Kultur, Preise und Strategie

 in FEATURED, Kultur, Poesie

Autor Peter Fahr

Dichter leben nicht mehr im Elfenbeinturm, sie stürzen sich ins Getümmel der Gesellschaft. Sie gehören zum Literaturbetrieb. Dieser geht strategisch vor und fordert Anpassung an seine ungeschriebenen Gesetze. Was, wenn sich die Dichter dem korrupten Betrieb verweigern? Die Treue hat ihren Preis – es muss auch ohne Preise gehen. Peter Fahr

Die Debatte um den Schweizer Buchpreis, den der Autor Lukas Bärfuss kurzerhand abschaffen möchte, kratzt am Lack des Literaturbetriebs. Bärfuss, der den Preis selbst erhalten hat, wagt es, ihn in Frage zu stellen und eine Tendenz zu benennen, „hierzulande (…) das Niveau einer literarischen Veranstaltung auf Kanalisationsniveau zu senken“. Da eilen Leute wie der Germanist Thomas Strässle herbei – ein Vertreter des Literaturbetriebs, der von 2011 bis 2013 Juror bei besagtem Preis war – und sind maßlos entrüstet. Strässle verteidigt die Schweizer Literaturszene und ihren Betrieb und schmettert die Kritik des undankbaren Autors als „unsachlich und verantwortungslos“ ab.

Die Debatte um die neue Kulturstrategie des Kantons Bern, die der kantonale Erziehungsdirektor Bernhard Pulver öffentlich vertritt, wirft Fragen auf. Pulver fordert, staatliches Handeln müsse „nach bestimmten Kriterien und Zielen ausgerichtet sein“, und meint, der Staat gebe „Geld für die Kulturförderung aus, und so soll er auch helfen, dass breite Bevölkerungskreise den Zugang“ zum kulturellen Angebot fänden. Dabei klingt er ganz vernünftig, wenn er sagt: „Kunst muss für sich leben, aus sich heraus entstehen. Kreativität richtet sich nicht nach den Aufträgen, die in einem Gesetz stehen. Die Kulturförderung ihrerseits muss sich allerdings fragen, warum sie tut, was sie tut.“

Unterhaltung und Zerstreuung

Wie verhalten sich die Schweizer gegenüber Kulturschaffenden? Sehr verhalten. Als Charly Chaplin 1952 das Anwesen „Manoir de Ban“ in Corsier bei Vevey erwarb und mit seiner Familie einzog, nahmen ihn die Einheimischen wie einen gewöhnlichen Nachbarn auf. Das ärgerte Chaplin, der es gerne hatte, wenn man ihn erkannte und ein bisschen Zirkus um ihn machte. Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass seine Gegenwart keine Menschenmengen anlockte. „Was ist los mit diesen Leuten?“, soll er erstaunt gefragt haben. Chaplin emigrierte aus den Vereinigten Staaten in die Schweiz, er war Engländer und schon sehr erfolgreich. Einheimischen, weniger erfolgreichen Kulturschaffenden ergeht es wesentlich schlechter. Wenn Schweizer Schriftsteller ernsthaft und wahrhaftig arbeiten, landen sie entweder im Ausland oder in der Psychiatrie. Der mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Günter Grass meinte: „Die Missachtung der eigenen Autoren ist in der Schweiz noch grösser ausgeprägt als in Deutschland, und das ist eine Leistung.“

Kunst müsse unterhalten, fordert der Kulturbetrieb; Literatur müsse unterhalten, fordert der Literaturbetrieb. Man fordert Unterhaltung und meint Zerstreuung. Zerstreuung hat mit Zerstörung zu tun, Verdichtung hingegen mit Konzentration. Das Wesen der Kunst ist die Kunst des Wesentlichen. Das Wesentliche ist die Verdichtung, die Implosion von Wirklichem und Möglichem, das heißt das Notwendige. Kunst und Unterhaltung sind zwei völlig verschiedene Dinge, auch wenn Kunst unterhaltend und Unterhaltung kunstvoll sein kann. Wenn heute von Kunst die Rede ist, ist Unterhaltung gemeint: Künstler sollen Entertainer sein. Die wirkliche Kunst, für die der Künstler büßt, wenn sie wahrhaftig, groß und zeitlos ist, hat keinen Namen mehr. Uns fehlt das Vokabular für die wirklichen Künstler und ihre Werke.

