Muße, Freiheit und bitcoins

 in FEATURED, Monika Herz, Philosophie, Spiritualität, Wirtschaft

Wir sollen Schätze sammeln im Himmel, nicht auf Erden. Heißt es. Ob sich die Kirchen, die das predigen, selbst daran gehalten haben, ist eine andere Frage. Aber falsch ist es nicht. Es gibt andere, nicht-materielle Formen des Reichtums: geistigen und seelischen Reichtum, Reichtum an Freude und Gemeinschaft… Dennoch gilt die Aussage mit den Schätzen im Himmel nur teilweise. So viel Geld brauchen wir schon, dass wir uns nicht dauernd um Geld sorgen machen müssen, dass wir nicht von einer Behörde gedemütigt und von unseren lieben Mitmenschen missachtet werden. So viel, dass die Mühe des Gelderwerbs nicht unser ganzes Leben auffrisst und wir Zeit haben zum Durchatmen. Für spirituelle und geistige Bedürfnisse. Um auch mal was Schönes zu lesen – diesen Artikel zum Beispiel. Warum nur kriegt die Menschheit das seit Jahrtausenden nicht hin – jedem zu geben, was er braucht und niemandem mehr als er überhaupt jemals verzehren oder wertschätzen könnte. Die Autorin berichtet, wie sie einmal fast reich wurde und einmal – leider nicht nur fast – arm. Und wie es ihr zum Glück jetzt auf akzeptablen Niveau materiell wie ideel gut geht. Was sie auch allen anderen Menschen wünscht. Monika Herz

 

Gerade erinnere ich mich daran, wie ich die größte Chance meines Lebens verpasst habe, so richtig reich zu werden. Das war – ich weiß nicht mehr genau, wann – vielleicht um 2011 herum. Da hat der bitcoin zuerst die Dollarmarke geknackt und kurz danach die Euro-Marke. Ich hockte damals viel mit Mitgliedern der Piratenpartei beim „mumbeln“ herum. Wir wollten das Geldsystem besser verstehen und anschließend verbessern. Einer der Piraten meinte, der bitcoin sei zunächst einmal hauptsächlich eine Spekulationswährung. Man könnte einsteigen.

Ich war nicht besonders interessiert daran, Währungsspekulantin zu werden, aber ich kaufte doch ein Produkt in bitcoin, oder versuchte es zumindest. Da ging es um einen Kurs in luzidem Träumen. Der Kurs war gut. Bezahlt hab ich dann, glaub ich, doch in Euro. Weil ich zu blöd war, mich richtig einzuloggen und ein Konto selber anzulegen und all dieses Zeug, das man können muss, wenn man ein „digital Native“ werden will.

Wenn ich damals 1000 Euro in bitcoin investiert hätte, und angenommen, ich hätte mein Konto nicht angerührt, dann wären diese coins heute 2.864.354.000,- wert. Ähm wieviel? 2 Milliarden, 864 Millionen und 354 Tausend Euro. Hübsches Sümmchen. Damit könnte ich heute so einiges anfangen. Vielleicht hätte ich doch lieber Spekulantin werden sollen, als Möchtegern-Geld-Verbesserin.

Vielleicht hab ich die 60 Euro, die ich damals für den Traumkurs bezahlt hab, sogar noch irgendwo in den Untiefen der Kryptowährung herumliegen, weil ich dann ja doch in Euro bezahlt hab, ich weiß es nicht mehr und ich wüsste auch nicht, wie ich das bitcoin-Konto finden sollte, falls ich es tatsächlich jemals angelegt hätte. 60 Euro damals beim Kurs von etwa 1:1. Heute wären das immerhin auch noch 1 Million 718 Tausend. Ach, was soll’s!

Mein Reichtum ist nicht von dieser Welt. Das hat mal einer gesagt, vor langer Zeit. Inzwischen trifft das auf mich auch zu. Halbwegs wenigstens. In dieser anderen Welt bin ich anders reich. Reich an Leben und reich an Kindern und reich an Freund*innen und reich an Nachbarn und reich an Geschichten. Reicht das schon? Was aber ist Reichtum in der so genannten „realen Welt“? Dollars, Euros, Häuser, Yachten, Grundbesitz – und wieviel davon?

