«Ich war ein tibetischer Mönch»

 In Roland Rottenfußer, Spiritualität

SchettiniMönchDer junge Stephen Schettini lässt sich nach abenteuerlicher Indien-Reise als Mönch der tibetischen Gelug-Schule ordinieren. Er sucht in der Lehre des Buddha den ersehnten inneren Frieden – und findet sich zerrissen zwischen zwei Welten. Er sucht die zeitlose Essenz von Spiritualität und findet – Kleinkariertheit und reaktionäres Denken. Er sucht einen Guru von überlegener Weisheit und Integrität und findet – einen Menschen. Schettinis Flirt und Hochzeit mit dem Buddhismus sind so spannend und lehrreich zu lesen wie die finale Scheidung. Sein wechselvoller Weg zeigt deutlich wie schwer es ist, einem Menschen aus dem Westen einfach eine fremde Kultur überzustülpen. Das Fazit des Autors: „Das Streben nach Wahrheit hat weniger mit dem Finden als vielmehr mit dem Loslassen von Gewissheiten zu tun.“ (Roland Rottenfußer)

In München gibt es in einem engen Hinterhof ein kleines tibetisches Zentrum, Püntsok Rabten genannt. Es wird von Gonsar Rinpoche geleitet, einem bescheidenen Mönch mittleren Alters, der dort für eine kleine Gemeinde von Schülern Dharma-Belehrungen gibt – kenntnisreich, seriös und mit einer Prise schalkhaften Humors. Ich durfte Gonsar Rinpoche einmal persönlich begegnen und ihn interviewen und hatte von seiner Klugheit, seiner Freundlichkeit und geistigen Offenheit nur den besten Eindruck. Gonsar ist ein Tulku, die Wiedergeburt einer langen Reihe von tibetischen Meistern, die ebenfalls Gonsar hießen. Sein Lehrer war der 1986 verstorbene, heute schon legendäre Geshe Rabten, der aus Tibet unter abenteuerlichen Umständen nach Indien geflohen war. Vom Dalai Lama, dessen Berater er war, wurde er in den Westen geschickt, um Zentren für die tibetische „Diaspora“ zu gründen und den Dharma im Westen verbreiten zu helfen. Auch Geshe Rabtens Autobiografie „Mönch aus Tibet“ hatte ich gelesen – ebenso wie seine überaus genaue Auslegung des Herzsutras. Ein autobiografisches „Enthüllungsbuch“ über die Schule des Geshe Rabten, in dem sich Schattenseiten des tibetischen Buddhismus zeigen sollten – ein solches Buch las ich mit Interesse und einigen zwiespältigen Gefühlen.

Abgesehen davon, dass Lebenseindrücke immer nur einen Teil der Wahrheit widerspiegeln, haben mich Stephen Schettinis Memoiren jedoch durch ihre Aufrichtigkeit und Ausgewogenheit überzeugt. Gonsar Rinpoche nannte den Buddhismus in unserem Interview eine „Brücke zwischen Religion und Philosophie“. Diskursive Vernunft scheint er mit tiefem spirituellem Erfahrungswissen zu vereinen, praktische Ethik mit Erleuchtungsstreben – ein zeitgemäßer Zugang zum Göttlichen ohne Gott. Bei spirituellen Suchern aus dem Westen besitzt der Buddhismus einen einzigartigen Nimbus von Reinheit und moralischen Überlegenheit. Er hat in bestimmten Milieus das Christentum als maßgebliches geistiges Bezugssystem abgelöst. Ist dieser makellose Ruf gerechtfertigt? Stephen Schettinis Autobiografie ist aus der Perspektive eines Mannes geschrieben, der tief in die Welt des Buddhismus eingetaucht, jedoch nicht in ihr versunken ist. Sie besitzen den unschätzbaren Wert, dass sie differenzieren, wo andere wahlweise schwärmen oder den Buddhismus zusammen mit jeglichem religiösem „Irrationalismus“ zu entsorgen versuchen.

