Ja zum Leben sagen! ‒ Viktor E. Frankl

 In FEATURED, Gesundheit/Psyche, Philosophie, Politik

Viktor Frankl, Foto: Franz Vesely, Viktor-Frankl-Archiv unter Lizenz Creative Commons 

Wer das Konzentrationslager überlebt hat es auch ohne bleibenden Schaden an der eigenen seelischen Integrität überlebt hat ,  der darf schon ein Buch über Lebensphilosophie schreiben. Und dem sollte man auch zuhören. Viktor Frankl war Begründer der Logo-Therapie und Autor des Klassikers „Ja zum Leben sagen“. Bei ihm erhält auch Substanz und Glaubwürdigkeit, was in unzähligen populären Ratgeber-Büchern nur wie Blabla wirkt: Mit unserer Einstellung zu unseren Erfahrungen, können wir auch mit Leid umzugehen lernen. „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“ (Frankl)  Roland Ropers

In seinem Buch „Mystiker unserer Zeit im Porträt“ – erhältlich im Sturm-und-Klang-Shop – beschreibt Roland Ropers 75 spirituelle Persönlichkeiten. Er skizziert ihre Lebensläufe und zitiert zentrale Aussagen aus ihren Werken. Dabei überwindet der Autor nicht nur die Grenzen zwischen den Religionen, indem er z.B. Mystiker mit christlichem, buddhistischem und hinduistischem Hintergrund porträtiert – er beleuchtet auch u.a. den Weg eines Rainer Maria Rilke, Leonard Bernstein, Martin Luther King oder des Physikers Hans-Peter Dürr. Es entsteht der Eindruck, dass Gottberührung überall und auf sehr verschiedenen Wegen geschehen kann.

Viktor Emil Frankl, Neurologe und Psychiater, Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse,  wurde am 26. März 1905 in Wien geboren, wo er auch am 2. September 1997 starb. Er  entstammte einer jüdischen Beamtenfamilie. Er studierte Medizin, wobei sich Depressionen und Suizid zu seinen Schwerpunktthemen entwickelten. Seine Dissertation trug den Titel Der unbewusste Gott. Er hatte persönlich Kontakt zu Sigmund Freud und Alfred Adler, die Begründer der ersten und zweiten „Wiener Schule der Psychotherapie“. Im Gegensatz zu Adler stellte Frankl allerdings bald die Sinnfrage ins Zentrum seiner Arbeiten zur Suizidprävention. Von 1933 bis 1937 leitete er im psychiatrischen Krankenhaus in Wien den „Selbstmörderinnenpavillon“. Hier betreute er als Oberarzt jährlich bis zu dreitausend selbstmordgefährdete Frauen. 1938 wurde ihm aufgrund seiner jüdischen Herkunft untersagt, „arische“ Patienten zu behandeln, und er übernahm 1940 die Leitung der neurologischen Abteilung des Rothschild-Spitals, des einzigen Krankenhauses, in dem in Wien noch jüdische Patienten behandelt wurden. Einige seiner Gutachten aus dieser Zeit sollten Patienten davor bewahren, dem nationalsozialistischen Euthanasieprogramm zum Opfer zu fallen.

Im Dezember 1941 heiratet er Tilly Grosser. Als Juden wurden er, seine Frau und seine Eltern am 25. September 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Sein Vater starb dort 1943, seine Mutter wurde in der Gaskammer von Auschwitz ermordet, seine Frau starb im KZ Bergen-Belsen. Frankl wurde am 19. Oktober 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz gebracht und einige Tage später von dort in das KZ-Kommando Kaufering VI (Türkheim), ein Außenlager des KZ Dachau, transportiert. Am 27. April 1945 wurde er in Türkheim von der US-Armee befreit. Seine Eindrücke und Erfahrungen in den Konzentrationslagern verarbeitete er in dem Buch  Trotzdem Ja zum Leben sagen  Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Schon kurz nach Ende des Krieges vertrat er die Ansicht, dass vor allem Versöhnung einen sinnvollen Ausweg aus den Katastrophen des Weltkrieges und des Holocaust weisen könne. 1946 wurde er zum Vorstand der Wiener Neurologischen Poliklinik berufen und war dies bis 1971. Er begründete die österreichische Ärztegesellschaft für Psychotherapie und wurde deren erster und einziger Präsident. 1947 heiratet Viktor Frankl in zweiter Ehe Eleonore Katharina Schwindt, die über fünfzig Jahre nicht nur seine Lebensgefährtin war, sondern ihn auch wissenschaftlich unterstützte. Zusammen hatten sie eine Tochter, Gabriele.

