Ist Vertrauen ein gefährliches Gefühl?

 In FEATURED, Kultur, Philosophie

Nicht vertrauenswürdig: In Shakespeares Stück trickst Jago Othello aus.

Vertrauen erodiert – nicht erst seit dem Fall „Maaßen“. So gut wie alle Institutionen – Parteien, Unternehmen, Banken, Kirchen – haben in jüngerer Zeit an Vertrauen eingebüßt, und auch im privaten Bereich sind Verlässlichkeit und längerfristige Bindungen Mangelware. Umso häufiger wird das schmerzlich Fehlende in Sonntagsreden beschworen.  Verlangen wir einfach zu viel, und wäre eine Kultur des Misstrauens gesünder, weil weniger mit dem Risiko von Enttäuschungen behaftet? Der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer findet: Die Dichter kommen der Wahrheit über Vertrauen meist näher als die schwankenden Gestalten der so genannten Realität. (Heute spricht Prof Wertheimer in München zum Thema „Anatomie des Vertrauens – Ist Vertrauen ein gefährliches Gefühl?“ Nähere Angaben unter dem Artikel.)

Es ist keine ganz leichte Aufgabe am Ende eines Kongresses, auf dem vermutlich über alles, was mit der menschlichen Psyche en gros und en detail verhandelt wurde, über so etwas Basales wie das Vertrauen zu sprechen. Vor ausgebufften Therapeuten, denen das alles eine große Selbstverständlichkeit ist. Und dann noch als Literaturwissenschaftler! Notorisch textlastig und abstrakt wie man weiß …

Keine gute Ausgangsbasis – aber vielleicht gibt es doch ein paar Punkte, die Sie interessieren könnten. Seit zwei, drei Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema des Vertrauens und ich will Ihnen auch ganz offen sagen, warum: Mitleid, Hass, Liebe, Trauer, Lachen ging nicht – Vertrauen merkwürdigerweise auf Anhieb. Mit dem Thema des Vertrauens findet man sofort offene Ohren und geneigte Verleger. Also schrieb ich mit meinem Kollegen, dem Psychologen und Neurowissenschaftler Niels Birbaumer, das Buch mit dem etwas befremdenden Titel „Vertrauen – ein riskantes Gefühl“. Ein merkwürdiger Titel? Ja, zugegeben. Vertrauen: lernen, schenken, üben, aufbauen, erproben, stärken, leben. Vertrauen als Kitt, Leim … Das leuchtet ein. Aber „Risiko“? Das erregt leichte Unwilligkeit, denn Vertrauen scheint nach wie vor definitiv positiv besetzt zu sein. Wundersamer-, eigentümlicherweise.

Eigentümlicherweise, denn die Wirklichkeit sieht anders aus. Komplett anders. Mit Wirklichkeit meine ich die Wirklichkeit der Literatur. Gerade habe ich den Welt-Thriller-Bestseller der Saison vor mir, Hideo Yokoyamas „64“. Auf Seite 13 heißt es über die Polizei in Japan: „260 000 Freunde – die Polizei, eine große Familie. Es verleiht Rückhalt. Es stiftet Vertrauen.“ Es folgen 759 Seiten, die das absolute Gegenteil beweisen: „Ein schneller Blick zu seinem Kollegen zeigte ihm, dass der nicht wollte, dass er dächte, er könnte so denken wie er und in Ruhe gelassen werden wollte.“ Nur ein Puzzlestein von 500 000. Das Portrait der Gesellschaft ist auf misstrauische Genauigkeit, was die Wahrnehmung der anderen betrifft, konditioniert. Naives Vertrauen? Fehlanzeige.

Typisch Japan? Typisch Krimi? O nein! Ein Blick in die klassische Weltliteratur ist ein Blick in den Abgrund unserer Seele.

Shakespeares „Othello“: Eine Banalintrige (Taschentuch) genügt, um einen treu Liebenden in einen tief gekränkten Mörder zu verwandeln.

Schillers „Kabale und Liebe“: Der idealistische, weltumarmende Prinz vergiftet „seine“ Luise vorsätzlich auf offener Bühne und kommentiert ihren langsamen Tod fast genüsslich. Motiv: Vertrauensbruch.

Schillers „Don Karlos“: Der ganze Staat ein einziges Überwachungssystem, in dem jeder zum Verräter am anderen wird.

Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“: Shen Te, zum Vertrauen entschlossen, wird eines Schlechteren belehrt und muss sich in ihr Gegenteil verwandeln.

Ich will Sie weder langweilen noch erschrecken – die Liste ließe sich beliebig verlängern. Ist es der notorisch negative Blick der Autoren? Oder ist es ein Resultat von deren Unbestechlichkeit? Wenn wir ehrlich sind, müssen wir eingestehen, dass die Literatur durch ihre Überzeichnung nur kenntlichmacht, was unsere Erfahrung bestätigt. Tag für Tag.

Literarische Texte sind präzise Dokumentationen jener Verläufe, die unser Handeln bestimmen. Ein Blick in sie ersetzt manches Gehirn-Scanning – ist, wenn man so will, eine Art Gehirn-Scanning mittels Tinte und Papier.

Nur die Literatur verfügt über den Grad an Komplexität – man kann auch sagen, an Wahrheitsversessenheit –, um dem Thema des Vertrauens ungeschminkt näherzutreten. Historische Quellen, religiöse Schriften, politische Bekundungen, theologische Interpretation – sie alle verfolgen letztlich ideologische Ziele, innerhalb derer das Vertrauen eine ganz bestimmte, meist strategische Rolle spielt. Vertrauen beinhaltet jedoch einen hochkomplizierten, diffizilen Zwischenzustand, der auf vielen anderen Gefühlen aufbaut, wächst oder verdorrt. Und nur, wenn man bereit ist, das gesamte Gefüge unserer emotionalen Ausstattung zu erkunden, hat man eine Chance, die Gesetze dieser Macht zu verstehen. Über die dunkle, begriffsabgewandte Seite dieses Gefühls hinter den Gefühlen wissen wir dennoch zu wenig.

