Knapp daneben ist schlecht gezielt

 in Buchtipp, Philosophie

LosurdoHegelViele haben schon versucht, das Phänomen Nationalsozialismus auch ideengeschichtlich herzuleiten. Nun gibt es keinen Zweifel daran, daß der junge Adolf Hitler in Wien, prägend für seine weitere politisch-ideologische Entwicklung, auf diverse antisemitische und esoterische Trivialliteratur flog (Brigitte Hamanns Buch „Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators“ handelt vor allem diese Thematik ab), aber über Aufstieg und Sieg der NSDAP sagen solche Nachweise nur wenig aus. Um es in den Worten unseres Autors Martin Block zu sagen: die Nazis waren im wesentlichen „hanebüchene, durchaus anti-bildungsbürgerliche Nicht-Denker“, und dasselbe dürfte ganz überwiegend auch für die WählerInnen der NS-Partei typisch gewesen sein. Interessant sind solche Analysen gleichwohl, und der Göttinger Rezensent, von Hause aus Theologe und vor allem in der Erwachsenenbildung tätig, zeigt am Beispiel des Buches von Domenico Losurdo auf. (Martin Block, Vorspann: Holdger Platta).

Domenico Losurdo, Philosophieprofessor an der Universität Urbino, hat ein Buch mit dem provokanten Titel „Von Hegel zu Hitler?“ vorgelegt. Doch was können der Philosoph des Idealismus und der Vertreter eines eliminatorischen Antisemitismus gemein haben? Losurdo stellt zunächst fest, daß eine solche Verbindung, ein inneres Band, in der Rezeptionsgeschichte gar nicht so selten angenommen wurde. Bekanntester Vertreter eines solchen These ist der vielzitierte Wissenschaftstheoretiker Karl Popper. Das ist das erste. Das zweite ist die präzise Untersuchung dieses inneren Bandes mit einer abschließenden argumentativ nachvollziehbaren Urteilsfindung. Um es vorwegzunehmen: Losurdo hält – aus gutem Grund – die im Titel enthaltene Frage für völlig halt– und grundlos. Statt Ideologiekritik ist sie selber Ideologie, allerdings nicht immer leicht zu entschlüsseln. Das ist das eine Resultat dieses Buches – allerdings kein völlig neues. In weiten Teilen ideologiekritischer Forschung ist diese begründete Entgegnung der Popperschen These inzwischen Standard.

Das dritte in der Beurteilung des Buches ist die Qualität des Nachweises dieser fehlenden Verbindung zwischen Hegel und Hitler bzw. dem Faschismus. Diese Qualität soll im folgenden nachgezeichnet und selbst wiederum beurteilt werden. Losurdos Buch ist eingeteilt in eine Einleitung und vier Kapitel. Die Einleitung skizziert den revolutionär-reformistischen Gegensatz innerhalb der marxistischen Tradition und gibt Hinweise auf die marxistische Hegel-Interpretation. Die dann folgenden vier Kapitel zeichnen die vornehmlich bürgerliche Hegel-Rezeption im Deutschen Reich bzw. in Europa nach. Es geht um Kontinuitätslinien Hegels zu Bismarck, zum deutschen Bellizismus und Nationalismus vor und im I. Weltkrieg, des weiteren zum Nationalsozialismus – und schließlich um den Zusammenhang von Kontinuität und Diskontinuität im Hegelbild des gesamten untersuchten Zeitraums.

Losurdo hat dabei vor allem die deutsche Hegelrezeption im Blick. Heller, Meinecke und Rosenzweig sind einige der Namen, die sich kritisch zum großen Idealisten verhalten. Insgesamt werden Hegel Objektivismus mit Vernachlässigung des Individuellen, ein starker Etatismus – also „staatstragende Gesinnung“ – und die reflexionsgebundene Überwindung des menschlichen Naturzustandes attestiert bzw. vorgeworfen.

