Peter Fahr: Kurzer Lebenslauf

 In FEATURED, Kultur, Poesie

Peter Fahr in Chaplin’s World, Foto: Titus Stern

„Woher komme ich? Was bin ich? Wohin gehe ich? – Die Person erneuert sich ständig, die Person ist immer eine Andere. Und mein Ich ist mehr als diese Personen. Ich bin mehr als das, was ich war, bin und sein werde. Ich bin das alles.“ Der Poet und Schriftsteller Peter Fahr unterzieht seine Biografie einer ironischen Betrachtung.

Gezeugt wurde ich zwei Monate vor der Nobelpreis-Verleihung an Albert Camus, der die menschliche Existenz als absurd begriff.

An Weihnachten desselben Jahres machte ich mich zum ersten Mal bemerkbar, indem ich während der Mitternachtsmesse mit meinen Beinchen gegen die mütterliche Bauchdecke stiess.

Geboren wurde ich, als mein Vater vierunddreissig und meine Mutter neunundzwanzig Jahre zählten.

Ich war das fünfte Kind und wurde wie die vorangegangenen und die drei nachkommenden gestillt, musste die Milch aber mit einem Mädchen teilen, deren Mutter keine eigene Milch hatte.

Mit zwei Jahren erhielt ich einen Bruder, auf den ich anfangs eifersüchtig war, der aber bald mein liebster Spielgefährte wurde.

Mit drei überstand ich eine Lungenentzündung.

Mit fünf ertrank ich beinahe vor Rimini, als eine Welle mich von der Luftmatratze spülte. Im gleichen Jahr lernte ich schreiben.

Mit sechs hatte ich einen Leistenbruch und brüstete mich vor den Freunden mit der Operation.

Mit sieben begann ich eine Mitschülerin anzuhimmeln, die mich vier Jahre später mit einer schallenden Ohrfeige schwer enttäuschen sollte.

Mit neun machte ich monatelang keine Hausaufgaben, die Lehrerin informierte meine Eltern und ich musste wochenlang bis spät in die Nacht hinein nacharbeiten. Ich erinnere mich gut an einen dicken Geschichtsordner, der zur Gänze abgeschrieben werden musste. Erstaunlicherweise fand ich Gefallen an dieser Arbeit, sie hat mich zum Schriftsteller gemacht.

Mit zehn verpasste ich die erste Mondlandung am Fernsehen, da meine Eltern mir nicht erlaubten, bis zur nächtlichen Direktübertragung aufzubleiben oder anderntags die Geigenstunde zu schwänzen.

Mit zwölf wollte ich wie die älteren Brüder Priester werden und verliess das Elternhaus, um in ein katholisches Internat einzutreten.

Mit dreizehn entdeckte ich das Malen, mit fünfzehn die Briefe Vincent van Goghs an seinen Bruder Theo, mit sechzehn die Frauen – allerdings nur aus gebührender Entfernung.

Mit siebzehn war ich unglücklich.

Mit achtzehn hatte ich keine Ahnung von den Wirren der Liebe, sehnte mich aber nach ihnen.

Mit neunzehn bestand ich die Reifeprüfung, fühlte mich danach aber keineswegs reif oder auch nur reifer als zuvor.

Mit zwanzig verliebte ich mich in ein Mädchen, dem ich nicht gerecht wurde und das mich deshalb schon bald betrog.

Mit einundzwanzig stellte ich die Staffelei in die Ecke und kaufte mir im Brockenhaus eine Hermes Media.

Mit zweiundzwanzig hatte ich vor, den Brotberuf des Zeichenlehrers zu erlernen, brach die Ausbildung jedoch ab, als ich merkte, dass ich Kindern die Perspektive würde beibringen müssen.

In dieser Zeit erlebte ich, wie Jugendliche auf die Strasse gingen und ihrem Unmut Luft machten, indem sie Fassaden verschmierten, Schaufenster einschlugen und sich mit Polizisten prügelten. Diese so genannten Jugendunruhen haben mich politisiert.

Mit dreiundzwanzig trat ich aus der Kirche aus und fasste den folgenschweren Entschluss, niemals einer Partei beizutreten.

Mit vierundzwanzig überwand ich mich nur schwer, meinen Lebensunterhalt künftig mit Jobben zu bestreiten.