Bereits ein erster Blick zeigt also: Die Geschichte des Vertrauens ist ein Katastrophenszenarium: Missbrauch, Misstrauen und Zerstörung von Vertrauen prägen unser Handeln. Dennoch rangiert der Begriff des Vertrauens auf dem Bazar recycelbarer Werte nach wie vor an oberster Stelle: Kaum eine politische Rede, in der es nicht vehement gefordert oder vorausgesetzt würde. Was diese rhetorische Vertrauenssüchtigkeit so skurril erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass sie inmitten einer Welt stattfindet, der man jegliche Vertrauensseligkeit gründlich ausgetrieben hat: weltweite Bespitzelung, frei flottierender Datenhandel und die Kriminalisierung jener, die dagegen protestieren, sprechen eine deutliche Sprache. Doch die Gebetsmühle der Vertrauensbeschwörungen dreht sich unablässig weiter. Straff organisiertes „Controlling“ rund um die Uhr, aber keiner, der sich entsprechend der alten Apparatschik-Losung des „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ dazu bekennen würde. Im Gegenteil, ein ominöses „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“ scheint inzwischen die Losung des Tages zu sein, selbst die „Controller“ verlangen Vertrauen in die Art ihrer Vorgehensweise. Ob die Alltagsweisheit eines skeptischen „Trau, schau, wem?“ oder die patriotische Losung eines pathetischen „In God we trust“, ob Gottvertrauen, Urvertrauen, Vertrauensvorschuss – das diffuse, aber starke Gefühl des Vertrauens ist der Kitt, der die Welt im Innersten zusammenhält. Umgekehrt ist fehlendes Vertrauen oder glatter Vertrauensbruch wie ein Gift, das organische Zusammenhänge zersetzt und Bindungen auflöst. Liebe, Beruf, Politik, Religion – weltweit beruhen Ordnungen auf Vertrauen und vertrauensbildenden beziehungsweise Vertrauen suggerierenden Beschwörungsversuchen.

Wir sollten den Ursprüngen unserer nachweisbaren Vertrauenssüchtigkeit nachgehen, um etwas über uns selbst zu erfahren. Denn auch dies ist sicher: Kaum ein anderes Gefühl ist so trügerisch und undurchschaubar wie das des Vertrauens. Vertrauen, ein Gefühl, das aus Gefühlen besteht, kann extrem trügerisch sein. Blindes Vertrauen kann für den Vertrauenden der direkteste Weg in die Hölle sein. Es fällt doch auf: jeder will es.

Der Politiker (Wahltaktik), der Banker (Investment), die Kirche (Missbrauch). Wobei Vertrauensforderung Vertrauenswürdigkeit in keinerlei Relation zueinander stehen! Die Rhetorik der rückhaltlosen Vetrauensforderung kennt keine Scham. Warum auch? Wir spielen ja mit und tun so, „also ob“ … Warum tun wir das? Warum lachen wir den Akteuren nicht ins Gesicht? Aus Angst, aus dem Rahmen zu fallen? Überhaupt aus Angst, aufzufallen? Rauszufallen? Das wäre entsetzlich. So zu tun, als würde man vertrauen, nur aus einer gewissen Hilfslosigkeit heraus … Und aus Hilfslosigkeit in die Falle, die Vertrauensfalle zu gehen, die Betrüger aufgestellt haben.

Risikogefühl Vertrauen? Ich würde inzwischen weitergehen und behaupten, Vertrauen, sich das Vertrauen anderer zu erschleichen, ist der Königsweg des Betrugs. Das Schmiermittel. Jetzt haben wir außer den Kinderbüchern und der Trivialliteratur also doch noch eine Lagune des Vertrauens gefunden. Wenngleich an unerwarteter Stelle: dem Betrug., der Hochstapelei, der Überlistung. Und ja, wir sind erstaunlich leicht zu betrügen, besonders wenn wir schwächeln. Achtung! Jede Beratung sollte davon ausgehen und solche Menschen nicht forciert vertrauensmutig einstellen wollen.

Betrug, ein faszinierendes Paradigma sozialer Interaktion. Zugegeben, keine win-win-Situation. Muss ja auch nicht, sondern eine Kommunikationsform, die auf der Basis von win-lose beruht. Und die ohne das Medium des Vertrauens nicht funktionieren könnte. „Vertrauen ist eine wichtige Währung.“ (Börsenbarometer, 11.6.2018). Man scheint den Menschen endlich ernst zu nehmen, sich ganz auf ihn einzulassen, einzustellen. Thomas Manns Felix Krull reflektiert:

„… bietet eine solche Gläubigkeit und Weltfrömmigkeit doch auch große Vorteile. Denn wer die … Menschen für voll und wichtig nimmt, wird ihnen nicht nur dadurch schmeicheln, sondern er wird auch sein ganzes Denken und Gebaren mit einem Ernst … einer Verantwortlichkeit erfüllen, die ihn zugleich liebenswürdig (vertrauenswürdig) und bedeutend macht …“