1955 erhielt Viktor Frankl den Professorentitel für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien, Gastprofessuren führten ihn aber auch in die USA (Harvard University, Dallas und Pittsburgh). Er gilt als einer der größten Fachleute auf seinem Gebiet. Frankl verfasste 32 Bücher (viele in über dreißig Sprachen übersetzt) und erhielt weltweit 29 Ehrendoktorate.

Viktor Frankl war begeisterter Bergsteiger und Alpinist. Die Rax war sein Lieblingsrevier.

„Erst unter den Hammerschlägen des Schicksals, in der Weißglut des Leidens an ihm, gewinnt das Leben Form und Gestalt.“ So lautet eine seiner Grundüberzeugungen. Einen Patienten, der über den Verlust seiner Frau nicht hinwegkam, machte Frankl einmal darauf aufmerksam, dass im umgekehrten Fall seine Frau ebenfalls gelitten hätte. Dadurch, dass sie vor ihm starb, blieb ihr das Trauern erspart. So bekam der Schmerz des Mannes einen Sinn. Seine Einstellung zum Tod seiner Frau wandelte sich. Das ist der Kern von Logotherapie, der sogenannten „Dritten Wiener Richtung der Psychotherapie“.

1995 wurde er Ehrenbürger seiner Heimatstadt Wien. 1970 wurde an der U.S. International University in San Diego Kalifornien extra für ihn eine Internationale Professur für Logotherapie eingerichtet. Frankls bekanntestes Buch ist Mans Search for Meaning, die amerikanische Ausgabe seines Buches Trotzdem Ja zum Leben sagen. Es wurde 9 Millionen mal verkauft ‒ die Library of Congress nennt es „one of the ten most influential books in America“. In vielen dieser Bücher klingt der Sinn des Lebens an. „Sinn muss gefunden werden, kann nicht erzeugt werden.“

Roland R. Ropers:

Mystiker und Weise unserer Zeit

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304 Seiten, € 20

Anzeige von 4 kommentaren
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    Volker
    Antworten

    „Erst unter den Hammerschlägen des Schicksals, in der Weißglut des Leidens an ihm, gewinnt das Leben Form und Gestalt.“ So lautet eine seiner Grundüberzeugungen. Einen Patienten, der über den Verlust seiner Frau nicht hinwegkam, machte Frankl einmal darauf aufmerksam, dass im umgekehrten Fall seine Frau ebenfalls gelitten hätte. Dadurch, dass sie vor ihm starb, blieb ihr das Trauern erspart. So bekam der Schmerz des Mannes einen Sinn

    Ohne weiteren Kommentar angebrachter Fassungslosigkeit.

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    heike
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    Je mehr man einen Menschen liebt, desto mehr leidet man bei dessen Verlust. Das lässt sich mit nichts verhindern.

    Und Volker – diese aufgesetzte Fassungslosigkeit ist doch auch nur eine Attitüde … Victor Frankls Erklärung war ein Versuch zu trösten, und das ist immer noch löblicher als Desinteresse.

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    Bettina
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    Es kommt durchaus vor, dass durch eigenes Leiden, wenn es denn gut überstanden, das Leben an Form und Gestalt erst gewinnt. Es gibt keine Garantie darauf, auch wäre der Rückschluss verkehrt, sich nun eine Leidensprüfung zu wünschen. Doch tatsächlich kann das Entrinnen aus der Tiefe eines dunklen Brunnen Lochs die Facetten eines Licht durchflutenden Lebens eröffnen.
    Wo das Ende nicht mehr weit ist, ist der Anfang schon gemacht.
    .
    Die Möwe Jonathan (Jonathan Livingston Seagull)
    Dear Father- Neil Diamond

    .
    https://youtu.be/qDbToBxhZUo

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    Bettina
    Antworten
    Unbeabsichtigter Weise hat sich ein Satz von Konstantin Wecker in meinen Kommentar geschlichen. „Wo das Ende nicht mehr weit ist, ist der Anfang schon gemacht.“ Das war keine Absicht, sondern ist mir beim Schreiben aus der Feder gerutscht.

    .

    „Wenn mein Ende nicht mehr weit ist,
    ist der Anfang schon gemacht.“
    (Konstantin Wecker- aus dem Lied
    „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“)

    .

    Erst soeben wurde mir bewusst, dass dieser Satz nicht aus meinem Hirn stammt, wie dumm aber auch. 🙂
    So ist und bleibt diese unverwechselbare Aussage Konstantins Satz, den ich nun, nachdem ich ihn endlich verstanden habe  1:1 unterstreichen kann.

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