Zuflucht beim Unvertrauten

„Warum gibt ein anglo-italienischer katholischer Junge aus der bürgerlichen Mittelklasse im ländlichen Gloucestershire, in der Privatschule erzogen, Ausbildung, Karriere und Familie auf, um zu den tibetischen Flüchtlingslagern in Indien zu reisen und als buddhistischer Mönch ordiniert zu werden?“ Mit dieser Eingangsfrage sind zugleich wichtige Stationen von Schettinis Weg markiert. Das katholische Milieu, dem Stephen entstammte, wirkte auf seine Seele traumatisierend. „In meinem Kopf, meinem Herzen und meinem Schritt saß fest verankert ein psychologisches Kruzifix. Christus schwieg immer, sein Leiden ein ewiger Vorwurf.“ Der strafende Gott vermischte sich in seinem Unterbewusstsein mit dem Bild des strengen Vaters. „Dad war der Vertreter Gottes – patriarchalisch, allmächtig, schweigsam und unergründlich. Er war selbstsüchtig und ungerecht, großzügig und fürsorglich. Wie Kinder es zu tun pflegen, glaubte ich, an den Schlägen, die ich erhielt, selbst schuld zu sein.“ Dies erklärt zum Teil die spätere Suche des Autors nach der Erlösung im Unvertrauten, die Zufluchtnahme zu durch psychische Gewalt weniger eingetrübten Formen der Spiritualität.

Wie jeden Jüngling gelüstet es Schettini nach ersten sexuellen Erfahrungen, überwiegend wird er aber von den Mädchen verschmäht. Eine Zeit des eher haltlosen Dahinlebens schließt sich an. Schettini begeht im Übermut Ladendiebstahl und experimentiert mit Drogen. Seine Sucht trägt aber stets auch die Färbung einer spirituellen Suche: „Ich behandelte Drogen wie ein Sakrament, Musik wie eine neo-religiöse Erfahrung und Dagegensein als Dogma.“ Eine LSD-Erfahrung bringt einen ersten Einblick in spirituelle Erfahrung: „Die Blume entflammte mein Herz; sie war ein Geschenk Gottes. Ich flüsterte meinen Dank. Je länger ich starrte, desto mehr enthüllte sie. Sie schien mich ebenfalls anzuschauen, und ich war hingerissen.“

„Freiheit von mir selbst“

Stephen Schettini studiert Philosophie, zunächst ohne konkrete berufliche Perspektive. Er beginnt sich für die Weltanschauungen Asiens zu interessieren und wird anhand eines Fotos junger tibetischer Mönche von einer Ahnung berührt, wohin seine Reise gehen könnte. „Zu dieser Zeit betrachtete ich sie als die glücklichsten Menschen auf unserem Planeten, entweder schon völlig erwacht oder auf dem Weg dorthin. Was bedeutete das für mich? Freiheit von mir selbst und Kontrolle über mich selbst – eine Art persönliche Vervollkommnung und, da es oft als ‚glückselig’ beschrieben wurde, ein permanentes Hochgefühl. Das wollte ich auch.“

Diesem Impuls folgend, bricht Schettini zu einer abenteuerlichen Reise nach Indien auf – per Autostop. Die Länder, die er dabei durchqueren muss, sind nicht gerade für ihre Bequemlichkeit und hohe Sicherheitsstandards bekannt – Iran etwa und Afghanistan. Schettini erkrankt schwer an Hepatitis und verfällt wenig später zudem dem Opium. Nur knapp dem Tod entronnen, entscheidet er, seine Suche fortan mehr nach innen auszurichten. Weggefährten raten ihm, nach Dharamsala zu reisen, wo Kurse in der buddhistischen Lehre stattfinden sollen. Die Stadt ist zugleich der Sitz der Exilregierung des Dalai Lama. Stephen studiert eifrig bei dem tibetischen Gelehrten Geshe Ngawang Dhargyey. Der Schüler aus dem Westen findet in der Geistesschulung und dem regelmäßigen Tagesablauf einen Halt, der ihm anderswo lange gefehlt hatte.