War die Literatur einst modern, ist sie heute postmodern; war sie einst dadaistisch, surrealistisch, existentialistisch, ist sie heute innovativ, schräg, unterhaltsam; war sie einst engagiert, ist sie heute originell. Literarische Qualität wird am kommerziellen Erfolg gemessen, der Markt bestimmt über die Bedeutsamkeit eines Werkes. Die Kritik besingt, was der Markt billigt, und sie verreißt, was seinem kapitalistischen Gesetz von Angebot und Nachfrage nicht genügt. Nicht nur die preisgekrönten Autoren sind gewöhnlich Hofnarren oder Hampelmänner, nicht selten sogar beides. Schillers Diktum „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.“ müsste im Zeitalter der maßlosen Spasskultur umformuliert werden: Heiter ist das Leben, ernst ist die Kunst!

Medialisierung und Kommerzialisierung

Der Literaturbetrieb steckt in der Krise. Er ist vor allem eines – ein Betrieb. Die Literatur ist die Ressource, die der Betrieb verbraucht, um sich am Leben zu erhalten. Die Autoren sind Namen auf Buchdeckeln und Bestsellerlisten; fehlen sie da, existieren sie nicht. Im deutschsprachigen Buchhandel erscheinen jährlich rund 100 000 neue Bücher. Die Lebensdauer eines Buches im Handel beträgt laut Experten derzeit rund sechs Wochen. Mehr als die Hälfte des gesamten Buchumsatzes läuft über fünf bis sechs Buchhandlungen – über Handelsketten wie Thalia, Hugendubel oder Orell Füssli. Die meisten Kaufentscheidungen in den Buchläden werden erst vor den Verkaufstischen getroffen. Dort ist die Frontal-Präsentation verkaufsentscheidend; nur Bücher, die gestapelt ausliegen, finden die Aufmerksamkeit der Konsumenten. Den Werbetexten auf den Umschlägen bleiben gerade mal 120 Sekunden, um potentielle Buchkäufer zu überzeugen.

Die Buchbranche hat die Ziele des entfesselten Kapitalismus – Nivellierung der Werte und Profitmaximierung – verinnerlicht und erstickt fast sämtliche Impulse geistiger Erneuerung im Keim. Die meisten Autoren, Lektoren, Verleger, Vertreter, Buchhändler, Juroren und Rezensenten sind – aus freiem Willen oder zwangsweise – gleichgeschaltet. Sie schreiben, veröffentlichen, vermarkten und besprechen mit der Schere im Kopf. Sie sind das kulturfeindliche System, das sich als Literaturbetrieb inszeniert. Der Schriftsteller, der die Gegenwart selbstbestimmt mitbestimmen will, wird von diesem System und seinen Lakaien schikaniert oder unterdrückt. Oft nur indem der Schriftsteller seine Bücher unlektoriert und unzensiert selbst herausgibt, befreit er sich vom Joch der menschlichen, literarischen und politischen Konformität. Er bewahrt sich seine subversive Eigenart. Er ist mit sich identisch. Er wagt eine neue „Pubertät“, von der Goethe als Bedingung des Genius sprach: Die Jugendkraft, sich neu zu erfinden.

Die Medialisierung der Literatur und ihrer Kritik dient seit dem Erfolg der Gruppe 47 der Vermarktung literarischer Werke und ist aus Printmedien, Fernsehen und Internet nicht mehr wegzudenken. Die verschiedenen Buchmessen, die Krimitage Burgdorf, der Literaturclub im Fernsehen, der Schweizer Buchpreis, der Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt … warum auch nicht? Störend ist nicht die Medialisierung, sondern die damit einhergehende Kommerzialisierung der Literatur. Störend und fragwürdig ist die Institutionalisierung der Literatur.