Krull wird diesen Weg einschlagen. Eine Strategie der Einstellung der Optik auf die Welt mit dem Ziel größtmöglicher Effizient und Aufrichtigkeit. Gut, werden einige von Ihnen sagen, im allgemeinen Geschäftsverkehr mag das so sein. Aber im Privaten sollte man Vertrauenswürdigkeit erkennen und voraussetzen können. Ist das so? Ist das wirklich so? Ist nicht gerade die intime Kenntnis des anderen ein Grund mehr, Vertrauen nicht bedingungslos zu spenden? Liebe und Vertrauen – sind das nicht mehr oder weniger Synonyme? Am Nachbartisch ein Paar. Er: „Du vertraust mir nicht.“ Sie: „Ich liebe Dich … Vertraut hab ich Dir nie.“ Für mich war dieses erlauschte Gespräch eines reifen Paares eine Erhellung. Zumal danach ein gewisses harmonisches Einverständnis herrschte. Ich begriff: Liebe und Vertrauen sind zwei Welten. Und Liebe überspringt Vertrauen. Liebe ignoriert die Vertrauensfrage und kommt auch ganz gut ohne Vertrauen durch die Welt.

Wenn dies selbst auf dem elementaren Sektor Liebe funktioniert, fragt man sich: Wäre es möglich, dass wir mit dem ganzen „Prinzip Vertrauen“ zu fahrlässig umgehen und es inflationär einsetzen, wo es kaum nötig ist? Kann man einen Deal wirklich nur auf Vertrauensbasis machen? Kann man Politik wirklich auf Vertrauensbasis machen? Geht es in Wirklichkeit nicht auch ohne? Sollten wir ihn, den Begriff des Vertrauens, nicht entlasten? Genügt nicht „Zuverlässigkeit“? „Verlässlichkeit“? Falls nein: Warum genügt es nicht? Warum tun wir uns diese ständige mentale, emotionale und moralische Selbstüberforderung an? Warum katapultieren wir uns in riskante Situationen, werden fahrlässig oder größenwahnsinnig? Die Literatur weiß die Antwort: Weil es uns auf eine verdeckte Art nützt:

  1. a) es steigert unsere Lebensfähigkeit (Ich bin der Akteur)
  2. b) es deckt unsere Handlungen (Ich handle gut)
  3. c) es bindet uns zu einer Gruppe (wir vs. die anderen)

Zum Verzweifeln gut: Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“

Es ist zum Verzweifeln: kein guter oder gutmütiger Mensch weit und breit! Ausgerechnet eine Prostituierte bietet sich an, drei Fremden ohne viel nachzufragen zu helfen. „Ich bin zu allem bereit“, sagt sie und setzt fast unschuldig hinzu: „aber wer ist das nicht?“ Wer ist das nicht? Es fällt uns schwer, uns einen Menschen vorzustellen, der ohne große Worte zu gebrauchen, ohne die Vertrauensfrage zu stellen, einfach helfen will. Ohne zu fragen. Ohne Hintergedanken. Weil es uns schwerfällt, denkt sich Brecht eine Art Experimentalanordnung aus – was ist ein Drama anderes als eine Experimentalanordnung? –, um der Beantwortung der Frage näherzukommen, ob das geht, einfach so, ungeschützt, bedingungslos zutraulich, vertraulich auf die Welt zuzugehen. Oder ob es nicht viel zu riskant ist, so viel Vertrauen in die Welt und die Mitmenschen zu investieren. Kann es überhaupt funktionieren, sich ohne den „Schutz“ des Misstrauens auf die Realität einzulassen?

„Woher wissen Sie, daß er Sie nicht angelogen hat? fragt man die Heldin Shen Te. Ihre Antwort ist ebenso beeindruckend wie gefährdend: „Woher weiß ich, daß er mich angelogen hat!“ Die Folgen, die aus dieser Verhaltensmaxime erwachsen, sind nicht weniger grandios: der nahezu vollständige Bankrott. Der „Engel der Vorstädte“ mutiert – umgeben von einem Heer von Spekulanten und Schmarotzern – zum Pleitegeier. Vor die Alternative gestellt, unterzugehen oder einzuknicken und umzuschwenken, das heißt stets „auf der Hut“ vor den Absichten der anderen zu sein, entschließt sie sich zu dem radikalen Ausweg, einer Spaltung in zwei Personen: in Shen Te und ihr männliches Gegenstück Shui Ta. Das heißt sie spielt von nun an – perfekt verkleidet – sich selbst und ihr robustes, pragmatisches Alter Ego zugleich.

Hintergrund: Zu der masochistischen Wollust, für andere zu leiden, gesellt sich bei genauerem Hinsehen noch ein zweiter Faktor, der der Dominanz. So verrückt es sich anhört: Gerade missbrauchtes Vertrauen steigert das Selbstwertgefühl des Betrogenen. Denn der Verrat des anderen bestätigt die Höherwertigkeit der eigenen Existenz. Über die von A bis Z verkorkste Liebesbeziehung zu ihrem fragwürdigen, profitorientierten Freund resümiert Shen Te: „Sun hat wie ein kleiner Hurrikan in Richtung Peking meinen Laden einfach weggefegt und mit ihm all meine Freunde. Aber er ist nicht schlecht, und er liebt mich. Solang ich um ihn bin, wird er nichts Schlechtes tun.“

Dieses Bekenntnis zur Autosuggestionskraft, ja zum Suchtcharakter des Vertrauens, ist verräterisch. Der Vertrauende glaubt ganz offenbar, sein investiertes Gefühl sei eine Art Sicherheitsgarantie für den anderen. Im Altruismus steckt eine gewaltige Portion magischer Machtrausch. Das Objekt der Vertrauensspende wird sozusagen in eine Art Rettungsschirm gepackt und zum Geschöpf dessen, der sich ihm aller Enttäuschung zum Trotz zuwendet.