Mein tibetischer Meister sagte einmal: Ja, wir brauchen auch Reichtum, ein Auskommen, damit wir in Muße und Freiheit die Lehre des Buddha studieren und leben können. So ungefähr sagte er es. Auch mein indischer Meister sagte so etwas Ähnliches. Ich stimme dem zu.

Ganz früher, vor vielen tausend Jahren, da gab es noch die Bettelnonnen und Bettelmönche mit ihrer Schale. Einmal am Tag baten sie um eine Mahlzeit und es war eine Ehre, diese ehrenwerten Bettler zum Essen einzuladen. Für jeden. Egal, ob reich oder arm. Je ärmer, desto größer die Ehre, desto höher das daraus resultierende spirituelle Verdienst. Davon sprach auch schon Jeshua – als er die Witwe sah, die einen halben Schekel in die Tempelschale warf. Er sagte, ihr halber Schekel ist vor Gott tausendmal mehr wert, als tausend Schekel der Reichen. So ungefähr sagte er.

Die Armen und die Reichen! Dass ich immer wieder darauf zu sprechen komme! Weil es nicht aufhört. Egal, wie oft ich geboren wurde, in welchen Gegenden – egal, wo und wann: Es gab immer – zu jeder Zeit – diese himmelschreiende Ungleichheit. Die einen bettelarm – die anderen unverschämt reich.

Und egal, wo und wann ich geboren wurde: Sie wurde nie und nirgends überwunden, die soziale Ungleichheit. Wer Geld hat, ist im Vorteil. Wer viel Geld hat, ist viel im Vorteil. Zumindest, was die materialistische Seite der so genannten realen Welt betrifft.

Anders ist es mit der nicht-materiellen Seite. So heißt es jedenfalls. Aber wenn man genauer hinschaut, dann stimmt es nicht, dass die Bettler*innen genauso viel Freude am Leben haben oder genauso glücklich sind. Oder gar glücklicher. Es ist ein Märchen, das uns die Reichen erzählen. Zumindest die Grundbedürfnisse müssen schon befriedigt sein, damit der Kampf ums Überleben auch einmal endet und Muße, Freiheit und ein bisschen Glück einziehen können. Wohin einziehen können? In den eigenen Geist vielleicht.

Muße und Freiheit. Die Worte über Muße und Freiheit meines tibetischen Meisters gehen mir seit Jahren nicht aus dem Sinn. So leben können: in Muße und Freiheit. Über die Lehre des Buddha nachdenken oder über die Botschaften der Hathoren oder über das Dao oder über das Jüngste Gericht. Oder darüber, wer man war, bevor man geboren wurde. Oder wo man da war. Oder wann. Ob es viele Welten gibt und ob es dort die Zeit überhaupt gibt – oder eine andere Art von Zeit vielleicht? Ob es vielleicht sogar Sphären gibt, in denen wir gleichzeitig existieren können – zusammen mit der so genannten realen Welt?

Beim Träumen geht es ja auch. Ich liege im Bett und schlafe in der so genannten realen Welt und existiere gleichzeitig in einem Traum. Im Tagtraum geht es auch: Ich laufe in der so genannten realen Welt herum und im Geist träume ich vom Stolz der Besitzlosen. Wie sie aufrecht gehen. Wissend, dass sie den Hohen Weg gewählt haben.

Aber das gilt nur für diejenigen, die aus freiem Willen die Besitzlosigkeit gewählt haben. Zum Beispiel für die Klosterbrüder und Klosterschwestern überall auf der Welt, egal welcher Religion sie angehören. Für die Milliarden unfreiwillig Besitzlosen gilt das nicht. Sie gehen mit gebeugtem Rücken – als Verlierer und Verachtete und Gedemütigte. Ist es nicht so?

Ich war auch einmal so Eine. Eine unfreiwillig Arme. Eine Enterbte und eine Verachtete. Eine, die froh war, wenn sie überhaupt irgendwo dazugehören durfte. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Ach, was soll’s. Vorbei ist vorbei. Ich bin aufgetaucht aus dem Schlamm der Armut.

Heute sitze ich hier. Ohne bitcoins. Aber in Muße und Freiheit. Schreibe einen Text und verschenke ihn dann. Was für eine Freude, dass ich das kann!

Showing 13 comments
  • Freiherr
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    Stimmt Mo !

    Zufriedenheit hat nix mit materiellem Reichtum zu tun, letztendlich.

