Luftanbieter wollen schärfer gegen Schwarzatmer vorgehen

 in Kurzgeschichte/Satire, Roland Rottenfußer

Leberblümchenfarbe»Luftpiraterie ist kein Kavaliersdelikt!« »Schwarzatmer treiben die Preise für saubere Luft in die Höhe. Lassen Sie sich das nicht gefallen!« Mit harten Bandagen will das Management des Atemluft-Konzerns BlueAir künftig gegen Luftverbraucher vorgehen, die sich der seit drei Jahren geltenden Gebührenpflicht für den Gebrauch von Atemluft zu entziehen versuchen. Bis zu 1.500 Euro Strafe, im Wiederholungsfall sogar Gefängnisstrafe bis zu zwei Jahren drohen Gebührendrückebergern nun. Eine aggressive Werbekampagne soll überdies das offenbar in weiten Teilen der Bevölkerung noch immer fehlende Unrechtsbewusstsein bei Schwarzatmen stimulieren. (Roland Rottenfußer)

»Es herrscht noch immer ein erschreckendes Anspruchsdenken, das sich aus den Erinnerungen an die goldenen Zeiten des gebührenfreien Atmens speist«, klagt Bodo Shark vom BlueAir-PR-Büro. »Schwarzatmer halten sich für Guerillas des freien Atmens. In Wahrheit sind es Schmarotzer, die mit ihrer Verweigerungshaltung an der Kostenspirale im Luftbusiness drehen. Die Kosten dieser schlechten Zahlungsmoral tragen die ehrlichen Luftkunden, also Sie und ich! Eine stärkere gesellschaftliche Ächtung des Schwarzatmens gehört deshalb zu den vordringlichsten Zielen unserer PR-Kampagne« Shark hält es auch aus grundsätzlichen Erwägungen für notwendig, Härte zu zeigen: »Wenn sich Bürger ohne nennenswerte Sanktionen der Gebührenpflicht für Luft entziehen können, verlangen sie demnächst womöglich, mietfrei wohnen zu können, ihre Autos ohne Parkgebühr abzustellen oder in Großstädten umsonst zu pinkeln.«

Die Gebührenpflicht für den Gebrauch von Atemluft war angesichts flauer Staatskassen und der immer knapper werden Ressourcen an schadstoffarmer Luft notwendig geworden. Jeder Bundesbürger musste seither – basierend auf seinem Atemvolumen – eine Gebühr von 13 Cent pro Kubikmeterstunde an die AGEZ (Atemgebühren-Einzugs-Zentrale) abführen. Wer sich der gesetzlich vorgeschriebenen Atemvolumen-Untersuchung (AVU) entzog, musste damit rechnen, dass sein Volumen von der Zentrale geschätzt (und im Regelfall drastisch nach oben abgerundet) wurde. Der gesellschaftliche Protest gegen die Gebühreneinführung fiel – wie bei allen schmerzhaften Reformen der letzten Jahre in Deutschland – nur milde aus, so dass die Luftreform zügig umgesetzt werden konnte.
Seit das Monopol der AGEZ auf Luftdienstleistungen gefallen ist, teilen sich Marktführer BlueAir und sein schärfster Konkurrent BreathBiz ca. 91% der Marktanteile. Durch verstärkte Schwarzatmer-Aktivitäten waren allein BlueAir in den letzten 12 Monaten Einnahmen in Milliardenhöhe verloren gegangen.

»Schlupflöcher für Luftpiraten schließen« heißt jetzt die Parole. »In zwei Jahren soll in Deutschland kein Atemzug mehr getan werden, der nicht bei BlueAir oder einem anderen seriösen Luftanbieter ordnungsgemäß bezahlt ist«, erklärt Shark. Aber wie soll man das anstellen? Wie Schwarzatmer erfassen, die weder bei der Steuer, noch beim Einwohnermeldeamt bekannt sind und auch den scharfen Polizeirazzien der letzten Jahre immer wieder durch die Maschen schlüpfen? Bisher erfolgte die Kontrolle nur in Form eines im Personalausweis eingetragenen Stempels, der im Jahresrhythmus kostenpflichtig erneuert werden musste. Bei Ausweiskontrollen konnten Nichtzahler anhand des abgelaufenen Datums auf dem Stempel von der Polizei rasch ermittelt und strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden.

Dieses Verfahren ist aber für eine wirklich flächendeckende Kontrolle nach Ansicht Sharks nicht ausreichend. BlueAir hat deshalb den Vorschlag eingebracht, jedem Luftkunden eine erneuerbare Tätowierung auf die Stirn zu gravieren, die dann an öffentlichen Plätzen, in U-Bahnschächten und an Werkstoren von Tattoo-Scannern elektronisch abgetastet werden könnte. Säumige Zahler könnte man dann anhand eines persönlichen Strichcodes, der im Zentralcomputer gespeichert ist, identifizieren und entsprechend abmahnen.

Vom Tisch ist vorerst der Vorschlag, ganz Deutschland mit stinkenden Abgasen zu überfluten und an allen Zugängen zu Frischluft-Arealen Kontrollstellen einzurichten, die nur von Luftnutzern mit gültigem Zahlungsnachweis betreten werden könnten. Dieses Modell scheiterte bislang an den Protesten europäischer Nachbarn, die bezüglich der Kommerzialisierung der Atemluft noch nicht deutsche Standards erreicht haben und die Verseuchung ihres Territoriums fürchten. Shark meint aber, der Vorschlag sei »nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Was wir brauchen, ist eine europäische Lösung.«

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