Im Jahr 2006 wurde das Schweizerische Literaturinstitut in Biel als Fachbereich der Hochschule der Künste Bern gegründet und bietet den Bachelor in Literarischem Schreiben an. Die angehenden Autoren werden medien- und markttauglich geformt und geschliffen, von gestandenen Schriftstellern betreut, mit Vertretern der Buchbranche bekannt gemacht und knüpfen ein feinmaschiges Netz im Literaturbetrieb, das ihre Karriere fördert. Eine Schule, an der begabte junge Menschen zu Eidg. dipl. Dichtern und Schriftstellern ausgebildet werden, ist problematisch. Jede Schule ist der Feind des Genuinen und Genialen, das ist bei einem Literaturinstitut nicht anders. Als ob Kreativität, Poesie und Dissidenz lehrbar wären! So wenig Kunst gelernt werden kann, so wenig kann sie gelehrt werden. In der Zwischenzeit behandeln Verlage, Agenten und Medien die ausgebildeten Autoren mit besonderem Interesse. Womöglich werden künftig nur noch Absolventen des Schweizerischen Literaturinstituts an den Solothurner Literaturtagen auftreten.

Literaturförderung und Vetternwirtschaft

Im strategischen Literaturbetrieb arbeiten Kulturbehörden, Institute, Agenturen, Verlage, Vertriebe, Buchhandlungen, Bibliotheken, Literaturpreis-Jurys und Medien nach bestimmten Regeln. Einerseits wird geklüngelt und getrickst, lobbyiert und bevorteilt, gekränkt und gemobbt, erpresst und betrogen. Konkurrenten wird in den Rücken gefallen, Verbündete werden mit Preisen bedacht. Alles nach dem Motto: Jeder ist sich selbst der Nächste. Anderseits schirmt man sich gegen jene ab, die das System in Frage stellen, und ignoriert, unterdrückt oder vereitelt ihre Projekte. Gibt es Verschwörungen? Wohl kaum, aber Seilschaften und Fronten, die sich wie von selbst aufbauen. Diesmal nach dem Motto: Einigkeit macht stark.

Die Kommissionen und Jurys, die Literaturpreise vergeben, begründen ihre Entscheide gewöhnlich aufgrund von Qualitätskriterien, das heißt von objektiven Standards öffentlicher Begutachtung und Bewertung. Doch solche Standards existieren nicht, haben nie existiert. Die Literaturwissenschaftlerin Yeboaa Ofosu, eine langjährige Präsidentin der stadtbernischen Literaturkommission, schrieb 2008 nach ihrem Ausscheiden aus dem Gremium: „Es gibt aber keine Kriterienobjektivität. Nur Geschmacksurteile von Experten, und die haben damit umzugehen, dass ihr Gegenstand nicht aufhört, sich zu verändern. (…) Und schade, dass niemand sagt: Wir sieben Ichs, die Kommission, hoch belesene und erfahrene Personen, ausgebildet, aber eben Ichs. Sieben andere hätten möglicherweise anders entschieden.“

Welche Qualitäten muss ein Buch aufweisen, um viele Preise einzuheimsen? Populäre Aufbereitung eines Themas und leichte Lesbarkeit, formale Gefälligkeit ohne großen stilistischen Anspruch, inhaltliche Einprägsamkeit, Unterhaltsamkeit und hohe Verkäuflichkeit. „Preisgekrönt wird, wer preisgekrönt ist“, hat der Kritiker Marcel Reich-Ranicki gesagt. Ein Bonmot aus berufenem Munde. Die hintergründigen Geschichten im literarischen Klüngel, die zur Vergabe von Preisen an diese oder jene Autoren führen, sind kleine Provinzpossen. Es gibt Schriftsteller, die als Lehrbeauftragte am Literaturinstitut angestellt sind und als Juror in mehreren Literaturkommissionen sitzen – teils gleichzeitig, teils gestaffelt – und von diesen Kommissionen, also von ihren Kollegen, nachdem ihre Amtszeit beendet ist, mit Preisen ausgezeichnet werden.

Literaturpreise sind keine Glückssache. Eine Hand wäscht die andere, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Heute sind wir so weit, dass neben Dichtern und Schriftstellern vermehrt auch Herausgeber, Germanisten und Rezensenten mit Literaturpreisen bedacht werden. 2008 erhielt der Publizist und Herausgeber Charles Linsmayer den Oertli-Preis, der Schweizer Buchpreis 2012 ging an den emeritierten Germanisten Peter von Matt und 2012 wurde Reich-Ranicki, „Kritikerpapst“ von eigenen Gnaden, mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt geehrt. Pikantes Detail: Als 24-jähriger Jungautor schrieb Johann Wolfgang die berühmt gewordenen Verszeilen: „Der Tausendsackerment! / Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.“