Kein Platz für Sinnlichkeit

Stephen Schettini kehrt heim nach England. Überraschenderweise wird sein Verhältnis zum Buddhismus aber gerade hier auf eine neue Stufe gehoben. Geshe Rabten, der angesehene Tulku und ehemalige Debattierlehrer des Dalai Lama, soll in der Nähe der Stadt Reading Meditationskurse geben. Schettini ist von der vernunftsbetonten Würde des Lama beeindruckt. In der Schweiz, in Mont-Pèlerin, malerisch gelegen am Genfer See, ist Geshe gerade dabei, ein neues tibetisches Zentrum aufzubauen. Mit dabei der junge, damals ziemlich schüchterne Gonsar Rinpoche, heute Linienhalter dieser Richtung der Gelug-Schule. Der junge Engländer lässt sich die Haare schweren und zum Mönch ordinieren. Im Rückblick sinniert er über diesen Schritt: „Heute finde ich es unglaublich, dass ich keinen weiteren Gedanken daran verschwendete, was ich zu tun im Begriff war. Im Alter von dreiundzwanzig, mit einer starken Libido (…) ließ ich alles, was ich gekannt hatte, hinter mir, um mich zu einem Leben in Enthaltsamkeit zu verpflichten.“ Die Existenzform eines Mönchs bietet gemäß der buddhistischen Lehre mehr Gelegenheiten, Verdienste anzusammeln, da sie weniger Ablenkung beinhaltet. Ein Mönch betrachte seinen Abt als weisen Vater und sich selbst als Sohn, der der Führung bedarf.

Bald aber melden sich Zweifel und innere Zerrissenheit. Zu schnell, empfindet der Jung-Mönch, werden von den Exiltibetern Einweihungen an Schüler vergeben, die zu wenig darauf vorbereitet sind. „Der Dalai Lama zum Beispiel vollzieht die Zeremonie der Kalacakra-Initiation oft bei großen öffentlichen Anlässen mit dem Wissen, dass viele nur eine geringe oder überhaupt keine Schulung mitbringen. Schon die bloße Teilnahme an der Zeremonie, ohne sie zu verstehen, wird als Segnung oder karmische Prägung betrachtet, die in zukünftigen Leben reifen wird.“ Auch die Lustfeindlichkeit seiner tibetischen Lehrer befrendet Schettini. So beschreibt Geshe Rabten dem Autor zufolge den menschlichen Körper als „verwesende, schmutzgefüllte Maschine“. Er zitiert aus einer Schrift, die Mönchen helfen soll, ihre sinnliche Begierde zu überwinden: „Vor deiner eigenen Unreinheit/Ekelt es dich nicht; doch außerdem/ Gelockt vom Unrat eines unreinen Sacks,/ Sehnst du dich nach eines anderen Berührung.“

Mönch-Sponsoring

Zunehmend hat Schettini Schwierigkeiten mit den Erwartungen und Projektionen, die von außen auf ihn als Mönch gerichtet werden: „Gleichzeitig lenkte mich dieses neu erlangte Ehrbarkeit ab. Ich wusste, sie war den Roben geschuldet, die ich trug, und nicht irgendeinem inneren Wandel, aber eine gewisse Überheblichkeit stieg mir zu Kopf. Besucher und junge Mönche sahen in mir imaginäre Qualitäten, die ich nicht bestritt.“ Schettini akquiriert eine „Sponsorin“, eine reiche, am Buddhismus interessierte Dame, die seine Lebenshaltungskosten trägt. Das ist bequem für ihn und das Kloster, das so nicht für seinen Unterhalt sorgen muss. Es schürt aber Zweifel, ob Geshe ihn nur wegen seiner spirituellen Begabung zum Mönch ordiniert hat. „Geshe akzeptierte jedoch jeden, der einen Sponsor hatte oder die Mittel, sich selbst zu unterhalten. Ich hatte vorschnell angenommen, dass seine Bereitschaft, mich zu ordinieren, ein persönlicher Vertrauensbeweis gewesen war, aber mit der Zeit verstand ich die profane Wahrheit – er hatte nur seinen Job gemacht, nämlich, eine Gemeinschaft von Mönchen aufzubauen.“

Wie sich zeigt, teilen andere aus dem Westen stammende Mönche diese Bedenken nicht und haben jeden kritischen Verstand am Eingang der Klosterpforte abgegeben. „Vielleicht macht Geshe ja manchmal auch Fehler“, wagt Stephen seinem Mitbruder Eckhard einmal zu sagen. „Er drehte sich weg, als ob ich ihn geschlagen hätte. ‚Das glaube ich nicht’, sagte er. ‚Ich ziehe es vor, das nicht zu glauben.’ (…) Mit einem Auge auf die Schatten des Zweifels, die über die Gesichter meiner Dharma-Mitpraktizierenden huschten, beobachtete ich, wie sie ihre Überzeugung um jeden Preis aufrechterhielten, und ich erkannte, dass ich jahrelang das gleich getan hatte.“ Schettini erkennt mit Blick auf tibetische Meister, „es sei wichtig, sie weniger als Projektionsflächen unsere Phantasie zu sehen, sondern mehr als menschliche Wesen.“

Ist der Guru unfehlbar?