Eine gefährliche Selbststilisierung, bei der sich der Vertrauensspender in eine mehr und mehr exponierte Situation hineinkatapultiert. Denn während er oder sie die eigene Rolle zelebriert, spekuliert seine Umgebung auf die Zuverlässigkeit dieser Haltung und nutzt sie gnadenlos aus.

Zum Publikum gewandt, denkt Shen Te über sich, ihren lieblosen Geliebten und ihre Umwelt nach und entdeckt dabei sich selbst:

„Er ist schlecht und er will, daß auch ich schlecht sein soll. Hier bin ich, die ihn liebt, und er wartet auf den Vetter. Aber um mich sitzen die Verletzlichen, die Greisin mit dem kranken Mann, die Armen, die am Morgen vor der Tür auf Reis warten […] und sie alle beschützen mich, indem sie mir alle vertrauen.“

Hier wird ein verdecktes Motiv erkennbar, das oft übersehen wird, wenn von „Vertrauen“ die Rede ist: das der Erhöhung des sozialen Status oder des Status als soziales Wesen. Um es vorwegzunehmen: Im Verlauf von Brechts Stück wird es zu keiner im herkömmlichen Sinn befriedigenden Beantwortung der skizzierten Frage kommen. Im Gegenteil: Der berühmte Satz „Der Vorhang zu und alle Fragen offen“ fällt nicht zufällig im Epilog gerade dieses Stücks.

„Vertrauen ist die kleinste Art von Mut“? Unter diesem Motto lief das Versuchsarrangement der New Yorker / Berliner Künstlerin Adrian Piper. Vielleicht kann man so anfangen. Bis zu dem Moment, wo man sieht, erkennt: „Manchmal ist Vertrauen auch die größte Art von Mut.“ Oder die größte Art von Dummheit oder Eitelkeit. Jedenfalls ausgestattet mit einer Art parasakraler Bedeutungsgloriole. Woher die kommt? Wer auf der Wolke des Vertrauens schwimmt, ist in Gefahr, durch die Decke zu gehen. Übrigens seit biblischen Zeiten. Und seit je großdimensioniert. Sehr groß. Zum Beispiel Emuna, die alte Tora-Tugend, die bisweilen mit „Glauben“ übersetzt wird, allerdings handelt es sich dabei um etwas Besonderes, ein überrationales Vertrauen in den Glauben. Ein unhinterfragbarer Vertrauensüberschuss, über jeden Zweifel erhaben. Gar nicht weit von der amaana des Qu’ran entfernt. Und wenn man das griechische πίστις noch dazu nimmt, wird es nicht besser. Es beschreibt einen Menschen, in dem die unerschütterliche Treue zu Gott wohnt und der von dieser Treue getragen ist. Kurz: Da hat sich im Laufe der Jahrhunderte eine gewaltige Bedeutsamkeitsblase aufgebaut und immer, wenn wir den Begriff des Vertrauens verwenden, schwingt etwas davon mit. Mehr als bloße Zuverlässigkeit. Viel mehr ein säkulares Heilsversprechen. Ob man es wahrhaben möchte oder nicht: Vertrauensakten haftet etwas Parareligiöses an.

Noch einmal Schiller: Jahrzehntelang versuchte die Schule, sie uns einzutrichtern, nicht wenige mussten sie auswendig lernen: Schillers Ballade Die Bürgschaft, das große Freundschaftspoem. Es geht um Leben und Tod: Nach dem missglückten Anschlag auf einen Tyrannen wird das Todesurteil am Attentäter nicht sofort vollstreckt. Um diesem noch die Erledigung einer sehr wichtigen Familienangelegenheit zu ermöglichen, stellt sich sein Freund als Bürge. Kommt der Verurteilte nicht rechtzeitig zurück, wird er an dessen Stelle hingerichtet. Freundschaft und Vertrauen stehen auf dem Prüfstand der Moral. Und es kommt, wie es kommen muss, wenn man moralische Werte vorführen will: Der Delinquent überwindet alle Hindernisse, kämpft sich seinen Weg frei, um im letzten Moment die Kreuzigung des Freundes zu verhindern. Ernstzunehmende Warnungen, es sei zu spät, er könne den Freund nicht mehr retten, werden – gegen alle Wahrscheinlichkeit und Vernunft – souverän abgewiesen, denn wichtiger als das eigene Leben ist die Demonstration der höherwertigen Moral, denn:

 

„Des rühme der blutge Tyrann sich nicht,

Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,

Er schlachte der Opfer zweie

Und glaube an Liebe und Treue.“

 

Der öffentliche Vertrauensbeweis als oberste – tödliche – Handlungsmaxime? Abstrus, aber bewegend. Das „Volk umher“ ist sichtlich gerührt und selbst der Tyrann spürt ein „menschliches Rühren“, spult sein soziales Lernpensum ab und bittet nun seinerseits um die Aufnahme in die Gemeinschaft der einander Vertrauenden:

 

„Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn,

So nehmet auch mich zum Genossen an,

Ich sei, gewährt mir die Bitte,

In eurem Bunde der Dritte.“

 

Das große Ammenmärchen unserer Vertrauenssüchtigkeit. Vertrauen, so wird uns jedenfalls eindrucksvoll weisgemacht, bedarf keiner Begründung, entbehrt der Logik und verleiht Flügel. Dass man dabei abstürzen und sich das Genick brechen kann, spielt hier keine Rolle. Im Gegenteil: Selbst hartgesottene Despoten verwandeln sich unter dem Eindruck des Geschehens in rührselige, harmoniesüchtige Wesen. Das ist wohl der Wunschtraum, der hinter unserer Vertrauenssüchtigkeit steckt: Potenzieller Märtyrer und moralisches Idol zu werden. Vertrauen somit als eine Art mentales Aufputschmittel, ein Sinnstiftungs-Placebo, der die Schranken der Vernunft ebenso ignoriert wie die der Gefahr. In der todesverachtenden Erwartung, dass alles gut gehen kann. Gut werden wird. Man sollte nicht ignorieren, dass der Akt des Vertrauens eine beachtliche Portion Egomanie und Hochmut beinhaltet. Zu schwierig? Zu spät? Wenig wahrscheinlich? All das gibt es nicht! Vertrauen duldet keinen Widerspruch, keine Zweifel. Und erschafft als Nebeneffekt: eine neue Welt.