Im selben Jahr pinselte ich Provokatives auf Plakate, die durch die Allgemeine Plakatgesellschaft in der ganzen Stadt aufhängt wurden. Anonyme Drohbriefe bewogen mich, weitere Plakat-Aktionen zu lancieren.

Mit fünfundzwanzig lernte ich meine Lebenspartnerin kennen. Kurz darauf veröffentlichte ich mein erstes Buch.

Mit sechsundzwanzig war ich derart verschuldet, dass ich meinen Vater bitten musste, mir ein Darlehen zu gewähren, was er nach anfänglichem Zögern auch tat – unter der Bedingung, dass ich mich an der Universität einschrieb. Ich bin der Hochschule erst zwei Jahre später wieder entronnen.

Mit siebenundzwanzig trat ich meine erste Stelle an.

Mit achtundzwanzig sass ich vier Wochen im Gefängnis ein, da ich es abgelehnt hatte, mich darauf vorzubereiten, im Kriegsfall Zivilisten in einen Betonbunker zu sperren.

Mit neunundzwanzig trat ich meine zweite Stelle in einem Hilfswerk an und heiratete.

Mit einunddreissig gelang es mir, den Fall der Berliner Mauer am Fernsehen nicht zu verpassen.

Mit zweiunddreissig flog ich im Auftrag des Hilfswerks nach Indien, wo ich eine Art Weltbewusstsein erlangte.

Mit dreiunddreissig schaffte ich mir einen Computer an.

Mit vierunddreissig gründete ich einen Verlag, damit auch weiterhin mit mir zu rechnen war.

Mit fünfunddreissig erlitt ich einen Kollaps, erkannte jedoch, dass die Herausgabe eines eigenen Buches in einem eigenen Verlag keinem literarischen Todesurteil gleichkommt.

Mit sechsunddreissig erfuhr ich aus einem eingeschriebenen Brief des Finanzamtes, dass mein Schreiben eine Liebhaberei sei.

Mit achtunddreissig ging ein Preisregen auf mich nieder. Er galt leider nicht dem Inhalt eines Buches, sondern seiner Gestaltung.

Mit neununddreissig plünderte ich meine Pensionskasse und machte mich selbständig.

Mit vierzig bekam ich Nesselfieber. Nach dem Besuch der Ostermesse trat ich wieder in die Kirche ein.

Mit einundvierzig beschwatzte ich die Friseuse, meine ergrauende Haarpracht mit Wasserstoffperoxyd zu blondieren.

Mit zweiundvierzig erlebte ich den Jahresbeginn 2000 unter den fallenden Sternen eines Feuerwerks.

Mit dreiundvierzig rieb ich mir die Augen vor den Fernsehbildern des Terroranschlags auf das World Trade Center in New York.

Mit vierundvierzig ärgerte ich mich über den Mauerbau in Israel.

Mit fünfundvierzig demonstrierte ich gegen die völkerrechtswidrige Besetzung des Irak durch die USA.

Mit siebenundvierzig nahm ich auf einmal auch das zweite Gesicht der Menschen wahr.

Mit neunundvierzig zog ich mit meiner Frau in eine grössere Wohnung und kaufte ein Sofa.

Mit fünfzig wurde ich Geschäftsführer des Hilfswerks.

Mit zweiundfünfzig fühlte ich mich alt.

Mit dreiundfünfzig fühlte ich mich jung.

Mit fünfundfünfzig fand ich einen Verleger, der sich damit anfreundete, dass in meinen Büchern hin und wieder Fotografien auftauchen.

Mit siebenundfünfzig veröffentlichte ich meine dialogische Autobiografie.

Mit neunundfünfzig gab ich die Hoffnung endgültig auf, jemals ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden.

Mit sechzig beschloss ich, dennoch weiterzuschreiben.

Mit einundsechzig nun bin ich realistisch genug einzusehen, dass ich ein Träumer bin.

 

Kommentare
  • Avatar
    Ruth
    Antworten
    Silbergraues Haar, jung gebliebenes Herz; eine sehr amüsante Selbstbeschreibung!

    Zum Schmunzeln und so geeignet für einen Blick auf den eigenen  Lebensweg:„Nimm dich nicht so wichtig!“

    Mit meinen Silberfäden 😉 im Haar, neugierig und rebellisch geblieben,

    viele Grüße!

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