz ausgezeichnet. Lakonischer Realismus, leise (Selbst-)Ironie, in manchen Szenen literarisch hochwertige, sehr eindrückliche szenische Schilderungen prägen „Trotz alledem“. Der Titel scheint optimal gewählt. Hannes Wader hat gleich drei Lieder dieses Titels verfasst – „Trotz alledem“ ist quasi sein „Willy“ (ein Lied, das Konstantin Wecker auch x-fach variiert hat). Es ist ein schön mehrdeutiger Titel. Trotz einer schweren Kindheit mit wenig materieller und emotionaler Geborgenheit. Trotz der unverkennbaren Überbleibsel der Nazi-Ideologie in den Nachkriegsjahren. Trotz holpriger Anfänge als Liedermacher. Trotz der Anfeindungen des Establishments, speziell in der hysterischen „bleiernen Zeit“ der Terroristenjagd in den 70ern. Trotz unzähliger Rückschläge und Tiefschläge – unter anderem auch zusammenhängend mit Waders Bekenntnis zum Kommunismus. Trotz Neonazis, Sozialabbau, Kriegspolitik und anderer „Errungenschaft“ unserer scheinbar befriedeten Epoche. Man könnte am Ende auch sagen: ein Leben voll künstlerischer Erfolge trotz eines nur von wenigen erreichten Niveaus.

Schön ist die Jugend

Hannes Wader gibt seiner Kindheit im Buch breiten Raum. Das fordert denen Geduld ab, die am liebsten schnell zu seinem Durchbruch als Künstler und zum „wilden“ Künstlerleben eines 68ers springen würden. Es gibt im Buch Details, bei denen man sich fragt, ob sie wirklich für Unbeteiligte derart interessant sind. Dies gilt aber im Prinzip auch für Waders Lieder. Sein faktenreicher Realismus erdet die Hörer und Leser, dient ihnen als Anker. Sie können auf diese Weise nicht wegdriften auf den Wogen von zu viel Überschwang, Wahn und Rausch. Meist fühlt man sich von Wader eher leise angerührt. Er praktiziert kein musikalisches „Überwältigungskino“, lässt Gefühle nicht mächtig und zwingend auf seine Rezipienten überspringen. Eher macht er vorsichtige Sinn- und Emotionsangebote.

Man kann dies auch für „sozialistischen Realismus“ halten. Vergleichbar dem Brecht’schen Theater, fehlt bei Wader jegliche kulinarische Illusionsmaschinerie. Karger Purismus prägt seine musikalische Ästhetik. Sein wacher Verstand legt der Fantasie Zügel an, die sich nur ganz selten lockern. Dem Sänger fehlt alle Grelle, er malt lieber in Pastellfarben – was allerdings eine Formulierung seines Kollegen Reinhard Mey ist. Sein Werk macht nicht trunken, jedoch auf solide Weise satt und mundet noch nach Jahren so wie am Anfang, als man den Künstler in der ersten Begeisterung kennen lernte. „Ebenso wenig wie ekstatischer Frohsinn ist Melancholie meine Lieblingsstimmung“, schreibt er. Wie seine Lieder sind, so ist auch sein Buch.

Die Schilderung von Hannes Waders Kindheit lohnt die Lektüre unbedingt, da hier in besonderer Dichte hellsichtige Selbstanalysen eingeflochten sind, die über die frühen Jahre hinaus die Wesensart des Liedermachers grundlegend charakterisieren. Wader spricht von „emotionaler Unterversorgung“ als Kind, die er seinen Eltern jedoch nicht vorhält, denn die Nachkriegsära war hart und abhärtend – auch in materieller Hinsicht. Der Autor charakterisiert sich als „eines dieser besonders schwierigen, übersensiblen Kinder.“ Er bekam immer „zu wenig“, weil er emotional eigentlich mehr gebraucht hätte als andere, nervenstärkere Kinder.