Der vertrauensfundamentalistische Hochmut von Vertrauens-Akteuren ist eine Sache gravierender Natur. Aber es kommt noch schlimmer. Jemanden dazu zu bringen, einem zu vertrauen, kommt einem Zähmungsakt gleich oder setzt Gezähmtheit voraus. Der kleine Prinz und der Fuchs führen es anrührend vor. Kate in „Der Widerspenstigen Zähmung“ weniger anrührend. Ganz kurz zum Taming: Ist es nicht erstaunlich, dass wir den Zustand des Gezähmt- und Bezähmtseins häufig mit dem des Vertrauens gleichsetzen? Nicht nur in „Der kleine Prinz“ wird das Vertrauen als Resultat der Zähmung hergestellt. Nicht anders bei der Zähmung der Widerspenstigen, nach vollzogener Gehirnwäsche durch den Geliebten. Ein weiterer Faktor, noch bedrohlicher, hängt mit Faktor des Tamings, des Dominierens zusammen und ist vielleicht noch gravierender: der des Rassismus.

Vertrauen ist ein Inklusionsreflex. Vertrauenswürdige werden inkludiert, Vertrauensunwürdige exkludiert. Die Inklusion der Ähnlichen beinhaltet die Exklusion der Unähnlichen. Literarische Texte erzählen, wie man Fremde macht und was man aus Fremden macht. Sie erzählen von der Vertreibung des Fremden, des Anderen, des „Außenseiters“: Und von der Verständigung über die Regularien der Innenseite. Ohne den Sündenbock keine Herde. Vertrauensgaben und -entzüge sind ein extrem effizientes Verfahren der Organisation von Macht. Nach innen gerichtet machen sie die Gruppe stark und wehren den Anderen, der wie ein Fremdkörper, wie ein Virus in ihr System eindringt, ab: Von daher ist allen verordneten Inklusionsdoktrinen, auch wenn sie noch so human daherkommen, mit Vorsicht zu begegnen.

Ob von Kleist oder ETA Hoffmann, Poe oder Hawthorne, Balzac oder Zola – das große Narrativ des 19. Jahrhunderts mündet in neun von zehn Fällen in der Eliminierung des Fremden in dem Moment, wenn er (zum Beispiel durch Heirat) droht, den inneren Kreis (durchaus genetisch zu verstehen) zu sprengen. Besonders bedroht: Grenzgänger wie assimilierte Juden, Quadroons, Mulatten, Hybriden. Kleists „Die Verlobung von St. Domingo“ bietet ein besonders aufschlussreiches Beispiel.

Du hättest mir nicht mißtrauen sollen. Kleists „Die Verlobung von St. Domingo“

„Du hättest mir nicht mißtrauen sollen!“ Die letzten Worte einer Sterbenden. Im Affekt von ihrem Liebhaber erschossen. Das triste Ende einer Verlobung, die unter außergewöhnlichen, dramatischen Umständen geschlossen wurde. Santo Domingo, 1803. Ein Teil der einheimischen Bevölkerung Haitis lehnt sich gegen die französischen, spanischen und englischen Kolonialherren auf. Es kommt zu heftigen Kämpfen – die Weißen versuchen panisch, das Land zu verlassen, und geraten in tödlichen Hinterhalt. Eine Gruppe von Schweizern versucht, den rettenden Hafen zu erreichen und entsendet einen jungen Mann, um zu sondieren, ob man einigen der Einheimischen noch vertrauen und vielleicht bei ihnen Schutz suchen kann. In dieser existenziellen Extremsituation geht er ein hohes Risiko ein, denn er muss sich nachts, umgeben von potenziellen Feinden, auf den Weg machen und auf gut Glück nach Helfern suchen. Alle seine Sinne sind angespannt, er muss förmlich ertasten, wittern, wo Feinde lauern, wo eventuell Freunde zu finden sind. Es kommt zu grotesken Szenen, denn offensichtlich ist das Bedürfnis, im Dunkeln, umgeben von Gefahren, irgendeine Art von Orientierung zu finden, immens.

Verstört klopft er an einer Hütte an und auf die Frage, wer er sei, kommt es zu einem ebenso verzweifelten wie absurden Wortwechsel: „Bei Maria und allen Heiligen“, sagte der Fremde leise, (…) „beantwortet mir, ehe ich euch dies entdecke, eine Frage!“ Und damit streckte er, durch die Dunkelheit der Nacht, seine Hand aus, um die Hand der Alten zu ergreifen, und fragte: seid ihr eine Negerin?“

Was für eine Frage. Eine dumme Frage? Vor allem aber eine Frage, die zeigt, wie abhängig wir von Koordinaten der Wahrnehmung und Orientierung sind. Und dass uns der Verzicht auf Koordinaten offenbar noch schwerer fällt als die Orientierung an völlig willkürlichen Halluziniertem. Wir wollen uns orientieren, auf Gedeih und Verderb. Und wenn die Wegweiser in die Hölle führen.