Insgesamt also philosophische und politische Überzeugungen, die nur schwer mit dem „Blut und Eisen“ Bismarcks, dem nationalistischen Konservativismus des I. Weltkrieges und noch weniger mit dem kleinbürgerlich-wahnhaften Rassismus und Antisemitismus der Nationalsozialisten in Einklang zu bringen sind. Treitschke, Scheler, aber auch der Rechtsphilosoph Stahl verurteilen Hegels Objektivismus als „ungermanisch“, witterten schnell – und völlig zu Recht – Hegels Sympathien für die französischen Freiheitsideen oder auch für das vor 1830 noch (links-)liberale Bürgertum im Deutschen Reich, das gegen Monarch und Monarchie rebellierte.

Und dennoch wird Hegel vereinnahmt. Und zwar vor allem in seiner Favorisierung Preußens und damit auch der damit verbundenen Militarisierung einer Gesellschaft. Losurdo stellt in immer wieder neuen Anläufen heraus, wie stark interessegeleitet die philosophische und politische Beurteilung Hegels durch seine Kritiker war. Aus dem Frankreichfreund wird ein preußischer Militarist, aus dem objektiven Idealisten ein gehorsamer Etatist, aus dem Marx-Lehrer ein Vorbereiter pangermanischen, ja nationalsozialistischen Denkens. Hegels Allgemeines (die Idee) wird zwanghaft auf etwas Einzelnes (Preußen, Faschismus) zurückgebogen. Hegels starke Sympathien für die Französische Revolution, später für Napoleon („Weltgeist zu Pferde“), seine eindeutige Ablehnung der Sklaverei der Schwarzen und des Antisemitismus wurden entweder willentlich überlesen oder umgedeutet. Das Hegelbild wird tendenziös, eklektizistisch (= also willkürlich zusammengepuzzelt) – unabhängig davon, ob dies um 1871, 1914 oder 1933 geschieht.

Das Habermassche Paradigma von „Erkenntnis und Interesse“ buchstabiert Losurdo recht eindeutig und nachvollziehbar durch – eine Blamage für die nationalistische Hegelrezeption in der Geschichte. Die Frage ist jedoch auch hier, ob dieses Ergebnis so völlig neu ist. Es ist stichhaltig und es überzeugt. Nur wäre es m.E. noch viel wünschenswerter, gerade bei der Beurteilung eines Denkers vom Format Hegels, die von Losurdo klar aufgezeigten Ideologiehaftigkeit der Hegelrezeption selber noch einmal auf „ihren Grund“ zurückzuführen. Was heißt das? Das bedeutet, daß das Ideologische der Hegelrezeption in Sachen „Militarismus“, „Pangermanismus“ oder eben „Totalitarismus“ nicht nur einfach falsches Bewußtsein ist, sondern gesellschaftlich notwendig falsches Bewußtsein. Dazu nur ein, aber dafür sehr entlarvendes Beispiel: Popper kritisiert den von ihm zu Recht konstatierten Totalitätsbegriff Hegels. Allerdings tut er dies auf einer eigenen, allerdings nicht reflektierten Totalitätsvorstellung, wie der Ökonom Franz Hinkelammert schon 1984 überzeugend dargelegt hat. Und zwar der Totalitätsvorstellung einer „offenen Gesellschaft“, die bei Popper eindeutig kapitalistisch, bewußt und unbewußt, ausgeformt ist. Man kritisiert also häufig genug das, was bei einem selbst noch gar nicht in klarer Gänze als vorgängige Voraussetzung vorliegt. Das wäre eine Schlußfolgerung gewesen, die dem ganzen Buch noch einen weiteren theoretisch-logischen Dreh gegeben hätte, der der gesamten Problematik und dem Denken Hegels wohl noch gerechter geworden wäre. So bleibt es – leider – bei einer recht willkürlichen Ansammlung von Geschichtsdaten und aufgezählten Hegelrezeptionen, deren Kritik zwar formuliert wird, nicht aber deren basale Grundlage, die Meta-Kritik. So bleibt dieses Buch Stückwerk. Schade!

Domenico Losurdo, Von Hegel zu Hitler? Geschichte und Kritik eines Zerrbildes, Köln 2015, 181 Seiten, 18 €

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