Wader schildert sich als widersprüchlichen Charakter. Er ist auf der einen Seite scheu – was man im Übrigen im Film „Wecker Wader Vater Land“ gut beobachten kann –, auf der anderen Seite will er Aufmerksamkeit und im Mittelpunkt stehen. „Ich bin schon damals keine Rampensau, und es wird später auch keine mehr aus mir werden. Ich mag es, auf der Bühne zu stehen, aber keine Minute länger als unbedingt nötig.“

Das Schweigen der Väter

Hannes Waders Eltern waren keine Nazis, was ihn mit Konstantin Wecker verbindet, aber von vielen Altersgenossen unterscheidet, die „an der Nazivergangenheit ihrer Eltern schwer zu knacken hatten“. Sein Onkel Edi allerdings, der für Hannes zeitweise Vaters Stelle einnahm, traktierte und traumatisierte ihn mittels der damals nicht unüblichen Schwarzen Pädagogik. So heißt in einem seiner biografisch aufschlussreichen Lieder – „Erinnerung“:

Oft habe ich gebettelt um ein
bisschen Liebe wie ein Hund.
Doch stattdessen schlug mein
Onkel mich und meistens ohne Grund.

Neben dem scheinbar „zufälligen“ Biografischen, thematisiert Wader auch das Kollektive, für seine Generation Typische. Auf ihm und seinen Altersgenossen lastet „das Schweigen ihrer Väter über das, was sie im Krieg, in der Gefangenschaft erlebt haben. Ihre Gefühle in sich verkapselt, blieben viele dieser Kriegsheimkehrer emotional unzugänglich bis zur Dauerverstörtheit.“ Man sieht hieran, dass sich die Lektüre auch für Menschen lohnt, die nicht ausschließlich an einer Künstlerstory à la „A Star is born“ interessiert sind, sondern auch an hellsichtigen Zeitporträts von übergreifender Bedeutung. Im Fall von Wader umfasst der historisch-persönliche Durchlauf fast acht Jahrzehnte. Einblick in die „Welt von gestern“ (wie Stefan Zweigs literarische Autobiografie hieß).

In diesen Anfangskapiteln räumt der Sänger auch ein, sich in Psychotherapie begeben zu haben. Im Rückblick geht er teilweise hart mit sich selbst ins Gericht: „Umgekehrt trete ich meinerseits Menschen, die sich nach meinem Empfinden ‚kindisch benehmen‘, eine zu klebrige Anhänglichkeit an den Tag legen, sich schwächlich und larmoyant zeigen, oft ungerecht und mit unangemessener Verachtung und Härte gegenüber. Zu sehr erinnern sie mich an meine eigene beschämende Schwäche als Kind.“

Waders schonungslos ehrliche Art der Selbstcharakterisierung ist ein großer Gewinn für alle, die den Menschen hinter den Lieder-Meisterwerken einmal wirklich näher kennenlernen wollen. „Mal schwächer, mal stärker spürbar, wird mich ein Grundgefühl der Verlassenheit und Traurigkeit durch meine Kindheit – ja, mein ganzes Leben hindurch – begleiten. Überempfindlich und unfähig, das, was um mich herum geschieht, als getrennt von mir betrachten und erleben zu können, beziehe ich alle Ereignisse unmittelbar und ungefiltert, ohne eine innere, die Wucht der Eindrücke mildernde Pufferzone, auf mich.“

An einer schönen Stelle charakterisiert er sich auch als einen in gewisser Weise konservativen Gewohnheitsmenschen, der sich lebenslangem Selbstoptimierungszwang entziehen will. „Nun bin ich aber kein Anhänger des Axioms, dass der Mensch bis zu seinem Ende nicht nur lernen und sich weiterentwickeln kann, sondern muss. Ich möchte im Alter eher meine Ruhe haben. Die Vorstellung, mich noch auf dem Sterbebett in meinen letzten Zügen, röchelnd weiterentwickeln zu sollen, betrachte ich als Zumutung.“ (Die Stelle ist übrigens ein schönes Beispiel für Waders Stil und zeigt, warum die Lektüre durchaus, wenn auch manchmal auf makabere Weise, vergnüglich ist.) Bei Wader gibt es also kein „Sich-selber-immer-neu-Erfinden“, wie es Konstantin Wecker immer wieder propagiert hat. Die einmal gefundene Gestalt als Künstler und Mensch wurde nie mehr ernstlich auf den Prüfstand gestellt.