Die Antwort der angesprochenen Frau, einer Mulattin, zeigt die Blindheit, den Irrwitz dieses Orientierungsreflexes: „Ihr seid gewiß ein Weißer, daß Ihr dieser stockfinstern Nacht lieber ins Antlitz schaut, als einer Negerin.“

Neger, Weiße, Mulatten, Mestizen – Kleist geht das Projekt des Misstrauens und der Suche nach möglichen Vertrauenslinien frontal und provokativ an. Und auch hier zeigt sich der Zusammenhang zwischen Vertrauen und Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Vertrauen zwischen Schwarz und Weiß ist nahezu undenkbar. Durch Mischlinge wird dieses starre System aufgebrochen und massiv infrage beziehungsweise auf die Probe gestellt. Kleists Geschichte ist wie eine Experimentalanordnung, um die Chemie der Gefühle zu erproben. Ein Mix aus Argwohn, Angst, Sehnsucht, Unsicherheit und Begehren, aus dem sich urplötzlich ein Korridor des Verstehens und Vertrauens zu öffnen scheint, der sich jedoch wenig später als gefährlicher Irrweg erweisen wird. Noch ahnt der junge Mann nicht, dass er im Begriff ist, sich einer skrupellosen Verbrecherbande auszuliefern: „Euch“, versetzte der Fremde, nachdem er sich ein wenig besonnen hatte: „Euch kann ich mich anvertrauen; aus der Farbe eures Gesichts schimmert mir ein Strahl von der meinigen entgegen.“

Auch wenn es hier ein wenig plakativ erscheint: Verhalten wir uns nicht strukturell häufig sehr ähnlich, wenn wir nach Koordinaten der Orientierung suchen und die Antennen unseres Vertrauens genau dorthin ausrichten, wo wir die stärksten Rück-Impulse zu erhalten glauben? Und dabei mit traumwandlerischer Sicherheit immer wieder bei dem uns Ähnlichen, uns Vertrauten landen. Im Kabinett des „Menschenparks“ suchen wir unablässig nach Schatten einer imaginären Verwandtschaft und zögern dann nicht, fragwürdige Brücken der Verbundenheit zu konstruieren, selbst unter negativen Vorzeichen: „Wie? rief der Fremde. Ihr, die ihr nach eurer ganzen Gesichtsbildung eine Mulattin, und mithin afrikanischen Ursprungs seid, Ihr wäret (…) mit uns Europäern in einer Verdammnis?“

Mittels fragwürdiger Verwandtschaftsbande werden so rassistisch grundierte Vertrauenslinien gezogen und dort Brücken gebaut, wo sonst Abgründe lauern und Barrieren gesetzt werden. Es wäre lohnend, dieser eigentümlichen Geschichte um Vertrauen und Verrat, Abstoßung und Manipulation im Detail nachzugehen. Erst dann würde man die enorme Labilität, das ständige Oszillieren und Schwanken zwischen halbherzig in Szene gesetztem Vertrauen, im nächsten Augenblick aufflackerndem neuerlichen Argwohn und erneuter Annäherung erkennen. Auch dies ist ein Prozess, den wir an unzähligen Alltagssituationen festmachen können. Unser permanentes Schwanken zwischen Zuneigung, Abwehr, Misstrauensblitzen, Beschwichtigungslawinen, Verratsahnungen, Beruhigungsmanipulationen … die Amplituden dieser dissonanten Affektausschläge steigern sich immer dann in besonderem Maße, wenn Liebe und erotisches Begehren als Gleitfilm des Vertrauens ins Spiel kommen.

Auch Kleists Geschichte beginnt von diesem Augenblick an eine verhängnisvolle Wendung zu nehmen. Die fünfzehnjährige Toni – auch sie ein Mischling zwischen „Schwarz“ und „Weiß“ – und der junge Fremde verlieben sich ineinander und innerhalb kurzer Zeit verflüchtigen sich alle Verdachtsmomente. Es ist einer jener Augenblicke, in denen sich aufgrund rein ästhetischer oder sinnlicher Eindrücke alle anderen Faktoren in ein Nichts aufzulösen scheinen. Jedenfalls aus Sicht der Liebenden. De facto spitzt sich die Lage jedoch genau in dieser Phase dramatisch zu. Das Mädchen Toni wird durch ihre Liebe zur Grenzgängerin zwischen den Systemen und damit zur Gefahr – für sich, für den Fremden, für das gesamte soziale Umfeld.

Was geschieht in dieser Phase? Toni weiß es genau. Sie begreift, dass es kein Vertrauen mehr geben kann. „Kann man sich auf dich verlassen?“ Diese Frage steht – obwohl sie strikt darauf achtet, dass ihr Geheimnis nicht an die Öffentlichkeit tritt – immer im Raum. Begleitet vom Verdacht, ob man ihr nicht sogar misstrauen müsse. Während der ganzen Zeit bisher war das Oberhaupt der Familie der gefürchtete Banden- und Freischärler-Chef mit dem sprechenden Namen Congo Hoango nicht anwesend; jetzt, nach seiner Rückkehr, kommt es zum Desaster. Fände er Toni in einer Situation, die die bereits vorhandenen Verdachtsmomente gegen sie bestätigte, so käme es zu einem radikalen Vertrauensbruch und damit einer Katastrophe gleich. Sie müsste ihn oder den Clan verraten.

Ein verwegenes Täuschungsmanöver. Um die interne Vertrauensbasis zu stabilisieren, ist sie gezwungen, denjenigen zu opfern, dessen unbedingtes Vertrauen sie eben erst gewonnen hat. Konkret: Sie zerstört zum Schein das ohnmächtige „Privatvertrauen“, um der Macht des „Familienvertrauens“ für den Moment jedenfalls auszuweichen.