    Freiheit leider schon, inzwischen und mehr und mehr, die Reichen kaufen sich Freiheiten.

    Naja – Aber, kein Reicher hat die Freiheiten die ich habe, als  Armer !

    Und ja ! – auch ich hätte die Chance gehabt sogar Billionär zu werden, tatsächlich (!),

    aber weil mir Geld und Erfolg nie etwas bedeutet hat, habe ich das nicht mal als Chance gesehen.

    Mit Amis aufgewachsen war ich schon als Kind ein leidenschaftlicher Poker-Spieler, bis heute eine Faszination da für dieses unergründliche Psycho-Game,

    habe ich also vor ca. 15 Jahren ganz bequem von zuhause am PC sitzend 60.000 euro gewonnen !

    Hätte ich das in bitcoins angelegt – schlauerweise damals – wäre ich nun der reichste Mann der Welt.

    Aber ich habe es verschenkt, an meine Kinder und mir eine sündhaft teure hifi-Anlage gakauft und den Rest wieder verspielt.

    Aber – nie habe ich das bereut, Geld knechtet mich nicht, verändert mich nicht –

    ein wertloser Wert.

    Was wirklich wichtig ist, ist mit Geld nicht zu bezahlen !

    Meine damalige Freundin hat gemeint, ich wäre dumm gewesen, hat sich dann auch entfernt.

    Und hätte ich wieder dieses Geld-Glück, ich würde es wieder verschwenden weil es kein wirkliches Glück ist.

    Glück ist z.B., wenn ich durch die Wälder streife, mit einem Bier im Rucksack und Tabak, ein Apfel und blankes Brot dabei, das geliebte Taschenmesser freilich auch.

    Das ist der Krafttopf aus dem du immer wieder schöpfen kannst auch.

    Freilich hat man Wünsche, starke sogar, z.B. eine eigene Ranch auf der man selbst der Herr ist –

    aber müsste man ja seine ganze Lebenszeit dafür verschwenden um das zu erreichen –

    das ist sie nicht wert.

    Also bleib ich ein Spieler, lasse das Glück entscheiden und wenn es ausbleibt, verdirbt es mir nicht meine Lebensfreude…

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    • Die A N N A loge
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      Ich finde die Wechselwirkung zwischen Freiheit, Krafttopf und Lebensfreude in deinem Text sehr schön und authentisch beschrieben.
  • Volker
    Antworten

    Was aber ist Reichtum in der so genannten „realen Welt“? Dollars, Euros, Häuser, Yachten, Grundbesitz – und wieviel davon?

    Ein Fahrrad! 7 Gang Speed, darf aber nicht kaputt gehen, sonst Schluss mit Freude, weil Warenkorb kein Fahrrad kennt. Nicht einmal das, Armut sei zu faul zum Laufen, sagt man wissend. Klar, ansparen ginge, je nach Qualität benötigt Minimalexistenz allerdings ein Jahrzehnt dazu, unter eisernem Verzicht sonstiger Lebensnotwendigkeiten, beispielsweise Socken und Tomaten. Wer sich halb tot spart, dem winkt mit Glück sein Glück – oder ein Kreuz ohne Namen.

    Je ärmer, desto größer die Ehre, desto höher das daraus resultierende spirituelle Verdienst.

    Man hänge mir ein Verdienstkreuz um den Hals, so werde ich wandern von Tafel zu Container – gehrt sei der Hungerleib.

  • Die A N N A -loge
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    Die Freiheit von Blau

    Die Wüste dörrt,

    der Kaktus senkt den Stachel nieder
    schwer atmet die von Helios getränkte Luft,
    hebt bleibeschwert die müden Glieder.

    Jetzt ein Blau, ein kühles Blau,
    tief unten in den Wogen,
    getaucht in Schwerelos ganz still,
    das ist es, was ich träume, was ich spüre, weil ich will.

    (BB 21/06)

    https://youtu.be/jjA-yetfJWg

  • Ulrike Spurgat
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    Armut ist der neue Reichtum. Das wird die Obdachlosen und Armen in diesem Land wohl eher nicht bereichern.

    Vielleicht noch den „Weg nach innen“, da gibt es sicherlich einen reich gedeckten Tisch mit Worten. Nur ob man davon satt wird, dass steht wie so vieles in den „Sternen“.