Mit der Zeit werden Schettinis Zweifel lauter, seine Anklagen schärfer: „Ist die Hingabe an den Guru nicht eine Übung in absichtlicher Selbsttäuschung? Was ist der Sinn buddhistischer Psychologie, wenn sie sich nicht mit Angst, Schuldgefühlen und Enttäuschung auseinandersetzt? Ist das Studieren, um den inneren Dialog zu überwinden, nicht so, als würde man essen, um abzunehmen?“ Und er konstatiert: „Vertrauen, Glaube und Hingabe sind Mittel zum Zweck. Wenn sie selbst zum Zweck werden, ist man verloren.“ Schettinis Sponsorin Sigrid entzieht ihm die finanzielle Unterstützung, nachdem der Mönch gegen den Willen des Meisters sein Heimatkloster verlassen hatte, um anderswo Tibetisch zu studieren. Schließlich kommt es zum Eklat. Eine Gruppe von Nonnen möchte im Kloster unterkommen. Kaltschnäuzig wird ihnen beschieden, sie sollten selbst für ihre Unterkünfte sorgen. Die Folge: Mönche haben genug Zeit, um zu studieren; Nonnen kommen kaum dazu, weil sie ihr Geld als Putzfrauen verdienen mussten. Von Gleichberechtigung keine Spur.

Schettinis Urteil über das Verhalten der Mönche ist harsch: „Anstatt dies als eine Tatsachenentscheidung zu akzeptieren, bei der wir nichts zu sagen hatten, ging die Mehrheitsmeinung einen Schritt weiter und entschied, dass Geshe hier eine Weisheit an den Tag legte, die über unsere Horizont ging. Es wurde als gute ‚Hingabe an den Guru’ betrachtet, zu glauben, dass seine Gründe recht und billig waren, wenn nicht gar transzendenter Natur. (…) Emotional war ich angewidert. Hier waren Menschen, die behaupteten, Buddhisten zu sein, und waren so geblendet von exotischem Denken und Zeremoniell, dass sie nicht in der Lage waren, ihr eigenes kritisches Urteilsvermögen zu gebrauchen. Der westliche Buddhismus würde sich früher oder später freischwimmen müssen, und allmählich schien es: Je früher, desto besser.“

Zurück ins weltliche Leben

Den Ausschlag gibt am Ende eine Äußerung Geshe Rabtens über das Mönchsleben, die Schettini als zynisch empfindet: „Ihr könnt euch einfach zurücklehnen und die Füße hochlegen, und sie versorgen euch mit Essen, Unterkunft … mit allem. Eure Zeit gehört euch. Alles, was ihr zu tun habt, ist ein wenig studieren und ein paar Gebete sprechen. Ihr führt ein Leben voller Muße. Ihr habt es so viel leichter als diese Laien. Warum genießt ihr das nicht?“ Schettini: „Ich traute meinen Ohren kaum. Verstand er nicht, wie anrüchig dies das Mönchsein aussehen ließ?“ Wenig später bittet Stephen Schettini seinen Meister Geshe Rabten, ihn aus den Mönchsgelübden zu entlassen. Er legt seine Robe ab und ist frei, jedoch auch desorientiert und unsicher, wie er den Rest seines Lebens gestalten soll.