Zunächst glaubt der Leser bei Kleist noch an das Happy End einer Liebe zwischen zwei Personen, die keinerlei Rücksicht auf gesellschaftliche Ordnungen und Zwänge nehmen. Doch die anfängliche Romanze entpuppt sich als Wunschtraum. Schon von Beginn an hat Gustav es mit Schauspielerinnen zu tun. Babekan und Toni verwenden vertraute, europäische Zeichen, sodass sich der Fremde in Sicherheit wähnt. Das wacklige Vertrauenskonstrukt kommt jedoch rasch ins Wanken, als es darum geht, Gustav zu retten. Tonis Rettungsaktion findet statt, ohne dass sie ihren Geliebten einweiht. Ein paar Mal bietet sich ihr sogar die Möglichkeit, Gustav einzuweihen, doch sie versäumt es letzten Endes, ihm von ihrem Plan zu erzählen, weil sie ihn und sich nicht aus einem schönen Traum wecken will. Als sie es schließlich doch tun will, ist es bereits zu spät.

Es hilft nur eins: Reden, reden, reden. So lang es geht, so früh es geht, wann immer es geht.
Kleist selbst ist ein exzellentes Beispiel für die Doppelhelix des Vertrauens. Altruistisch und egomanisch zugleich. In einem Brief an seine Verlobte Wilhelmine Zenge schreibt er: „Mein Vertrauen zu dir soll nicht wanken. Jedem will ich Misstrauen verzeihen, nur dir nicht.“ In zwei Sätzen wird die Spannweite dieses Gefühlsszenariums umrissen. Der erste Satz beschwört die Stabilität des Gefühls, das dem „Du“ bedingungslos geschenkt wird. Bereits im zweiten Satz kippt das Kräfteverhältnis auf eine überraschende Art und Weise um – und aus dem absoluten Gefühl wird absoluter Anspruch, ein gnadenloser Anspruch. Musstrauen verboten, Zweifel unverzeihlich. Der Showdown unserer Geschichte zeigt, wie der Sprengsatz des Vertrauens explodiert. Tonis Freund glaubt, muss glauben, die Geliebte hätte ihn in eine Falle gelockt und gefesselt, um ihn auszuliefern. In einem unbeachteten Moment schießt er auf das Mädchen und trifft sie tödlich. Die Sterbende versucht mit letzter Kraft, das Geschehen in Worte zu fassen: „‚Ach!’, rief Toni, und streckte, mit einem unbeschreiblichen Blick, ihre Hand nach ihm aus: ‚dich, liebster Freund, band ich, weil weil – –!’ Aber sie konnte nicht reden und ihn auch mit der Hand nicht erreichen; […] ‚Ach!’ rief Toni, und dies waren ihre letzten Worte: ‚Du hättest mir nicht mißtrauen sollen!’“

Was sie nicht mehr sagen, nicht mehr fragen kann: Wie bestimmen sich die Grenzen des Miss- und Vertrauens? Welche Zeichen steuern unsere Fähigkeit, Misstrauen ein- oder abzuschalten?

Alles in allem also viele Gründe zugunsten einer umfassenden Aufklärung über das scheinbare Allerwelts-Phänomen des Vertrauens. Denn es ist eben kein einfaches Bauchgefühl, sondern ein rasanter, kribbeliger Mix aus Emotion, Reflexion, Ethos, Macht – und Ökonomie! Dieses Gesellschafts-Etwas, das uns zwischen Zutrauen und Argwohn, Hingabe und Distanz einpegelt. In jedem Moment. In jedem Moment neu. Wenn wir genau in uns hineinhören, ist da ein andauernder Wechsel der Einstellung. In Treue fest – auch so ein Wort. Wir sollten es uns abgewöhnen, jede Sturheit oder Torheit „Vertrauen“ zu nennen. Und jeden Deal, den wir eingehen, vertrauensgrundiert zu wollen. Der größte Feind des Vertrauens ist das automatisierte, institutionalisierte Routine-Vertrauen. Theodor W. Adorno hat einmal von „organisierter Form der Wärmeleitung“ gesprochen. Die Formulierung beschreibt recht genau das zur Automatik verkommene Vertrauen. Dennoch und trotz allem: Ich will einen Teil des Vertrauens-Projekts in uns retten. Das missbrauchte, zersetzte Vertrauen so gut es geht zu restituieren. Die positiven Seiten dieses großartigen Gefühls ab- und auszuschöpfen und zu ermutigen. Ein Vertrauen, das zugleich auf der Hut und dennoch risikobereit ist – aktives, aktiviertes Vertrauen, denn: ICH bestimme, wem ich Vertrauen schenke und wem nicht. Ich bin der aktive Teil.

Das hört sich kompliziert an und ist es auch. Der große Vertrauensrausch ist vorbei. Aber die Passion, das Bedürfnis nach etwas mehr als Faktengläubigkeit, Nützlichkeitsstreben und Funktionalität ist noch da. Wie nach einer schweren emotionalen Enttäuschung. Ein Zustand der Lähmung. Diesen Moment müssen wir nutzen. Dieses schmale Zeitfenster zwischen Vertrauensbruch-Erfahrung und Frustration, Zynismus oder einem schlichten „Weiter so“ ins nächste Unheil.

Was kann helfen? Was ist die Voraussetzung? Eine umfassende Neujustierung und Schulung unserer Wahrnehmungsfähigkeit. Der erste Schritt: Vertrauen begreifen, seine Ambiguität zu fassen. Vertrauen braucht Nüchternheit und Passion zugleich. Vertrauen ist per se Janus-gesichtig.