     

    • Die A N N A loge
      Antworten
      Der Weg nach innen macht nicht satt, doch kann er helfen, Demütigungen zu überstehen.
  • Ulrike Spurgat
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    Ich halte überhaupt nichts davon auf Krücken zu gehen und im Inneren die Antworten auf Leben oder nach Überlebensstrategien zu suchen, obwohl ich grundsätzlich davon ausgehe, dass der Mensch sich folgerichtig in den jeweiligen  Lebenssituationen verhält, weil sie sein Überleben sichern und auch absichern.

    Innen begegnet man sich selber……..

    Nur kenne ich keinen Menschen, der die Bereitschaft und auch das Interesse zeigte in der Jahrzehnte langen Päd/Psych und therapeutischen Arbeit den Weg nach Innen gehen zu wollen , wenn das Leben Stück für Stück den Bach runter geht. Das Leben abzusichern ist bei den betroffenen Menschen die Priorität. – Die eigenen Fähigkeiten zu erkennen, und sich NIEMALS vor einem „lebenden Menschen bücken“ wusste mein gedemütigter und kämpfender Vater, der Faschismus, Krieg und das Lager nur überlebt hat, weil er sich dessen bewusst war.

    In vielen, sehr vielen Gespräche und Vertrauensbeweisen von Menschen denen es in ihrem täglichen Leben an den Kragen geht zeigt sich eines ganz deutlich, dass es nämlich nicht der Weg nach innen sein kann, der die Verhältnisse ändert, sondern die Bereitschaft und der Mut zum Kampf, und ich nenne diesen Kampf: Klassenkampf!

    Natürlich kann ich begründen was ich hier kurz und völlig unzureichend mit einigen Gedanken aufgeschrieben.

     

     

    • Die A N N A loge
      Antworten
      Der Weg nach innen ist keine Krücke, im Gegenteil er kann ein Fundament sein, auf dem sich Widerstand und Durchhaltewille aufbauen lässt.

      Klassenkampf ist so ein bedeutungsschwanges Wort, doch in der Not selbst ist jeder erstmal auf sich gestellt, und da hilft eine gesunde Psyche so, wie auch ein trockenes, warmes Schlaflager und ein Teller warmer Suppe.

       

      • Ulrike Spurgat
        Antworten
        Wir gehen von unterschiedlichen Erkenntnissen aus.  Ich bleibe beim Klassenkampf! Und bei einer über dreißig jährigen Arbeit mit Menschen. Und die Begegnungen u.a. auch mit obdachlosen Menschen mit deren konkreten Lebensgeschichten erlauben mir eine eigene Sichtweise und auch Bewertung. Auf die eigenen Aussagen der Menschen die ihre Geschichten erzählen beziehe ich mich. Nicht mehr nicht weniger.

        Also, belassen wir es dabei !

        Mein Interesse ist nicht andere Menschen zu überzeugen.

        • Die A N N A loge
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          Mir lag es fern, dich zu kränken, auch möchte ich dich nicht von meiner Meinung überzeugen. Ich denke, wir haben unterschiedliche Vorstellungen von „dem Weg nach innen“. Es ist ja so gesehen erstmal ein dehnbarer Begriff, der sich sehr unterschiedlich gestalten kann.

          Ich sah mir gestern einen bedrückenden Bericht über Moria auf Lesbos an. Die Situation für die Flüchtlinge ist unerträglich, und die Selbstmordrate unter den Flüchtlingen ist hoch. Eine Ärztin leistet vor Ort eindrucksvolle Arbeit, sie bietet psychologische Hilfe an. Natürlich hilft es den Betroffenen nicht aus ihrer Misere, doch es hilft ihnen, ihre Traumata zu verarbeiten.

          • Ulrike Spurgat
            …..nein, nein, keine Kränkung. So schnell bin ich nicht zu kränken.

            Eher etwas dünnhäutig könnte man sagen.

            Im übrigen stimme ich dir zu.

            Es sind verschiedene Sichtweisen und Wege.

            Nchts desto trotz freue ich mich , dass du wieder da bist, und munter mit mischst.

            Und natürlich auch, dass du die Kommentare überhaupt zur Kenntnis nimmst. Danke, und bis bald wieder,

            beste Grüße, Ulrike

  • Ulrike Spurgat
    Antworten
    Nein, in der Not ist eben nicht ein jeder auf sich allein gestellt. Solidarität ist und bleibt das Zauberwort. In diesem Zusammenhang denke ich an eine Kollegin, die 2019 in einer vertraulichen Mail schrieb über ihre Arbeit beim Caritas Verband bei der Obdachlosenhilfe : „Zu uns kommen Menschen mit eingewachsenen Socken“.