Neben ganz weltlichen Aufgaben wie Berufswahl und Familiengründung steht der Ex-Mönch nun vor allem vor einer Herausforderung: das, was er am Buddhismus bewahrenswert fand, vom „Mantel des tibetischen Mystizismus“ zu befreien. „Alles, was wirklich zum Fenster herausflog, waren meine Erwartungen an den Buddhismus, nicht die Botschaft des Buddha.“ Was dabei vor allem losgelassen werden musste, war die Illusion, man könnte ein komplettes „Reboot“ des eigenen Lebens vornehmen. „Ich verstand jetzt, wie absurd es war, auch nur daran denken zu wollen, die kulturellen Wurzeln meines westlichen Denkens und Selbstbewusstseins zu verleugnen.“

Nicht jeder taugt zum „Tibeter“

Schettinis Einsichten und Erfahrungen sind von großem Wert für alle, die sich über die erste „Verliebtheitsphase“ hinaus vertieft mit dem Dharma befassen wollen. Ja, der Buddhismus kann wertvolle spirituelle Erfahrung, geistige Disziplin und friedvolle Momente vermitteln. Und, nein, er ist nicht makellos, wird nicht von Übermenschen gelehrt, garantiert keine vollkommene und immerwährende Ausgeglichenheit. Wie bei jeder Reise, hat sich der Westler, der sich aufmacht, den Buddhismus zu erforschen, stets selbst im Gepäck. Er kann seine Prägungen und Denkgewohnheiten nicht zusammen mit Jeans und Polohemd an der Klosterpforte ablegen. Nicht jeder Engländer oder Deutsche, der sich eine Kutte überzieht und Tibetisch lernt, wird dadurch zum Tibeter. Die kulturellen Unterschiede gehen teilweise so tief, dass sie den erstrebten Prozess des Erwachens nachhaltig stören.

Freilich sind auch Stephen Schettinis Erfahrungen subjektiv. Man gewinnt den Eindruck, dass sich da jemand auf eine Lebensweise einlässt, für die er von Anfang an nur sehr bedingt geeignet ist. Als das Experiment scheitert, sucht die Versuchsperson den Fehler naturgemäß nicht nur bei sich, sondern auch bei seinen Lehrern und Mönchsbrüdern. Die haben im Buch keine Gelegenheit, ihre Perspektive der des unzufriedenen „Aussteigers“ gegenüber zu stellen. Würde man heutige Schülerinnen und Schüler Gonsar Rinpoches befragen – man bekäme mit Sicherheit ein vollständigeres Bild vermittelt. Menschen, deren Naturell gut zur Lebensweise eines tibetischen Mönchs passt, würden sich an den von Schettini aufgezeigten „Missständen“ nicht stören, ja sie völlig anders interpretieren. Auch sind die Probleme, die sich auf Schettinis spiritueller Reise zeigen, mit Sicherheit nicht auf diesen Zweig der Gelug-Schule beschränkt. Die Sollbruchstellen, die sich im vorliegenden Buch zwischen Osten und Westen, zwischen Tradition und Moderne, zwischen Hingabe an den Guru und westlichem Individualismus zeigen, sind typisch für die Auseinandersetzung nicht nur mit dem Buddhismus, sondern auch mit anderen östlichen Religionen und Kulten. Man denke etwa an die Vermischung von pekuniären Interessen und spiritueller Mission, an die Stellung der Frau in der Gemeinschaft, an die Tendenz zur Idealisierung des Gurus und der Forderung nach bedingungslosem Gehorsam, an der sich westliche Schüler oft stoßen.

Spirituelles Wachstum auf dem Prüfstand

Gerade diese universell gültigen Aspekte in Schettinis Lebensweg machen das Buch jedoch wertvoll. „An dem Tag, an dem ich meine Roben zurückgab, fiel ich abgrundtief aus eingebildeten spirituellen Höhen, und ich brauchte zwanzig Jahre, um wieder Boden unter die Füße zu bekommen“, schreibt Schettini. Und er kommt an einen Punkt, an dem er nicht nur den tibetischen Buddhismus, sondern jegliche Illusion eines fortschreitenden spirituellen Wachstums loslassen kann: „Selbst wenn wir uns in einer Zeit beispielloser Selbstprüfung befinden, glaube ich nicht an den zwangsläufigen Siegeszug des Fortschritts. Die Idee, dass wir uns kontinuierlich verbessern, entweder durch Technik oder religiösen Glauben, ist vielleicht der große Mythos unserer Zeit.“

Stephen Schettini: Mein Leben als tibetischer Mönch. Arbor Verlag. 420 Seiten, € 24,90

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