Alles, was wir tun, wird zusammengehalten durch das Bemühen, einen Weg aus dem Dickicht des allgemeinen Zynismus zu erkunden. Es muss einen dritten Weg geben zwischen pragmatischer, profitorientierter Vertrauensroutine und parareligiöser Vertrauensschwärmerei. Es muss eine Gesellschaft geben, in der der Mut zum Vertrauen belohnt und nicht benutzt oder sogar bestraft wird. Der Mut, auf den anderen zu wetten, zu setzen. Denn letztlich ist Vertrauen immer eine Wette auf die Stimmigkeit des Bildes, das wir uns vom anderen machen. Vielleicht muss man neue Wege gehen, um mit der knappen Ressource Vertrauen sparsam, achtsam, bewusst umzugehen. Nicht nach dem Gießkannenprinzip. Wir müssen eine Plantage für wieder aufkeimendes Vertrauen errichten. Eine Schutzzone für Kontrollgeschädigte, Misstrauischgewordene, Überwachungsgeprüfte, desillusionierte Ex-Vertrauens-Junkies. Aufkeimendes Vertrauen muss geschützt und kultiviert werden. Nie wieder blindes Vertrauen! Nie wieder massenhafte Vertrauensschübe und billige Vertrauensvorschüsse auf Befehl! Stattdessen zunächst ein dosiertes, reflektiertes, kontrolliertes, geschärftes Vertrauen.

Vielleicht wäre es sogar an der Zeit, auch die Geschichte der Vertrauensrituale neu zu schreiben und eine Art trockenen Vertrauensrealismus, einen großzügigen Pragmatismus der Belastbarkeit zu fordern: eine durchsäkularisierte Variante der zwischenmenschlichen Verbindungen – auch, gerade im nüchternen Simulationsraum der Literatur. Dort nämlich macht man sich und anderen nichts vor, sondern wagt es, auch der Sache des Vertrauens auf den Grund zu gehen. Selbst auf das Risiko der Desillusionierung hin. Vielleicht muss man das auch gar nicht mehr Vertrauen nennen, sondern Verlässlichkeit, Solidarität, Halt. Ich wünschte mir, ich könnte einen Satz sagen, in dem der Begriff des Vertrauen-Fassens wieder Sinn macht. Lassens Sie uns an einer Weltgesellschaft arbeiten, die den Vertrauenstest besteht!

 

Nähere Angaben zum Vortrag von Jürgen Wertheimer in München:

Wir freuen uns auf einen ganz besonderen Vortragsgast: Den bekannten Wissenschaftler und Schriftsteller
 
Prof. Dr. Jürgen Wertheimer
Deutsches Seminar
Philosophische Fakultät
Eberhard Karls Universität Tübingen.
 
Denn wir müssen dringend über „Vertrauen“ sprechen. In den Diskussionen bei unseren AKML-Veranstaltungen gelangen wir immer wieder an den einen Punkt: Viele Menschen vertrauen der Digitalisierung und Intelligenten Systemen nicht – obwohl diese unser Gesundheitssystem entscheiden verbessern könnten.
 
Wo liegt der Fehler? Schaffen Wissenschaftler, Medizin, Industrie und Politik zu wenig Vertrauen? Sind die Menschen zu misstrauisch? Oder sind diese Mechanismen nur allzu erwartbar? Ist Vertrauen gefährlich und Misstrauen gut? Was verstehen wir heute unter „Vertrauen“ – hat sich dieser Begriff gewandelt in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten?
 
Darum geht es im Vortrag von Prof. Wertheimer
 
„Anatomie des Vertrauens – Ist Vertrauen ein gefährliches Gefühl?“
 
am Montag, 12. November 2018, 18.15 Uhr
 
und in der anschließenden Diskussion.
 
Bereits ein erster Blick zeigt: Die Geschichte des Vertrauens ist ein Katastrophenszenarium – Missbrauch, Misstrauen und Zerstörung von Vertrauen prägen unser Handeln. Dennoch rangiert der Begriff des Vertrauens auf dem Bazar recycelbarer Werte nach wie vor an oberster Stelle, kaum eine politische Rede, in der es nicht vehement gefordert oder vorausgesetzt würde. Aber genau das Gegenteil ist an der Tagesordnung: weltweite Bespitzelung, frei flottierender Datenhandel und die Kriminalisierung jener, die dagegen protestieren. In meinem Vortrag wird es darum gehen, Vertrauenslegenden auf ihre Stimmigkeit zu überprüfen und nach Auswegen aus dem Dilemma der „Vertrauensinflation“ zu suchen. Die Literatur erweist sich dabei als wertvolles Instrument der Analyse.
 
Veranstaltungsort:
MDK Bayern, Haidenauplatz 1, 81667 München
Raum Nymphenburg, 6. OG
im Gebäude des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege
Anzeige von 2 kommentaren
  • Piranha
    Antworten
    Spontan fiel mir beim Lesen dieser herausragenden Rede ausgerechnet Müntefering ein, der einmal meinte:

    „Es ist unfair einen Politiker daran zu messen, was er im Wahlkampf gesagt hat“

     

     

  • eulenfeder
    Antworten
    Ja – das politische Werben um Vertrauen…

    und dann gehen sie erst wieder, wenn sie immensen Schaden angerichtet haben,

    auch an Leib und Seele der Bürger – wofür jeder Normalbürger in den Knast gehen müsste –

    anschliessend werden sie aufgestiegen: Bundespräsident, Aussenminister, Bundestagspräsident u.s.w

    Ein Belohnungssystem für kriminelle Energie.

     

     

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