Wader also beschreibt sich als wenig sozialkompetent, als cholerisch, mit einem „Hang zu exaltiertem, fast panischem Verhalten“. Er bescheinigt sich eine „sture Weigerung, aus begangenen Fehlern zu lernen und sie zu korrigieren.“ Schlimmer noch: „Auch dieses ambivalente Verhältnis zur Gewalt, sie einerseits zu hassen und die erschreckende Erkenntnis, die Anlage dazu in sich selbst vorzufinden, teile ich sicher mit vielen Menschen.“

Der erarbeitete Antirassismus

Wie kam es dann dennoch dazu, dass Hannes Wader lebenslang zu einem sehr beharrlichen und dezidierten Antifaschisten wurde? Eindrucksvoll ist hierzu die Schilderung des Autobiografen über die Gewaltneigung heranwachsender Buben in Nachkriegsdeutschland: „Spaß haben sie nur, wenn sie anderen Schmerzen zufügen. Sonst gibt es für sie nichts zu lachen. Vielleicht ist es die noch immer von Faschismus und Krieg verseuchte, gewaltgesättigte Luft, die alle hier und jetzt lebenden Menschen einatmen müssen, und die das Denken, Fühlen und Handeln noch lange steuern wird.“ Ein behinderter Junge wurde von seinen Spielgefährten mit den Worten „Eh du Missgeburt, dich haben ‘se wohl vergessen zu vergasen“ beschimpft. Diese Erfahrungen – sein eigener sofort aktivierter innerer Widerstand gegen derlei Menschenverachtung – waren prägend für Wader.

Bei Wader kommt – wie das Schreiben von Liedern – auch der Antirassismus nicht von selber. Überraschend für seine Fans, bekennt er, dass er quasi sein Nicht-Nazi-Sein jeden Tag auf’s Neue erringen muss: durch „Gedankenarbeit“ – auch dies ein interessanter Begriff. Wie in den fast schon nervigen Mantren des US-amerikanischen Mentaltrainigs, wonach alles, was einem Menschen geschieht, angeblich eine „Entscheidung“ ist, hat sich Wader offenbar für das Anständigsein entschieden. Nach eigener Aussage waren seine ursprünglichen Charakteranlagen desaströs, er hat jedoch beharrlich und lebenslang an ihnen herumgeschliffen wie an einem Rohdiamanten. „Ich bin folglich – lange Zeit, ohne es zu wissen – latent xenophob, in üblichem Maße frauenfeindlich, schwach antisemitisch, gemäßigt rassistisch, von allem ein bisschen und bin, als ich es zum ersten Mal bemerkte, tief erschrocken. Ich will aber kein Rassist sein und habe mir deshalb angewöhnt, mir das jeden Tag kurz bewusst zu machen, quasi mithilfe geistiger Dehnübungen im Training zu bleiben, um mich nicht von gedankenlos dumpfen Reflexen lenken zu lassen.“

Und, ein sehr wichtiger Satz: „Die Überwindung, der Abbau rassistischer – überhaupt aller – Vorurteile ist eine Kulturleistung und nur über Gedankenarbeit möglich.“ Die Tatsache, dass Wader „Nazi-Anlagen“ in sich wahrgenommen zu haben meint, bewegt ihn aber nicht zu einem milden Urteil über den heutigen Rechtsruck. Vielleicht auch, weil er aus eigener Erfahrung weiß, dass man solche Impulse kontrollieren kann – während sich tausende von Neofaschisten und Xenophoben heute offenbar widerstandlos in die Dummheit und Grausamkeit ihrer Weltanschauung hineinsinken lassen: „Alle diese zu einem zähen Brei verpantschten Übel stinken weiter vor sich hin. Und scheinen in den letzten Jahren wieder an Kraft zu gewinnen.“

Bürgerschreck und Vagabund

Natürlich ist Hannes Wader, trotz aller offenbar vorhandenen Schattenanteile, in erster Linie ein „Links-Alternativer“. Mitte der 60er, als noch erfolgloser Sänger-Vagabund, entsprach Hannes Wader dem Idealbild des Bürgerschrecks – noch bevor wenig später eine ganze Generation gegen das Korsett der bürgerlichen Wohlanständigkeit aufbegehrte. Hannes legte sich ein gewöhnungsbedürftiges Outfit zu, angelehnt an Vorbilder, die eher Gewalt-Assoziationen wecken: Zorro, Cowboys, Musketiere. An letztere schien auch sein Haar- und Bartwuchs zu gemahnen (lange Haare, Schnauzer und spitzer Kinnbart) – Beweisfotos hierfür sind im Buch enthalten. Das Bürgertum reagierte ungnädig, und Wader erinnert sich bei Auftritten als Straßenmusikant an Zurufe von Passanten in dieser Art: „Mit so was wie dir hätte der Führer kurzen Prozess gemacht.“