    Die vielen Initiativen, meine Kollegen, die Beratung- und Anlaufstellen undundund… sind Tag und Nacht geöffnet, besonders in Krisenzeiten wie bei Corona sind sie unterwegs und nah am und beim Menschen, denn wichtige Einrichtungen wurden geschlossen  und die Not war körperlich zu spüren, als man ihnen so den Boden unter den Füßen weggezogen hat und viele ins Bodenlose stürzten. Die Menschen wussten von einem Moment zum anderen nicht mehr wohin. Eine grausame Entmenschlichung dessen Folgen scheibchenweise der Gesamtgesellschaft auf die Füße fallen werden. Ein Komplett Versagen ist hier und an anderen Stellen festzustellen.

    Menschen brauchen Menschen.

    Im Grunde ist einfach was ich sagen will, dass nämlich der Rückzug auf sich selber und die Vereinzelung des Menschen die in der inneren und äußeren Isolation enden kann nur als eine vorübergehende Überlebensmöglichkeit in schwierigen Zeiten einen Sinn ergeben kann.

    Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem !

    Zur Zeit erleben wir in der sozialen Arbeit, dass der Rotstift in einer Weise angesetzt wird, dass es einem schwindelig werden kann, denn die „Rettungspakete“ für die Banken und Konzerne müssen schließlich bezahlt werden. Es wird wie immer die Ärmsten der Armen treffen.

    Und da stellt sich doch vielmehr die soziale Frage an der sich eine Gesellschaft messen lassen muss. In den Wintermonaten war ich des nachts, wenn die Stadt schlief mit dem Kältebus unterwegs um dem Menschen als Menschen zu begegnen, ihm Decken und warme Bekleidung, warmes Essen und heiße Getränke, Medikamente und Hygieneartikel zu bringen. Eine Umarmung und ein freundliches Wort oder aber ein längeres Gespräch hat das Leben für einen Moment lebenswerter werden lassen. Die Menschen zurückzulassen unter Brücken und auf stillgelegten Bahnhöfen war für und ist für uns ein riesengroßes Problem und sehr schwer auszuhalten, dennoch war es wichtiger in der darauffolgenden Nacht wieder da zu sein, denn wir wurden erwartet.

    Ton Steine Scherben – Allein machen sie dich ein – 1972

    Allein machen sie sich ein

    Schmeissen sie dich raus, lachen sie dich aus

    Und wenn du was dagegen machst

    Sperrn se dich in den nächsten Knast

    Zu zweit, zu dritt, zu viern

    Wird auch nix anderes passieren Sie werden ihre Knüppel holn

    Und uns ganz schön das Kreuz versohlen

    …..

    Zu hundert oder tausend kriegen sie langsam Ohrensausen

    Sie werden zwar sagen: „Das ist nicht viel“

    Aber tausend sind auch kein Pappenstiel

    Und was nicht ist, das kann noch werden

    Wir können uns ganz schnell vermehren

    In dem Land in dem wir wohnen sind ein paar Millionen

    Wenn wir uns erstmal einig sind

    Weht, glaube ich ein andrer Wind

    Dann werden sie nicht mehr lachen

    Sondern sich auf die Socken machen

    …..

    Und du weißt das wird passieren

    Wenn wir uns organisieren…!

    Es geht um ein menschenwürdiges Leben und nicht um ALMOSEN !

     

    • Die A N N A loge
      Antworten
      Solidarität und praktische Hilfe, sind wichtig, ohne Frage. Im Grunde genommen dürfte es  Armut und Obdachlosigkeit in unserem Wohlstandsland gar nicht geben.

      Die Gespräche, die ihr mit den Betroffenen führt, die Umarmungen, euer Dasein halte ich als Hilfe für genauso wichtig, wie eure praktische Unterstützung vor Ort. Ihr schenkt den Betroffenen euer Ohr, eure Anteilnahme.

      Auf sich gestellt sind Menschen, die sich in einsamen, hoffnungslosen Stunden verlassenen fühlen oder sind. Gerade darum ist seelische Nahrung, wie solche Gespräche und Umarmungen so wichtig.

       

       

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