Missstand und Debatte

Gehört zum engagierten Schreiben, dass der Autor – wie kürzlich Lukas Bärfuss – mitunter die Hand beißt, die ihn füttert? Zweifellos. Wissen bedingt Gewissen. Im Zeitalter der Gigatechnik, der digital gesteuerten Maschinen und verstummenden Menschen bewirkt ein literarisches Flüstern kaum etwas. Neben der poetischen existiert auch eine aufklärerische, ethisch-moralische Dimension der Literatur, die Menschen ergreifen und gesellschaftliche Prozesse in Gang setzen kann. Doch das zeit- und menschenkritische Schreiben hat Konsequenzen: Wer den Regen verwünscht, wird den Durst beklagen. Wer das kollektive schlechte Gewissen weckt, muss mit finanziellen Einbußen und Sanktionen rechnen. Die Treue zu sich selbst hat ihren Preis – es muss auch ohne Preise gehen.

Bernhard Pulver, Erziehungsdirektor des Kantons Bern, verkündete in einem Interview: „Eigentlich steckt in der Kulturstrategie eine Liebeserklärung an die Kultur. Gleichzeitig kann man sie als Dank an die Kulturschaffenden verstehen: Sie verbinden Generationen, fördern unsere Kreativität, stellen uns in Frage, leisten Wunderbares für die Gesellschaft.“ – Wunderbar gesagt, doch die strategische Wirklichkeit des Literaturbetriebs und seiner Förderung sieht radikal anders aus. Wie können die offensichtlichen Missstände im Schweizer Literaturbetrieb behoben werden? Können sie überhaupt behoben werden? Was wir jedenfalls dringend brauchen, ist eine offene Diskussion über die unhaltbaren Zustände. Nur eine in die Tiefe zielende, öffentliche Debatte kann Lösungsansätze oder gar Lösungen zu Tage fördern. Das wäre dann eine wirkliche und nachhaltige Literaturförderung.

 

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    Bernhard Schlegel
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    Der Preis wird vergessen, die Qualität bleibt.

    Aus Frankreich

     

    Möge es Ihnen und Ihren Büchern so ergehen, lieber Herr Fahr. Mögen Ihre wundervollen Werke bleiben und weiter werden im Herz des Denkens künftiger Generationen. Was uns heute in den Buchläden geboten wird, ist oft nur noch ein Abglanz von Literatur, von Dichtung. Es ödet gleichsam an.

    Ganz anders Ihr neues Buch: Die Schatten tanzen. Das Genie, wach seine Träume zu erfassen als würden sie gerade geträumt hat die Welt so noch nie gesehen. Mich zog das Buch nach anfänglicher grosser Irritation plötzlich so in seinen Bann, dass ich es in einem Zug durchlas. Alles darin war so persönlich, dass es mir ganz vertraut wurde. Ich lebte in den Träumen eines anderen. Und dann ging ich schlafen und träumte selbst so intensiv wie schon lange nicht mehr. Und erinnerte mich an meine Träume. Die Schatten tanzen ist ein Meisterwerk. Um keinen Preis würde ich es hergeben. Aber einer Freundin schon. Bald darauf, ich glaube, sie las nur den Titel, gab es da diesen wundervollen Kurzfilm, in dem Schatten reihum tanzten. Als ob der Film gerade erst sich selbst erfunden hätte. Die Inspiration echter und wahrhafter Autoren kann man gar nicht überschätzen. Wahre Worte pflanzen sich in der Kunst weiter und lassen sie entfalten. Der ganze gewürdigte Mist hingegen taugt oft nicht mal zum Dünger. Da ist ein Jerry Cotton – Heftli nicht selten dienlicher.

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    Bernhard Schlegel
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    Ich schreibe hier an einem toten Ort. Ich werde nie gelesen. Nur vom Geist.

    Der Preis überhöht. Nie wollte ich jemanden kleiner sehen. Das geht vielen so. Aber im Preis preisen sie sich dennoch. Es ist die Allgemeinheit! ruft es in der Seele. Ich habe es geschafft! Es wird verstanden!

    Tote Orte. Hüben wie drüben. Das Jubilieren wirft keine Sterne ab. Der schwarze Stern verkümmert indessen.

    Das Vermögen des Lesens sollte Vernunft sein. Liebe und Hingabe an das Lesen. Preisen sollte man nicht die Literatur, sondern das Leben, das sie ermöglicht.

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