Der Autobiograf beschreibt die damalige Lebensepoche sehr launig: „Auf den Straßen singend, streife ich per Anhalter durch die Bundesrepublik und durch ganz Europa. Ich durchlebe damals eine Phase, in der ich mich als Einzelwesen sehe. Keiner Gruppe – einer Partei schon gar nicht – fühle ich mich zugehörig, vertrete nur mich selbst und stelle mich nach außen so dar, wie ich gern wäre und gesehen werden möchte. Ich verabscheue die Gegenwart, lehne die Zeit ab, in der ich existieren muss, falle lieber aus ihr heraus. Bärtig und langhaarig, altertümlich gewandet, fordere ich die mich umgebende soziale Realität heraus. Missachte sie. Reize die Normalos bis zum Äußersten und setze mich damit ihrem Mobbing aus.“

Hannes Wader fühlte eine „Berufung“ zur Bühne, nachdem er sich einmal als Schüler nicht getraut hatte, eine Singspielrolle anzunehmen. „Gekniffen zu haben“ belastete ihn nachhaltig, und so kam es, dass der eigentlich scheue Mensch in Jahrzehnten öfter auf der Bühne stand als fast jeder andere Musiker seines Genres. Er war als Künstler von Anfang an Autodidakt. Und er spürt schmerzlich die Isolation, die mit dem Künstlertum einher geht: „Das Gefühl, abgespalten zu sein von der Klasse, der ich entstamme, einer anderen aber weder angehören zu können noch zu wollen.“ Wader bekommt eine Lehrstelle als Dekorationsgehilfe im Schuhhaus Sievert. Zum Glück kennen wir den Ausgang der Geschichte schon. Er blieb da nicht lange. Unterdessen sammelt er als Musiker in einem Mandolinenorchester Erfahrung, bevor er auf sein „endgültiges“ Instrument umsteigt: die Gitarre.

Zum damals gängigen Rock ‘n‘ Roll fühlt er sich nie hingezogen. „Rock ‘n’ Roll ist damals Musikstil und Lebensgefühl gleichzeitig. Rock ‘n’ Roll ist städtisch, bewegungs- und tempoübersteigert, enthemmt-rebellisch, sexuell herausfordernd, aggressiv-brutal, auf Tabubruch gebürstet. Ich dagegen bin provinziell geprägt, langsam im Denken und Handeln; und obwohl wenig erfolgreich darin, bin ich durchaus anpassungswillig, dazu sexuell verklemmt und schüchtern, und statt wild-renitent höchstens defensiv-störrisch.“ Immer wieder bestechen in „Trotz alledem“ diese Passagen geradezu schonungsloser Innenschau, die weniger auf „Selbsthass“ schließen lassen als auf ein nüchtern-lakonisch vorgebrachtes Einverstandensein mit den eigenen Begrenzungen. Man kann auch sagen: Es ist Waders spezielle Form melancholischer Lebensweisheit. „Ich empfinde immer, mal stärker, mal schwächer, einen Rest von Unerlöstheit. Ein diffuses Gefühl des Ungenügens bei allem, was ich tue, wird mich wohl nie ganz verlassen.“

Wenn es also nicht die Rock-Musik war, was beeinflusste den aufstrebenden Künstler dann? „Als ich beginne, meine eigenen Lieder zu schreiben, fühle ich mich Walther von der Vogelweide näher als John Lennon. Als ich zum ersten Mal bewusst die Lieder von Franz Schubert höre, merke ich, dass ich, ohne ihn zu kennen, meine eigenen sozusagen bei ihm abgeschrieben habe und dass sie irgendwie schon vor 200 Jahre da waren“. Diese Aussage mag überraschen, obwohl Wader 1997 ein Album mit Schubertlieder aufnahm – mit Gitarrenbegleitung. Es ist lohnend, diese musikalischen Wurzeln in seinem Werk aufzuspüren, und sie verbinden Wader auch mit Wecker. Beide schienen sich bei der Entwicklung eines eigenen Stils von der aktuellen Rock- oder Popmusik fast vollständig abgekoppelt zu haben. Sie schöpften aus anderen Quellen: interessanterweise zum großen Teil aus deutschen, obwohl beide dezidierte Nicht-Patrioten sind.

Ein nüchterner „Romantiker“

An einer Stelle bezeichnet sich Wader sogar als einen „Romantiker“: „Manche Historiker nehmen an, dass aus der Vermischung von Romantik und Politik schädliche oder gar verheerende Auswüchse resultieren, welche auch die beiden letzten Weltkriege mit ausgelöst haben sollen, und sprechen unter anderem von kollektiv irrationalen, die Massen ergreifenden Todessehnsüchten und Ähnlichem.“ Wader will sich seine „rest-romantisch-mythischen inneren Anteile“ nicht ganz nehmen lassen, obwohl er vom Naturell her überwiegend ein Aufklärer bleibt. Oder ein reflektierter Romantiker mit Skrupeln, wenn man so will. „Ich kann mich jederzeit und aus dem Stand tief in meine Fantasiewelt sinken lassen, aber eigentlich verwechsle oder vermische ich innere Bilder niemals mit dem realen Geschehen um mich herum.“ Wader schreibt an einer Stelle sogar: „Ich könnte keine vernünftigen Lieder schreiben“, was zunächst überrascht. Er bezieht sich damit aber auf einen Spruch aus Schillers „Don Carlos“, wonach man für die Träume seiner Jugend „Achtung tragen“ und dem „tötenden Insekte gerühmter besserer Vernunft“ nicht sein Herz öffnen sollte. „Unvernunft“ hier eher im Sinne eines stets widerständigen Sich-nicht-Abfindens.

Walther von der Vogelweide, Schubert und auch die deutsche Volksliedtradition beeinflussten Hannes Wader. Denkt man etwa an das „Bürgerlied“, ein kritisches Volkslied von 1845, dann spürt man, dass die typische Art wie Wader, aber auch Reinhard Mey, Melodien aufbauen, an derartiges traditionelles Liedgut angelehnt war. Hinzu kam der Einfluss des französischen Chansoniers Georges Brassens, den Wader 1962 – früher sogar noch als die Klassiker des American Folk – zu seinem Vorbild erkor. Wader schreibt über Brassens, er habe es kaum glauben können, „dass es möglich ist Worte solchen Gehalts, derart starke Botschaften in einen Liedtext zu gießen und auch noch so beiläufig im Ausdruck zu singen“. Gerade die Formulierung „beiläufig im Ausdruck“ ist hier interessant und charakterisiert Waders eigene Vortragskunst. Es scheint klar, dass zum eher nüchtern anmutenden Gitarren-Minimalisten Brassens die Affinität größer war als zum pathetischen Orchesterchanson eines Jacques Brel.

Wader hat die „beste Idee“ seines Lebens: „nach Brassens‘ Vorbild, aber in deutscher Sprache, selbst mal ein Lied zu schreiben.“ Zunächst aber, nachdem er ein Grafikstudium in Berlin begonnen hat, tritt die Musik wieder ein bisschen in den Hintergrund. Bis Hannes Wader einem Straßensäger vor dem Café Kranzler zuhört: American Folk. Was jetzt geschieht, bezeichnet er im Rückblick als „Dammbruch“: er übt ernsthaft und wie „besessen“ Gitarre. „Jene schon zitierte glimmende Lunte hat endlich den Großbrand in mir entfacht.“

 

Den zweiten Teil dieses Wader-Porträts lest Ihr morgen auf Hinter den Schlagzeilen.

 

Hannes Wader:

Trotz alledem. Mein Leben.

Penguin Verlag

592 Seiten, € 38,-

 

Das Buch ist erhältlich im Sturm-und-Klang-Shop.

Comments
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    heike
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    „Dort wo ich herkomme, gibt es für mich kein zurück,

    vom Leben an fremde Ufer gespült bin ich

    zum Glück

    nie zu hart gestrandet, doch auch nie wirklich gelandet

    und Zuhaus gefühlt

    hab ich mich nie, wo ich auch war

    Das ist OK so, damit komme ich klar ….“

     

    Mein liebstes Lied von Hannes Wader … ich weiß nicht genau, wie es heißt.

    Ich wünsche dem Hannes Wader alles Gute, mir gefallen seine  Lieder, die sensibel sind ohne sentimental zu werden und kritisch ohne zynisch zu werden …

    Bösartigern Zynismus kann ich wirklich nicht verwinden oder mögen … tut mir leid.

     

     

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